Crimetime 1154 – Titelfoto © SWR / Maran Film, Bettina Müller
Inside Cop-College
Tödliche Ermittlungen ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort und eine Produktion des SWR in Zusammenarbeit mit Maran Film. Diese 786. Episode der Reihe wurde am 2. Januar 2011 im Ersten Deutschen Fernsehen zum ersten Mal ausgestrahlt.
Der Tatort 786 ist der letzte Odenthal-Fall vor dem Beginn unserer RdNA-Berichterstattung („Rezension direkt nach Erstausstrahlung“) und etwas hat uns immer wieder gesagt, den haben wir schon einmal gesehen. Wir haben nach allen möglichen Kriterien in allen Datenbeständen gesucht, um keine Doppelrezension zu schreiben, aber nichts gefunden. Lena Odenthal ermittelt den Todesfall einer angehenden Kollegin, was sie in ein Ludwigshafener Brennpunktviertel und in die Polizeischule führt, in der sie einst ihren Job gelernt hat und zu dem Dozenten, der sie einst ihren Job gelehrt hat. Eine Linie ins Fitness-Box-Dopingmilieu gibt’s auch. Wir haben auch anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Jahr 2023 noch einmal recherchiert und auch im neuen Wahlberliner unter bis dato 1153 Crimetime-Rezensionen keine zu diesem Fall aufgetrieben. Dann also los. Mehr steht in der –> Rezension.
Handlung (1)
Odenthal und Kopper werden zu einer erschlagenen Joggerin gerufen. Aufgrund einer Vermisstenmeldung kann sie als Bettina Schnell identifiziert werden. Die Polizeischülerin stand kurz vor ihrem Abschluss und war mit Torben Brandstetter, dem Sohn ihres Ausbilders verlobt. In der Polizeischule war Bettina als zielstrebige und ehrgeizige Person bekannt. Ihr Verlobter, dessen Kumpel Heiner Struck und ihre Zimmernachbarin Sabine Erler waren die einzigen Freunde, die sie dort hatte.
Während Odenthal die Polizeischule und ihren alten Lehrer Robert Brandstetter aufsucht, kümmert sich Kopper um den Kleinkriminellen Hasan Kiser, mit dem Bettina bei ihrem letzten Einsatz aneinandergeraten ist. Es hatte den Anschein, als ob sie sich bei einer Fahrzeugkontrolle ganz gezielt Kisers Wagen herausgefischt hätte. Die Ermittler erfahren, dass sie oft auf eigene Faust auch im privaten Umfeld ermittelte. Das Fitnessstudio von Malte Boller hatte sie schon lange in Verdacht, mit illegalen Dopingmitteln zu handeln, wobei sie Hasan Kiser als Zulieferer verdächtigte. Da auch Bettinas kleine Schwester Svenja sehr übereifrig ist, erfahren die Ermittler von ihr, dass Maltes Verbündete tatsächlich mit Drogen handeln, und mit ihrer Hilfe können sie das Lager ausfindig machen. Einen direkten Zusammenhang mit dem Mord können sie jedoch nicht feststellen. (…)
„Entweder haben wir den Film vor ein paar Jahren schon einmal gesehen, bevor der Wahlberliner die TatortAnthologie gestartet hat, oder wir haben ihn gesehen, während die TatortAnthologie schon lief und nicht über ihn geschrieben. So unbeschreiblich ist er aber gar nicht. Durchaus möglich, dass wir die Erstausstrahlung angeschaut haben, die am 2. Januar 2011 als Start-Tatort ins neue Jahr stattfand.“ Wenn man bedenkt, dass mittlerweile der Zeitraum zwischen der Erstausstrahlung und dem Entwurf (2014) und jende zwischen diesem und der heutigen Veröffentlichung viel größer ist … ach ja, manche Dinge bleiben auch mal liegen, aber in diesem 786. Tatortfall nicht für immer. Was wir mittlerweile durch unsere Sichtung der Polizeiruf-110-Episoden seit 2019 auch wissen: „Tödliche Ermittlung“ ist nicht der erste Sonntagabendkrimi um eine getötete Polizeischülerin gewesen.
Aufgrunddessen, dass die Sichtung 2014 schon die zweite gewesen sein könnte, wäre es auch leicht erklärbar, warum wir ahnten, dass sie dem Mario Kopper im fiktiven Bayreuther Viertel und neben echten Sozialauten einen Reifen seines seltenen Fiat 130 aufschlitzen werden und warum wir weder vom gesamten Verlauf des Tatorts so wenig überrascht waren. Oder lag es doch daran, dass der Film schlicht und einfach vorhersehbar ist? Immerhin liegen zwischen Januar 2011 und heute dreieinhalb Jahre und 400 gesichtete Tatorte, die Rezensionen von 309 davon sind gegenwärtig veröffentlicht. Irgendwie kriegen wir heute immer so eine Art Zeitschiene rein. Bei etwa 500 Tatort-Rezensionen war im alten Wahlberliner-Schluss (Ende 2016), im neuen wurden seit Anfang Juli 2023 bereits … siehe oben: 1153 Krimi-Kritiken inklusive der vorliegenden veröffentlicht. Nun, nun, so oft spiegeln wir auch nicht rum, aber jetzt ist es in dieser Rezension irgendwie dazu gekommen. Wenn Sie jetzt noch auseinanderhalten können, welche Textteile aus dem Entwurf 2014 stammen und welche wir anlässlich der Veröffentlichung beigefügt haben, sind Sie kriminalistisch begabt und sollten je nach Alter in einer Polizeischule oder einem Rätselclub einchecken.
Seltsame Polizeimethoden (mit Auflösung)
Kann man Medikamenteneinnahme wirklich anhand eines Abdrucks in einem kurrzeitig getragenen Sportschuh nachweisen? Dürfen Polizeischüler schon in unübersichtliche Schlachten gegen Hooligans geschickt werden? Wie funktioniert Mobilfunk-Ortung wirklich?
Das ist wieder so ein Drehbuch, das in einem Film, der realistisch wirken soll, den Boden der Realität verlässt, was schlimmer ist, als wenn von Anfang an klar gemacht wird, dass man die beschriebenen Fakten nicht zu ernst nehmen darf. Letzteres ist ja eine Tendenz aktueller Tatorte, aber nicht in Ludwigshafen, nicht bei Lena und Mario und nicht bei dieser SWR-Schiene, die im Moment mit die schwächsten Tatorte zu verantworten hat. Es war Anfang 2011 nicht so viel besser. (Der vorherige Satz stammt natürlich aus dem Jahr 2014, natürlich, denn Mario Kopper ist 2023 längst Geschichte und es gibt auch Kritik an der Aufstellung Odenthal-Stern). Es war Anfang 2011 nicht so viel besser.
Die neueren LU-Filme haben keinen Flow. Sie haben keine Atmosphäre und sind aus Versatzstücken gebastelt. Es liegt nicht an Ulrike Folkerts oder Andreas Hoppe, die könnten durchaus mehr Stimmung rüberbringen, wenn man sie lassen würde. Vielleicht liegt es im Tatort 786 auch daran, dass eine Polizeischule keine Kunstakademie ist. Dass die Polizisten schon als junge Menschen sehr uniformiert wirken, liegt in der Natur der Sache, und wär’s so viel beruhigender, wenn sie extreme Individualisten wären? Für den Normalbürger, der nur die Hütung der Ordnung von ihnen erwartet, eher nicht.
Für den Individualismus haben wir ja die beiden Kommissare und für den Humor ist Kopper im Alleingang zuständig, weshalb der Humor auch seltsam abgesondert vom übrigen Film wirkt. Wenn er dann nicht funktioniert, sieht’s trist aus, mit der emotionalen Einbindung des Zuschauers in einen Tatort wie diesen.
Als Kopper sein Auto so abgestellt hat, dass es aus seinem Sichtfeld gerät, obwohl auf der hinteren Seite des Blocks, wo vielleicht viele Leute aus dem Fenster geguckt hätten, war das mit dem Reifen klar. Alternativ dachten wir an eine böse Schramme über die ganze Seite. Jedoch, dies wäre auf eine Budgetüberschreitung hinausgelaufen. Trotzdem war der Moment der Feststellung witzig, weil sich Kopper nicht vermuten konnte, dass sowas passiert und versucht, die infrage kommenden Jugendlichen zu verfolgen, die sich natürlich auf dem Gelände viel besser auskennen und ziemlich behende sind. Dass Polizisten angepöbelt werden, ist allerdings realistisch – in Berlin zumindest, warum nicht einem ghettohaften Viertel in Ludwigshafen.
Die Sache mit der Politesse ist wieder anders gelagert. Für Berliner Verhältnisse wäre sie zu gutaussehend. Es gibt hier viele schöne Frauen, aber nicht bei den Hilfsstreitkräften des Ordnungsamtes, und das ist bei uns für den ruhenden Verkehr zuständig, nicht die Polizei.
Sie ahnen es, der vorherige Satz stammt aus dem Entwurf. Offenbar waren damals diverse Parkknöllchen noch nicht verwunden, die man in Berlin schneller kriegt, als die Berliner Schnauze aufklappt, wohningegen die Kriminialität … aber gut. Wir möchten betonen, dass wir in den letzten Jahren keinen Hilfspolizist:innen-Check mehr gemacht haben und so etwas aus Gründen der PC auch nicht mehr schreiben würden. Insofern ist in dieser Rezension auch viel Zeitdokumentarisches enthalten. Cut.
Sobald jemand in einem Auto sitzt, auch wenn es falsch parkt, hat das Ordnungsamt keine Eingriffsmöglichkeit. Koppers Fall aber ist idiotisch. Selbst wenn er im absoluten Halteverbot steht, wird ein Wagen nur abgeschleppt, wenn er eine tatsächliche Behinderung auslöst, sonst müssten täglich Hunderttausende von Autos quer durch die Stadt getragen werden – auf Berliner Größenverhältnisse bezogen. Diese Behinderung ist aber hier nicht ersichtlich, und ein Polizist wird generell nicht so blöd sein, ein Auto vor eine Ausfahrt zu stellen, aus der jeden Moment jemand kommen kann.
Auch hier müssen wir anlässlich der Veröffentlichung eingreifen:
Die Rechtslage ist unterschiedlich, je nachdem, ob ein Auto im absoluten Halteverbot steht oder nicht. Wenn ein Auto im absoluten Halteverbot steht, ist keine Behinderung oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer notwendig. Die Polizei kann das Fahrzeug also ohne weiteres abschleppen lassen1.
Bei einem mobilen Halteverbot, das häufig bei Baustellen, Umzügen oder Veranstaltungen eingerichtet wird, müssen die Halteverbotsschilder mindestens drei Tage vorher aufgestellt werden2. Fahrzeuge dürfen erst nach einer Vorlaufzeit von drei vollen Tagen (72 Stunden) abgeschleppt werden2.
Man merkt der Urfassung dieses Beitrags an, dass es 2014 noch kein ChatGPT gab. Dass das OA nur für den ruhenden Verkehr zuständig ist, erscheint uns aber zumindest für Berlin sicher.
Dafür sind die Kriminaltechniker hier so schlau, dass man wirklich aufpassen muss, was man als Täter mit Turnschuhen macht, vor allem, wenn die KT sich weiterentwickelt hat und man das als Schulleiter einer Polizeischule nicht mitbekommen hat.
Dass der Täter nur aus der Polizeischule kommen kann, sie übrigens eine ganze Ecke weg von Ludwigshafen angesiedelt ist, da pendelt man nicht immer kurzfristig hin und her, wie es im Film suggeriert wird. Dass der Täter also dorther kommen muss, liegt daran, dass es ansonsten nur noch im Umfeld eines Fitness-Studios Verdächtige gibt, und der Hauptverdächtige ist Migrant, scheidet also aus. Dafür, dass er aber immerhin mit verbotenen Substanzen handelt, fährt er einen ziemlich alten Mercedes. Da sind die Berliner Jungs aus den Verbrecherclans anders drauf.
Wir greifen zum wiederholten Male zwar nicht in den Originaltext ein, aber kommentieren ihn sozusagen intern. Ja, das waren Zeiten, als wir uns noch so frisch von der Leber weg geäußert haben. Und was sich in den neun Jahren seitdem nicht alles entwickelt oder verändert hat, auch und gerade in unserem Viertel.
Dass eine eifrige Polizeischülerin auf eigene Faust ermittelt, ist vorstellbar, dass sie dabei feststellt, dass ihr eigener Freund, auch Polizeilehrling, Verbindung zu den Drogendealern hat, kann passieren. Noch nicht fertig ausgebildet und schon korrupt. Eine Frage ist, welche wertvollen Infos die Jungs haben sollten, die andere – warum landet das Geld der Drogenhändler auf dem Konto nicht des Polizeischülers, der die Connection bildet, sondern von dessem besten Freund? Aus Tarnungsgründen? Erklärt wird‘s jedenfalls nicht.
Dass der Ausbilder in der Polizeischule die Ermittlungen halbherzig behindert und dann einen wirklich durchsichtigen Rettungsversuch in Richtung Selbstbezichtigung sucht, wirkt überpathetisch, verglichen mit dem sonstigen Verhalten der Figuren.
Weniger als die Fehler oder Fragwürdigkeiten ist nämlich die Nüchternheit des Films signifikant, die ohnehin ein Merkmal der neueren Ludwigshafener Tatorte ist. Das wirkt zwar routiniert und so altgedient, wie das Team ja wirklich ist (Lena Odenthal war im Jahr 2010 schon seit 21 Jahren Tatort-Kommissarin), aber das bis heute anhaltende Phänomen, dass hier keine neuen Pfade mehr eingeschlagen werden und dass kein Wagnis eingegangen wird, verfestigt sich mit diesem Film sozusagen rückwärts.
Auch da müssen wir noch einmal nachkommentieren: Mittlerweile hat man das zu „Altgediente“ in Ludwigshafen versucht aufzubrechen durch das eine oder andere Experiment, dazu gibt es natürlich auch Kommentare bei uns (wie etwa zu „Babbeldasch„).
Finale
Mit Fahri Ogün Yardim, der Türken Hasan spielt, hat man einen Darsteller gecastet, dessen komödiantisches Talent durchschimmert, obwohl er im Grunde gar keinen witzigen Part innehat. Das hat man sich mittlerweile in Hamburg zunutze gemacht, wo im Tschiller-Tatort Yardim, der dieses Mal als Kumpel und Polizist auf Tschillers Seite steht, dafür sorgt, dass das Zuschauen bei den neuen Hamburgern nicht noch furchtbarer ist als ohnehin, wenn auch aus komplett anderen Gründen als manchmal in Ludwigshafen. Es ist ja auch nicht schlimm, es ist halt nur uninspiriert, was wir im Tatort 786 sehen. Deswegen ist auch der Freund der toten Polizeischülerin kein Mörder, es war ein Streit und sie fiel unglücklich hin. Ein richtiger Mörder als Polizeischüler bzw. umgekehrt, der sich hinter einem absolut nichtssagenden Gesicht verbrigt, das wäre aber doch sowas wie ein Knaller zum Abschluss des Films gewesen.
Ein letztes Mal ergänzen wir den Urtext: Würden wir nach dem zuvor Geschriebenen heute noch 6/10 vergeben? Nachtträglich ändern wir jedenfalls nicht. Zu unseren Regeln gehört, dass wir für eine deutliche Punkte-Änderung (und die Änderungen sind in „Crimetime“ immer deutlich, weil wir das Raster mit 0,5-er Schritten angelegt haben, nicht, wie beim Filmfest, mit engen 0,1-Abständen) eine Neusichtung vorgenommen haben müssen.
Durch die vielen Einschübe ist aus einer für damalige Verhältnisse eher kurzen Kritik eine überdurchschnittliche lange geworden. Bei Spielfilmen ist die Tendenz übrigens umgekehrt, da kommt es immer häufiger zu Kritiken im Format „DGR“ („Die große Rezension“), weil wir viele Klassiker und auch Filme besprechen, die zumindest hierzulande noch nicht so durchgekaut wurden.
6/10
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)
(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Michael Schneider |
|---|---|
| Drehbuch | Andreas Schlüter |
| Produktion | |
| Musik | Dirk Leupolz |
| Kamera | |
| Schnitt | Angela Springmann |
| Premiere | 2. Jan. 2011 auf Erstes Deutsches Fernsehen |
| Besetzung | |
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