Zeit der Zärtlichkeit (Terms of Endarment, USA 1983) #Filmfest 1019

Filmfest 1019 Cinema

Zeit der Zärtlichkeit (Originaltitel: Terms of Endearment) ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 1983. Die Literaturverfilmung basiert auf dem gleichnamigen Roman von Larry McMurtry.

Wer „Die Simpsons“ miterfunden hat, der weiß, wie Familienangelegenheiten funktionieren. Die starke Handschrift des Regisseurs James L. Brooks, die „Zeit der Zärtlichkeit“ trägt, lässt durchaus die Verbindung erkennen – wenn man sie kennt, versteht sich. Wie man Komik und Tragik eng miteinander verbindet, vom geradezu Slapstickhaften bis zum Erschütternden einen Film ohne einen falschen Ton macht, das ist sensationell. Natürlich ist die „Akzentuierung“ bei den Simpsons anders, die Tragik entfällt – aber der Sinn fürs echte Gefühl und vor allem für das Gefühl hinter der Flapsigkeit, der tiefe Zusammenhalt durchaus schwieriger Charaktere, das zeichnet auch die vielleicht beste animierte Fernsehserie aller Zeiten aus.  Gerade in der Akzeptanz von Macken liegt eine Form von Liebe, die sich den Klischees der meisten Familienfeatures entzieht. Mehr zum Film steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Film erzählt die Geschichte von Mutter und Tochter über einen Zeitraum von 30 Jahren. Aurora ist eine eigenwillige Frau, die sich nicht von ihrer Tochter Emma lösen kann, zu der sie eine ungewöhnlich innige Beziehung hat. Emma hat es schwer, sich neben ihrer dominanten Mutter zu behaupten. Immer auf Würde und Ehre achtend, hat die Witwe seit dem Verlust von Emmas Vater mehrere Heiratsanträge zurückgewiesen, um sich ihrer Tochter zu widmen

Als Emma ein eigenes Leben führen will und gegen den Willen ihrer Mutter den jungen Dozenten Flap, den Aurora hasst, heiratet, ist die Witwe plötzlich alleine. Das Paar zieht in eine andere Stadt, Emma bringt drei Kinder zur Welt, und Aurora ist über ihre Großmutterrolle gar nicht glücklich.

Sie lässt sich auf eine Affäre mit ihrem Nachbarn und Freund Garrett ein. Der ehemalige Astronaut und Säufer hilft Aurora, ihre veralteten Ansichten aufzugeben und zu ihren Gefühlen zu stehen. Während Aurora ihr Glück genießt, trennt sich Emma von ihrem untreuen Ehemann und kehrt mit den Kindern zu ihrer Mutter zurück. Aurora nimmt ihre Tochter und die Enkelkinder bei sich auf, doch Emma erkrankt an Krebs und stirbt. 

Rezension

 Allein das Lesen das letzten Satzes der Handlungsbeschreibung kann das Zücken von Taschentüchern erfordern. Dieses Ende ist eben sehr ungewöhnlich für einen romantischen Film. Man verliert aber nicht die Hauptperson Aurora, immerhin.

In gewisser Weise ist der Film auch gemein. Er gibt uns Figuren, die wir nach einer Stunde mehr mögen, echter und witziger finden als viele Menschen, die wir seit Jahren im wirklichen Leben kennen – und dann kommt der Krebs. Da wir diesen Film nie zuvor gesehen haben und seine Story nicht kannten, hatte uns das wirklich umgehauen, weil lange Zeit nichts auf eine solche Wendung hingedeutet hatte. Es wirkte, als seien Beziehungsprobleme, Abstoßungen, Annäherungen, der Stoff, aus dem „Zeit der Zärtlichkeit“ gemacht ist. Sicher, wir haben einen starken Bezug zum Ende des Films wegen eines frühen, zudem  unerwarteten Krebstodes im engsten Familienkreis, aber das war es sicher nicht allein, was das Lachen und Heulen einander hier so nah gebracht hat wie kaum in einem anderen Film dieser Art. Es war auch sicher nicht vorwiegend dieses Gefühl von Erlösung in Tränen, das nach der Rezension vieler schwierigerer,  gewaltbeladener, teilweise richtig deprimierender Filme nahe lag. Denn was ist deprimierender als der Tod einer Figur, die man lieb gewonnen hat?

Wir meinen, es gibt kaum jemanden, ob Familienmensch oder nicht, ob eher ein Typ wie der wenig zugängliche Lehrer Flap oder ein Exzentriker wie der Astronaut Garrett, ob eher eine junge Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Ding oder eine kantige Schachtel voller individueller Schwächen und Stärken wie deren Mutter, es gibt kaum jemanden, der zumindest in der Familienaufstellung, die hier geboten wird, nichts für sich findet, was ihn ans eigene Leben erinnert. Am schwersten werden sich vermutlich noch diejenigen mit dem Film tun, die nicht in eine komplette Familie hineingeboren wurden und selbst keine Familie entwickelt haben. Typische. Moderne Großstadtsingles vielleicht, die keine allzu engen Bindungen pflegen.  Aber auch das ist nur eine pauschalisierende Vermutung, die sich aus unseren eher oberflächlichen Beobachtungen im Berliner Alltag speist.

Die Krönung ist aber die Inszenierung, ohne sie und die in ihr lebenden Darsteller wäre das Thema eines von vielen, die man melodramatisch abhandeln kann. Was Shirley MacLaine als schwierige Mutter, Debra Winger als Tochter, Jack Nicholson als Nachbar und Jeff Daniels als Emmas Mann leisten, ist grandios. Die Balance der Figuren ist mindestens so gelungen wie die zwischen den Genres, die „Zeit der Zärtlichkeit“ vereint. Selbst die Kinder sind in ihrer auch dem unterschiedlichen Alter geschuldeten Verschiedenheit wichtige Figuren im großen Spiel der Gefühle.

Vor allem Debra Winger, von der wir bisher nicht allzu viel gesehen haben, hat uns geradezu magisch anzgezogen. Dabei spiele auch ein Umstand eine Rolle, für den sie nichts kann, wie wir bei der Nachrecherche festgestellt haben: Ihre Ähnlichkeit mit Meg Ryan. Es hätte uns nicht überrascht, wenn wir beim Nachlesen der Biografie ermittelt hätten, dass die beiden Schwestern sind. Sicher gleichen sie sich nicht in allen optischen Details, aber der Ausdruck ist verblüffend ähnlich.  Dieser natürliche Sweetheart-Typ lag wohl in den 1980ern in der Luft, nachdem Meryl Streep im anderen großen Familiendrama jener Jahre, „Kramer vs. Kramer“, eine Mutterrolle so anders interpretiert hatte.  Das bedeutet, es gibt auch eine Gegensatzbildung zu dem weiblichen Superstar der letzten Jahrzehnte, andererseits die Verbindung zu den romantischen Filmen, für die Meg Ryan berühmt und vertraut geworden ist.  Debra Winger hat auch ganz andere Rollen gespielt, das sei beigefügt, aber wir haben sie nun einmal durch „Zeit der Zärtlichkeit“ kennengelernt, dessen umfangreiche Genetik auch die Romantik-Komödien der späten 1980er und der 1990er weitgehend umfasst.

Shirley MacLaine kennen wir natürlich aus ihren frühen Rollen, in denen sie bereits mit ihrer natürlichen Ausstrahlung wohltuend von vielen Stars ihrer Zeit abstach, und egal, welche Rolle sie spielt, Fran aus Billy Wilders „Das Appartement“ können wir nie als schrecklich empfinden. Aber MacLaines komisches Talent zeigt sich auch in „Zeit der Zärtlichkeit“, der, bevor das Drama seinen Lauf nimmt, auch hübsch frivol ist. Das hat uns zunächst erstaunt, dann erinnerten wir uns daran, dass die Filme der frühen 1980er noch etwas von der sexuellen Freiheit atmeten,  die sich in den 1970ern kurzzeitig durchgesetzt hätte. Wir sind uns nicht sicher, ob einige Szenen aus „Zeit der Zärtlichkeit“ heute noch so gedreht würden.

Jack Nicholson als Astronaut und Playboy ist für den Film deshalb wichtig, weil er die einzige Figur ist, die nicht sensibel, zwiespältig und von Friktionen geplagt wird. Er ist schon auch sensibel und weiß genau, wen er mit Aurora vor sich hat, obwohl er mit dem Gegenteil kokettiert, aber er kann auch alles auffangen, was diese ihm bietet, ohne emotional ins Wanken zu geraten. Gerade ein solcher Charakter kann eine kleine Gruppe von Suchenden zentrieren und uns das Gefühl zu geben, dass es nicht nur Menschen gibt, die uns ähnlich sind, sondern auch wieder jene, die so sind, wie wir gerne wären. Es ist eines der Geheimnisse des besseren amerikanischen Romantikfilms, dass er bei allen Problemen, die er zeigt, nie vergisst, Frauen und Männern gleichermaßen das Angebot zum Seele streicheln zu machen. Davon kann man sich intellektuell distanzieren und die beachtliche Manipulation dahinter nicht nur erkennen, sondern auch verurteilen, aber wir tun nur Ersteres, denn schließlich manipulieren wir uns gegenseitig jeden Tag. Wenn man das, wie Garrett, auch als Spiel auffasst, hat man jedenfalls mehr davon, als wenn man sich darüber ärgert, dass man nicht mitmachen will.

Jeff Daniels als Lehrer war für uns die problematischste Figur und die einzige, die wir überwiegend nicht gemocht haben. Wir haben ihn zuletzt in Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“ rezensiert, und auch da war er für uns irgendwie nicht so zugänglich wie die wunderbare Mia Farrow als seine Filmpartnerin. Aber dieser Typ, der vor allem sein eigenes Ding durchzieht, und das nicht sehr erfolgreich, von dem man nie weiß, ob er fremdgeht oder nicht, und der seiner Frau geradezu aufzwingt, dass er sich ihr offenbaren muss, es dann aber auf banale Weise vermeiden kann, indem das Telefon stört, ist so angelegt, dass wir eher Auroras Abneigung gegen ihn als die Liebe seiner Frau zu ihm nachvollziehen können. Selbst, als sie schon krank ist, bleibt er emotional eher auf der kühlen Seite und diskutiert mit ihr vor allem, was nach ihrem Tod mit den Kindern werden soll. Diese Szene im Krankenzimmer fanden wir schrecklich, aber auch sie als Ausschnitt aus sicher vielen Gesprächen ist nicht undenkbar oder falsch. Außerdem hatten wir in Unkenntnis des weiteren Verlaufs die Hoffnung, alles möge sich noch zum Guten wenden, wie es dies in solchen Filmen eben meistens tut.

Finale

„Zeit der Zärtlichkeit“ macht viel Spaß und wird dann zu einem echten Tearjerker. Es war gut, dass wir uns nicht im Vorfeld schon informiert haben, aber das tun wir ja nie, um zu sein – viele Klassiker, die wir besprechen, haben wir allerdings schon ein- oder mehrmals gesehen.

Die fünf Oscars für „Zeit der Zärtlichkeit“ sind verdient, zumal 1983 kein Jahr der Superfilme war, in dem man wieder einmal Zweifel am Geschmack der Academy of Motion Arts hätte äußern können, dass sie zum Beispiel einen Familienfilm einem wichtigen politischen Film vorzieht oder dergleichen. Nein, „Zeit der Zärtlichkeit“ war auch das richtige Werk zum richtigen Zeitpunkt. Familienwerte reloaded war in den USA während der Reagan-Ära durchaus ein wichtiges Motto, und so sehen wir die 1950er wieder, jedoch erweitert um etwas sehr Wichtiges: Um echte Menschen zum Anfassen und Mitleiden, die es schaffen, einige Klischees, die sich auch in diesem Film tummeln, geschickt zu relativieren und in den Hintergrund treten zu lassen. Oder auch: Die Filme von Douglas Sirk um Humor erweitert.

Was bleibt von einem Menschen, diese wichtige Frage beantwortet der Film als einer von wenigen: Die Trauerfeier für Emma ist bereits der Anfang von etwas Neuem, von dem man spürt, dass all dies, was sich an neuen Beziehungen entwickeln wird,  etwa  zwischen Garrett und den Kindern, auch ein Teil von ihr ist – nicht nur biologisch als Mutter, sondern auch persönlich.

Die Emotionen, die sich während des Anschauens Bahn brachen, kehren sogar beim Schreiben wieder, und das bewirken in dem Filmstau, in dem wir derzeit stecken und dem dadurch verursachten Rezensions-Stress, nicht viele Werke.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Jahr 2023: Die Situation gestaltet sich heute ein wenig anders, wir bauen Archivlagerungen ab und schauen weniger Filme, und wir erinnern uns gut an die Begleitumstände, unter denen der Artikel vor acht Jahren entstand und erst einmal, wie so viele zur damaligen Rubrik „Film-Anthologie“ im Archiv verschwand, weil wir keine so hohe Veröffentlichungstaktung hatten wie bein aktuellen, „zeiten“ Wahlberliner, der im Juni 2018 startete. Trotzdem der zeitlichen Distanz haben wir das Bekenntnis zu den Emotionen nicht umgetextet oder analytische Aspekte beigefügt, die eine Relativierung verursachen könnten. Schon beim Lesen des letzten Satzes der Inhaltsangabe  hat sich gezeigt, dass das falsch gewesen wäre.

5 Oscars hat „Zeit der Zärtlichkeit“ gewonnen, darunter der allerwichtigste für den besten Film des Jahres und zwei Darsteller-Oscars: beste Hauptrolle für Shirley MacLaine und beste Nebenrolle für Jack Nicholson. Trotzdem hat er nie Eingang in die Liste der besten 250 Filme aller Zeiten der IMDb gefunden und wird heute von den Nutzer:innen der Platzform mit guten, aber nicht herausragenden 7,4/10 bewertet. Wir gehen um einiges höher. 

84/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie James L. Brooks
Drehbuch James L. Brooks
Produktion James L. Brooks
Musik Michael Gore
Kamera Andrzej Bartkowiak
Schnitt Richard Marks
Besetzung

 


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