Mutterliebe – Tatort 527 #Crimetime 1195 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Mutterliebe

Crimeetime – Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Großväter, Väter, Töchter

Mutterliebe ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort. Der vom Westdeutschen Rundfunk unter der Regie von Züli Aladağ produzierte Film wurde am 23. März 2003 im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt. Es ist der 23. Fall des Kölner Ermittlerteams Ballauf und Schenk und die 527. Tatortfolge.

In Münster, bei Thiel und Boerne, hat es das auch mal gegeben – der Großvater ist in Wirklichkeit Vater und der Ehemann ist der Dumme. Und natürlich spielte sich so etwas in Westfalen nicht in prekären Verhältnissen ab, sondern in den gehobenen Kreisen.

Die humoristische Münster-Variante ist allerdings nach „Mutterliebe“ entstanden und das Köln-Drehbuch auch keine Blaupause für den Stoff vom selben Sender, sondern eine Art Grundmuster für viele ähnliche Fälle, in denen es zu Mord und Totschlag kommt, weil sich Familien immer mehr in Schuld und Inzest verstricken. Mehr darüber lesen Sie in der –> Rezension.

Handlung

Maria Wagner bekommt ein Kind und weiß nicht weiter: Verzweifelt versucht die junge Frau, ihre Schwangerschaft geheim zu halten. Sogar die Geburt will sie alleine durchstehen. Zu Hause und ohne ärztliche Hilfe bringt Maria Wagner ihr Kind zur Welt – nur ihre Schwägerin Julia Wagner ist eingeweiht. Die Situation scheint für die junge Mutter so ausweglos, dass sie ihren Säugling gleich nach der Geburt anonym bei der Babyklappe eines Krankenhauses abgibt.

Kurz darauf wird eine Krankenschwester der Babyklappe ermordet an ihrem Arbeitsplatz aufgefunden. Die Klappe ist leer: Jemand hat den gerade abgelegten Säugling entführt.

Schnell haben die Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk eine erste Spur: Dringend tatverdächtig ist der Ex-Freund der Toten, Bernd Schiffer. Er hatte die Krankenschwester nach ihrer Trennung bereits mehrfach bedroht. Aber warum sollte er ein fremdes Kind aus der Babyklappe entführen?

In der Nacht nach der Geburt wird Maria Wagner mit starken Nachblutungen in das Krankenhaus eingeliefert – und als Mutter des gekidnappten Babys identifiziert. Schenk und Ballauf sehen sich im Umfeld von Maria Wagner um: Fassungslos stellen sie fest, dass die Schwiegertochter des wohlhabenden Chemieunternehmers Heinrich Wagner augenscheinlich keinen Grund hatte, ihr Neugeborenes wegzugeben. Was konnte sie zu diesem Schritt bewegen? Ballauf und Schenk ahnen, dass sich die Antworten auf ihre Fragen hinter der großbürgerlichen Fassade der Familie Wagner verbergen.

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Heinrich Wagner – Manfred Zapatka
Maria Wagner – Claudia Michelsen
Julia Wagner – Feo Aladag
Bernd Schiffer – Erdal Yildiz
Katharina Wagner – Cornelia Schmaus
Andreas Wagner – Tonio Arango
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch

Drehbuch – Züli Aladag, Feo Aladag
Regie – Züli Aladag
Kamera – Busso von Müller
Musik – Mark Polscher

Handlung, Besetzung, Stab: DAS ERSTE

Rezension

Alles kommt daher, dass Andreas Wagner, der sensible Sohn des Patriarchen Heinrich, zeugungsunfähig ist und somit kein Familien-Stammhalter geboren werden kann, was in einer Unternehmer-Dynastie, wie sie hier angedeutet wird, wie in jeder Dynastie, von besonderer Wichtigkeit ist. Also zeugt die Ehefrau ein Kind mit dem Schwiegervater, will es aber nicht behalten. Wenn der Mann nicht zeugen kann, ist es ja auch logisch, dass sie ihm das Kind nicht als seines unterschieben kann.

Notwendig wäre ein Arrangement zwischen den Eheleuten gewesen: Wenn nicht von dir, dann von deinem Vater, damit immerhin blutsverwandt. Der Ehemann akzeptiert das anfangs, jedoch im Verlauf kann er sich immer weniger mit dieser Demütigung abfinden und beide beschließen, dass die Frau das Kind zwar austrägt, aber es dann anonym abgibt. Das wäre die logischere Variante gegenüber der gezeigten Version gewesen, dass niemand etwas von Marias Schwangerschaft wusste – außer offensichtlich der Schwägerin Julia, die ihr bei der Haus- bzw. Badezimmergeburt hilft.

Aber die Gefühlswandlungen darzustellen, die den logischeren Plot hätten unterlegen müssen, das war wohl zu viel fürs Tatortformat und so sehen wir zwar Menschen, die nachvollziehbar handeln, aber Umstände, in denen sie sich befinden, die uns daran hindern, voll mitzugehen, weil sie einerseits sehr konstruiert, dann aber doch stellenweise wenig durchdacht wirken.

Seltsamerweise spiegelt sich auch dieser Mangel in der Ballauf-Nebengeschichte, wir haben es bereits erwähnt. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, eine frühere Liebesgeschichte für ihn zu konstruieren, die keine Fragen hinsichtlich der Plausibilität im chronologischen Sinn aufgeworfen hätte. Damit hätte man die düstere Tonung des Films genauso steigern können wie mit der vorliegenden Variante, in der Ballauf am Ende sogar draußen vor der Tür steht und eine Zigarette raucht. Das haben wir bisher in keinem anderen Köln-Krimi gesehen und wir wissen, das ist der Gipfel des Einsamer-Wolf-Daseins eines bindungsunfähigen Polizisten.

Gut:

  • Atmosphäre. So schön düster kann ein Köln-Tatort sein. Ein Familienessen mit komplett eingedunkeltem Hintergrund, immer schlechtes Wetter mit Sturmregen am Schluss und sogar die Polizeidirektion von Freddy und Max wirkt noch einen Tick nächtlicher und farblich gedämpfter als üblich. Das passt natürlich wunderbar zur Handlung des Films.
  • Ziemlich großes Streicherkino mit sehr dramatisch-tragischem Einschlag, das wohl nicht umsonst an die große Zeit des französischen Autorenfilms und die Beziehungsdramen innerhalb der Nouvelle Vague erinnern soll. Weist aber auch auf ein kleines Problem des Films hin – dass die Ambitionen wirklich sehr hoch angesiedelt sind.
  • Freddy und Max agieren sehr zurückhaltend und dem Ernst des Kinderthemas angemessen und in Max reichhaltiger Biografie spiegelt sich außerdem wieder einmal die Haupthandlung. Dass die beiden das Für und Wieder einer Babyklappe wieder einmal in Form eines Thesenkrimis erörtern, sei ihnen verziehen. Zumal die Nebenrollen, insbesondere die Rolle der Mutter, Ehefrau und Schwiegertochter Wagner von Claudia Michelsen intensiv und gleichermaßen mit Understatement interpretiert wird.
  • Der Tatort muss es bringen, welche viel gesehene Serie auch sonst? Nämlich jedes aktuelle Sozialthema zu beleuchten. In diesem Fall die Einrichtung der Babyklappen, in den 2000er Jahren ein ethisches Thema von Belang, mittlerweile etablierte Methode, um ungewollten Kindern doch noch den Start ins Leben zu ermöglichen.
  • Twists und keine Vorhersehbarkeit. Man kann sich dies und jenes zum weiteren Verlauf denken, aber eine zwangsläufige Lösung ist lange Zeit nicht in Sicht, das ist gut gemacht und erhält das Interesse.

Okay:

  • Dramatik ist vorhanden, aber sie wird nicht aus dem Krimiplot, sondern aus dem Familiendrama der Wagners geschöpft und sogar ein wenig aus Max‘ Privatstory, obwohl wir wissen, das Wiedersehen mit der Ex kann wieder nicht zu einer dauerhaften Beziehung führen. Kriminalistisch wird sehr dezent gearbeitet und ein Spannungsbogen dem düsteren Familienschicksal geopfert, das sich vor unseren Augen entrollt.

Weniger gelungen:

  • Logik und Plausibilität. Es wird uns nicht wirklich klar, warum die Schwägerin Julia das Baby aus dem Krankenhaus entführt, dunkel wird von einem eigenen Trauma wegen der verunfallten Tochter gemunkelt, aber das reicht als Motivation nicht aus. Wie man eine Schwangerschaft bis zum letzten Tag sogar vor dem eigenen Mann verbirgt, erscheint uns rätselhaft. Auch wenn das Ehepaar Wagner getrennte Betten und Räume hatten, bei einer so schlanken Frau wie Maria muss jedem, der ihr näher steht, auffallen, dass sie ein Kind austrägt. Gut, dass sie keinen verortbaren Beruf hat, denn ein Kind bis zur Geburt unbemerkt durch den Job schleppen, das wäre noch absurder gewesen.
  • Häufig Wiederkehrendes. Thesendiskussion und vor allem Max Ballauf als Passionsfigur, die wunderbar jedes Geschehen widerspiegeln kann, besonders, wenn es um Beziehungssachen geht – man hat das schon zu oft gesehen. Berücksichtigen darf man, dass es hier gut und nicht überzogen gemacht ist und tatsächlich zur Haupthandlung passt.
  • Zeitlogik in Bezug auf Ballaufs Biografie. Nein, Wladimir ist nicht Maxens Sohn, den hätte er zeugen müssen, als er gerade aus den USA nach Deutschland heimgekehrt war und damals war nicht von einer Beziehung der hier geschilderten Art die Rede. Doch die knapp 13jährige Sarah könnte altersmäßig seine Tochter sein, zumindest wird das angedeutet. „Mutterliebe“ entstand im Jahr 2003 und 1989, 1990 war der junge Ballauf Assistent bei Kommissar Flemming in Düsseldorf und hatte im Hintergrund eine Familie, die ihm irgendwie verloren ging, als er zwischenzeitlich aus dem deutschen Polizeidienst ausstieg und fürs BKA nach Miami reiste, von wo er 1997 als Leitender Ermittler nach Köln kam. Das heißt, entweder ging er in der Nachbarstadt fremd, was überhaupt nicht seinem Charakter entspricht, oder man hat seine bisher bekannte Biografie im Verlauf der Köln-Tatorte einfach mal in die Tonne getreten, in der Hoffnung, dass die Zuschauer, die Max noch aus Düsseldorf kennen, das einfach hinnehmen.

Finale

Trotz seiner Schwächen in der Handlung mochten wir „Mutterliebe“ als stylisches Drama und die Figuren empfanden wir als gelungen – dass wir trotzdem nicht maximal eingebunden waren und nicht einmal während der Vater-Sohn-Konflikt-Klimax und dem darin enthaltenen Selbstmord von Andreas Wagner die Emotionen in uns richtig hochgingen, sagt uns, dass wir immer das Gefühl hatten, dies ist alles Fiktion und Konstrukt und auch Stilisierung und berührt uns weniger, als die eigene Biografie es hätte vermuten lassen.

Wir stellen den gewissen Mangel an mitgerissen sein ausdrücklich als subjektive Wahrnehmung heraus und gehen nicht den Weg vieler Kritiker, die einen Film immer dann schlecht finden, wenn sie persönlich keinen maximalen Zugang finden. Objektiv ist an „Mutterliebe“ vieles gut gemacht und ganz sicher ist das kein Tatort von der Stange.

Beim Versuch, die objektiven Qualitäten und Mängel in den Vordergrund zu stellen, kommen wir bei leicht überdurchschnittlichen 7,5/10 heraus. Anfangs waren wir sogar der 8 zugetan, doch das Nachdenken über den Plot hat doch noch zu einem leichten Abzug geführt.

Der Beitrag ist die Tandem-Rezension zum aktuellen Köln-Tatort „Dicker als Wasser„.

© 2024, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kursiv: Wikipedia

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Heinrich Wagner – Manfred Zapatka
Maria Wagner – Claudia Michelsen
Julia Wagner – Feo Aladag
Bernd Schiffer – Erdal Yildiz
Katharina Wagner – Cornelia Schmaus
Andreas Wagner – Tonio Arango
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch

Drehbuch – Züli Aladag, Feo Aladag
Regie – Züli Aladag
Kamera – Busso von Müller
Musik – Mark Polscher


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