Titelfoto © RB / Hoever
Mord aus Ekel sich selbst gegenüber
Tote Männer ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde von Radio Bremen und vom WDR produziert und am 14. Juni 2009 erstmals ausgestrahlt. Es handelt sich um die 737. Tatort-Folge und den 15. gemeinsamen Fall von Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kriminalkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen). Sie haben diesmal einen Serienmord an homosexuellen Männern aufzuklären und Stedefreund gerät dabei in Lebensgefahr.
„Tote Männer“ ist gleichzeititg der 20. Lürsen-Tatort aus Bremen und stammt aus dem Jahr 2009. Es geschieht Erstaunliches. Zum Beispiel, dass der getreue Stedefreund, der übrigens Nils heißt, eine Affäre mit Ingas Tochter Helen hat, was Inga nicht lustig findet. Man erfährt aber auch exemplarisch, wie sich ein Doppelleben zum Mordauslöser verdichtet. Im Grunde hätten wir erwartet, dass der Film einen Mord im Flugzeug behandelt oder gleich einen Absturz, der einen getarnten Mord darstellt, aber man kann nicht alles haben, auch nach mittlerweile über 1250 Tatorten nicht.
Beliebtes Tatortmotiv, immer wieder reinzvoll in Szene zu setzen, weil es beinahe so viele mögliche Varianten gibt wie zwischenmenschliche Beziehungen. Um ehrlich zu sein, und wir schreiben das nur, wenn‘ s wirklich so war: Die Auflösung des Tatorts, der die gleiche Nummer trägt wie bekannter Flugzeugtyp, war relativ zeitig zu erahnen. Nicht, weil die Täterfigur so besonders glaubwürdig gewesen wäre, sondern eher, weil das Gegenteil der Fall ist. Man achte auf den einzigen Verdächtigen, der keine absolute Randfigur ist und keinen Migrationshintergrund hat. Und schon wird man fündig. Weiteres zum Finden steht in der Rezension.
Handlung (1)
Am Weserufer wird der Libanese Malik Safiris tot gefunden, seine Hose ist heruntergezogen und in seiner Brust sind zehn Messereinstiche. Den Recherchen nach verkehrt er im Schwulenmilieu und ist auch als „Stricher“ aktenkundig. Die Ermittler begeben sich in eine Szenekneipe und fragen die Anwesenden, ob sie den Toten kannten. So führen die Ermittlungen zum Bahnhof, wo sich Stedefreund als nächstes umhört. Dort trifft er auf Safiris letzten Freund, Raul Pavan, den er zum Verhör mit aufs Revier nimmt. Von ihm erfahren sie, dass Safiris Cousin, Georges Bekassi, ihm Geld für seine Familie gegeben hat, doch anstatt es ihnen zu schicken, hatte er es für sich ausgegeben.
Stedefreund sieht sich in Safiris Wohnung um und findet er heraus, dass dieser als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle gearbeitet hat. Dort arbeitet auch Leon Hardwig, der inzwischen von Pavan erpresst wird, da dieser weiß, dass sich Malik zuletzt mit ihm getroffen hatte. Auch die Ermittler finden heraus, dass sich Safiris und Hardwigs Wege schon einmal gekreuzt haben und so befragen sie ihn. Karlson hatte recherchiert, dass es vor einem Jahr in Lübeck einen ähnlichen Mordfall gab. Und es stellte sich heraus, dass auch Hardwig von einem Jahr in Lübeck auf einer Baustelle zu tun hatte. Mit diesen Fakten konfrontiert, gibt er zu bisexuell zu sein und Malik vor ca. zwei Monaten kennen gelernt zu haben. Seine Frau dürfe das aber nicht erfahren.
Stedefreund will Pavan aufsuchen und findet nur dessen Schäferhund in seiner Wohnung vor. Auf der Suche nach ihm, befragen sie die Hardwigs, kommen aber nicht so recht weiter. Karlson findet inzwischen heraus, dass Pavan laut seiner Kontobewegungen an Tankstellen in Spanien und Frankreich Geld abgehoben hat, obwohl er gar kein Auto besitzt. Auf der Baustelle sagt der Bauleiter aus, dass Hardwig neulich länger da war. Er selber stand im Stau und Leon hat solange die Arbeiten überwacht, als frischer Beton geliefert und verarbeitet wurde. Stedefreund muss vermuten, dass er dort eventuell die Leiche von Pavan „entsorgt“ hat. So lässt er den Beton aufstemmen, aber es findet sich nur eine tote Katze. Der Bauleiter ist wütend und kündigt Hardwig daraufhin seinen Vertrag. Als dieser dass seiner Frau beichtet ist sie wütend.
Lürsen begibt sich zu Maliks Cousin und befragt ihn. Er gibt an, dass er ziemlich sauer war auf Malik, da er das Geld, das er ihm gegeben hat, für sich verprasst hat, statt es seiner Familie zu schicken. Er und sein Freund Raul haben ab und zu kleine Aufträge für ihn erledigt. So hat er letztens ein Auto gemietet, mit dem Pavan dann nach Spanien gefahren ist. So kommt heraus, dass Malik und Pavan gelegentlich Hunde für illegale Hundekämpfe aus Spanien geholt haben. Bei der letzten Fahrt hatten sie allerdings aus Mitleid alle Hunde freigelassen, was ihren Auftraggeber sehr verärgert hatte.
Stedefreund ist überzeugt, dass Hartwig der Mörder ist und in der Hoffnung ihn irgendwann überführen zu können, steht er jeden Abend vor seinem Haus. Als dann eines Abends bei den Hardwigs der Haussegen schief hängt, sodass sich Jutta Hartwig bedroht fühlt, rennt sie raus zu Stedefreund und sucht sie bei ihm Hilfe. Als er mit ihr im Wagen wegfährt, bedroht sie ihn plötzlich mit einem großen Küchenmesser, weil er ihr schon lange auf die Nerven ginge und sie Angst hat, dass wieder ein Mann ihr ihren Mann wegnimmt. So gibt sie zu, die Männer erstochen zu haben. Bevor sie auch Stedefreund umbringen kann, kommt jedoch Lürsen dazu, die ihn schon gesucht hatte, und kann ihrem Kollegen so das Leben retten.
Rezension
Warum regt sich Inga Lürsen bloß immer so auf? Uns erinnert dieses ständige Aus-dem-Häuschen-sein daran, wie in der Zwischenkriegszeit häufig im deutschen Film gesprochen wurde. Und was das über den Zustand der Nation aussagte. Hysterie war noch nie ein guter Ratgeber, weder privat noch im Job.
Davon kann man zum Beispiel von der Psyche verursachte Rückenschmerzen bekommen, ein sogenanntes Stress-Zipperlein. Aber Inga ist ein verspannter Typ, der sich am liebsten mit Stedefreund herumschlägt, und das in zwei Varianten. Erstens, sie lässt ihn nicht hinreichend kollegial an ihren Ermittlungen teilhaben und er ist sauer. Das kommt häufig vor und man bemerkt dann deutlich, wie Inga ihr Rangverhältnis bzw. ihre hierarchische Besserstellung ausspielt.
Ähnlich übrigens wie die Frau Blum vom Bodensee mit ihrem Kommissar Perlmännchen das immer mal wieder tut, aber weil Inga eben eher der laute Typ ist, merkt man’s mehr. Zweite Möglichkeit: Stedefreund macht irgendetwas, ohne Inga zu informieren, handelt irgendwie zwischen eigenständig und eigenmächtig, das Resultat ist das Gleiche, Inga findet es nicht witzig. Der Mann hat’s, finden wir, am schwersten von allen zweiten Kräften am Fernseh-Tatort, also dort, wo nicht gleichrangige oder wenigstens gleichberechtigt wirkende Teams bei der Polizeiarbeit sind.
In „Tote Männer“ wird Stefreund aber ziemlich herausgestellt, was wir nicht nur okay, sondern auch an der Zeit finden. Dass es dabei zu einer Nacht mit Helen Lürsen kommt und diese sich anbahnende Beziehung gleich wieder verpufft, weil sie keine gute Idee ist – bezogen auf die Chefin Inga – das ist wohl vorgeschoben. Wo ein Stedefreund wirklich zupacken möchte, da ist ein Weg, wie man in „Tote Männer“ daran sieht, wie er mit dem Hauptverdächtigen Leon Hartwig umgeht.
Den lässt er nicht mehr aus, parkt seinen BMW vor dem Haus des Verdächtigen und trägt dazu bei, dass die Hartwigs in ihrer kleinbürgerlichen Nachbarschaft Ansehen verlieren. Und wem klar ist, wie schwer es fällt, in einer kleinbürgerlichen Nachbarschaft Ansehen zu gewinnen, als junges Paar, solange noch keine Kinder da sind und dazu noch als Selbstständiger und Bau-Subunternehmer, der weiß, wie schwer Stedefreunds Belagerung lastet. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, ihn einfach beiseite zu räumen, wie Ehefrau Jutta Hartwig es ihrem Mann vorschlägt.
Spätestens in dem Moment wussten wir, dass sie die Täterin in allen anderen in Rede stehenden Todesfällen sein muss, denn wer schlägt so etwas vor, der ein halbwegs intaktes Hirnstüberl hat? Gut, es kommt in Tatorten immer wieder vor, dass Polizisten entführt werden und bedroht, wie eben in der Realität. Und so wie in „Tote Männer.“
Wir haben kein Glaubwürdigkeitsproblem mit einem bisexuellen Mann, der aufgrund seiner Veranlagung geradezu zwangsläufig ein Doppelleben führt, wenn er nicht eine der Neigungen konsequent unterdrücken will – und es vielleicht auch nicht kann. Wir können uns auch ausmalen, dass damit erpresst wird, gerade mit dem Tatbestand an sich und dass die Angst vor dem Outing gegenüber der Allgemeinheit besteht. Oder gegenüber der Ehefrau, wodurch ein ihm aus der Szene bekannter Typ namens Raul dem Hartwig gefährlich werden kann und es leicht vorstellbar ist, dass Hartwig sich seiner entledigt. Wie eben überall das verwendet wird, was verwendbar ist, wenn sich kriminelle Energie zeigt. So ist es aber nicht.
Vielmehr versucht die Frau immer wieder, „die Ehe zu retten“ und mordet dafür drei Mal. Anfangs wird glaubwürdig vermittelt, dass sie von der Bisexualität ihres Mannes nichts wusste, und dadurch wird der Zuschauer möglicherweise auf der Leimspur gehalten Dass dem aber nicht so ist, sie also mehr als ein Jahr lang Camouflage betreibt und dann so naiv in der Grund-Denkungsart ist, wie man sie hier sieht, wirkt schon ziemlich schräg. Da muss schon das eine oder andere weit hergeholte Argument herhalten, z. B. dass sie sich selbst mangelnder Attraktivität bezichtigt, was man niemals als Dialogbestandteil in ein Drehbuch schreiben sollte, genau wie das Gegenteil, egal, wer es sagt.
Vor allem zugunsten der betreffenden Schauspielerin in diesem Fall nicht. Klar, Jutta hat eine Stupsnase und ein etwas starkes Kinn, aber so sieht sie nun wieder nicht aus, dass man als Ehemann nur deswegen vor ihr weg und in die gleichgeschlechtlichen Arme rennen müsste, und ihr Leben wäre auch nicht zu Ende, wenn sie sich von ihrem Mann trennen würde.
Dass sie, schon mordend unterwegs, ein Kind mit Leon zeugt und dann weiter tötet, ist psychologisch, aber auch physisch schwere Koste für den Zuschauer, es wird aber zum Glück nicht gezeigt, wie zum Beispiel der Abtransport und das Entsorgen der Leichen vor sich geht und wie jemand, der neues Leben in sich trägt, herumläuft und mehrere Männer umbringt, weil sie ihrem Mann möglicherweise zu nah gekommen sind.
Dieser Mann hat wirklich nichts zu lachen, wie schon sein Mode-Vorname Leon belegt, der zu jener Zeit, als er geboren wurde, hierzulande nicht in Verwendung war. Aber dieser Schnitzer passt zum Skript. Seine Frau heißt Jutta, das ist besser. Der Name war schon in den 80ern, als sie wohl geboren wurde, veraltet und man assoziiert damit aus ebenjenem Grund und grundsätzlich einen einfachen Typ. Wie unrealisisch ihr Verhalten aber ist, erschließt sich, wenn man einen Exkurs hin zu den vorkommenden Liebschaften macht.
Juttas Mann hat keinen Dauergeliebten aus dem Schwulenmilieu, sondern hin und wieder Zufallsbekanntschaften. Das ist eine Situation, die bei rein heterosexuellen Männern ebenso häufig vorkommt wie ein längerfristiges Liebesverhältnis außerhalb der Ehe. Wird eine Frau aber gerade in ersterer Lage zur Mörderin? Eine Serienmörderin der besonderen Art, sozusagen? Eine, deren Motivation nicht durch Beuteschema, durch Erlöserphantasien etc. gekennzeichnet ist? Generell eine Frau? Es gibt wenige Serienmörderinnen, weil dieses absolute Abdriften der eigenen Psyche sich bei Frauen wohl seltener in ritualisierter, wiederholter Gewalt gegen meist unschuldige Dritte zeigt.
Anmerkung anlässlich der Wiederveröffentlichung des Textex: Wir haben mittlerweile ein wenig zu den großen Serienmörder:innen recherchiert, ich glaube, es war anlässlich eines Jack-the-Ripper-Films. Es gab durchaus Frauen unter den Serienmordenden, aber die Ausführungsart unterschied sich in der Regel deutlich von der männlicher „Kollegen“.
Außerdem ist es bei Frauen eher selten, dass sie morden, um ihren Ehemann zu behalten. Eher schon, um ihn loszuwerden. Und was ist so exorbitant daran, dass ihr Mann mit anderen Männern fremdgeht und nicht mit einer Frau? Dass es gleichgeschlechtliche Liebe ist, dass Jutta zu spießig ist, um ausgerechnet diese Variante ertragen und irgendwie damit umgehen zu können? Was ist schwerwiegender? Dass jemand homerotische Neigungen hat, gegen die er schwer ankommt oder sich gar nicht stimmen will oder eine andere Frau hat? Die andere, was hat sie, was ich nicht habe? Schlimmer aber offensichtlich: der andere. Das kränkt mich zusätzlich als Frau im Allgemeinen.
Das fragt sich doch jede Ehefrau, die eh einen Schuldkomplex hat, auch wenn’s im Grunde sinnnlos ist, die Frage zu stellen, denn mancher Mann sucht einfach nur die Abwechslung, nicht ein emotional-sexuelles Plus. Trotzdem ist es erniedrigend für die betrogene Frau.
Nein, schlüssig ist diese Jutta Hartwig nicht, auch wenn sie von Fritzi Haberland gut dargestellt wird. Und es gibt leider auch ein, zwei Szenen, die wir komisch fanden, obwohl sie gewiss nicht so gedacht waren.
Anmerkung zwei anlässlich der Republikation 2024: Fritzi Haberland hatte mittlerweile einige sehr prägnante Rollen, u. a. in „Babylon Berlin“, wo sie zu den Dauerdarsteller:innen aller vier bisherigen Staffeln zählt.
Finale
Ausgleichend sind manche Szenen einer Ehe Hartwig aber sehr einfühlsam angelegt, das war schön anzuschauen und menschlich und hat dieses berührt sein hat bei uns bewirkt, dass die Enttäuschung über den weiteren Verlauf der Handlung nicht ganz so durchschlug.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass Frauen manchmal ganz falsche Vorstellungen davon haben, wann ein Mord sich lohnen kann und dass weiterhin alle Ermittler immer ihrer Kurzzeitbeziehungen verlustig gehen.
Manchmal dauert es zwei Folgen lang, bis es so weit ist. Aber Stedefreund, der kriegt nur eine Nacht mit Helen und meldet dann einen Einbruch nicht, den er beobachtet hat, weil er mit ihr unterwegs ist, und das soll Inga ja nicht mitbekommen. Auch dieser Part ist nicht logisch, das hätte er trotzdem tun können – und außerdem scheißt sie ihn hinterher für beide Tatbestände an, als habe er noch nie etwas Vernünftiges geleistet.
Dabei ist er es, der in „Tote Männer“ durch seine Beharrlichkeit zwar in Gefahr kommt, das Rätsel der drei Morde aber löst. Die Schauspielleistungen sind ansehnlich.
6,5/10
© 2024, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Thomas Jauch |
|---|---|
| Drehbuch | Jochen Greve |
| Produktion | Claudia Schröder |
| Musik | Stephan Massimo |
| Kamera | Simon Schmejkal |
| Schnitt | Friederike Weymar |
| Premiere | 14. Juni 2009 auf Das Erste |
| Besetzung | |
sowie Ibrahim El-Akramy, Anna Katharina Schwabroh, Imke Büchel, Jens Münchow, Julia Helbich, Hauke Hammann |
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