Briefing 550 Gesundheit, Organspende, Niere, Herz, Leber, Lunge, Spendenbereitschaft, Zustimmungsprinzip, Widerrufsprinzip, Entscheidungsprinzip, Organtransplantation, Organversagen, Organfehler, Herzfehler
Passen Sie bloß gut auf Ihre Organe auf, Ersatz zu finden, ist nicht leicht – aber in vielen Fällen hat die Notwendigkeit, ein Spenderorgan zu bekommen, keine Gründe im eigenen Verhalten. Organversagen oder Störungen der Organtätigkeit können viele Ursachen haben, im Falle von Herzfehlern sind sie oftmals angeboren. Umso problematischer die aktuelle Lage. Auf Herzen, aber auch auf Nieren muss sehr lange gewartet werden.
Infografik: So viele Patient:innen warten auf ein Spenderorgan | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz CC BY-ND 4.0 Deed | Namensnennung-Keine Bearbeitung 4.0 International | Creative Commons erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
In Deutschland warten viele Menschen vergeblich auf ein Spenderorgan. Die Statista-Grafik zeigt auf Basis von Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation und dem europäischen Organspende-Netzwerk Eurotransplant, wie viele Menschen 2023 auf eine Niere, Leber, Lunge oder ein Herz gewartet haben und wie viele dieser Organe im vergangenen Jahr transplantiert worden sind. Demnach warten besonders viele vergeblich auf eine Spenderniere. Die Gründe für die unbefriedigende Lage: Längst nicht jede:r Deutsche hat einen Organspendeausweis und den meisten Krankenhäusern fehlt es an Zeit und Personal, um potenzielle Spender:innen zu erkennen.
Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 965 postmortale Organspender:innen, die insgesamt rund 2.877 Organe gespendet haben. Das entspricht etwa elf Organspender:innen pro eine Million Einwohner:innen und drei entnommene Organe je Spender:in. Die durchschnittliche Anzahl der Spender:innen variiert dabei von Bundesland zu Bundesland stark, wie eine weitere Statista-Grafik verdeutlicht.
Dass in diesem Artikel der Organspender:innenausweis eine Rolle spielen wird, hatten wir uns schon beim Lesen der Überschrift gedacht. Wir möchten dazu auch nicht zu dialektisch kommentieren, aber unser systemkritischer Ansatz verbietet es uns auf jeden Fall, eine Organspendepflicht zu fordern und halten es auch für richtig, dass die „Widerspruchslösung“ abgelehnt wurde, die man angedacht hatte, um leichter an Spenderorgane zu kommen. Hier die Infos zur Sache:
In Deutschland ist die Organspende durch das Transplantationsgesetz (TPG) geregelt. Hier sind die wichtigsten Punkte zur gesetzlichen Regelung der Organspende:
Zustimmungslösung
- Eine Organentnahme nach dem Tod ist nur zulässig, wenn der/die Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat (z.B. durch einen Organspendeausweis) oder die nächsten Angehörigen der Spende zustimmen.
- Es gilt also das Prinzip der Entscheidungslösung – eine Widerspruchslösung, bei der man automatisch als Spender gilt, wenn man nicht widersprochen hat, wurde abgelehnt.
Dokumentation des Willens
- Der Wille zur Organspende kann in einem Organspendeausweis, im Online-Register oder in einer Patientenverfügung dokumentiert werden.
- Hausärzte sollen Patienten regelmäßig zur Entscheidung für oder gegen eine Spende beraten und zur Dokumentation auffordern.
Ablauf und Kontrolle
- Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert bundesweit alle Abläufe einer Organspende.
- Strenge Regeln und Kontrollen sollen Missbrauch verhindern, der Organhandel ist verboten.
Aufklärungskampagnen
- Das Gesetz sieht umfassende Aufklärungs- und Informationskampagnen zur Organspende vor, um die Spendebereitschaft zu erhöhen.
Zusammengefasst folgt Deutschland bei der Organspende dem Prinzip der Entscheidungslösung. Eine Spende ist nur mit ausdrücklicher Zustimmung zu Lebzeiten oder durch Angehörige erlaubt. Der Prozess wird durch das TPG geregelt und von der DSO bundesweit koordiniert.
Es ist also viel Ethik im Spiel. Wir wissen noch nicht, wie wir uns letztlich entscheiden werden, derzeit haben wir keinen Oganspenderausweis. Ein Dilemma liegt für uns darin, dass wir eigentlich gerne lange leben möchten und die Organe älterer Menschen wenig transplantationsgeeignet sind. Stimmt das aber generell?
- Auch bei älteren Spendern können die Organe oft noch für eine Transplantation geeignet sein, sofern sie gesund sind und keine schwerwiegenden Vorerkrankungen vorliegen.
- Nieren von Spendern über 65 Jahren werden häufig transplantiert, da der Alterungsprozess hier langsamer voranschreitet als bei anderen Organen.
- Bei Leber, Lunge, Herz und Bauchspeicheldrüse werden die Organe älterer Spender (>65 Jahre) hingegen seltener verwendet, da hier der Alterungsprozess stärker fortgeschritten ist.
Das kann einem sozusagen an die Nieren gehen, sofern sie weiterhin funktionstüchtig bleiben. Gerade bei diesem Organ würde es also Sinn ergeben, sie auch im Fall eines Ablebens in hohem Alter zur weiteren Verwendung freizugeben. Wir sind diesbezüglich noch in einem Findungsprozess, tendieren aber dazu, im Ernstfall kurzfristig zu entscheiden und haben diesbezüglich aktuell eine leicht positive Tendenz.
Obwohl man ja nie weiß, welchem Arschloch man durch eine Organspende möglicherweise zu einem längeren Leben verhilft. Ja, so ist das mit der wachsenden Menschenfeinflichkeit in einer Zeit wachsender Erkenntnis über den Charakter der Menschen im Allgemeinen. Man freut sich nicht so aufs Geben. Vielleicht kann man sich ja ausbedingen, dass man sein Organ nicht an einen Schwerverbrecher oder Ausbeuter weitervermittelt haben möchte, diese Charaktere werden von unserem System schon genug privilegiert. Die Vergabe ethisch steuern zu können, würde uns viel helfen bei einer Entscheidung pro Organspende. Leider kommen wir nicht umhin, festzuhalten, dass offenbar viele hierzulande aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bereit sind, ein Organ zu spenden, da sieht es anderswo in Europa viel besser aus:
Die Organspendequote in Deutschland ist im internationalen Vergleich relativ niedrig. Im Jahr 2022 gab es in Deutschland durchschnittlich 10,34 postmortale Organspender pro eine Million Einwohner, was Deutschland im Mittelfeld der internationalen Rangliste platziert. Zum Vergleich, Spanien, das als führendes Land in der Organspende gilt, hatte im selben Jahr 46,0 postmortale Organspender pro eine Million Einwohner.Weitere Länder mit höheren Organspendequoten als Deutschland sind beispielsweise Belgien und Slowenien. Belgien hatte 2022 eine Organspendequote von 30,7 Spendern pro eine Million Einwohner, während Slowenien 18,9 Spender pro eine Million Einwohner verzeichnete. Zusätzlich zu den postmortalen Spenden ist auch die Zahl der lebenden Organspender in Deutschland vergleichsweise gering. Im Jahr 2022 gab es durchschnittlich 6,86 lebende Organspender pro eine Million Einwohner. Insgesamt zeigt sich, dass Deutschland im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern eine niedrigere Organspendequote aufweist.
Länder mit den höchsten Organspendequoten weltweit sind:
- Spanien: Spanien führt die Liste mit durchschnittlich 46,0 postmortalen Organspendern pro eine Million Einwohner im Jahr 2022 an.
- USA: Die USA haben ebenfalls eine hohe Organspendequote, mit 32 Spendern pro eine Million Einwohner im Jahr 2017.
- Belgien: Belgien verzeichnete 2022 eine Organspendequote von 30,7 Spendern pro eine Million Einwohner.
- Frankreich: Frankreich gehört ebenfalls zu den Ländern mit hohen Organspendequoten, wobei genaue Zahlen für 2022 nicht angegeben sind, aber es wird als eines der führenden Länder in Europa genannt.
- Italien: Italien zählt ebenfalls zu den Ländern mit hohen Organspendequoten, ähnlich wie Frankreich.
Diese Länder haben verschiedene Regelungen und Systeme zur Förderung der Organspende, wie die Widerspruchslösung, die in Spanien und Frankreich gilt, und die Entscheidungslösung, die in den USA angewendet wird.
Daraus könnte man schließen, dass es nicht in erster Linie davon abhängt, ob die Entscheidungs- oder die Widerspruchslösung gilt, sondern von der Art, wie Gesellschaften aufgestellt sind. Dass Deutschland dabei nicht besonders gut wegkommt, ist nicht überraschend, es hat wohl doch etwas mit der Zugewandtheit gegenüber anderen zu tun. Die miserable Einstellung gegenüber Schwächeren und Bedürftigen hierzulande wird nur noch durch Leitplanken der Demokratie einigermaßen im Zaum gehalten, an deren Abbau seitens aller rechten Parteien eifrig gearbeitet wird.
Das würde sich auch durch eine Widerspruchslösung wohl nicht entscheidend verbessern, deren sie müsste doch beinhalten, dass noch einmal gefragt wird, bevor jemand verstirbt. Dass man sich also nicht darauf verlässt, dass die Person, selbst und gerade im Fall von Demenz, einfach vergisst, über eine Organspende noch einmal nachzudenken.
TH
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