Viktor und Viktoria (DE 1933) #Filmfest 1114

Filmfest 1114 Cinema

Viktor und Viktoria ist eine deutsche Filmkomödie aus dem Jahr 1933. Regie führte Reinhold Schünzel, die Hauptrollen spielten Renate MüllerHermann Thimig und Adolf Wohlbrück.

Ich habe den Film im Rahmen der ARTE-Reflektion zum hundertjährigen Jubiläum der Ufa erstmalig gesehen. Ich kenne bisher das berühmte Halb-Remake „Victor / Victoria“ von 1982 mit Julie Andrews nicht, welche darin die Rolle spielt, die im „Original“ von Renate Müller ausgefüllt wird.

Bereits zu seiner Entstehungszeit erhielt „Viktor und Viktoria“ gute Kritiken, sogar vom Völkischen Beobachter, und immerhin war der Film nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entstanden und konnte problemlos aufgeführt werden. Lag es daran, dass die NS-Zensur noch nicht voll etabliert war? Oder weil Joseph Goebbels versuchte, Renate Müller mit Adolf Hitler zusammenzubringen? Wieder ein tragisches Schicksal. Man kann die Filme dieser Zeit fast nie werkimmanent rezensieren, weil man diese Schicksale nicht aus dem Kopf bekommt – auch Reinhold Schünzel, der Regisseur, hat ein solches, wie viele Filmer, deren Arbeit die zerrissene deutsche Geschichte spiegelt. Mehr dazu und zum  Film selbst steht in der Rezension.

Handlung (1)

Viktor Hempel ist ein Kleindarsteller, der sich aber zu höheren Rollen wie den Hamlet berufen fühlt. Beim Vorspielen in einer Theateragentur stellt sich sein komisches Talent heraus. Er fällt durch, da er eine ernste Rolle unfreiwillig komisch dargestellt hat. Viktor lernt die ebenfalls abgelehnte Sängerin Susanne Lohr kennen, und die Beiden freunden sich an. Als Viktor erkrankt und sein Auftritt als Damen-Imitator „Monsieur Viktoria“ in einem Kabarett gefährdet ist, springt Susanne für ihn ein. Ihr Auftritt erweist sich als erfolgreich und der Theateragent Punkertin – der sie für einen Mann hält – verpflichtet Susanne auf der Stelle. Nun muss sie sich dauerhaft als „Monsieur Viktoria“ verkleiden, während Viktor sie begleitet.

Die Tournee erweist sich als erfolgreich und führt Viktoria bald nach London. Dort kommt Susanne im Frack bei Frauen besonders gut an. Dann jedoch trifft sie Robert, der als „Londons berühmtester Frauenkenner“ gilt. Robert will nicht glauben, dass es sich bei „Monsieur Viktoria“ um einen Mann handelt, da er sich auf seltsame Weise zu ihr hingezogen fühlt. Robert überhört wenig später zufällig ein Gespräch zwischen Viktor und Susanne, sodass er hinter ihr Geheimnis kommt. Er denkt sich Männlichkeitsproben für Susanne auf, beispielsweise den Besuch einer Bar und das Rauchen von Zigaretten. Susanne fällt es schwer, ihre Männerrolle weiterhin glaubwürdig aufrecht zu erhalten, da sie sich in Robert verliebt hat. Ein Blumenstrauß führt dazu, dass die eifersüchtige Susanne denken muss, Robert wolle die elegante Dame Ellinor heiraten.

Viktor Hempel denkt zwischenzeitlich, er müsse ein Pistolenduell mit Roberts Freund Douglas führen und erwägt deshalb den Selbstmord. Auch macht er dem blonden Nummerngirl Lilian auf eher ungeschickte Weise Liebesavancen. Als Susanne ihre Frauenrolle als „Monsieur Viktoria“ aus Liebe zu Robert schließlich aufgibt, muss Viktor selbst als „Viktoria“ in einer Revue einspringen, um einen Vertragsbruch abzuwenden. Viktors Auftritt entwickelt sich dank seiner unfreiwilligen Komik zu einem vollen Erfolg. Robert und Susanne sowie Viktor und Lilian werden ein Paar.

Rezension

All dies zu wissen, verleitet dazu, Filme nicht mehr realistisch zu bewerten. Das gilt für diejenigen, die von den Nazis gebilligt und sogar gewollt wurden ebenso wie für diejenigen, denen man etwas Subversives zurechnet – wie eben „Viktor und Viktoria“. Der Film ist aber nur in Maßen frivol und hat wenig genderseitigen Impetus. Es gibt keine Schwulen und Lesben in ihm. Ein Mann stellt in einem Varieté-Auftritt eine Frau dar, verhält sich dabei aber eher wie ein Mann, und das wirkt komisch. Durch seine Erkältung wird er von einer Frau vertreten, die eine Frau spielt, aber jenseits der Bühne ebenfalls spielt, und zwar einen Mann – wenn auch einen mit auffallend weiblicher Note.

Es gibt aber keine Figur, die auf diesen recht weiblich wirkenden Mann aufmerksam wird, weil sie selbst homosexuell ist oder lesbisch. Vielmehr glaubt das Love Interest in London, ein klar männlich wirkender Mann, ohnehin nicht so ganz daran, dass dieser Viktor ein Mann ist und findet das durch Belauschen eines Gesprächs bestätigt. Mindestens in der Rasierszene im Friseursalon sieht auch jeder Zuschauer, dass es sich beim Ersatz-Viktor um eine Frau handelt – als sie nur im Hemd dasitzt. Renate Müller war kein androgyner Typ, wie er sich erst in den 1960ern in der Modelszene und dann als allgemeines weibliches, nach einer Theorie von homosexuellen Modedesignern, die knabenhaft wirkende weibliche Models schätzen, gefördertes Schönheitsideal durchgesetzt hat.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: Der Typ der 1920 war durchaus sehr schlank im Vergleich zu vorherigen Jahrzehnten und in der deutschen Filmszene wurde der zum Beispiel von Brigitte Helm verkörpert. 

Wirklich interessant ist daher die Barszene, in der die Reaktionen der Gäste auf die beiden eleganten Männer, von denen nur einer wirklich ein Mann ist, nicht klar zuzuordnen sind. Da wird durchaus mit Geschlechterrollen sehr virtuos gespielt und die Szene zählt sicher zu den exaltiertesten des damaligen, nicht nur des deutschen damaligen Kinos. Es gibt also hier diese Zweideutigkeit, die gutes Kino auch mal ausmachen kann, die Möglichkeit, eine Szene so oder so zu lesen, unterschwellige sexuelle Noten, die man auch im US-Kino wahrnehmen konnte, als es ab 1934 dem Hays Code unterfiel und vieles nicht mehr offen gezeigt werden konnte. Der Subtext in Viktor und Viktoria ist aber nicht so sprengstoffhaltig, dass in der Übergangszeit die Nazis diesen Film unbedingt hätten aus dem Verkehr ziehen müssen. Das kann die ganz schlichte Erklärung dafür sein, dass er keinen Restriktionen unterlag. Freilich wurde es später noch etwas enger. Inhaltlich sehr eng, aber nie ganz so prüde wie in den USA.

Wenn ich mir den Film rein technisch anschaue, ist er okay, zeigt Ankläge an Busby Berkeleys Hollywood-Revuen, besonders ein Topshot weist Ähnlichkeiten mit den grafischen Darstellungen menschlicher Körper auf, die Berkeley zu gestalten wusste und deren sexueller Kontext mittlerweile gut entschlüsselt ist. Die teilweise gereimte Sprache von „Viktor und Viktoria“ ist von unterschiedlicher Qualität, manchmal sehr nett gemacht, dann wieder vermisse ich den Kniff und den Pfiff und das gilt auch für die Darstellungen. Szenenweise ist vor allem Renate Müller reizend und Herrmann Thimig gibt sein Bestes, aber als Gegensatzpaar sind die beiden von begrenzter Wirkung und zudem ist der Film dramaturgisch und bezüglich seiner Ideenvielfalt eher schmal gebaut.

Und da fehlt eben etwas. Es fehlt dieser beherzte Schwung der großen Ufa-Filmmusicals der ersten Jahre, die Varianz in den Szenen und Musikstücken. Natürlich wird das Leben der Künstler in Berlin als bescheiden dargestellt und in London wird alles mondän und schick, aber ist das wirklich unter der Ägide der Ufa ein Statement zur schäumenden Lebenslust außerhalb Deutschlands im Vergleich zum Leben hier gewesen? Es ist auffällig, dass auch während der Nazizeit mondänere Stoffe oft in England angesiedelt waren, manchmal auch Frankreich oder die USA als Kulisse hergenommen oder das Leben dort zitiert wurde. Das gab es aber auch schon in den 1920ern, als Berlin ganz gut mithalten konnte. Jedenfalls würde ich die Funktion von London als Sehnsuchtsort der existenznotgeplagten deutschen Künstler in Viktor und Viktoria nicht überbewerten, auch wenn das Schicksal vieler Filmemigranten von Deutschland über Paris oder London in die Vereinigten Staaten führte. Manche blieben auch in England.

Der Film hat im Vergleich eine etwas kammerspielartige Gestaltung und wirkt in seinen Berliner Szenen in der Tat etwas raumeng und mir drängt sich immer wieder ein Vergleich zu einer weiteren Genderkomödie auf – Manche mögen’s heiß von Billy Wilder, der ja immerhin um 1930 auch noch in Deutschland wirkte und u. a. das Drehbuch für Reinhold Schünzels „Ihre Hoheit befiehlt“ geliefert hatte. Nun kann man einen Film von 1933 nicht mit einem von 1959 vergleichen und Billy Wilder war nun einmal ein Ausnahmeautor und –regisseur. Und wenn man sagt, „Viktor und Viktoria“ reicht nicht an „Ein blonder Traum“ oder „Der Kongress tanzt“ heran, dann hat das auch damit zu tun, dass die Ufa in ihn nicht so viel Technik gepackt hat. „Komm ein bisschen mit nach Madrid“ hat eine hübsche Melodie und noch diese Lockerheit der vor der Nazi-Zeit entstandenen Lieder, aber ein Evergreen wie „Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ („Die Drei von der Tankstelle“) oder „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ („Der Kongress tanzt“) oder „Irgendwo, irgendwann“ („Ein blonder Traum“) wurde er nicht.

Der Film hat einen Charme und auch eine bittersüße Note, aber zu Recht gehörte er lange Zeit nicht zu denen, die als herausragende Arbeiten der Ufa angesehen wurden – und dazu sollte man ihn nicht   hochschreiben, nur, weil er für die Verhältnisse der Zeit flott und inhaltlich recht offen war. Die Tiefe der Figuren und die Handlungsführung sind allenfalls durchschnittlich. Das war damals auch so üblich,  nachdem der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm in den meiste Produktionen der Zeit erst einmal das Meistern der Technik wichtiger werden ließ als die künstlerische Gestaltung.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: In Deutschland wurde der Übergang zum Tonfilm sehr schnell bewältigt und machte 1933 keine begrenzten Settings mehr notwendig. Gerade die erwähnten Ufa-Musicals belegen, dass man im Grunde das Pionierhafte und Unvollständige der ersten US-Tonfilme überspringen konnte. 

Finale

Sicher darf man „Viktor und Viktoria“ nicht heutigen Maßstäben unterziehen, aber es geht durchaus darum, das Überzeitliche zu betrachten – was ist von einem Film heute übrig, was macht ihn zu einem bleibenden Kunstwerk. „Viktor und Viktoria“ gehört sicher zu den besseren deutschen Filmen seiner  Zeit und des Filmjahrs 1933, aber er ist nicht künstlerisch oder technisch herausragend inszeniert.

Anmerkung 3 anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: Bei der Verfassung des Entwurfs hatten wir die Bewertung vergessen – ein Indiz dafür, dass wir kein ganz klares Bild hatten. Wäre der Film wirklich gesellschaftlich progressiv gewesen, hätte man ihn wohl schon 1933 oder während einer der folgenden Verbotswellen aus dem Verkehr gezogen. Nach dem Geschriebenen und der Abwägung aller Gesichtspunkte, auch der historischen Bedeutung des Films und dass er heute als „LGBTI*-Movie“ gilt, obwohl er das im Kern u. E. nicht ist, müsste sie etwa so lauten:

73/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2018)

Regie Reinhold Schünzel
Drehbuch Reinhold Schünzel
Produktion Eduard Kubat,
Alfred Zeisler,
Erich Pommer
Musik Franz Doelle
Kamera Konstantin Tschet,
Werner Bohne
Schnitt Arnfried Heyne
Besetzung

sowie: Ernst BehmerKarl HarbacherHenry LorenzenTrude LehmannRudolf PlatteEwald WenckGertrud Wolle

 


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar