Die mißbrauchten Liebesbriefe (Die missbrauchten Liebesbriefe, CH 1940) #Filmfest 1141

Filmfest 1141 Cinema

Die missbrauchten Liebesbriefe, in Deutschland Die mißbrauchten Liebesbriefe, ist ein Schweizer Spielfilm aus dem Jahre 1940 von Leopold Lindtberg mit Paul Hubschmid und Anne-Marie Blanc in den Hauptrollen. Der Film entstand nach der gleichnamigen Literatursatire aus dem Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla (1865) von Gottfried Keller.

„Mit diesem Film starten wir unsere kleine Reise durchs Schweizer Kino über die Jahrzehnte hinweg, die in den 2010er Jahren endet, diese erste Rezension widmet sich deshalb auch kurz und im Zusammenhang mit dem Film dem Schweizer Kino jener Zeit, in welcher er entstand.“ 

Das war die Einleitung, wie sie der Entwurf aus dem Jahr 2017 vorgesehen hat. Mittlerweile gibt es ein neues Blog, innerhalb dieses Blogs seit 2018 eine mehrfache Änderung der Vorgehensweise beim Zeigen von Rezensionen fürs Filmfest. Aktuell stehen wir hier in der zweiten „deutschen“ Chronologie. Diese umschließt aber den gesamten DACH-Raum, daher in Anführungszeichen. Vor allem deutsche und österreichische Filme sind in einer gewissen Phase nur schwer zu trennen, der schweizerische Film steht eigenständiger, aber wir haben uns doch entschlossen, ihn einzubeziehen – ansonsten würde es nach dem gegenwärtigen Muster noch länger dauern, bis überhaupt ein Schweizer Film anstehen würde. Dafür kommen die Filme aus der Schweiz, die wir bisher rezensiert haben, jetzt nicht in einer Reihe hintereinander. Mehr zu „Die missbrauchten Liebesbriefe“ steht nun aber in der Rezension. Sie werden es bemerkt haben: Heute müsste der Titel gar nicht in zwei Varianten wiedergegeben werden, denn nach den Rechtschreibreformen der 2000er hat Deutschland sich insofern angepasst, als hier nun nach Vokalen auch „ss“ anstatt „ß“ geschrieben wird. Aber nur nach kurzen Vokalen, Unterschiede, die die Sache kokmplizierter machen, müssen schon bleiben.

Handlung  (1)

Im schweizerischen Seldwyla, Mitte des 19. Jahrhunderts. Kaufmann Viggi Störteler, der unter dem Pseudonym Kurt von Walde schriftstellerischen Ambitionen nachgeht und bereits einige Novellen und Essays verfasst hat, muss für vier Monate nach Berlin reisen. Aus diesem Anlass plant er einen «Briefwechsel zweier Zeitgenossen: Kurt – Alwina». Dafür schreibt er seiner Frau Gritli, einer einfachen Person, die seinen literarischen Ergüssen nicht folgen kann und dabei auch gern einmal einschläft, einen wortreichen und schwülstigen Liebesbrief, den sie doch bitte geistreich, unterschrieben mit «Alwina», beantworten möge. 

Daraus solle sich ein reger Schriftverkehr ergeben, den Viggi irgendwann einmal zu veröffentlichen gedenkt. Da sie zu derlei Dingen keinerlei Bezug hat, greift Gritli zu einer List: Sie schreibt kurzerhand Viggis Brief ab, unterzeichnet mit ihrem Namen und steckt ihn kommentarlos dem jungen, scheuen Dorflehrer Wilhelm zu, der erst vor kurzen in Seldwyla seine neue Stellung angetreten hat. Der aber glaubt, dass dieser Brief der Beginn einer kochenden Leidenschaft zwischen ihm und dem jungen Mädchen werden könnte und antwortet ihr verliebt. Gritli nimmt nun dessen wohlschmeckenden Worte, schreibt sie kurzerhand ab und «verkauft» diese, nunmehr an ihren fernen Gatten gesendet, als ihre beziehungsweise «Alwinas» Antwort auf Viggis bzw. «Kurts» ersten Liebesbrief. Nun beginnt ein reger Schriftverkehr, der Viggi glauben machen lässt, dass seine literarischen Bemühungen bei seiner Frau nun doch Früchte getragen haben. 

 Jedenfalls ist er entzückt von ihren Worten. Gritli hat bei ihrer Charade Glück, denn der scheue Wilhelm belässt es bei seiner glühenden Liebespost aus der Ferne und kommt nicht auf die Idee, irgendwann einmal den nächsten Schritt zu wagen und mit ihr direkt von Angesicht zu Angesicht sprechen zu wollen. Als Viggi Störteler eines Tages nach Seldwyla heimkehrt, sieht er Wilhelm im Wald vor sich hinträumen, um ihn herum die Liebesbriefe drapiert. Wilhelm läuft davon und lässt die Schreiben zurück, die Viggi sofort entdeckt und liest. Im Nu hat er begriffen, dass man ihn veralbert hat. Zornesrot verstösst er seine Frau vor aller Mitbewohner Augen, und auch Wilhelm verliert, durch den Dorfklatsch ins Gerede gekommen, seinen Posten. 

Es dauert nicht lang, da heiratet Viggi Störteler erneut, diesmal eine glühende Verehrerin seiner Sprachergüsse. Gritlis gleichgültiges Verhalten Wilhelm gegenüber hat den verträumten und zart besaiteten jungen Mann sichtlich mitgenommen, so dass dieser sich als Weinbauer in die Einsiedelei zurückzieht. Doch Gritli hat derweil Interesse an dem Geige spielenden Schöngeist gefunden und sucht ihn, in Verkleidung, in seinem selbstgewählten Exil auf. Wilhelm ist in dem zurückliegenden Jahr reifer geworden, was Gritli sehr gefällt. Nach einem gemeinsamen Spaziergang sinkt sie in seine Arme. Dann kehren die beiden, begleitet von Seldwyler Volk, in die Gemeinde zurück.

Rezension (Anni und Tom)

Tom: 
Ich weiß nicht mehr, was es war. Wir haben in der Schule etwas von Gottfried Keller, von dem die Buchvorlage zum Film stammt, durchgenommen. Es war nicht der »Grüne Heinrich«, eher nicht »Kleider machen Leute« oder nur das eine oder andere Gedicht. Oder doch ein Ausschnitt aus »Die Leute von Seldwyla«, aus dem Zyklus, aus dem hier die missbrauchten Liebesbriefe extrahiert wurden? Komisch, dass ich im Moment immer wieder auf solche Sachen stoße. Neulich in dem Film »Her«, wo jemand professionell schöne Liebesbriefe schreibt für andere, die das nicht können und dadurch auf Cyrano de Bergerac. Und auf Leute, die irgendein Problem mit dem Schreiben haben, das nicht so leicht zu verorten ist. Es ist die Story, nicht der Stil.

Anni: Um in Übung zu bleiben, verfassen sie Rezensionen. Ich muss sagen, ich fand den Film wundervoll. Ganz ungewöhnlich irgendwie für ein deutschsprachiges Werk dieser Zeit. Ich würde sogar sagen, eine der reizendsten Liebeskomödien, die in den 1940ern in unserem Sprachraum entstanden sind. Aber es wird ja auch gerne darauf hingewiesen, dass mit Leopold Lindtberg ein Wiener Regie geführt hat und dem Film einen ungewöhnlichen Charme verlieh. Und der junge Paul Hubschmid, fesch, besonders am Ende, mit Schnurrbart. Und Anne-Marie Blanc, der erste weibliche Star des schweizerischen Films vor Lilo Pulver, wird hier wirklich großartig geführt. So schön dezent, trotz des Dialekts, der Film hat eine unglaubliche Atmosphäre aus der Zeit der Romantik, eine Feinfühligkeit, die wirklich auch bei uns selten ist.

Tom: Da steckt auch eine besondere Geschichte dahinter. Die Praesens-Film, von Lazar Wechsler 1924 gegründet, kam Ende der 1930er wirklich stark auf und erlebte in der Zeit, in der »Die missglückten Liebesbriefe« gedreht wurden, ihren Höhpunkt. In der Zeit lag auch der künstlerische Höhepunkt des Schweizer Films, der zuvor nicht so von sich reden gemacht hatte. Mit Lindtberg als Regisseur und Kurt Guggenheim als Mit-Drehbuchautor war wohl die beste Mannschaft zusammen, die damals in der Schweiz tätig war.

Anni: Ach, daher die demnach selbstreflexive Anspielung »Kurt, was für ein blöder Name«, als es um das Pseudonym »Kurt vom Walde« geht. Das ist ja über alle Erwartungen vortrefflich. Muss ich mir unbedingt merken, wenn ich mal was aus der Euphorie-Schublade brauche und nicht solche gruseligen Jetztzeitbegriffe wie „endgeil« verwenden will. Aber es gab in dem Film auch Szenen, die sind dann doch wieder typisch deutsch – zum Beispiel merkst du, wie du ganz schnell von einer Dorfgemeinschaft gedizzt wirst, wenn du einen Fehltritt begehst. Oder was in deren Augen ein Fehltritt ist. Diese hämische Hinterherlachen hat mich dann doch irgendwann gestört. Hingegen fand ich »Wilhelm in der Schule«, die Arbeit mit den Kindern, grandios. Nicht überzogen, nicht rührselig, ohne einzelnen Kinderstar, aber diese Wechselwirkung zwischen Lernen und sozialem Verhalten und dass die Kinder in der Schweiz erkennbar freier und lockerer waren als bei uns damals und dass sie von zuhause ausbüchsen, um bei ihrem Lieblingslehrer sein zu können, als der schon geschnitten wird, und am Ende – naja, »Laterne, Laterne« haben wir alle gesungen, beim Martinszug. Ein Traum.

Tom: Der vorherige Lehrer oder Schulmeister hat aber ganz andere Methoden drauf gehabt, das wollen wir mal nicht unterschlagen.

Anni: Dafür ist die Geschichte an sich doch reizend. Auch wenn ich eine Kritik an der Darstellung der Eheleute Störteler habe. Er wirkt für einen Geschäftsmann, der heimlich schreibt, etwas zu spinnert, in der Lokalszene machen sich die anderen zu deutlich über ihn lustig – wenn du so willst, der deutsche Anteil in dem Film, dieses nervige Insistieren auf etwas, was eigentlich alles andere als komisch ist, die Sache mit dem Hut, und sie, Gritli, kommt mir doch einen Tick zu unliterarisch rüber. Auch unliterarischer, als ihre Darstellerin wirkt. Ich habe dann am Ende gedacht, da finden also zwei zusammen, von denen er tasächlich solche tollen Liebesbriefe schreiben kann, sie aber nicht. Auch die Konsequenz, dass zwei Männer als artverwandte Seelen poetisch sein können, die Frauen aber eher nicht, habe ich sehr wohl bemerkt.

Tom: Du meinst, der Charme wäre noch größer gewesen, wenn man die Figuren mehr aneinander angeglichen und nicht etwas zu plump auf Kontrast angelegt hätte. Durchaus möglich, aber dann wäre auch die Scheidung eine viel subtilere Sache gewesen. Da fand ich auch, Gritli erholt sich erstaunlich schnell und kann gleich wieder befreit lachen. Vielleicht ist sie ja auch befreit gewesen, später kommen dann aber Szenen, in denen es weniger so wirkt. Warum sie getarnt mit der Freundin auf die Alm geht, erschloss sich mir auch nicht ganz und dass Wilhelm sich nicht ein bisschen für die Figur im Hintergrund interessiert – okay, plotmäßig ist der Film nicht perfekt, da hätte man über Vieles nochmal etwas genauer nachdenken können, aber Atmosphäre, größtenteils das Spiel, die recht flott vorgetragene Handlung sind weit über dem damaligen Durchschnitt. Vor allem die Sequenz mit den raschen Schnitten, die den immer mehr jagdartig wirkenden Briefverkehr symbolisieren, hat mir gefallen. Und ein Lob der Restauration. Die Musik interessanterweise nicht, aber die Sprache ist fantastisch klar, wie bei einem Nachkriegsfilm, sogar mit etwas Hall, etwa in der Kirche – und das Bild flimmert zwar noch ein wenig, nicht etwa gar nicht, wie bei französischen 4K-Restaurierungen der letzten Jahre, bei denen man denkt, der Film ist heute gedreht, nur in Schwarz-Weiß, abzüglich Setting und Kostümen natürlich, aber ich finde es hier genau passend – auch, dass man die Kontraste nicht nachträglich wesentlich verstärkt hat. Und, dass man die Handlung wirklich in den 1850ern belassen hat. Bei Nachkriegskomödien wäre zu befürchten gewesen, dass man versucht, das alles in die damalige Gegenwart zu übertragen und dabei der Atmosphäre keinen Gefallen getan hätte. Ich vergebe 7,5/10.

Anni: Ich gebe sogar 8/10, weil ich wirklich beeindruckt bin und den Effekt, von dem Film überrascht gewesen zu sein, gerne einbeziehe, auch wenn das im Grunde keine Rolle spielen darf.

78/100

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)

Regie Leopold Lindtberg
Drehbuch Richard Schweizer
Horst Budjuhn
Kurt Guggenheim
Leopold Lindtberg
Produktion Lazar Wechsler für Praesens-Film, Zürich
Musik Robert Blum
Kamera Emil Berna
Schnitt Käthe Mey
Besetzung

 

 


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