Der Lippenstiftmörder – Tatort 638 #Crimetime 1235 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Lippenstiftmörder

Crimetime 1235 – Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

Schmeiß den Schlüssel zu Badboy weg!

Der Lippenstiftmörder ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Die Folge wurde vom Südwestrundfunk unter der Regie von Andreas Senn produziert und erstmals am 27. August 2006 im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Es ist die 638. Folge des Tatorts und 38. Episode mit der Ludwigshafener Ermittlerin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Für ihren Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) ist es der 29. Fall.

„Der Lippenstiftmörder“, Fall Nummer 38 unter mittlerweile über 60 Tatorten mit Lena Odenthal, wurde gedreht, als das Team nach einer allgemein als schwächer empfundenen Phase wieder richtig anzog. Im Kern geht es um den Kampf gegen Klischees und Tratsch geht und dass jeder eine zweite Chance verdient hat, gleich, ob er vorher straffällig geworden oder Mobbing-Opfer war.

Außerdem rechnet er zu jener Variante innerhalb der Tatort-Reihe, in der die Großstadt-Cops aufs Land fahren und dort damit konfrontiert werden, dass in der Kleinstadt alle einander kennen und sich ein kaum entwirrbares Beziehungsgeflecht gebildet hat, in das sogar Zugezogene in Neubauvierteln verwickelt werden, wenn die Kinder aufs einzige örtliche Gymnasium gehen. Mario Koppers Interesse für alte Italiener wird ebenfalls herausgestellt und ausnahmsweise mit dem an jungen Frauen in Verbindung gebracht,  was Lena Odenthal zu Rückfragen ans männliche Geschlecht veranlasst. Mehr zum Film lesen Sie in der Rezension.

Handlung

Auf einem Kleinstadtbahnhof vor den Toren Ludwigshafens wird ein junges Mädchen tot aufgefunden. Mit Verdächtigungen sind die Einwohner von Angerburg schnell bei der Hand, denn zum Ort gehört die forensische Klinik Engelsried. Tatsächlich brüstet sich einer der dort in der Psychiatrie Einsitzenden, den Mord begangen zu haben – doch es ist ihm nicht nachzuweisen, dass er die Sicherheitsvorkehrungen überwinden konnte.

Und so ermitteln Lena Odenthal und Mario Kopper bei ihrem Einsatz in Angerburg auch im Umfeld des ermordeten Mädchens. Die 16-jährige Nicki hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und Florian glaubt, dass sie sich in einen anderen verliebt hatte. Womöglich traf sie sich mit ihm heimlich am Bahnhof. Der umschwärmte Volleyballtrainer Rolf Czerni ist der wahrscheinlichste Kandidat. Doch während die Kommissare Beweise gegen Czerni sammeln, beschleicht Lena das unangenehme Gefühl, dass sie dabei ist, sich vom Kleinstadttratsch irreführen zu lassen. 

Rezension

„Was findet ihr nur an diesen jungen Dingern?“, fragt Lena ihren Mario, als dieser einen Alfa Romeo als Transmissionsriemen verwendet, um sich von einer möglicherweise 25-jährigen Frau abschleppen zu lassen. Der Satz passt wunderbar, denn Lena ist in diesem Film um die 45 und bekanntlich denken in dieser Midlife-Phase viele Frauen stärker über ihre Rolle im Abgleich mit ihrem Alter, über ihre Attraktivität nach, während das bei Männern nicht so stark ausgeprägt ist. Wie eben bei Mario.

Diese Nebenhandlung, die den „Comic Relief“ des Films bietet, leitet über zur Haupthandlung: Ein Volleyballtrainer, der möglicherweise etwas mit Schülerinnen hat, seine eifersüchtige Frau, ein Mädchen, das den Vater verdächtigt, möglicherweise ein Verhältnis mit der eigenen, ebenso wie sie selbst 16-jährigen besten Freundin zu haben, ein Freund des 16-jährigen Mordopfers, der ebenfalls annimmt, sie unterhalte eine Beziehung zu einem Mann, der eine Generation über ihr steht. Aus all dem ergibt sich eine tödliche Gemengelage, und wir bekommen drastisch vor Augen geführt, wie sich Missverständnisse und unreflektierte Vermutungen zu falschen Annahmen und falschen Handlungen verdichten.

„Der Lippenstiftmörder“ ist der erste Tatort unter der Regie von Andreas Senn, der seither drei weitere Krimis dieser Reihe inszeniert hat. Auffällig gut ist das Timing in diesem Film, das lässt sich nicht nur daran festmachen, dass die witzige Nebenhandlung funktioniert, die nie zu sehr in den Vordergrund tritt und genau an den richtigen Stellen für kurze Entspannung sorgt. Auch die Dialoge nach dem Buch von Christoph Darnstädt sind flüssig und wirken echt, und das durchgängig. Alles, was wir hier sehen, ist nicht aufregend oder extravagant, aber solide und bis auf einige Details schlüssig. Ein größeres Handlungsproblem gibt es durchaus, nämlich die fehlende Auflösung, wie Holly aus der so überragend abgeschirmten Sicherungsverwahrung fliehen konnte. Doch mithilfe von Frau Cerni, mit welcher er anfangs vielsagende Blicke tauscht? Der Wäschewechsel wird doch gut überwacht.

Einer der besten Momente des Films aber basiert gerade auf diesem unerklärten Freigang: Dass Holly sich eben nicht Caroline vergreift, sondern seinen Bad-Boy knapp im Zaum halten kann. Sehr knapp, wie wir sehen, doch als die beiden schließlich nebeneinander sitzen, hat man schon das Gefühl, dass alles gutgehen wird. Klasse natürlich im Anschluss das Bild, als Caro an eine Mauer gelehnt sitzt, Lena Odenthal auf sie zugeht und nicht weiß, ob das Mädchen noch lebt. Wir waren zu 90 % sicher, dass dem so ist, aber die Anspannung stieg trotzdem, was eben der präzisen Inszenierung zu verdanken ist, die dramaturgisch-visuell keine Wünsche offen lässt. Der kleine Bahnhof als Ort des Rückzugs aus einer kleinen Welt, als Symbol des Traums von der Ferne, ist ebenfalls klasse und sehr nachvollziehbar.

Schön sind auch die Charaktere gezeichnet, wobei man Dirk Borchardt als Rolf Cerni und Ole Puppe als Holly hervorheben muss. Vor allem letzterer wirkt als einsitzender Sexualmörder sehr präsent, profitiert dabei natürlich davon, dass in diesem Tatort das Psychologische einmal nicht am Küchentisch, sondern möglicherweise tatsächlich unter Zuhilfenahme eines Lehrbuches wie jenem, in das sich Holly gerne vertieft, entwickelt wurde. Wie auf einfache Weise erklärt wird, dass mancher als geheilt gilt, der etwas vorgaukeln kann und anderen nicht getraut wird, weil sich nicht so verhalten, dass eine Heilung als Prozess erkennbar wird, muss nicht genau realitätsgetreu sein, aber es wirkt differenziert. Es vermittelt, dass Klischees über Sexualstraftäter, die wieder in die Welt außerhalb der Sicherungsverwahrung treten, zu Fehlschlüssen führen können. Sogar der Anstaltsleiter wird von seiner eigenen, falschen Wahrnehmung eingeholt, obwohl er sicher nicht von Vorurteilen gesteuert wird und auf den Einzelfall eingehen kann. Das Gegenstück, das als Botschaft in dieselbe Richtung zielt, ist der ganz normale Frauenschwarm Cerni, der immer im Verdacht steht, sich an Teenagern zu vergreifen und das nicht widerlegen kann. Deswegen musste er schon einmal sein Leben neu erfinden und wehrt sich jetzt dagegen, wieder zum Buhmann zu werden. Seine eigene Frau ist ihm dabei keine große Hilfe.

Das sind, zusammengenommen, starke Aussagen, weil sie sich gegen ganz starke Strömungen richten, die einerseits auf unseren klassischen Annahmen beruhen, wie der, dass Sexualmörder immer wieder morden werden, also auf einer traditionellen Einstellung, andererseits dagegen, dass Männern, die freiwillig, gerade im Sport, mit jungen Frauen arbeiten, generell unterstellt wird, dass dabei eine sexuelle Komponente im Spiel ist.

Man wundert sich mittlerweile beinahe, dass es noch männliche Trainer von Frauenmannschaften gibt. Körperertüchtigung mit entsprechendem Hormonausstoß und in knapper Bekleidung ist in der Tat weniger leicht von sexuellen Konnotationen zu befreien als der Berufsalltag, wenn sich dort alle Personen strikt nach den mittlerweile geltenden Verhaltens- und Dresscodes richten. Aufgrund unserer eigenen, schon etwas zurückliegenden Trainererfahrung sind wir aber zustimmend zum Tenor des Films der Meinung, dass es sehr wohl möglich ist, die gebotene Distanz zu wahren. Ob es dabei hilfreich ist, viel Muskelbepackung zu zeigen und schön tätowiert zu sein, dessen sind wir uns nicht sicher, aber natürlich wird auch bei Rolf Cernis Optik mit Klischees gespielt – spiegelbildlich zu freizügiger Kleidung junger Frauen.

Ausgerechnet der Täter wird nicht sehr deutlich skizziert, was aber dabei hilft, dass man sich nicht zu früh auf ihn festlegt. Das Wenige, was man über ihn weiß, stammt einerseits von Mario Kopper („Waschlappen!“) oder von kurzen Einblicken in seine Umwelt, und dass er aus einer anderen Schicht stammt als seine Freundin, die er tötet oder deren Freundin, von denen die eine aus einem sachten, intakten Apothekerhaushalt kommt, die andere aus einer an mangelnder Zeit und Emotion halbierten Familie, der Vater ist Architekt. Das Gesellschaftspanorama als solches gewinnt mehr Klarheit und Eigendynamik als in vielen ähnlichen Filmen. Wenn im Norden Frau Lindholm aufs Land fährt, trifft sie meist auf dermaßen überzeichnete Figuren und Situationen, dass man an den in grellem Dunkelgraubraun gepinselten, gruseligen Dorfgemeinschaften kaum die eigene Realitätsbeobachtung schulen kann. Selbst die Tatsache, dass Dorfpolizisten Teil des Ganzen sind, das die Städter unter Beobachtung nehmen, wirkt in „Der Lippenstiftmörder“, Dialekt hin oder her, nicht oder weit weniger diskriminierend, 

Finale

Ein seriöser, aber nicht humorfreier Tatort, dessen Erschaffer ihre Figuren ganz offensichtlich mögen, wenn  man vom Täter, diesem Waschlappen, absieht, der alle negativen Emotionen auf sich ziehen darf, obwohl man ihm glaubt, dass er seine Freundin oder Ex nicht umbringen wollte. Dass er das tut und Kopper ihn mit Verbalinjurien belegen darf, ist gar nicht untückisch, und wir sind sicher, dass Regisseur und Drehbuchautor diesen doppelten Boden bewusst eingezogen haben und auch da mit Klischees gespielt haben. Labile, verzogene Weicheier, die nichts, auch ihre Emotionen nicht, so richtig unter Kontrolle haben. Ja, ja.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2024: Die Angaben aus dem Entwurf wurden unverändert übernommen. Wir korrigieren deshalb in diesem Nachtrag folgende Daten: Lena Odenthal kommt mittlerweile auf 79 Fälle, Mario Kopper ging 2018 aus der Serie ab und kam auf 57 Fälle. Andreas Senn hat mittlerweile 7 Tatorte inszeniert.

8/10

© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Andreas Senn
Drehbuch Christoph Darnstädt
Produktion
Musik Stephan Massimo
Kamera Ralf Nowak
Schnitt Sabine Garscha
Premiere 27. Aug. 2006 auf Das Erste
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 


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