Filmfest 1272 Cinema
Von Frankenstein und Dracula ins alte Ägypten
Die Mumie ist ein US-amerikanischer Horrorfilm aus dem Jahr 1932. Regie führte Karl Freund, die Hauptrolle spielte Boris Karloff.
Nach der Etablierung des Tonfilms und dank der speziellen Ausrichtung des Hollywood-Studios Universal Pictures erlebte der Horrorfilm zu Beginn der 1930er Jahre eine Blütezeit, beinahe wie das alte Ägypten unter Ramses II. Bis heute sind die dabei entstandenen Filme auf ihre Weise unübertroffen.
Handlung (1)
m Jahr 1921 stößt eine Gruppe von Archäologen unter der Führung von Sir Joseph Whemple auf das Grab des Hohepriesters Imhotep. Offenbar wurde er für ein schweres Vergehen mit einem Fluch belegt, denn er wurde lebendig mumifiziert, und sämtliche Hieroglyphen wurden von seinem Sarkophag entfernt. In dem Grab befindet sich auch die legendäre Schriftrolle des Lebens, mit der die Göttin Isis ihren Gemahl Osiris von den Toten erweckt haben soll. Als sich Ralph Norton, der Assistent von Sir Whemple, an die Übersetzung der Schriftrolle macht und dabei einige Passagen laut liest, erweckt er die 3700 Jahre alte Mumie zu neuem Leben. Bei diesem Anblick verliert Norton den Verstand. Als Whemple und sein Partner Dr. Muller, angelockt von Nortons hysterischem Lachen, ins Zelt stürzen, sind die Mumie und auch die heilige Schriftrolle verschwunden. (…)
Rezension
Linien kann man sowohl zu den im Vorjahr entstandenen Universal-Filmen „Dracula“ und „Frankenstein“ ziehen als auch zum deutschen expressionistischen Film der 1920er Jahre, der maßgeblich an der Entwicklung von Stoffen und deren bildlicher Umsetzung beteiligt war, bei denen man sich im Kino so richtig gruseln konnte. Gerade die frühen Universal-Filme haben auch eine poetische Ader und offerieren uns die Schönheit und Erhabenheit des Grauens.
Besonders gilt dies für „Die Mumie“, den wir in einer perfekt restaurierten und sogar neu synchronisierten Fassung erleben durften. Dadurch wirken die Bilder beinahe unnatürlich satt und flimmerfrei, so schön, wie Kinozuschauer sie niemals zu sehen bekamen. Dies steigert die Faszination für den Film verblüffenderweise – wir haben uns eben daran gewöhnt, dass alte Filme heute ziemlich neu wirken können (von den technischen und stilistischen Merkmalen ihrer Entstehungszeit natürlich abgesehen), wir erwarten es beinahe, dadurch, dass sich in Deutschland das Filmmuseum München oder die F. W. Murnau-Stiftung, in den USA die Studios, in denen die Filme entstanden sind oder deren Rechtsnachfolger um die Traditionspflege kümmern (oder Institutionen, die Spezialisten z. B. für die Stummfilmrestaurierung wie Lobster beauftragen, Anm. 2025).
Friedrich Wilhelm Murnau ist auch ein guter Ansatzpunkt, um in „Die Mumie“ einzusteigen. Karl Freund war nicht dessen Haus-Kameramann, sondern Fritz Arno Wagner, Karl Freund hat aber auch für ihn gearbeitet, u. a. in „Der brennende Acker“ (1922) – und er war für die Kamera-Arbeit in „Der letzte Mann“ verantwortlich (1925). Was ihn aber über die meisten Kollegen seiner Zeit heraushebt ist, dass er „Metropolis“ von Fritz Lang bebildert hat (1927). Im Jahr 1929 emigrierte Freund in die USA und war 1931 für die Kamera von „Dracula“ verantwortlich, später gewann er den Kamera-Oscar für „Die gute Erde“ 1937.
Einige Male führte Karl Freund aber auch Regie, zum ersten Mal in „Die Mumie“, der eine beinahe lyrische Anmutung hat und das Unbewusste und das Monster, die lebendige Mumie, gleichermaßen differenziert auf den Bildschirm bringt – und sehr viel kontrastreicher mit hellen und dunklen Passagen als die meisten Kameraleute der frühen Tonfilmzeit. Die sensible Hand, die Freunds europäischer Filmtradition entspricht, ist jederzeit spürbar.
Zu „Dracula“, bei dem er unbestätigt und ohne Erwähnung teilweise die Regie übernommen haben soll, gibt es auch inhaltliche Verbindungen – der Plot ist ähnlich gestaltet in der Form, dass Untote Macht über Lebende gewinnen. Ob daraus geschlossen werden kann, dass Freund Todd Browning, den Top-Horror-Regiseur von Universal, toppen wollte, wie es in der instruktiven Kritik auf „Die besten Horrorfilme“ angenommen wird, wissen wir nicht, empfehlen diesen Text aber zur Vertiefung.
Wir konzentrieren uns hingegen auf die Verwendung der ägyptischen Mythologie und Geschichte für „Die Mumie“ (der einzige der Universal-Klassiker, der nach einem Original-Drehbuch verfilmt wurde und nicht auf einem Stück oder Buch beruhte).
Imhotep ist die lebende Mumie, ein hochgestellter Mann und Freund des Pharao, dann Verräter. Gelebt hat er nach der Darstellung des Films im mittleren Reich, und die Idee zum Film ging wohl auf den von einer französischen Expedition 1886 gefundenen „Mann E“ im Tal der Könige zurück, der anders balsamiert war, als es den ägyptischen Riten entsprach. Als habe man einen hochgestellten Mann absichtlich um die ewige Ruhe im Jenseits bringen wollen. Dieser „Mann E“ beschäftigt die Wissenschaft noch heute, man ist aber sicher, es war nicht Imhotep. Dieser ist historisch verbrieft, lebte aber zur Zeit des alten Reiches und tat sich dort als Gelehrter und Architekt hervor und war so innovativ, dass im Laufe der Zeit ein Kult um diesen „ersten Universalgelehrten“ entstand.
Etwas von der Kultiviertheit, die der Mann zweifellos besaß, strahlt auch Boris Karloff als „Die Mumie“ alias Imhotep alias Ardath Bey aus, was ein Anagramm auf „Death by Ra“ darstellt. Aber im alten Reich gab es die Kunst der Mumifizierung noch nicht, das ist das Hauptargument, warum „Mann E“ nicht Imhotep sein kann. Außerdem gibt es keine Anzeichen dafür, dass Imhotep und der Pharao Dioser, dem er diente (und dessen Bruder er möglicherweise war) in Konflikt miteinander geraten sind. Allein seine Überlieferung belegt das Gegenteil. Denn „Mann E“ wurde auch seiner Identität beraubt, bekam keine der magischen Sprüche fürs Jenseits mit. Alles, was auf ihn hindeutete, wurde sorgsam entfernt, sodass erst das Rätsel um seine Identität entstehen konnte. Das jemand, der zwar ins Jenseits gelangt, dort aber keine Ruhe finden kann, weil ihm die rituellen Möglichkeiten dazu verwehrt werden, als Untoter in den 1920er oder 1930er Jahren wiederkehren könnte, ist filmisch eine gute Idee, die ebenfalls sehr an den Vampirmythos von Graf Dracula aus Transsilvanien erinnert.
Eine National Geographic-Dokumentation aus dem Jahr 2007 verfolgt den wissenschaftlichen Prozess um die Enträtselung der Mumie auf so spannende Weise, dass sie fast an den im Anschluss gezeigten Film aus 1932 herankommt, und gibt den Stand der Forschung wieder: Nämlich, dass es sich um einen Königssohn aus dem Hause des Ramses III. gehandelt haben könnte, der an einer Intrige gegen den Pharao beteiligt war, gezwungen wurde, sich zu vergiften und dann auf diese anti-rituelle Weise bestattet wurde.
Gemäß obiger Darstellung lebte Imhotep in einer Zeit, die weiter zurückliegt als jene 3700 Jahre, die im Film genannt werden, aber die Leiche, welche die Idee für den Film hergab, stammt sehr wohl aus dem mittleren Imperium, das zu jener Zeit, 1700 vor Christus, herrschte.
Im Film ist die Untotenstellung der Mumie darauf zurückzuführen, dass er eine an schwerem Fieber verstorbene Prinzessin mithilfe einer heiligen Formel versucht hat, ins Leben zurückzuholen, was einen unverzeihlichen Frevel darstellt. Er wird sogar lebendig einbalsamiert und erstickt – einen solchen Tod nahm man ursprünglich wegen des verzerrten Gesichtes auch für den „Mann E“ an, und diese Variante war zu dem Zeitpunkt, als der Film entstand, noch Stand der Forschung.
Die weibliche Hauptdarstellerin in „Die Mumie“, Zita Johann, welche die Reinkarnation der Prinzessin im 20. Jahrhundert spielt, soll Freund als unfähigen Regisseur bezeichnet haben – ob das stimmt, muss man differenziert betrachten. Visuell und wie er den vom Meister-Maskenbildner Jack Pierce „gestalteten“ Imhotep in Szene setzt, hat Freund erstklassige Arbeit geleistet. Die Handlung ist im Stil der Zeit rasch und schnörkellos gefilmt, denn jeder Filmmeter war gerade bei einem Studio wie Universal, das damals noch nicht zu den Reichen zählte, kostbar. Freund kommt mit weniger Schockeffekten aus, als in anderen Horrorfilmen, insbesondere in „Frankenstein“ zu bewundern sind, dafür weist die Arbeit eine für jene Zeit hohe künstlerische Geschlossenheit auf – und ist, wie oben erwähnt, sehr stimmungsvoll.
Die Schauspieler sind nicht aus der ersten Reihe, wenn man ihren Status als Hollywood-Stars betrachtet – auch das ist typisch für ein Studio, das sich nicht bis in die kleinste Nebenrolle mit Stars eindecken kann. Ob deren eher durchschnittliche Leistung aber die Grenzen ihres Vermögens spiegelt oder eine schwache Führung durch Freund, der ja vor allem Bildgestalter war – oder ob es der großartigen Leistung Boris Karloffs zu verdanken ist, dass wir das Gefühl haben, die anderen Darsteller bleiben zurück, ist Sachfrage. Es ist jedenfalls so, dass der Film jenseits des großen und hier sehr würdevoll wirkenden Schauspielers, der nie die Stimme erhebt, die Leistungen nicht herausragen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025: Ob es nicht ohnehin so gedacht war, dass Karloff in dem Film nicht spricht, wissen wir nicht, aber technisch gesehen war der Grund dafür, dass seine Maske zu hart war, er konnte den Mund damit nicht bewegen.
Was die Universal Studios angeht, würden wir heute etwas mehr differenzieren, die Filme waren seinerzeit generell kürzer als in späteren Zeiten; Ausnahmen gab es aber auch kurz nach der Einführung des Tons schon.
Finale
„Die Mumie“ ist nach „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, der hervorragenden Verfilmung von 1931, der zweite bzw. dritte Horrorfilm der klassischen Ära, den wir rezensieren (der dritte, wenn man die Jekyll-Verfilmung „Arzt und Dämon“ von 1941 dazurechnet). An „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ kommt „Die Mumie nicht ganz heran“, dennoch ist dies ein visuell und philosophisch sehr interessanter Film, den in der restaurierten und in gepflegtem Deutsch synchronisierten Version anzuschauen, viel Spaß gemacht hat: 7,5/10.
Es gibt viele Folgefilme, auch in den 2000er Jahren hat man sich des Themas angenommen – diese Werke kennen wir noch nicht und können daher noch nicht vergleichend rezensieren.
Vergleichend könnten wir auch heute nicht rezensieren, weil wir uns bislang nicht zu Filmmumien-Spezialisten entwickelt haben. Der Entwurf für die Rezension zeigt keine Bewertung. Nach dem Durchlesen hätten wir unsere Ansicht von damals mit etwa 70/100 eingeschätzt. Genau dies ist auch die aktuelle Durchschnittsbewertung des Films in der IMDb (Stand März 2025). Unsere nachträglich vergebene Punktzahl:
72/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Karl Freund |
|---|---|
| Drehbuch | Nina Wilcox Putnam Richard Schayer John L. Balderston |
| Produktion | Carl Laemmle Jr. |
| Musik | James Dietrich |
| Kamera | Charles Stumar |
| Schnitt | Milton Carruth |
| Besetzung | |
|
|
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

