Filmfest 1367 Cinema – Die große Rezension
Ein kurzer Film über das Scheitern
Gewagtes Alibi (Originaltitel: Criss Cross) ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Film noir von Robert Siodmak aus dem Jahr 1949.
Man stecke alle alten Schwarz-Weiß-Krimis in einen Begriffstrichter und heraus kommen ausschließlich Films noirs. Unsere Zeit will einschließend sein, nicht abgrenzend oder gar ausgrenzend und was dabei herauskommt sind aufgeblähte Kategorisierungen.
Anders bei „Criss Cross“, wie der Film im Original heißt, wörtlich übersetzt „Über Kreuz“, aber wohl eher im Sinn von „Durchkreuzt!“ gemeint. Durchkreuzt werden nämlich alle Absichten und Träume von Steve Thompson, dem Geldtransportfahrer, der auf magische Weise von Burt Lancaster verkörpert wird.
„Criss Cross“ ist ein prototypischer Film noir, in dem man beinahe alles exemplarisch beobachten kann, was einen echten Film der Schwarzen Serie ausmacht.
Handlung (1)
Steve und Anna treffen sich heimlich nachts auf dem Parkplatz einer Rumba-Bar, in der Annas Mann, der Gangster Slim Dundee, auf sie wartet. Sie versichern sich gegenseitig, dass sich nach dem morgigen Tag alles zum Guten wenden werde. Anna geht zurück in die Bar, Steve folgt ihr in einigem Abstand. In der Bar trifft Steve auf seinen alten Freund, Polizeileutnant Pete Ramirez, der ihn vor einer Konfrontation mit Dundee warnt. Steve ignoriert Ramirez’ Warnung und liefert sich eine Schlägerei mit Dundee, die sich später als Ablenkungsmanöver entpuppt: Steve und Dundee sind, trotz ihrer gegenseitigen Abneigung, Partner im geplanten Überfall auf einen Geldtransport. Am nächsten Morgen erinnert sich Steve, der den Geldtransporter steuert, während der Fahrt an die vorangegangenen Ereignisse.
Nach mehreren Jahren kehrt Steve nach San Francisco zurück, das er verlassen hatte, nachdem seine Ehe mit Anna gescheitert war. In der Rumba-Bar, die sie früher regelmäßig besuchten, trifft er auf Anna. Sie ist inzwischen mit dem berüchtigten Gangster Dundee liiert, dennoch verfallen die beiden wieder einander. Bald darauf verschwindet Anna spurlos; als Steve ihr erneut begegnet, ist sie mit Dundee verheiratet. Sie erklärt ihre Heirat mit der massiven Ablehnung seitens Steves Mutter und seines Freundes Ramirez, der Anna sogar drohte, sie unter einem Vorwand verhaften und einsperren zu lassen. Steve und Anna beginnen ihre Affäre erneut, obwohl Anna, wegen ihrer beider Mittellosigkeit und Dundees notorischer Gewalttätigkeit, keinen Sinn in dieser sieht. Als Dundee in Steves Haus auftaucht, gibt Steve vor, er habe nur Kontakt mit Anna aufgenommen, um Dundee treffen zu können. Steve schlägt ihm vor, einen Geldtransporter, den er fährt, zu überfallen und sich die Beute zu teilen. Dundee erklärt sich einverstanden, und sie einigen sich auf Anna als Bote für Steves Anteil. Steve verabredet mit Anna, dass sie nach dem Überfall Dundee verlassen und mit Steves Anteil in einer Hütte in Palos Verdes auf ihn warten soll. (…)
Rezension
Ganz wichtig ist das Element der Vorbestimmung. Man könnte sich fragen, wie kommt ein so netter, rechtschaffener Kerl wie dieser Steve dazu, einem schmierigen Unterweltler wie Slim Dundee eine Komplizenschaft anzudienen, ja, ihm sogar den Vorschlag für einen Coup zu machen, in dem er seine eigene Aufgabe, seine Firma, seinen mitfahrenden Kollegen verrät? So etwas ist doch ebenso unmöglich wie der Überfall auf einen gepanzerten Geldtransporter ohne Mithilfe „von innen“, also aus diesem gut geschützten Fahrzeug heraus.
Es ist eine Frau, die das alles bewirkt, und damit das zweite wichtige Element des Film noir: Die Femme fatale. Sie muss nicht komplett bösartig sein, wie in „Frau ohne Gewissen“ („Double Indemnity“) aus 1944 oder auch nur ungeheuer berechnend, aber sie löst alles aus, was die Männer ins Verderben führt. Und das kommt nicht einfach so, sondern, weil das Schicksal es will und immer gewollt hat. Um diese Bestimmung hervorzuheben, erleben wir in „Criss Cross“ das dritte kennzeichnende Element des klassischen Film noir: Die Narration durch die Hauptfigur selbst, die am besten in einer Handlung beginnt oder ausschließlich in einer Handlung stattfindet, die den Film rahmt. In „Criss Cross“ zieht sie sich durch und Steve wendet sich sogar direkt ans Publikum, wenn er fragt „Kennen Sie das? (…)“. Er suggeriert uns damit, dass das, was ihm widerfahren ist, uns alle angeht, uns allen passieren kann, und er steigert damit die Identifikation des Zuschauers mit sich und seinem Schicksal, die (-> Lancaster) ohnehin hoch ist, ins beinahe Unerträgliche. Wir sind mittendrin, nicht nur dabei. Wir erleben alles auf die höchst subjektive Weise wie Steve, es gibt keine Distanz mehr zwischen unserer eigenen Anschauungswelt und der seinen, die von unserer in der Realität, wenn der Film zu Ende ist, doch wieder erheblich abweicht.
Dabei spielt es keine Rolle, ob wir selbst an das Schicksal oder die Vorbestimmung glauben, es reicht, dass dieser nette Junge daran glaubt, um ihn zu verstehen und mit ihm zu leiden, wenn er sich selbst aufs Glatteis führt. Als wäre das nicht genug, wird ihm noch die Figur des Polizisten Ramirez als Freund beigegeben, der ihn retten will.
Wir sehen also, Thompson ist der Freundschaft wert, ist nicht allein. Aber er ist auch so besessen von jener Femme fatale namens Anna, gespielt von Yvonne De Carlo, dass Ramirez ihm nicht helfen kann. Wir wissen aufgrund der Rahmenhandlung von Beginn an, dass es nichts wird mit Saving Goodguy Steve, aber zu sehen, warum es nicht klappt, dies spannend zu finden, darauf verlässt sich der Film ganz und gar und schafft dadurch eine Dichte und Stringenz im Rahmen und durch die Rahmung, welche die Vorherbestimmung geradezu sogartig wirken lässt. Ramirez macht allerdings auch einen Fehler, den viele Männer machen, die auch ein klein wenig eifersüchtig sind auf ihre Freunde oder auf die Frauen ihrer Freunde: Er macht Anna runter.
Es ist richtig, dass er Steve helfen will, aber es ist falsch, die Probleme an Annas schlechtem Charakter festzumachen, denn an ihre Verdorbenheit glaubt Steve nun einmal nicht, und wenn jemand etwas partout nicht glauben will, insbesondere, wenn er eine obsessive Beziehung zu einer anderen Person entwickelt hat, ist Hopfen und Malz verloren. Hätte Ramirez mehr auf Logik gesetzt und nicht so sehr aufs Moralische, hätte er möglicherweise Erfolg gehabt. Allerdings nicht mit Sicherheit, wenn er nicht einen zweiten Fehler nicht ebenfalls vermieden hätte: Nämlich sich mit Steves Mutter ins Benehmen zu setzen und mit ihr gemeinsam Anna zu vertreiben oder sie dazu zu veranlassen. Ein liebestoller Mann mit einem wuchtigen, monolithischen Charakter wie Steve fühlt sich dadurch erst recht angespornt. Auch deswegen ist Lancaster die Idealbesetzung: Sein Auftritt, seine Körperlichkeit, die wir in einer Szene im straffen Unterhemd bewundern dürfen (Wiederholungen sind verführerisch wie eine Femme fatale, wenn etwas damals Gewagtes funktioniert hat, siehe Lancasters Debüt in „The Killers“), seine kantige Physiognomie, sein dezidiertes Lachen, das alles passt zu seiner Rolle absolut perfekt und transportiert außerdem einen Teil der Erotik zwischen ihm und Anna.
Diese ist viel ausgeprägter als in den meisten anderen Films noirs, obwohl die Szenen zwischen den beiden gar nicht so eng sind. Der Trick ist die Inszenierung der Wiedersehenszene in der „alten Stammkneipe“, diesem Club mit teilweise zwielichtigem Publikum, in den Steve immer wieder zurückkehrt, nachdem er jahrelang aus der Stadt war, um Anna zu vergessen – zurückkehrt, um sie zu suchen. Wenn jemand nicht vergessen kann und das Schicksal ihn zum Wiedersehen treibt, dann muss man nicht das riesige L. A. absuchen, wenn man immer dort abhängt, wo ein Wiedersehen recht wahrscheinlich ist. Steve steht im Türrahmen und sieht Anna mit einem jungen Mann tanzen, der zufällig Tony Curtis heißt, aber der Hingucker ist nicht etwa der spätere Star, der auch mit Burt Lancaster zusammen um die Wette gespielt hat, etwa 1956 in „Trapeze“ oder 1957 in „Sweet Smell of Success“, sondern Anna. Wie sie sich zur heißen kubanischen Rhythmen des Bandleaders Esy Morales bewegt, ist für damalige Verhältnisse gewagt, zeitweise wird sie in einem Beinahe-Topshot gefilmt, der sie besonders verführerisch wirken lässt. Steves starrer Blick auf sie ist großes Kino, er steht mitten in dem sich bewegenden Publikum, unübersehbar, aber nicht wie ein Fels, sondern wie ein zu Stein gewordenes Monument der Faszination und mit großer körperlicher Spannung beherrschten Begehrens. Wir kennen keinen heutigen Schauspieler, der eine solche Mischung aus Virilität, Willenskraft bei erkennbarem Mangel an innerer Distanzierung, wo sie geboten wäre, mit einem einzigen Ausdruck darstellen kann. Die Macht des Schicksals ist so greifbar und die physische Anziehungskraft der Hauptdarsteller trägt dazu erheblich bei. Das ist eine humanistische Spielform von „fatal“, denn wer hat in einem solchen Moment die Schuld daran, dass die Dinge sich verdüstern werden? Auch Ramirez thematisiert die Unmögilchkeit einer eindeutigen Verurteilung in einer anderen Szene und macht sich zudem Selbstvorwürfe, als Freund versagt zu haben.
Die weiteren Figuren, das wurde dem Film auch von zeitgenössischen Kritikern angekreidet, sind nicht sehr gut ausgeformt, sondern Stereotypen. Das stimmt in der Tat, sie sind Gangster ohne Skrupel und verhalten sich so, oder sie sind einfach nur Randfiguren. Aber wir nehmen einen anderen Blickwinkel ein und finden es beachtlich, dass die wichtigen Figuren so gut ausgeleuchtet werden. Man kann in knackigen 82 Minuten nicht alles haben, zumal kurioserweise ebenjene Kritiken auch die Langsamkeit des Films bemängelt haben – allerdings bei widersprüchlichen Aussagen innerhalb der Kritik. Wir wissen nicht, welche Vorbilder die Kritiker im Kopf hatten, was ein schnell gefilmtes Sujet sein soll, aber viel schnörkelloser und immer am Ball bleibend kann ein Krimi kaum inszeniert werden. Die modernen Actionfilme, bei denen hinter dem Geballer und den Explosionen jedewede Charakterzeichnung zurücktritt, haben Filmbeobachter des Jahres 1949 nicht im Blick haben können.
Was „Criss Cross“ ein wenig hinter einige der ganz großen Klassiker zurückfallen lässt, ist nicht ein Mangel an Noir-Feeling, gewiss nicht – sondern, dass sein Plot, möglicherweise der Kürze geschuldet, ein paar Fragwürdigkeiten aufweist, mithin, der Film ist kein perfekter Krimi. Ein zentraler Punkt dreht sich dabei um den Coup. Warum, wenn es gegen die Vorschrift ist, fahren Steve und sein älterer Kollege und Freund namens „Paps“ zu zweit los und bestimmen das auch noch selbst, nachdem ein fingierter Anruf den dritten Fahrer aufgehalten hat? Der Anrufer behauptet, die Frau des Mannes sei plötzlich erkrankt, und wir erfahren zuvor, wie sehr der Mann an seiner Frau hängt. So etwas kann vorkommen,und es wäre unmenschlich, wenn er trotzdem fahren müsste, es würde vielleicht auch seiner Konzentration schaden. Begründet wird die Missachtung der Vorschrift im Grunde mit der Eile des Transportes. Wie Steve immer wieder aufs Tempo drückt und Paps sich fügt, auch wenn ihm immer wieder mulmig ist, hat uns ein wenig an das Kaninchen in „Alice im Wunderland“ erinnert, das nie Zeit hat, aber auch nicht richtig weiß, warum. Der Transport soll wohl zu einer bestimmten Uhrzeit am Bestimmungsort sein, damit die an Bord befindlichen Lohngelder ausgezahlt werden können und natürlich muss Steve die Verabredung mit den Komplizen einhalten, aber Letzteres ist eine verborgene Motivation, von der niemand anderes weiß.
Ansonsten ist das Risiko im Vergleich zu einer kleinen Verspätung viel zu hoch, wenn ein Mann weniger als vorgeschrieben im Panzerwagen mitfährt. Es hätte so laufen müssen, dass ein Bereitschaftsfahrer, und solche gibt es diesen solchen Hochsicherheitsunternehmen selbstverständlich, informiert worden wäre, und bis dieser eintrifft, hätte man eben warten müssen. Eine große Firma konnte es sich damals vielleicht sogar leisten, immer jemanden vorzuhalten, der sich bereits an Ort und Stelle befindet, falls es zu einem Ausfall kommt, sodass nicht einmal ein wesentlicher Zeitverlust zu beklagen gewesen wäre. Zudem gehört es zu den Usancen solcher Transporte, sich nicht zu ausrechenbar zu machen, man nimmt also nicht immer dieselbe Route zur gleichen Zeit.
Ein weiteres Problem stellt der von Slim beauftragte Typ im Krankenhaus dar. Wie ist es ihm gelungen, sich dem Klinikpersonal gegenüber als Mann einer bei einem Autounfall schwer verletzten Frau glaubhaft zu machen? Hat man tatsächlich einen Unfall provoziert und dabei eine Frau absichtlich schwer verletzt? Die Krankenschwester, die wir sehen, war wohl nicht involviert. Das klingt unglaubwürdig. Dass Steve es dem Mann erleichtert hat, sich seiner zu bemächtigen, ist wiederum in Ordnung, Steve ist eben doch jemand, der etwas zu leicht vertraut, wie wir in einer späteren Szene sehen werden.
Der Film nimmt sich nicht die Zeit, diese Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, aber die Atmosphäre und die Zugewandtheit des Zuschauers beeinträchtigt das kaum, auch unsere nicht, obwohl wir aufgrund der Arbeit für die TatortAnthologie mittlerweile daran gewöhnt sind, Plots auf Schwachstellen abzuklopfen und uns immer mal wieder ärgern, wenn riesige Logiklöcher mit Inszenierungen gestopft werden sollen, die immer mehr zum Bombastischen tendieren und eben nicht jene klaren Struktur aufweisen, die „Criss Cross“ auszeichnet.
Geärgert haben wir uns auch ein wenig, nämlich in der Schlussszene. Vorausgeschickt sei, dass „Criss Cross“ zu den Vätern, den Erzeugern unserer Kinoleidenschaft gehört, denn er war nach unserer Erinnerung der erste Film noir oder doch einer der ersten, die wir im Fernsehen anschauen durften.
Damals haben wir die Charaktere nicht so hinterfragt wie heute, deswegen wäre uns nicht aufgefallen, dass man Anna am Ende beraubt hat. Vor dem Finale im Haus am Meer wirkt sie selbst eher wie ein Opfer der Umstände, ist nicht sehr stark, will ihren Teil vom Leben, aber sie treibt Steve nie zu Untaten, auch nicht versteckt, sondern ist eher entsetzt über die Wendung, die alles nimmt. Sie ist keine fatale Frau von dämonischer Wesensart, sondern, weil sie hübsch ist, eine starke erotische Ausstrahlung hat und die Männer sie so wild begehren wie Steve. Sie lässt sich zu sehr in die Dinge hineintreiben, das ja. Doch in der letzten Szene will sie abhauen und wird als raffgierige kleine Ratte gezeigt, der Steve am Ende gleichgültig ist. Wir sind uns nicht sicher, ob das nicht von der Zensur so gewollt war, um Gut und Böse nach damaligen Maßstäben besser scheiden zu können, wo doch Steve schon unsere Sympathie hat, obwohl er einen Raub mitbegangen hat und am Tod seine guten, alten Paps die Mitschuld trägt, obwohl er Slim eingeschärft hatte, dass diesem nichts passieren darf. Da Slim aber ein echter Mobster ist und sein eigenes Ding macht, und das hätte Steve wissen können, wenn er sich mehr mit Gangstern ausgekannt hätte, kümmert ihn Steves Sentimentalität einen Kehricht, und er will ja auch die ganze Kohle. Soweit alles klar, moralisch gesehen. Aber Anna muss am Ende gegen ihren eigenen Typ spielen. Der zeitgenössischer Kritiker der NYT hat Yvonne De Carlos Darstellung als „uneven“ bezeichnet, vielleicht rührt das daher, dass sie diese doch sehr abrupte Wandlung zu einer Frau, die Geld über Gefühle stellt, nicht so überzeugend hinbekommen hat – der Ansicht sind wir auch, aber möglicherweise deswegen, weil wir diesen Teil des Endes nicht akzeptieren.
Diesen Teil, der den Deckmantel der Romantik wegziehen und das von vornherein Vergebliche von Steves Weg vor Augen führen soll. Er ist gescheitert, nicht nur, weil das eine oder andere schiefgelaufen ist, sondern, weil die Frau es nicht wert ist, für sie zum Verbrecher zu werden. Der Eindruck, dass kriminelle Handlungen je nach Ziel trotz hohen Risikos zu rechtfertigen sein könnten, wenn der Preis die echte, ewige Liebe ist, sollte ganz offenbar vermieden werden, und das schadet ein wenig der emotionalen Stringenz des Films, der Anna bis dahin als Obsession von Steve installiert und dabei die interne Logik dieser Stellung und die Einheit der Figur lange gewahrt hat. Das Ende schwächt die Momente des Films ein wenig ab, in denen alles darauf hindeutet, dass es sich bei Steve und Anna um Menschen handelt, die sich verstricken, ohne anders zu können, und weil die Anziehung zwischen ihnen stärker ist als alle Enttäuschungen und Streits der Vergangenheit, und weil gerade die Wechselhaftigkeit dieser Beziehung deren Scheitern andeutet, und nicht etwa die Tatsache, dass die Rollen moralisch gedeutet werden können. Woher auch immer sich diese Maßnahme speist, der Film löst damit den weiter oben angesprochenen Humanismus partiell wieder auf.
Ein weiterer typischer Noir-Aspekt ist „Das große Ding“, das hier geplant wird, nämlich der Überfall auf den Geldtransport, mit einem „Hirn“, das alles austüftelt, alle Abläufe bestimmt, das ist ein älterer, erfahrener Mann, der eigentlich nicht mehr bei so etwas mitmachen wollte und sich wohl auch nur an der Planung beteiligt. So gesehen ist „Criss Cross“ auch ein Heist-Movie, das ja ebenfalls ein Subgenre des Gangsterfilms darstellt. Allerdings ist die gesamte Bande nicht sehr profiliert, wenn man von Slim absieht. Was den Coup und seine Beteiligten angeht, hat John Huston in „Asphalt Jungle“ im Folgejahr neue Maßstäbe gesetzt.
Finale
Die Universal hat den Film, wie alles, was in letzter Zeit von ARTE in der Reihe Film noir gezeigt wird, fantastisch restauriert. Die Klarheit und Tiefe der Grautöne, von Licht und Schatten, ist ein Augenschmaus, wir können uns ans erste Anschauen erinnern: Der Film war ohnehin kontrastreicher als Produkte vom Beginn der 1940er, die noch etwas weicher getont daherkamen. So können Momente des vorgeblichen Zufalls im Zufall auch optisch erstklassig umgesetzt werden: Wäre Steve nicht an jenem Tag, zu jener Stunde und Minute im Bahnhof gewesen und hätte am Kiosk etwas kaufen wollen und hätte der Verkäufer sich nicht in jener Sekunde gebückt, in der Anna in diesem auffälligen weißen Kleid mit Slim unterwegs war, um ihn zum Zug zu bringen, dann wäre vielleicht doch alles ganz anders gekommen. Dabei war es doch das Schicksal, das dieses Arrangement getätigt hat.
Dass Siodmak, dass das Genre vom deutschen Expressionismus beeinflusst wurde, ist auch diesem Film anzumerken. Die Vorbesprechung auf ARTE wies auf den Moment hin, in dem der Geldtransporter, von hinten-oben betrachtet, aus der Unterwelt ins Licht fährt und wie expressionistisch dieser Moment wirkt. Es ist ein wichtiger Moment, derjenige, in dem Steve genau den umgekehrten Weg geht, nämlich vom ehrlichen Mann zum Gangster wird. Wir könnten uns sogar eine weitaus offensivere Deutung denken, nämlich, dass dieser Wagen, wie er da die Einfahrt hochfährt, etwas Phallisches aufweist und nicht nur Macht, Geld und Sex symbolisiert, sondern auch, wie das Begehren nach einer Frau dazu geführt hat, dass sein Verstand ihm nicht mehr das Handeln diktiert, sondern er von diesem Begehren gesteuert wird. Es gibt einige subjektive Einstellungen in diesem Film, welche z. B. die Bedrohlichkeit einer Situation steigern, wo aus dem Schwarz, von schräg unten gefilmt, Höllenmenschen hervortreten, mit Revolvern in der Hand, und auf die beiden kleinen Personen schießen, die auf dem Sofa kauern, in einer früheren Einstellung in der Bar des Verhängnisses sehen wir Burt Lancasters Rücken als eine mächtige schwarze Masse, die beinahe das ganze Bild ausfüllt, quasi das Gegenstück zur Endszene, in welcher er hilflos und verletzt auf dem Sofa seinen Tod erwartet.
Die Bewertung des Films hat uns ein wenig beschäftigt. Wir halten „Criss Cross“ für etwas besser als „Die blaue Dahlie“, den wir zuletzt im Rahmen der Noir-Reihe rezensiert haben, aber er kommt nicht heran an John Hustons „Asphalt Jungle“, der auch um einiges länger und luxuriöser gefilmt ist, also bleiben als Bewertungsmöglichkeiten 8/10 oder 8,5/10. Mit 8,5/10 bewerteten wir zuletzt „Bestie Mensch“ von Jean Renoir, der für uns ein echter Film noir ist, obwohl vor der als klassisch definierten Ära entstanden, und dieser wiederum ist noch ein wenig packender, verstörender, tiefgründiger, und natürlich genau so schwarz.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2025
Die Einführung liest sich ein wenig wie dem heutigen Zeitgeist geschuldert, der ja wieder ins Anti-Inklusive tendiert, aber hier geht es wirklich nur um die Genre-Verwischung, die leider bei der Zurechnung von Filmen zum Genre noir stark ausgeprägt ist. Wir haben zwar erwähnt, dass der Film von Robert Siodmak ist, wir fügen bei, dass er zu den profiliertesten Filmern des Genres zählt. Dazu hat ein Werk beigetragen, das wir ebenfalls nicht einmal angedeutet haben: „The Killers“, der Debütfilm von Burt Lancaster aus dem Jahr 1946. Er gilt allgemein als das höherstehende Werk gegenüber „Gewagtes Alibi“, den wir bereits gesehen und rezensiert haben, der Text wurde für den ersten Wahlberliner („FilmAnthologie“) geschrieben, wie der vorliegende, der aber hier erstmals veröffentlicht wird. „Rächer der Unterwelt“ heißt der Film auf deutsch, den US-Titel hatten wir im Dokument nicht verwendet und die Rezension zunächst nicht gefunden. Für diesen Film haben wir 83/100 vergeben, auch beim Filmfest des neuen Wahlberliners sind wir beim 100-Punkte-Schema geblieben. Mehr als zwei Punkte können wir eine Bewertung nach vorliegenden Maßstäben nicht verändern, ohne einen Film neu zu sichten, die Anhebung haben wir vorgenommen, bevor wir uns die Rezension zu „The Killers“ angeschaut haben. Dadurch kommen nun beide Filme fast auf dieselbe Punktzahl. Das vertreten wir auch, denn den Charme, zu unseren Kinoleidenschaft-Initiatoren zu zählen, den hat „The Killers“ nun einmal nicht, seine erste Sichtung in den 2010ern ist schon in einem eher analytischen Modus mit Rezensionsabsicht erfolgt; er hat lediglich Burt Lancasters Karriere initiiert.
Inzwischen haben wir uns viele vorgebliche Noirs auch aus der zweiten Reihe angeschaut, in denen nicht alle Elemente der klassischen Definition enthalten sind, einige haben die Zuordnung trotzdem bestanden – aber die wenigstens sind so packend bezüglich der Person des Antihelden, der von Burt Lancaster auf eine Weise dargestellt wird, die bis heute unnachahmlich geblieben ist. Er war zu der Zeit, als bereits viele gelernte Theaterschauspieler nach Hollywood zogen, als die ersten „Method Actors“ dort aufkreuzten, ein Naturtalent, ein früherer Akrobat, der mit seiner Körperlichkeit in jedem Sinne des Wortes gespielt und eine Mimik dazugegeben hat, die pures Drama ist. Yvonne de Carlo hätten wir eine größere Karriere gegönnt, als in den 1960ern in der Fernsehserie „The Munsters“ als Lily auf eine eher schräge Weise zu spätem Ruhm zu kommen, Dan Duryea ist eine absolute Idealbesetzung für einen Fiesling, bei ihm brauchen Regie und Drehbuch nicht viel zu tun, damit er in einer solchen Rolle glaubwürdig wirkt, deswegen hat er auch reihenweise solche Rollen gespielt, er war auch schon in „The Killers“ dabei.
„Gewagtes Alibi“ ist, falls er ursprünglich eher negativ gesehen wurde, heute weitgehend rehabilitiert, erreicht mit 7,4/10 eine gute IMDb-Bewertung, „Rächer der Unterwelt“ kommt auf 7,7/10, bei „Rotten Tomatoes“ lesen wir 86 gegenüber 100 Prozent positive Kritiken. Wir fügen bei, dass zwischen 7,4 und 7,7 bei der IMDb aber auch in etwa die Trennlinie zwischen „gut “ und sehr gut verläuft.
Dass uns der Film besonders fasziniert hat, auch bei einem Anschauen so viele Jahre nach der „Initialzündung“, konnten wir daran festmachen, dass er schon 2015 das heutige Format „Die große Rezension“ (über 3.000 Wörter) ausgelöst hatte, jetzt stehen wir bei etwa 3.700.
82/100
2025 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
| Regie | Robert Siodmak |
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| Drehbuch | Daniel Fuchs |
| Produktion | Michael Kraike |
| Musik | Miklós Rózsa |
| Kamera | Franz Planer |
| Schnitt | Ted J. Kent |
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