Asphaltdschungel (Asphalt Jungle, USA 1950) #Filmfest 59 DGR

Filmfest 59 A Die große Rezension

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVorwort 2019/2020

Wir zeigen die Rezension zu „Asphalt Jungle“ im Original, wie sie im Sommer 2011 für den „ersten Wahlberliner“ verfasst wurde. Es war eine der bis dahin umfassendsten Kritiken, die wir geschrieben haben. Allerdings haben wir dieses Mal anlässlich der Republikation einige Fehler und Stilschwächen korrigiert.

In ihr drückt sich auch unsere Begeisterung für diesen Film aus, den wir für einen der besten aus der Kernzeit der „Schwarzen Serie“, mithin für einen herausragenden Film noir halten. Damals trug der die Rezensionsnummer „FilmAnthologie 29“, jetzt ist „Asphalt Jungle“ von John Huston der erste wichtige Film noir, den wir im Rahmen des Filmfests vorstellen. Wir hatten überlegt, eine Serie zu starten, aber da wir kürzlich den „Filmreigen“ eingestellt haben, um flexibler zu sein, wäre das wieder eine Einschränkung, die auch deshalb schwierig wäre, weil dadurch über lange Zeit kein anderes Genre mehr Platz im Filmfest fände – es gibt so viele gute „Noirs“, vor allem, wenn man den Begriff nicht nur auf die von Kritikern ursprünglich definierte Zeit von 1940/41 bis 1958 und das Kernland USA beschränkt. Bis heute treffen auf viele Filme, die kein Happy End haben und Kriminalhandlungen beinahlten, alle wichtigen Kriterien des Film noir zu.

I. Kurzkritik

Die Kurzkritik könnte man ganz kurz fassen: Ein Meisterwerk. Wer Kriminalfilme, insbesondere Heist-Movies bzw. Caper-Movies, verstehen will, kommt um diesen Film von John Huston aus 1950 nicht herum.Wer den Film Noir in allen Spielarten erfassen will, muss sich „Asphaltdschungel“ ebenfalls anschauen. Wer meint, eine vergleichsweise komplexe Handlung behindert die Ausdifferenzierung von Figuren, der wird hier ebenfalls eines Besseren belehrt.

Auch formal ist der Film großartig und besteht den Test der Zeit, wenn man davon absieht, dass heute nicht einmal Krimis noch in Schwarzweiß gefilmt werden. Es steht ihnen aber gut und diesem Film besonders gut.

Er ist aber nicht nur ein gut gemachtes Einzelstück, sondern auch ein Wegweiser. „Asphalt Jungle“ hat großen Einfluss genommen auf folgende Heist Movies, deren erstes vollwertiges Exemplar er darstellt. Aber auch auf den Gangsterfilm an sich, wie er sich zum Beispiel in den 50er Jahren in Frankreich so eindrucksvoll entwickelt hat.

Dazu hat Huston es geschafft, die gewalttätige und düstere Atmosphäre von Chicagos  Unterwelt, die in der Romanvorlage von W. R. Burnett gemäß Kritiken sehr präsent scheint, ins Filmische zu übertragen.

II. Inhalt

Dix Handley wird in einer kleinen Bar unter dem Verdacht des Raubmordes verhaftet, aber die Polizei kann ihm die Tat nicht nachweisen und er wird freigelassen. Doll Conovan, seine Freundin, versucht ihn von der kriminellen Laufbahn abzubringen. Doch gegen die Verlockungen des berüchtigten Juwelendiebes „Doc“ Esterhazy, soeben aus dem Gefängnis zurückkehrt, kommt sie nicht an. Er heuert Dix für seinen nächsten, großen Coup an. Im Hintergrund finanziert der angesehene Anwalt Alonzo Emmerich diesen gewinnbringenden Raub. Weitere Helfer, ein Fahrer und ein Safeknacker, stoßen hinzu und der Tresoreinbruch bei einem der größten Juweliere von Chicago läuft mit Präzision ab. Schon im Besitz der Beute, wird der Safeknacker von einem Wachmann verletzt und stirbt wenig später bei seiner Familie.

Bei der Übergabe der Edelsteine an den Anwalt und Hehler Emmerich werden die Einbrecher von ihm aufs Kreuz gelegt, sein Handlanger von Dix in Gegenwehr erschossen und Dix selbst schwer verwundet.

Die Leiche des Handlangers führt die Polizei zu Emmerich, ihm wird aber von der Polizei vorerst geglaubt, da seine „Nichte“ Angela ihm ein Alibi verschafft, ohne selbst näheres zu ahnen.

Nach „Doc“ Esterhazy wird mit Unterstützung der Presse eine Großfahndung eingeleitet. Dix bringt den „Doc“ auf ihrer Flucht, da seine Bleibe nicht mehr sicher ist, bei Doll Conovan unter.

Die Geliebte des Anwalts, Angela, gesteht bei weiteren Ermittlungen ihre Falschaussage, worauf sich der Anwalt erschießt.

„Doc“ setzt sich ab, wird jedoch wegen seiner voyeuristischen Schwäche für Frauen verhaftet. Dix will mit Doll Conovan auf die Farm seines Vaters zurückkehren, weil er der Verbrechen müde ist. Nach einer dramatischen Autofahrt erreicht er die Farm und bricht dort wegen seines Blutverlusts auf einer Pferdekoppel zusammen.

Regie John Huston
Drehbuch Ben Maddow
John Huston
Produktion Arthur Hornblow Jr.
Musik Miklós Rózsa
Kamera Harold Rosson
Schnitt George Boemler

III. Rezension

  1. Meisterregisseur John Huston.

Dieser große Regisseur gehörte zu der erlesenen Handvoll, die bereits im klassischen Studiosystem Hollywoods eine eigene Handschrift entwickeln und durchsetzen konnten, ebenso wie Alfred Hitchcock oder Frank Capra.

Bereits sein erster Film als Regisseur, „The Maltese Falcon“ / „Die Spur des Falken“ (1941) war ein Meilenstein und brachte Humphrey Bogart den Durchbruch als Darsteller differenzierter Figuren, die er zuvor nicht spielen durfte. Huston brachte Bogey zu sich selbst, hat für ihn als Detektiv Sam Spade den zynisch-realistischen, aber nicht unsympathischen Habitus entwickelt, der ihn unsterblich gemacht hat und den er in vielen Filmen weiterentwickelt hat.

„Die Spur des Falken“ ist nach unserer Ansicht noch kein vollumfänglicher Film Noir, wohl aber das nächste Meisterwerk von John Huston, „Treasure  of the Sierra Madre“ / „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948), der gegenwärtig in der IMDb noch etwas höher angesiedelt wird als „Die Spur des Falken“. Der große zeitliche Abstand zwischen den beiden Topfilmen erklärt sich übrigens daraus, dass Huston während des Zweiten Weltkrieges Dokumentarfilme gedreht hat, ebenso wie einige andere berühmte Regisseure.

Der nächste Spitzenfilm war, ebenfalls 1948, „Key Largo“ / „Gangster in Key Largo“, bereits Hustons drittes Werk mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle. Und dann kam „Asphalt Jungle“, ohne Bogey. Vielleicht, weil dieser schon zu groß war für das Figurentableau – oder weil es in ihm generell keine Figur gibt, die Bogart auf den Leib geschrieben gewesen wäre. Das ist jedoch Spekulation.

Sicher ist, dass Huston mit diesem Film endgültig zum Serientäter wird. Wie schon im Falken oder im Goldschatz, der in der Sierra gefunden und dann im wörtlichen Sinne vom Winde verweht wird, geht es auch hier wieder um jenes Sprichwort: wie gewonnen, so zerronnen. Besonders, wenn das Gewonnene mit Unrecht, mit Mord, mit Gier, mit allen Verwerfungen der menschlichen Seele,wenn auch in einer großen, bewundernswerten Willensanstrengung erreicht wird. Es kann nicht gutgehen. Verrat lauert, menschliche Makel warten nur darauf, alles zum Scheitern zu bringen, und so wird aus einer großen, gemeinsamen Sache ein Fluch, der Verfolgung, Tod, Gefängnis mit sich bringt. Im Grunde ist „Asphaltdschungel“ eine Übertragung von „Der Schatz der Sierra Madre“ auf großstädtische, auf Chicagoer Verhältnisse. Mehr Personal, mehr Technik, hohe Häuser anstatt hohe Berge, aber das gleiche Muster von hart erkämpftem Gewinn und unvermeidlichem Verlust.

Huston war ein Fan von W. R. Burnett, der 1949 die Romanvorlage geschrieben hatte und bereits 1932 das Drehbuch für den damals ebenfalls stilbildenden Film „Scarface“. Nur ein Jahr hat es gedauert, bis „Asphalt Jungle“ verfilmt wurde. Typisch amerikanisches Tempo jener Zeit beim Ergattern von Rechten für die Adaption aktueller Bestseller.

  1. Figuren, kristallklar herausgearbeitet

Da musste er nicht mehr so viel tun wie bei einem Originaldrehbuch. Filme nach Romanen haben’s einfacher. Weil gute Bücher auch von guten Figuren leben. Es ist nicht immer so einfach, dies auf die Leinwand zu übertragen, aber aufgrund der schwarzen Serie der 40er Jahre, aufgrund immer mehr differenzierter Figuren in Dramen und in manch guter Komödie, war diese Kunst um 1950 bereits voll entwickelt. Wir möchten uns sogar zu der Behauptung versteigen, zumindest im Krimigenre hat sich seitdem nicht mehr viel getan, auch wenn der Filmstil heute anders ist und Figuren sich selbst auf andere Art mitteilen.

Bei Huston tun sie es, indem sie über sich selbst sprechen. Über ihre Herkunft, ihre Träume, gar über ihre Schwächen. Das ist in dieser Form unübertrefflich gemacht. Da ist niemand, der nicht stimmig wäre. Großartig der Doc (Sam Jaffe), der Kopf und Erfinder des Raubplanes, dieser Typ, der auf seinem Gebiet Großes leisten kann und ein Gentleman außerhalb des Gesetzes ist, würdevoll, gebildet, feinsinnig, sogar loyal. Eine kleine Schwäche für das Beobachten junger Frauen wird ihm schlussendlich zum Verhängnis. Sein Sidekick, könnte man beinahe sagen, der Bursche vom Land Dix Handley (Sterling Hayden), ein Schrank und ebenfalls im Grunde ein echter, aufrechter Typ, der sich nach dem Verlust der elterlichen Farm in die große Stadt verirrt hat und dort auf die schiefe Bahn kam. Er gibt den „Schmieresteher“ in des Docs Plan für einen gewaltigen Juwelenraub, und die beiden helfen sich auch später gegenseitig.Seine Freundin ist ein raues, einfaches, aufrechtes Mädchen, das immer zu ihm hält, Doll Conovan (Jean Hagen).

Dann kommen die Abstufungen bis hin zum wirklich durchtriebenen Gauner. Der Schränker Anthony Caruso (Louis Civelli) ist im Grunde noch keiner davon, wenn auch ein professioneller Safeknacker,  traditionelle deutsche Bezeichnung „Schränker“. Er stirbt durch einen unglücklichen  Zufall während der Ausführung des Raubes. Der Fluchtfahrer Gus ist ein Gemütsmensch (James Whitmore), der seinem Kumpel Dix Geld leiht, damit dieser seine Spielschulden beim Betreiber von illegalen Glücksspielen Cobby (Marc Lawrence) bezahlen kann, Gus wiederum will das Geld bei Anthony eintreiben, der ihm etwas schuldet. Man bemerkt bereits, dass hier ein Abhängigkeitssystem geschaffen wird, eine Verstrickung, aus der keine der Figuren herausfindet.

Das gilt auch für Cobby. Er ist Verbindungsmann zum Anwalt Alonzo Emmerich (Louis Calhern), der Straftäter verteidigt und krumme Geschäfte macht. Dieser soll das Geld für die Finanzierung des Raubes stiften und dafür an der Beute beteiligt werden. Der Mann ist aber gerade klamm und beauftragt das Private Eye Bob Brannom (Brad Dexter), Außenstände einzutreiben. Das gelingt diesem aber nicht, er schlägt aber vor, das Geld bei Cobby zu besorgen, ihn bei der Eitelkeit zu packen, dass er dem großen, so viel eleganteren Anwalt Emmerich zu Diensten sein darf. Diese Manipulation gelingt. Der Raub gelingt auch, obwohl die Sache brenzlig wird, weil eine Alarmanlage losgeht, der Schränker schwer verletzt wird und man ihn mühsam abtransportieren muss.

Der Anwalt Emmerich will die anderen hereinlegen, die ganze Sore an sich bringen und allein verwerten. Leider hat Brannon mit ihm genau das Gleiche vor. Weil aber der Doc und Handley zusammenarbeiten, gelingt das nicht. Handley erschießt Brannon und der Doc behält die Diamanten, obwohl er nicht weiß, wie er sie loswerden soll, denn es gibt keinen zuverlässigen Hehler mehr, seit sich Emmerich als ein Doppelspiel spielender Lump entpuppt hat.

Und damit zu Emmerich, exzellent gespielt von Louis Calhern. Unterstützt von der wundervoll dezenten deutschen Nachkriegs-Originalsynchronisation, gewinnt er ebenso viel Dreidimensionalität wie der Doc. Dieser Mann mit seiner kranken Frau führt ein im Grunde trostloses Leben in schönen Dekors, aufgehellt nur durch die junge Angela Phinlay (die junge Marylin Monroe). Auch er ist eine tragische Figur. Wie er sie reizend findet, sie ihn Onkel nennt, heute würde man „Sugardaddy“ sagen, und er das nicht mehr will, da steckt eine große Lebensmelancholie drin. Seine Häuser sind sein Gefängnis, das Leben, das ihn zu viel Geld kostet, sein Charakter, der es ihm unmöglich macht, sich einzuschränken und den geraden Weg zu gehen, weil er, wie alle Figuren in diesem Film, einer Chimäre nachjagt. Er spiegelt sowohl den Doc als auch Handley, die beide ein Ziel von jeweils unterschiedlicher Größe haben. Alle drei werden ihre Ziele weit verfehlen. Emmerich bringt sich um, als Phinlay unter Druck sein konstruiertes Alibi platzen lässt, der Doc wandert wieder in die Zelle und Handley stirbt am Zielort, der Farm in Kentucky, die er mit dem Ertrag aus seinem Job beim Raub zurückkaufen wollte.

In jeder Einstellung, mit jedem Satz werden diese Figuren präsent. Es ist groß und überzeitlich, wie Huston sie ins Bild setzt und sprechen lässt. Allerbestes, subjektiv gefilmtes Kino an der Wende zu den 50ern. Nahaufnahmen, in denen die Schauspieler kein Detail einer unglaubwürdigen Miene zeigen dürfen. Mit oft sehr harten Kontrasten gefilmt, die wirklich keinem der Männer schmeicheln, die jede Gesichtsfalte zu einer Kerbe machen, die das Leben geschlagen hat. Cobbys Narben, die im scharfen Seitenlicht wie Krater wirken, spiegeln den Menschen, der in der Unterwelt illegale Geschäfte betreibt und dafür den korrupten Cop Ditrich (Barry Kelley) bezahlt – jenen Typ, der so gerne anerkannt wäre und doch ein Aussätziger ist und immer bleiben wird. Das unrasierte Gesicht von Handely, damals selten im Film zu sehen, eine Chiffre von Huston für jemanden, der innerlich unaufgeräumt ist, der eine Sehnsucht in sich trägt, die ihn treibt und ihn sozusagen den Wald vor lauter Bäumen oder Bartstoppeln nicht sehen lässt, dessen Existenz nicht geerdet, ungeordnet ist. Man vergleiche Bogart in „Sierra Madre“ oder gar  in „African Queen“, wo er sich erst rasieren muss, um „Mensch“ für Katherine Hepburn zu werden. Läuterung kann sich an schlichten optischen Zeichen versinnbildlichen lassen, und diese Wandlung erfährt Handley  hier nicht.

Die Figuren sind statisch, das ist allerdings klar. Sonst wären sie ja nicht ihrem Schicksal so ausgeliefert. Ein Film Noir verträgt keine Wandlungen, die echte Chancen zum Überleben öffnen würden. Der Mensch, besonders derjenige, der auf der schiefen Bahn unterwegs ist, der ist sein eigenes Gefängnis, ein kleiner Raum, enger als eine staatlich verwaltete Zelle, aus welcher er immer mal wieder herauskommt oder ausbricht. Genau so sind einige Einstellunge in diesem Film auch gesetzt: Räume werden verängt und Menschen in sie gepfercht wie in ihr Schicksal, ihre Vorherbestimmung, die ja für einen Film noir so wichtig ist.

Huston liebt diese zwielichtigen Gestalten, die er hier erschafft und lebendig werden lässst. Es ist ganz eindeutig, wem seine Sympathie gehört. Demgemäß gibt es in diesem Film eine für damalige Zeiten gewagte Besonderheit, die allerdings schon in früheren Filmen wie „The Postman Always Rings Twice“ (1946) zu beobachten ist. Nämlich die wenig schmeichelhafte Zeichnung von Polizisten. Sie sind korrupt und damit selbst dem Verbrechen zugeneigt, bilden die Nahtstelle  zwischen Unter- und Oberwelt, wie der Polizeileutnant Ditrich. Sie sind reine Funktionspersonen, Jäger, wie die beiden, die den verträumt in der Bar sitzenden Doc beobachten, wie er dem Mädchen zuschaut, sie tanzt nach der Musik aus der Box, welche er für sie bezahlt hat. Auche eine wundervolle, eine so großartig gefilmte Szene: Wie der Junge für sein Girl den Einsatz für die Musikbox nicht auslegen kann, obwohl sie pro Lied nur fünf Cent kostet. Wie der alte Mann es dann macht. Dezent großzügig, mit Diamanten für Unsummen in der kleinen, eleganten Aktentasche. Wie er dem Mädchen zuschaut und dabei ein wenig Macht ausübt und von der Macht träumt, die ihm, dem kleinen älteren Herrn, viele Frauen zuführen würde, wenn die Diamanten erst einmal vertickt sind. Er holt sich einen Vorgeschmack auf sein künftiges Leben, ist einen Moment lang nicht wachsam und da kommen die beiden drögen Polypen, stellen ihn und er kommt wieder ins Gefängnis. Dort könnte er sterben, angesichts des umfangreichen Verbrechens, an dem er beteiligt war und seiner nicht mehr perfekten Konstitution in höhrerem Alter.

Dann gibt es noch den Polizeikommissar Hardy (John McIntire), der mehrmals verlauten lässt, was er über die Verbrecher denkt. Er ist auch ein Jäger, der dem Staat kompromisslos dient und keine Sekunde lang differenziert. Gerade hat Handley seiner Freundin seine Geschichte erzählt, da erfolgt ein Schnitt hinein ins Polizeibüro, wo Hardy über die Gauner spricht, die für ihn keine Menschen sind. Das sagt er wirklich und in dem Moment spätestens weiß man, dass Huston als Humanist dem Zuschauer eine Botschaft mitgeben will. Auch die Polizisten jagen nach etwas, das es so nicht gibt – nämlich nach der sauberen Welt, wie sie sie verstehen, weil sie nicht verstehen, wie jemand aus dieser Welt ausbrechen kann und weil sie nicht merken, wie schmutzig und gewalttätig ihre eigenen Gedanken über andere sind.

Phantastisch dann die Endszene, in der Hardy nach dem umfassenden Fahndungserfolg diese Lautsprecher anschaltet und wieder abschaltet, der Presse erklärt, warum es die Polizei eigentlich gibt. Wir glauben, da hat Huston in jenen schwierigen Zeiten, auf dem  Höhepunkt auch der Kommunistenhetze, der McCarthy-Ausschüsse, die alle Liberalen und Linken in Hollywood damals in die Enge trieben, vorsichtig sein wolen, eine vordergründig staatstragende Haltung unter anderem an durch Szene klarstellen wollen – für alle, die dem Film aufgrund der Figurenzeichnung vielleicht eine subversive Tendenz unterstellt hätten, trotz der Tatsache, dass alle am Raub in irgendeiner Form beteiligten Personen am Ende tot sind oder wieder hinter Gittern sitzen. Aus Sicht der Wiederveröffentlichungszeit 2019 erinnert mich das auch an Polizeirufe aus der DDR, deren Macher immer aufpassen mussten, dass die Zensur ihre Filme nicht kassierte. Einige Male ist das auch geschehen.

  1. Kritik am System

In Wirklichkeit hat Huston in den Film sehr wohl Gesellschaftskritik einfließen lassen. Kritik am System, in dem alles nur auf Geld fußt und jeder von jedem wegen Geld abhängig ist. Geld zerstört Freundschaften und Menschen, macht sie zu Sklaven und Staatsdiener machen es sich leicht, andere zu verurteilen, mit ihren sicheren Einkommen, das manchen von ihnen aber nicht ausreicht, sodass sie korrupt werden. Auch dies scheint hier mitzuschwingen. Das System hat kein Verständnis für jene, die einen Schicksalsschlag erleiden oder die niemals eine Chance hatten, wie Handley, oder Cobby. Es bringt auch jene hervor, die es ausnutzen wollen und große geistige Fähigkeiten dazu einsetzen, wie den Doc und den Anwalt. Das System ist ein Dschungel und deswegen heißt wohl das Buch so.

May Emmerich: Oh Lon, when I think of all those awful people you come in contact with – downright criminals – I get scared.
Alonzo D. Emmerich: Oh, there’s nothing so different about them. After all, crime is only… a left-handed form of human endeavor.

In dieser weiteren Meisterszene des Films, die Emmerich wunderbar von schräg unten anleuchtet, sagt er, beinahe gütig, zu seiner Frau also: „Oh, sie sind nicht so viel anders als wir [die Verbrecher]. Schließlich ist Verbrechen nur – eine linkische Form des menschlichen Strebens.“

In der deutschen Synchronisation wird das so übersetzt: „„Die Verbrecher sind gar nicht so sehr verschieden von uns. Verbrechertum ist nur eine andere Form des Lebenskampfes.“

Auch ein schönes Beispiel, wie man mit Übersetzungen Aussagen leicht verändern kann – in dem Fall, um sie zu pointieren. Wir finden aber, zur Figur Emmerich, diesem beinahe heiter wirkenden Philosophen der dunklen Seite, passt die Originaldiktion besser als die leicht verschärfte Übersetzung.

Wenn jemand, der hoch veranlagt ist, so etwas sagt, dann merkt man, dass Huston der Ansicht ist, dass nicht nur ein paar Desperados das System angreifen oder falschen Götzen nachjagen, wie man das in „Der Schatz der Sierra Madre“ noch annehmen konnte, sondern dass es von innen faul ist, denn er ist qua Ausbildung und Erscheinung und in der beinahe mild-melancholischen Art, wie er mit seiner kranken Frau umgeht, eine Stütze der Gesellschaft und jemand, der viele verschiedene Züge aufweist. Das macht für uns „Asphalt Jungle“ besonders bedrückend, aber auch eindrucksvoll.

  1. Viele deutsche und andere sprechende Namen

Doc Riedenschneider: Let’s not stop. Wait till we get out of town, when we can do everything at once. Have a little meal, beer, a cigar. Go in comfort.
Frank Schurz, taxi driver: I can see you’re a man who likes his pleasures.
Doc Riedenschneider: Well, Franz, what else is there in life, I ask you? One way or another, we all work for our vice.“

Das Zitat ist aus derselben Grundeinstellung geboren, nur mehr auf die eigene Person bezogen als das weiter oben verwendet Zitat von Emmerich.

Wenn man die Figuren betrachtet, darf man ihre sprechenden Namen nicht außer Acht lassen. Als wir den Film sahen, fiel uns etwas auf. Die deutsche Synchronisation hat aus Emmerich Emery gemacht und aus Riedenschneider einen gewissen Esterhazy. Niedlich, oder? 1950 war man nicht so weit, dem deutschen Publikum zuzumuten, dass fast alle Gangster deutsch klingende Namen tragen. Sogar der korrupte Polizist heißt Ditrich. Aber was steckt wirklich dahinter? Aufgefallen ist uns das Ganze, weil der Taxifahrer, der Emmerich sozusagen ins Verderben chauffiert, ein Schild am Amaturenbrett hat, seine Konzession, mit Bild, darauf steht: Frank Schurz. Was aber parliert ein Esterhazy mit einem Schurz über gemeinsame Landsmannschaft und wird daraufhin redselig? Nein, da stimmte etwas nicht. Mit Riedenschneider aber kommt es hin. Beide sind deutschstämmig. Der einfache Mann im Taxi, der geniale Verbrecher. Riedenschneider könnte sogar Jude sein, dem Namen nach.

Und dann Alonzo Emmerich. Spanischer Grandseigneur und deutscher Kopfmensch, Jurist, in einer Person. Herrlich, aus einer solchen Kombination kann nur etwas Durchtriebenes erwachsen und jemand, der dazu  noch Ästhet und Liebhaber des Schönen ist und auch irgendwie nicht nur böse. Hätte man ihn so zeigen wollen, hätte man die Kartenspielszenen mit seiner Frau weglassen können, die eine zerstörte Sehnsucht, ein Sich-Dreinfinden symbolisieren. Außerdem ist diese Person nach unserer Ansicht eine Anspielung auf die Nazis, die in Scharen nach Südamerika geflohen sind: Gut betuchte Hintermänner, die dort als geachtete Gentlemen ihre Verbindungen einsetzten, um gute Geschäfte zu machen.

Ditrich diese schleimige Figur, wirkt wie ein Seitenhieb auf Marlene Dietrich, ein ziemlich böser sogar, denn die Frau war ja wirklich eine gute Amerikanerin geworden. Vielleicht eine Anspielung auf den Verrat an ihrem Herkunftsland? Durch Hollywood korrumpiert und das viele Geld, das sie dort verdient hat? So, wie Ltr. Ditrich seinen Staat verrät und die Hand aufhält beim Glücksspielbetreiber Cobby, auf dass dieser nicht zu sehr durch Razzien behelligt wird? Das geht vielleicht zu weit, aber der Typ heißt nun einmal nicht Schmidt oder Müller, so hätte man ihn ja nennen können, wenn man dem Deutschen an sich hätte an die Karre fahren wollen.

Schurz, der Taxifahrer, ist auch wieder ein sprechender Name. Carl Schurz war die bekannteste deutsch-amerikanische Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts, ein Mann, der im Sezessionskrieg gekämpft hatte (für den Norden), der als Innenminister viel für die USA getan hatte, liberal und aufrichtig zugleich, Mitglied in seinen letzten Lebenjahren in einer Organisation, die sich gegen den zunehmenden Imperialismus der USA unter Präsident Theodore Roosevelt wandte. Roosevelt (nicht sein Namensvetter Franklin D.) war für liberale Filmemacher teilweise eine Witzfigur (siehe „Arsenic and Old Lace“), wenn auch in seinen Amtszeiten bei der Bevölkerung äußerst beliebt.

So einfach ist das also nicht, mit den deutschen Namen in diesem Film. Da steckt ungeheuer viel Subtext drin; nicht nur aus diesem Grund, aber auch aus diesem, halten wir Asphalt Jungle für einen bsonders intelligenten, vielschichtigen Filmen.

Dass das blonde Engelchen Marylin hier Angela heißt und die gute Leichte, aber Treue mit Doll benamt wird, wirkt da schon eher banal; ein Gag aber, dass der Geldschrankknackermeister Caruso heißt, nach dem berühmten Tenor seiner Jugendzeit. Beide Meister ihres Fachs.

  1. Der Score von Miklós Rózsa

Was die Filme der schwarzen Serie weiter auszeichnet, ist ihre Musik. Wir wollen nicht zu sehr auf den deutschen Wurzeln dieses wuchtigen Genres herumreiten, die gewollt oder ungewollt in diesen dem Untergang geweihten Figuren, diesen Schicksalsgeweihten, sichtbar werden – und auf der seltsamen Transformation des Deutschen in amerikanischen Chiffren und im Bewusstsein der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben uns aber lange gefragt, wieso gerade zu dieser Zeit, in der die USA Top of the World waren, so viele düstere Filme gemacht wurden.

Man wird nicht ganz falsch liegen, wenn man zu bedenken gibt, dass eben aus Deutschland mehr Menschen in die USA ausgewandert sind als aus jedem anderen Land. Und natürlich konnte das, was in Deutschland von 1933 bis 1945 geschah und die USA in den Krieg zwang, nicht ohne Auswirkungen nach innen bleiben. Anders als in England und Frankreich zum Beispiel. Viele Amerikaner mussten sich ihrer eigenen Herkunft stellen, sich fragen, wie das Land, aus dem sie einst kamen, so entgleisen konnte. Zum einen erforderte die Lage eine Abwendung von eigenen Traditionen und viel Patriotismus, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, man sympathisiere mit der alten Heimat – und einen Seelenbruch, einen Abschied von alten Idealen und sicher auch eine sublime Melancholie und Verzweiflung und Scham. Und sehr viele Hollywood-Schaffende waren zu der Zeit, in welcher der Film entstand, deutscher Abstammung.

So ist „Asphalt Dschungle“ auch eine Auseinandersetzung mit dem, was Systeme aus Menschen machen können auf einer Ebene, die den Zweiten Weltkrieg und den Deformationen, die zum Holocaust führen konnten. Regisseur Huston ist nicht deutscher Abstammung, sondern schottisch-irisch, wir gehen jetzt nicht nochmal eins tiefer, was Iren, Engländer und Deutsche angeht, aber wir sind sicher, der ganze Subtext war gewollt und so gefilmt, dass man ihn nicht eindeutig verifizieren konnte. Er besagt nämlich auch, dass Menschen durch Umstände gemacht werden, nicht, dass die böse geboren werden. Und das war für damals eine sehr moderne und anthroposophische Einstellung und ein Statement gegen Schwarzweißdenken und Vorverurteilung und das Mördergen. Ganz eindeutig sind diese Dinge bis heute übrigens nicht.

Hier nun aber eine der mächtigsten, düstersten Filmmusiken jener Zeit, nicht ganz typisch für den Komponisten, aber für den Film genau passend.

  1. Reich und ein Hauch von Extraklasse

„Asphaltdschungel“ ist ungeheuer reich an Figuren, an Ausstattungsdetails und an großartig subjektiv gefilmten Szenen, die Tiefenschärfe ist für damalige Verhältnisse sehr groß und offenbar hat man auch in manchen Einstellungen schon Weitwinkelobjektive verwendet, um den Perspektiven eine leichte Verzerrung angedeihen zu lassen. Nicht zuletzt ist „Asphaltdschungel“ auch ein MGM-Film und das heißt, er ist in Ausstattung und Technik State of the Art. Einzig die sehr scharfe Belichtung, die wir eben angesprochen haben, fällt etwas aus dem Rahmen, aber auch von der Konvention, seinen hochbezahlten Schauspielern mit der Kamera stets aufs Beste zu schmeicheln, wird sich das Studio in den folgenden Jahren in manchen Genres lösen. Damit konnte man am besten anfangen in einem Krimi, indem keiner der ganz großen Stars mitwirkte.

IV. Fazit

Der Film „Asphaltdschungel“ ist im Grunde noch nicht ausrezensiert, mit allem, was wir geschrieben haben, jede Szene hat Bedeutung, jede Kameraeinstellung könnte man einzeln analysieren, die Filme aus der Zeit sind manchmal mit einer Perfektion gestaltet, mit einer Liebe zum Detail, die einer solchen Einzelanalyse durchaus Sinn verleiht. Aber das ist Büchern vorbehalten, und die gibt es ja zu vielen Topfilmen. Ohnehin ist diese Rezension unsere bisher umfangreichste und wir beenden sie mit einer angemessenen Bewertung. Eine höhere hat bisher nur ein Film erreicht – und der handelte von Dieben.

91/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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