Filmfest 1405 Cinema
Der Wonder Man als Lehrer und Clown
König der Spaßmacher ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1958 von Michael Kidd mit Danny Kaye und Pier Angeli in den Hauptrollen. Das Drehbuch basiert auf der Kurzgeschichte The Romance of Henry Menafee von Paul Gallico.
Danny Kaye ist in Deutschland nicht so bekannt wie der etwa zeitgleich arbeitende Jerry Lewis, aber er ist ein wunderbarer Komiker, der uns bisher vor allem mit „The Court Jester“ / „Der Hofnarr“ (1955) unvergessliches Vergnügen bereitet hat. Nun sehen wir ihn drei Jahre später in einem Film, der wieder ganz auf ihn zugeschnitten ist.
Handlung (1)
Kaye spielt Andrew Larrabee, Lehrer an einer britischen Privatschule, die seinem Vater gehört und steht unter der Fuchtel dieses alttestamentarisch wirkenden und kurzsichtigen Mannes.
In der letzten Unterrichtsstunde vor den Ferien macht Kaye Spaß mit seiner Jungenklasse und bringt ihnen griechische Mythologie, hier den Gott Pan, in einem netten Lied rüber. Dass dieser Gott eine besondere Rolle in Andrews Leben spielt, erfahren wir bald. Aus einem Grund, der nicht näher erläutert wird, kann ihn nur die Ausgrabung einer Pan-Statue dazu führen, die Lehrerkollegin Letitia Fairchild zu heiraten. Bisher hält sein Vater noch sein Veto aufrecht, unter anderem, weil Andrew noch nichts publiziert hat, im Gegensatz zu seinen Brüdern.
Auf der Suche nach der Pan-Statue findet er am Ausgrabungsplatz jedoch einen großen Zirkus vor, der dort seine Zelte aufgeschlagen hat. Der Zirkus beeinträchtigt zwar nicht seine Ausgrabungen nebenan, doch der Zirkus soll weichen, weil gerade ein Lord das Gelände erworben hat und darauf eine Milchfabrik bauen will (so fing das in etwa an mit der Agrarindustrie, siehe unseren politischen Hauptartikel im Januar 2013 „Wir haben es satt!“).
Allerdings stellt sich bald heraus, dass seine Ausgrabungen und der Zirkus doch miteinander verbunden sind – denn er gräbt von unten ein Loch in die Manege und sieht sich einem Löwenrudel gegenüber. Der Spaß geht los und zudem verliebt sich Andrew in die Trapezkünstlerin und Tochter des Zirkusdirektors Selena Gallini.
Er steht zwischen zwei Fronten und kehrt nach einem Erdrutsch, der ihn Selena näher bringt, unverrichteter Dinge nach Hause, aufs Schulgelände, zurück. Ein Schimpanse aus dem Zirkus findet die Statue aber, die Andrew schon beinahe freigelegt hat und in einer Nachtaktion bringt er sie zur Schule – natürlich nicht alleine, Selena hat den Affen sozusagen vorgeschickt und wartet draußen.
Andrews Vater hat derweil ohnehin der Heirat seines Sohnes mit Letitia zugestimmt, die Statue wird dafür gar nicht mehr gebraucht. Andrew aber heiratet nicht Letitia, die darf einer seiner Brüder ehelichen, sondern gibt seinen Job auf, geht zum Zirkus und – wird natürlich Selena heiraten. Der Vater gibt seinen Segen. Ein Clown, warum nicht, schließlich war ein Vorfahre Hofnarr gewesen (Anspielung auf den Erfolgsfilm von 1955). Nur gut muss er sein. Und wer zweifelt daran, dass Andrew ein guter Clown sein wird?
Rezension
Im amerikanischen Original heißt der „König der Spaßmacher“ unprätentiös „Merry Andrew“, was dem Film näher kommt als der deutsche Verleihtitel, der in typischer 1950er Jahre-Manier ein absolutes Gagfeuerwerk vorgaukelt – das „Merry Andrew“ nicht bietet. Jedenfalls weitaus weniger als der erwähnte „The Court Jester“. Andererseits ist er auch ein Musikfilm, und Musik bremst die Gag-Kanonade zwangsläufig aus, es sei denn, die Songs sind selbst Gags mit Klang. Zunächst kann man festhalten: „Merry Andrew“ ein netter, ganz und gar positiver Film mit einem sympathischen Danny Kaye und einer reizenden Angeli in einer der beiden wichtigen weiblichen Rollen.
Bosley Crowther hat in der New York Times eine für uns überraschende, gute Bewertung des Films abgegeben (Kritik vom 21. März 1958). Da war sicher auch ein wenig Sympathie für den Hauptdarsteller dabei, der eine sehr soziale Ader hatte, der seit 1955 einer der ersten Weltbotschafter für UNICEF war und große Spendensummen für das Kinderhilfswerk der UNO eingesammelt hat.
Die Handlung des Films und seine Charaktere sind eher seltsam als überwiegend komisch, auch wenn man bei Danny Kayes Höhepunkten lachen muss. Dazu kommt ein Plot, der mehr als unwahrscheinlich wirkt, ohne dass er Ritterfilme persifliert, wie „The Court Jester“. Auch die Musik und die Songs von Nelson Riddle haben nicht die Smash-Hit-Qualität von Nummern wie „Outfox the Fox“ aus „The Court Jester“, und manche Witze und Handlungselemente sind recht altbacken und teilweise umständlich gefilmt. Dass wir die Szene, in welcher der kurzsichtige Vater Larabee den Zirkusschimpansen mit Andrews Bruder verwechselt, witzig fanden, ist einem jener unerklärlichen, nicht mehr so häufigen, aber glücklichen Momente geschuldet, in denen wir übergangslos zu Kindern werden, die wirklich über fast alles lachen können.
Andererseits – sie sind alle so schrullig, die Leutchen, die in diesem Film vorkommen, dass dies auch seinen Reiz hat. Das Figurentableau, insbesondere die Artisten und die Brüder von Andrew, wirkt etwas beliebig und die Figuren sind erkennbar in Anlehnung an „Sabrina“ benannt. Die Lehrerfamilie heißt „Larabee“ (wenn auch mit einem „r“), Letitia mit Nachnamen Fairchild, wie im Film mit Audrey Hepburn und Humphrey Bogart aus 1954 (Rezension beim Wahlberliner). Der Bezug ist, wie manches in „Merry Andrew“, recht willkürlich, die Handlung und die Charaktere haben keine Gemeinsamkeiten.
Die Handlung stammt aus einem Broadway-Stück von Isobel Lennart, die immerhin für „Funny Girl“ (1964) den Golden Globe gewann, aber die Inszenierung schafft es nicht, daraus einen inspirierten Film zu machen. Kayes Höhepunkte stechen vom Rest deutlich ab, und das mag seinen Grund auch darin haben, dass Michael Kidd die Regie führte. Michal – wer? Wir dachten, wir kennen schon in etwa alle wichtigen und weniger wichtigen Regisseure aus Hollywoods klassischer Zeit, aber von ihm hatten wir noch nicht gehört. Michael Kidd war Choreograf und hat nur einmal im Leben in einem Spielfilm Regie geführt – in „Merry Andrew“.
Was man sich beim MGM dabei gedacht hat, keinen erfahrenen Musicalspezialisten in den Regisesessel zu hieven, zumal das Musical ohnehin in der Krise und offensichtlich war, dass weitere Flops nach „It’s Always Fair Weather“ (1955, an ihm war Kidd sogar als Schauspieler beteiligt) dem Studio immens schaden würden, wissen wir nicht. Doch dem Film hat es sicher geschadet, dass niemand die Handlung in Bilder umgesetzt hat, der ein Gespür für den seltsamen Plot und die Dramaturgie hat und daraus etwas Charmantes zaubern kann. Vielleicht hätte der Regisseur auch das Drehbuch überarbeiten lassen, wenn er dazu die Reputation gehabt hätte.
Die Choreografie der Lehrstunde über den Satz des Pythagoras beim Croquet ist charmant. Hätten unsere Lehrer uns die Geometrie auf diese Weise erklärt, wer weiß, wie viele von uns Mathematik anstatt brotloser Künste studiert hätten. Die Szene von Kaye als Zirkusdirektor und Flugobjekt für die Gallini-Brüder hat Verve und, wenn auch kein ausgeprägtes Timing. Dem Film kommt zugute, dass Pier Angeli als Artistentochter so süß ist und ihrem Part Wärme verleiht (Artisten sind emotional, können aber keine Bindungen eingehen, sagt sie – man spürt, dass Letzteres eher eine Frage und Angst vor Enttäuschung ausdrückt). Man kann verstehen, dass der bereits verlobte Andrew Larabee schwach wird.
Manche Dialoge sind recht witzig, andere nichtssagend, die Figuren der beiden Larabee-Brüder hätte man weglassen und sich auf das Vater-Sohn-Verhältnis und auf Kaye zwischen zwei hübschen Frauen konzentrieren können. Ja, der Film hat nicht die große Energie wie „The Court Jester“ und nicht die Emotionalität wie „White Christmas“ (1954), der Danny Kaye an der Seite von Bing Crosby zeigt – und steht am Ende von Kayes Karriere als großer Filmkomiker. Danach hat er überwiegend und teilweise sehr erfolgreich fürs Fernsehen gearbeitet, u. a. mit einer preisgekrönten eigenen Show.
Dass der Film auf Danny Kayes Leben reflektiert und damit sehr persönlich ist, wird selten in Bezug genommen. Kaye war der Sohn armer jüdisch-russischer Einwanderer in New York und verließ mit 13 die Schule, um auf die Bühne zu gehen, spielt hier aber einen Mann, der am anderen Ende der Bildungspyramide steht. Dass er am Ende zum Zirkus geht, obwohl er seinen Jungs ein so netter Pädagoge ist, kann man als Referenz an sein eigenes Schicksal sehen und auch als eine Art Bestätigung, dass alles gut war, wie es gekommen ist. Wir glauben gerne, dass Kaye so gedacht hat, es würde seinem warmherzigen und harmonischen Wesen entsprechen. Wenn man es so sieht, wird das Ende, dass ein erwachsener Mann seinen sicheren Beruf aufgibt und zum Zirkus geht, ein wenig bezüglicher, und man lächelt.
Finale
Überhaupt ist „Merry Andrew“ ein Film, der dazu animiert, Frieden zu schließen. Alle werden glücklich, sogar Letitia, wenn auch ziemlich abrupt, mit Andrews Bruder, der gestrenge Vater entpuppt sich als inkonsequent und spricht seinem Sohn gegenüber von Liebe. Ein Patriarch, hinter dessen Vollbart und Attitüde als Oberhaupt der Schule und der Familie sich ein hilfsbereiter Kerl verbirgt. Mehr oder weniger hat das alles mit dem Hauptdarsteller zu tun und damit, dass das Leben schön für jeden ist, welcher mit Fantasie gesegnet und dem Leben mit Fantasie begegnet – und bereit ist, die besonderen Momente zu genießen und aus den gefährlichen einen Lacher zu hervorzuzaubern.
So gesehen, ist Kaye hier weniger ein König der Spaßmacher als der Lebensphilosophen, und was könnte man dagegen einwenden? Diese Wahrnehmung hebt auch unsere Bewertung für den Film etwas an und macht sie so versöhnlich, als säßen der Lebenskünstler im Lehrer und der Philosoph im Clown neben uns und würden uns bitten, nicht zu streng zu sein, denn sind wir nicht alles andere als perfekt?
66/100
2025, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Michael Kidd |
|---|---|
| Drehbuch | |
| Produktion | Sol C. Siegel |
| Musik | |
| Kamera | Robert Surtees |
| Schnitt | Harold F. Kress |
| Besetzung | |
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