Bettgeflüster (Pillow Talk, USA 1959) #Filmfest 1406

Filmfest 1406 Cinema

Zwei Telefone, zwei Pole, eine Leitung

Bettgeflüster (Originaltitel: Pillow Talk) ist eine US-amerikanische Filmkomödie des Regisseurs Michael Gordon aus dem Jahr 1959 mit Doris Day und Rock Hudson in den Hauptrollen. Es handelt sich um die erste aus einer Reihe von drei Komödien mit dem Trio Rock Hudson, Doris Day und Tony Randall in den Hauptrollen. 

Gab es das wirklich im damals fortschrittlichsten Land der Erde, dass zwei Menschen sich eine Telefonleitung zu teilen hatten? Offensichtlich war das in den USA und im New Yorkum 1960 möglich. Vermutlich, weil die Telefongesellschaften dem Nachfrageboom nach neuen Anschlüssen nicht hinterher kamen.

So wird es jedenfalls in „Bettgeflüster“ dargestellt und damit hat der Film allen anderen Komödien schon etwas voraus. Nämlich einen Kommunikationsweg, auf dem man sich zunächst hassen und dann näherkommen kann, der auf einer zeitbezogenen technischen Unzulänglichkeit fußt und ärgerliche oder auch peinliche Einblicke ins Privatleben eines Mit-Teilnehmers am Telefonverkehr und damit an einem vollkommen fremden Menschen ermöglicht, der aber immerhin in derselben Stadt New York wohnt.

Handlung (1)

Die Innenarchitektin Jan Morrow und der Komponist Brad Allen müssen sich einen Telefonanschluss teilen. Das bedeutet im New York der 1950er Jahre, dass die Betroffenen zwar in verschiedenen Häusern wohnen und einander niemals kennenlernen, aber sich gegenseitig zuhören und sogar ins Wort fallen können, wenn einer mit einem Dritten telefoniert. Und Brad belegt ständig die Leitung, um mit seinen wechselnden Freundinnen zu flirten. Jans Haushälterin Alma ist eine treue Anhängerin dieser Gratishörspiele; besonders mag sie das Liebeslied You are my inspiration, … (Du bist meine Inspiration, …), in das Brad immer den jeweils passenden Frauennamen einfügt, so dass es wie eine aus dem Stegreif komponierte Liebeserklärung wirkt. Jan jedoch ist verärgert und unterbricht das Liebesgeflüster immer öfter, weil sie selbst kaum noch Anrufe machen oder bekommen kann. Brad macht sich darüber lustig und hält Jan für eine neidische alte Jungfer.

Umso verblüffter ist er, als sich herausstellt, dass Jan die attraktive Blondine ist, die eines Abends in einem sehr rückenfreien Kleid auf der Tanzfläche eines Nachtclubs an ihm vorbeischwebt. Weil er als Brad Allen eine Abfuhr befürchtet, stellt er sich Jan als Rex Stetson, hochehrbarer und etwas einfältiger Geschäftsmann aus Texas, vor.

Jan ist von dem gutaussehenden Rex mit dem tadellosen Benehmen sehr angetan und fängt an, mit ihm auszugehen. Das gefällt ihrem guten Freund und (erfolglosen) Langzeitverehrer, dem Millionenerben Jonathan Forbes, überhaupt nicht. Er beauftragt einen Privatdetektiv damit, mehr über den Konkurrenten aus Texas herauszufinden. Gleichzeitig nutzt Brad den doppelten Telefonanschluss, um nun seinerseits Jans Telefonate mit Rex zu „belauschen“ und anschließend hämische Kommentare über Rex’ sittsame Zurückhaltung abzugeben: Da dieser sich auch nach mehreren Wochen noch nicht einmal zu einem Kuss durchringen konnte, gehöre er wohl zu den Männern, die sich eher für Kochrezepte und schöne Stoffe als für Frauen interessierten. Die inzwischen selbst ungeduldig gewordene Jan lässt nun bei der nächsten Verabredung nichts unversucht, um Rex zu verführen – was genau das ist, wozu Brad sie treiben wollte.

Brads toller Plan wird aber zunächst jäh durchkreuzt von Jonathan Forbes. Dieser hat nämlich auf den Fotos seines Detektivs sofort erkannt, wer Rex Stetson ist: sein bester Freund Brad Allen, dessen Schlager und Broadwayshows er seit langem finanziert – und den Jonathan sehr bewusst immer weit von Jan Morrow ferngehalten hat. Jetzt stellt Jonathan den falschen Rex zur Rede und zwingt ihn, umgehend die Stadt zu verlassen und seine neue Musikshow in Jonathans Landhaus fertig zu komponieren. Um ganz sicherzugehen, packt Jonathan selbst Brads Arbeitsutensilien zusammen und wartet auf der Straße, bis Brad abgefahren ist. Der hat als Rex jedoch inzwischen Jan den ersten Kuss gegeben, so dass diese mehr als willig ist, ihn auf einen spontanen romantischen Ausflug zu begleiten.

Rezension

Uns hat dieses Geplänkel in den ersten Minuten des Films nicht vom Hocker gerissen.  Die Dialoge, die vielen sexuellen Anspielungen aus einer Zeit, bevor im Film Klartext gesprochen werden konnte, die fanden wir recht langatmig und diese Idee des Komponisten Brad Allen (Rock Hudson), unzähligen Mädels immer dasselbe Lied per Fernsprecher vorzusingen, die hat uns leider zu sehr an die unendliche Musikdudelei in unendlichen Warteschleifen unendlich miserabler Dienstleister erinnert, also an das heute übliche Prozedere, wenn man sich telefonisch an eine größere Firma oder an eine Behörde wendet.

Brad Allen allerdings schafft es anno 1959 noch, die Fräuleins in dem Glauben zu halten, das Tonstück sei nur für sie geschrieben. Das ist zwar nett auf einen so gut aussehenden Schauspieler zugespitzt, der damals auf dem Gipfel des Ruhms stand und hier folgerichtig den Casanova gibt; in dessen Junggesellenwohnung alles per Knopfdruck auf Liebeshöhle umgestellt werden kann und er gibt eine ähnliche Figur wie Frank Sinatra vier Jahre zuvor in „The Tender Trap“. Stylisches Bachelor-Appartement inklusive. Die Idee, Männer von vielen Frauen umschwärmen zu lassen und darüber Komödien zu schreiben, war in den späten 50ern und frühen 60ern überhaupt ein großes Filmthema, das ein Schlaglicht auf die sozialen Umstände wirft.  

Zunächst hat der Wolkenkratzer-Don Juan kein Interesse an seiner Mit-Anschlussinhaberin, der Innenarchitektin Jan Morrow (Doris Day) und hält sie für ein prüdes und unattraktives Geschöpf. In „Pillow Talk“ zeigt uns Miss Day aber, dass sie zwar keine Sexbombe ist, auch kein wahrnehmbar sinnlicher Typ, aber auf ihre saubere und familienfreundliche Art attraktiv und erotisch entflammbar wirken kann. Eine von diesen Frauen, bei denen zunächst alles unter der Oberfläche stattfindet.

Dem guten Drehbuch von Stanley Shapiro und Maurice Richlin ist es zu verdanken, dass es beinahe während des gesamten Films authentisch, naiv und witzig zugleich wirkt. Nur die erwähnten lahmen Anfangsminuten gilt es zu überbrücken. Noch einmal besser wird es, als Rock Hudson erkennt, dass er es als Brad Allen kaum schaffen wird, diese zurückhaltend-romantische Blonde zu erobern und deshalb einen einfachen, reichen, alle Familienideale hochhaltenden Texaner spielt. Eine wunderbare Reminiszenz an Hudsons Rolle als Bick Benedict in „Giganten“ (1955). Jener war auch ein Großrancher, der brach in jungen Jahren in den Osten auf, um dort eine kultivierte und gar nicht pflegeleichte Frau namens Elizabeth Taylor zu erobern. Auf den Stetson hat man in Pillow Talk glücklicherweise verzichtet, um die Anspielung nicht zur Farce und die Komödie nicht zu slapstickhaft werden zu lassen.

Fürs Skurrile sorgt Tony Randall als Industrieller, welcher hinter Jan Morrow her ist, seit sie ihm das Büro hübsch eingerichtet hat, der natürlich mit all seinem Geld gegen den 25 Zentimeter höheren Rock Hudson keine Chance hat. Manchmal tritt die Figur Vic Morrow auch als Narratorin auf und schwärmt von ihrem charmanten Gegenüber – ein schöner Trick, um die naiven Träume alltäglicher Mädchen zu illustrieren, damit konnten sich seinerzeit wohl Millionen von Amerikanerinnen und Frauen auf der ganzen Welt identifizieren. So zu sein wie Doris Day und trotzdem einen Typ wie Rock Hudson abbekommen, das war’s. Glücklicherweise wird in „Bettgeflüster“ auf dieses seltsame Grummeln verzichtet, das Day in anderen ihrer hoch erfolgreichen Komödien zeigt und das eine echte, halb unterdrückte Wut zum Ausdruck bringt, etwas, das in ihr brodelt, aber sich nicht in deftiger Sprache Luft machen darf, weil sie ja Doris Day ist und nicht Ava Gardner – und dieses Geräusch wirkt heute leider antiquiert, seine Abwesenheit ist daher von Vorteil.

Der Film hält schön die Balance, ist immer ein wenig spannend und immer ein wenig komisch, ohne es mit der Dramaturgie oder den Gags zu sehr zu übertreiben und ohne uns das Gefühl zu geben, jetzt kommt etwas, über das nachzudenken sich ernsthaft lohnt. Im Nachfolger „Lover Come Back“ („Ein Pyjama für zwei“), dessen Drehbuch ebenfalls von Shapiro stammt, ist man einen Schritt weiter in Richtung Klamauk gegangen – ganz im Stil der Zeit übrigens, die Slapstick-Comedy stand in der optimistischen Kennedy-Ära in voller Comeback-Blüte („Pillow Talk“ wurde noch vor dessen Wahl zum US-Präsidenten gedreht und ist im Ganzen einen Tick traditioneller).

„Pillow Talk“ konzentriert sich auf das komödiantische Talent von Doris Day, das bereits bekannt war – und auf das von Rock Hudson, über das einige Kritiker erstaunt waren, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte er vor allem in dem erwähnten Epos „Giganten“ reüssiert – und in Melodramen des Regisseurs Douglas Sirk, in denen er mal einen gewandelten Playboy, mal einen ökologisch-philosophisch geradezu visionären Gärtner spielt, jedenfalls humorfreie Figuren. Der Wandel des hünenhaften Beaus zum leichten Genre war so erfolgreich, dass er damit endgültig zum Superstar wurde, obwohl keiner seiner Filme zu den ganz hoch angesiedelten Werken der Filmgeschichte zählt (aus heutiger Sicht sind seine Darstellungen in den Sirk-Dramen, primär im wirklich wunderbaren und humanistischen „Was der Himmel erlaubt“ die künstlerisch bleibenden Eindrücke, die er hinterlässt, in diesen konzentrierten Dramen wirkt er präsenter als in „Giganten“, der eher ein Ensemble-Stück darstellt und in dem James Dean und Elizabeth Taylor viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen).

Die noch immer beliebten, aber sehr zeitgebundenen Komödien mit Doris Day stehen dagegen etwas zurück. Jedoch, wenn  man die spezielle Sicht auf die Geschlechter in einer bedeutsamen, aber kurzen Phase zwischen konservativer Rückbesinnung in den 50ern (nach den liberalen, demokratischen 30ern und der die Gleichberechtigung fördernden Kriegszeit) und neuer Offenheit in den 60ern weglässt, die uns mehr über die Art schmunzeln lässt, wie man damals versuchte, den in die Jahre gekommenen Production Code noch gerade so zu wahren als über die jeweiligen Szenen oder Dialoge als solche, dann bleibt ansehnliche Komödie mit durchschnittlichem Humorfaktor – nicht ganz vergleichbar mit den übermütigen Screwball-Klassikern, von denen wir u. a. „Leoparden küsst man nicht“ (1938) für den Wahlberliner rezensiert haben.

Vor allem Frauen mögen „Bettgeflüster“, ein durchschnittlicher Abstand von 0,5 Punkten zwischen weiblichen und männlichen Stimmen unter den ca. 8.000 Nutzern der IMDb, die den Film gegenwärtig bewertet haben, ist deutlich. Das dürfte an der oben angesprochenen Identifikation mit der Day-Figur liegen, während ein durchschnittlicher männlicher Kinobesucher sich gewiss weniger mit einem so überragend auf Frauen wirkenden Kerl wie Rock Hudson in einem Boot sieht – und in dieselbe Richtung rudernd. Während also viele Frauen beschwingt in der Küche hantieren, nachdem sie „Bettgeflüster“ gesehen haben und sich dabei fühlen wie Doris Day in ihren besten Zeiten, deren Filmfigur immer Hausfrau war oder gefühlte Hausfrau, auch als Berufstätige oder Doch-lieber-wieder-Hausfrau, nachdem sie restaurativ von einer Karriere Abschied nehmen musste („Was die Frau so alles treibt“, 1962, mit James Garner, nicht mit Rock Hudson), gehen viele Männer heimlich vor den Spiegel und ärgern sich über die Ungerechtigkeit der Welt.

Zum Glück sehen die Menschen heute generell etwas besser aus als in den 50ern, das relativiert den Abstand ebenso wie die Tatsache, dass dieses schöne, materiell recht sorgenfreie Leben der New Yorker Singles, das hier vorgeführt wird (am Ende wird natürlich geheiratet, wir sind eben doch in den 1950ern), heute in vielen Großstädten ein gängiges Lebensmodell ist.

Finale

Wir haben uns nicht überragend amüsiert, aber nach anfänglichem Augenrollen über die verkrampften Telefondialoge gut unterhalten. Zudem ist der Film etwas fürs Auge. Einige schöne New-York-Szenen sind zu sehen; der zeitweilige Splitscreen in Cinemascope ist für damalige Verhältnisse quirlig und auf der Höhe der Zeit, die Wohnungen und Büros delikat. Manches darin wirkt heute noch modern, anderes ist zwar aus dem Geschmackskanon verschwunden, aber man kann sich denken, welch eine elegante Zeit das war – vom Leben der oberen Mittelschicht in New York aus gesehen. Dazu gehört auch Doris Days Garderobe, vielleicht die schönste in allen ihren Filmen – was aber auch wieder ein Gschmäckle hat, denn andere Schauspielerinnen waren damals schon französisch eingekleidet. Trotzdem atmet diese bonbonfarbene Zeit mit ihren luxuriösen Dekoren so viel Optimismus; das ist Nostalgie-Erholung für die Seele.

Das flüssige und für eine Komödie logisch wie psychologisch gut organisierte Drehbuch von Shapiro / Richlin errang einen Oscar, die Regie von Gordon Douglas wirkt sicher und symbolisiert, wie einige andere Details, den Aufbruch in eine neue Ära. Nicht so sehr wegen des eher unauffälligen Stils der Inszenierung, sondern, weil die Karriere dieses Regisseurs, der in „Bettgeflüster“ ganz unpolitisch filmt,  zuvor für Jahre wegen der McCarthy-Kommunistenhetze unterbrochen war.

DWB-Wertung: 7,5/10.

2025, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Michael Gordon
Drehbuch
Produktion
Musik Frank De Vol
Kamera Arthur E. Arling
Schnitt Milton Carruth
Besetzung

 


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