Bus, Bahn, Auto, Populismus: Nutzeranteile der Verkehrsmittel (Statista + Recherche: andere Datenquellen + Kommentar: ständig diese fragwürdigen Narrative)

Bus, Bahn, ÖPNV, ÖPV, Auto, Straßenverkehr, Schienenverkehr, Nutzeranteile, Klimakrise, Verkehrswegend, subjektive Angaben, offizielle Daten, auf dem Land, Erreichbarkeit, in der Stadt, Fahrrad, E-Bike, Arbeitsweg, Benzinpreise, Kraftstoffpreise

Heute haben wir wieder etwas sehr Erhellendes für Sie, dieses Mal zur Verkehrswende. Es geht um die Anteile der Nutzung verschiedener Verkehrsmittel.

1.) Wir werden nach den Kraftstoffpreisen in dieser Woche zum zweiten Mal mit einem populistischen Narrativ aufräumen.

2.) Sie bekommen selbstverständlich einen Mehrwert, indem wir recherchiert und einen Vergleich der Statista-Daten mit offiziellen Datensätzen initiiert haben.

Infografik: Wie häufig nutzen die Deutschen Bus und Bahn? | Statista

Begleittext von Statista

Nur etwa jede vierte Person in Deutschland nutzt Bus und Bahn mindestens wöchentlich. Das zeigt eine Auswertung von Statista Consumer Insights auf Basis von 5.137 Befragten zwischen 18 und 64 Jahren. Während 11,5 Prozent den öffentlichen Nahverkehr (fast) täglich nutzen, greifen 12,9 Prozent zwei- bis fünfmal pro Woche darauf zurück.

Demgegenüber steht eine große Gruppe mit deutlich geringerer Nutzung. 15,9 Prozent fahren nur ein- bis viermal pro Monat, während 43,0 Prozent den ÖPNV gar nicht regelmäßig nutzen. Weitere 9,1 Prozent nutzen ihn sogar noch seltener. Insgesamt zeigt sich damit eine klare Zweiteilung zwischen regelmäßigen Nutzern und einer Mehrheit, für die Bus und Bahn im Alltag kaum eine Rolle spielen.

Diese Verteilung deutet auf strukturelle Herausforderungen für den öffentlichen Nahverkehr hin. Faktoren wie Angebotsdichte, Erreichbarkeit oder individuelle Mobilitätsbedürfnisse könnten entscheidend dafür sein, ob Menschen den ÖPNV regelmäßig nutzen. Eine stärkere Nutzung würde vermutlich Investitionen in Infrastruktur und Attraktivität voraussetzen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 hat ergeben, dass der ÖPNV in Deutschland in Teilen ein Image-Problem hat.

Statista Consumer Insights sind ein datenbasiertes Marktforschungs- und Analyse-Tool auf Basis großer, repräsentativer Online-Befragungen in vielen Ländern, das detaillierte Informationen zu Konsumverhalten, Einstellungen, Mediennutzung, Markenwahrnehmung und Zielgruppen liefert. Unternehmen, Agenturen, Marktforscher und Strategen nutzen dieses Angebot, um Zielgruppen zu definieren, Märkte und Marken zu vergleichen, Trends zu beobachten und Kampagnen oder Produktstrategien gezielt auf bestimmte Konsumentensegmente auszurichten.

Zwischenkommentar

Es nervt uns schon langsam, dass immer von „Die Deutschen“ gesprochen wird, als ob nur Staatsanghörige a.) von Statista befragt werden und b.) das Verkehrsaufkommen in Deutschland abbilden. Was Sie oben sehen, weist bereits auf einen Umstand hin: Es gibt viel mehr ÖPNV- oder ÖPV-Verschmäher (und Nicht-Fahrradfahrer inklusive E-Bikes), als es Menschen geben kann, die so gar nicht an den ÖPNV angebunden sind. Die meisten leben in Städten und in Vorstädten und stadtnahen Orten, die sehr wohl mit den Öffis gut zu erreichen sind und von denen aus man auch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren könnte. Um hier etwas mehr Stringenz reinzubringen, haben wir folgende Recherche beauftragt:

### Nun handelt sich hier wieder nicht um eine offizielle Statistik, sondern um eine Befragung. ### Bitte gehen Sie auf folgende Aspekte ein: 1.) Gibt es auch offizielle Statistiken zu dem Thema mit möglicherweise abweichenden Zahlen? 2.) Ich bin der Ansicht, dass viele Leute mit dem Auto fahren, obwohl sie locker Bus und Bahn benutzen können. Ganz sicher sind nicht die 43 Prozent, die nie ÖPNV benutzen, alle weit draußen auf dem Land angesiedelt, wo der ÖPNV wirklich schlecht ist. 3.) Außerdem glaube ich, dass der Anteil derer, die freimütig zugeben (in einer Umfrage), dass sie nie den ÖPNV nutzen, eher geringer ist als der Anteil derer, die es tatsächlich nicht tun. Die Idee: Es ist immer noch so, dass ÖPNV-Nutzung eher offensiv angegeben wird, um nicht als Klima-Arschloch dazustehen (das müssen Sie so nicht wörtlich schreiben).

Recherche

Es gibt amtliche Statistiken zur Nutzung von Bus und Bahn, und sie zeigen klar: Das Auto dominiert weiterhin, ÖPNV wird deutlich weniger genutzt – Ihre Vermutung geht also in die richtige Richtung. Wie groß genau die Gruppe der „Nie‑Nutzer“ ist, lässt sich aber aus offiziellen Quellen nicht 1:1 mit den Statista-Zahlen vergleichen, weil dort andere Messgrößen verwendet werden.bmv+3


1) Offizielle Statistiken vs. Statista-Befragung

Amtliche Daten kommen vor allem aus drei Quellen:

  • Statistisches Bundesamt (Destatis): Fahrgastzahlen im Linienverkehr, Personenkilometer etc.ariva+2

  • „Mobilität in Deutschland“ (MiD), eine große, staatlich finanzierte Haushaltsbefragung zu Alltagswegen.mobilitaet-in-deutschland+2

  • Mikrozensus / spezielle Auswertungen etwa zum Arbeitsweg.electrifiedmagazin

Wichtige Punkte:

  • MiD 2023 weist für den bundesweiten Modal Split (Anteil der Wege) einen ÖPNV‑Anteil von etwa 11 % der Wege aus, während mehr als 60 % der Wege mit motorisiertem Individualverkehr (überwiegend Pkw) zurückgelegt werden. Das heißt: Die Mehrheit der täglichen Wege wird nicht mit Bus und Bahn gefahren.bmv+1

  • Beim Arbeitsweg gaben 2024 laut Mikrozensus 65 % der Erwerbstätigen an, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, während 16 % öffentliche Verkehrsmittel nutzen.electrifiedmagazin

Damit sieht man:

  • Offizielle Daten stützen die Aussage, dass ÖPNV gegenüber dem Auto klar in der Minderheit ist.umweltbundesamt+2

  • Sie sind aber anders definiert als die Statista-Grafik: MiD und Destatis messen Wege, Personenkilometer oder Hauptverkehrsmittel – Statista fragt nach subjektiver Nutzungshäufigkeit („fast täglich“, „2–5 Mal pro Woche“, „gar nicht regelmäßig“ etc.).statista+1

Ob die 43 % „nutzen den ÖPNV gar nicht regelmäßig“ höher oder niedriger wären, wenn Destatis denselben Fragetext nutzen würde, kann man nicht direkt sagen, weil amtliche Statistiken diese Kategorie so nicht ausweisen. Sie bestätigen aber, dass die Gruppe, für die Bus/Bahn im Alltag kaum eine Rolle spielt, sehr groß ist.statista+3


2) „Viele könnten Bus und Bahn nutzen, fahren aber Auto“

Ihre Intuition wird von amtlichen Daten stark gestützt:

  • MiD und Umweltbundesamt zeigen, dass knapp 80 % der Personenverkehrsleistung (Personenkilometer) mit Pkw und Krafträdern erbracht werden, während Bahn und Straßenpersonenverkehr zusammen nur einen kleinen Anteil haben.umweltbundesamt+2

  • Gleichzeitig leben sehr viele Menschen in Stadt- und Umlandregionen mit grundsätzlich brauchbarem ÖPNV-Angebot; dort ist der ÖPNV‑Anteil zwar höher als im ländlichen Raum, das Auto bleibt aber trotzdem dominant.mobilitaet-in-deutschland+1

Das deutet darauf hin:

  • Ein erheblicher Teil der Autofahrten wird in Gebieten mit nutzbarem ÖPNV durchgeführt – nicht nur „auf dem Land“.bmv+1

  • Die 43 %, die in der Statista-Umfrage angeben, den ÖPNV „gar nicht regelmäßig“ zu nutzen, werden also nicht vollständig durch eine echte Nicht-Erreichbarkeit des ÖPNV erklärt.statista+1

MiD und andere Untersuchungen nennen als Gründe für die starke Autonutzung u. a. Komfort, Zeitersparnis, direkte Tür‑zu‑Tür-Verbindung, Flexibilität und Gewohnheit – selbst in Städten, in denen ein nutzbarer ÖPNV vorhanden ist. Damit liegt Ihre Vermutung, dass viele Leute auch dann Auto fahren, „obwohl sie locker Bus und Bahn benutzen könnten“, gut im Rahmen der empirischen Befunde.umweltbundesamt+2


3) „Sozial erwünschte“ Antworten und Unterschätzung der Nie‑Nutzer

Sozial erwünschte Antworttendenzen sind in der Mobilitätsforschung ein bekanntes Problem. Bei Themen, die moralisch aufgeladen sind (Klimaschutz, Nachhaltigkeit), neigen Menschen dazu, umweltfreundliches Verhalten zu überschätzen und „klimaschädliches“ Verhalten zu unterberichten.umweltbundesamt+3

Warum Ihre Vermutung plausibel ist:

  • Autoverkehr steht zunehmend in öffentlicher Kritik, während ÖPNV, Fahrrad und Fußverkehr positiv konnotiert sind.umweltbundesamt

  • In Umfragen ist daher anzunehmen, dass manche Befragte ihre ÖPNV‑Nutzung eher etwas positiver darstellen, z. B. „ich fahre ja schon ab und zu Bus“, obwohl es faktisch vielleicht noch seltener passiert.bmv+1

  • Zudem ist die Kategorie „nutzt ihn gar nicht regelmäßig“ sprachlich weich formuliert. Jemand, der ein‑ oder zweimal im Jahr ausnahmsweise Bus fährt, dürfte sich kaum selbst als „Nie‑Nutzer“ sehen und eher diese weichere Kategorie wählen – obwohl ÖPNV real praktisch keine Rolle im Alltag spielt.statista

Auch methodisch ist wichtig:

  • Statista Consumer Insights ist eine Online-Befragung (18–64 Jahre), also keine Vollerhebung. Trotz Gewichtung können bestimmte Gruppen (z. B. stark autoorientierte Haushalte ohne stabile Internetnutzung, sehr alte Menschen) unter- oder überrepräsentiert sein.statista+1

  • MiD zeigt, dass ältere Menschen und Landbevölkerung im Schnitt noch stärker autoorientiert sind. Da 65+ in der Statista-Auswertung fehlt, wäre zu erwarten, dass der tatsächliche Anteil der Menschen, die faktisch nie oder fast nie ÖPNV nutzen, eher höher liegt als in der Statista-Grafik.mobilitaet-in-deutschland+1

Insofern ist Ihre Überlegung sehr gut begründet:

  • Es ist wahrscheinlich, dass der „Nie- oder faktisch-nie-ÖPNV“-Anteil real höher ist als die 43 %, die „gar nicht regelmäßig“ angeben.mobilitaet-in-deutschland+2

  • Dazu kommen nochmal 9,1 % mit „noch seltener“ – zusammen also über 50 %, die laut Statista ohnehin praktisch keine regelmäßige ÖPNV-Routine haben. Unter Annahme sozial erwünschter Antworten ist ein tatsächlich noch größerer Abstand zwischen Auto- und ÖPNV-Nutzung plausibel, was auch mit den Modal-Split-Daten harmoniert.umweltbundesamt+3


4) Wie man solche Befragungen einordnen sollte

Für Ihre Einordnung sind drei Punkte hilfreich:

  • Die Statista-Grafik ist kein „Fake“, sondern eine legitime, aber kommerziell erhobene Online-Umfrage – mit klar begrenztem Altersbereich und potenziellen Verzerrungen.statista

  • Offizielle Statistiken wie MiD, Destatis-Verkehrsdaten und Mikrozensus zeigen – auf andere Weise gemessen – ein sehr ähnliches Grundbild: Auto dominiert deutlich, ÖPNV ist Minderheiten-Verkehrsmittel, insbesondere außerhalb verdichteter Räume.electrifiedmagazin+3

  • Die Zahl „jeder Vierte nutzt Bus und Bahn mindestens wöchentlich“ sollten Sie eher als grobe Größenordnung verstehen, nicht als exakte Wahrheit – zumal die Definition von „nutzen“ und „regelmäßig“ unscharf ist und sozial erwünschte Antworten wahrscheinlich sind.umweltbundesamt+2

Schlusskommentar

Das riesige Lamento über die Benzinpreise, das nun zu ganz falschen politischen Handlungen führt, wieder einmal, hat also neben den Preisen selbst, die nicht so exorbitant sind, wie sie populistisch aufgeheizt werden, einen weiteren Aspekt, der ebenfalls von jenen, die daran interessiert sind, die Demokratie zu schädigen, falsch dargestellt wird. Sie tun, als ob nur Menschen, die keine ÖPNV-Anbindung haben, ständig mit dem Auto unterwegs sind. Das ist nach obigen Angaben eindeutig nicht der Fall. Viele könnten sehr wohl ÖPNV fahren oder in die Pedale treten oder sich von einem E-Bike einigermaßen umweltverträglich und ohne auf dem Weg zur Arbeit zu schwitzen kutschieren lassen, tun es aber schlicht aus Bequemlichkeit nicht. In Berlin würde sich dann freilich die Frage stellen, ob man die BVG endlich wieder in Schuss bringt und die Taktung der Züge verkürzt. Ein vorhandener, theoretisch fast perfekt ausgebauter, faktisch aber unzuverlässiger ÖPNV wie der unsere kann ein legitimer Grund sein, das Auto zu benutzen, zumal durch die Unregelmäßigkeit vor allem der U-Bahnen manche auch so voll sind, dass Leute, die es nicht so mit Sardinendosenromantik haben, lieber das Auto nutzen.

Fakt ist aber, dass auch in Gegenden, in denen es diese Sonderprobleme nicht gibt, viele ohne Zwang mit dem Auto fahren. Nach unserer Ansicht ist es obsolet, wenn Angehörige der Gruppe, die eine gute öffentliche Anbindung für die Bewältigung ihrer täglichen Wege hat (wir reden nicht vom Wochen-Großeinkauf, bestimmten Fahrten zu besonderen Zwecken), trotzdem immer im Auto sitzt. Für diesen nicht nachhaltigen Luxus muss man eben etwas mehr bezahlen, wie für jeden Luxus. Oder etwa nicht? Doch, auch hier geht es um Gerechtigkeit. Es so zu betrachten, sind viele Menschen nicht gewöhnt, weil Benzin zwar besteuert wird, Autofahren im Ganzen aber subventioniert. Zum Beispiel durch den Straßenbau, den alle Steuerzahler finanzieren, auch die ÖPNV-Nutzer, und die gesamte riesige Logistik, die dem Individualverkehr gewidmet ist, bis hin zu E-Auto-Prämien aktueller Ausprägung.

Beim Thema Auto setzt aber in Deutschland, bei Deutschen sowohl wie bei Nichtdeutschen, die Logik komplett aus, und das lässt sich populistisch prima bespielen, vielleicht am besten neben dem Thema Migration. Wir bleiben bei der Sache und Sie bekommen eine Darstellung, die nicht opportunistisch, sondern an der Suche nach der Wahrheit orientiert ist. Dass wir beim Ton auch gerne mal etwas offensiver zu Werke gehen, ist dem Ton des politischen Diskurses mit seinen unzähligen unhaltbaren Narrativen geschuldet, weil man anders gar nicht mehr durchdringt, aber wir tun es für die Demokratie, die in diesem Kesseltreiben mit einigermaßen validen Zahlen gestützt werden muss – und nicht mit Fake News gegen sie.

TH

 


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