IDAHOBIT, IDAHOBITA*, Queers, LGBTI*, Kundgebung, Berlin 2026, EU-Ranking der LGBTI*-Gleichstellung, Gewalt gegen LGBTI*-Angehörige, Kriminalität, digitale Gewalt, Selbstbestimmungsgesetz, Demokratie, Freiheit, soziale Rechte, Diversität
Ein Artikel anlässlich des Internationalen Tags gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexuellenfeindlichkeit am 17. Mai und anlässlich der Kundgebung an diesem Tag auf dem Berliner Wittenbergplatz mit dem Schwerpunkt digitale Gewalt.
Was ist der IDAHOBIT – und warum er uns alle angeht
Jedes Jahr am 17. Mai wird weltweit der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexuellenfeindlichkeit begangen – kurz IDAHOBIT oder, in seiner neuesten Erweiterung, IDAHOBITA*. Das Datum ist kein Zufall: Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten – ein historischer Meilenstein, der heute noch lange nicht in einer vollständigen gesellschaftlichen und rechtlichen Realität angekommen ist.[1][2]
Seit 2005 wird dieser Tag begangen, um auf Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen hinzuweisen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Er richtet sich an alle – ob Betroffene, Verbündete, Gleichgültige oder Skeptiker. Denn was an diesem Tag erinnert wird, ist keine Randerscheinung: Es geht um Grundrechte, um körperliche Unversehrtheit, um die Freiheit, im öffentlichen Raum man selbst zu sein.[2][1]
Wir haben über Queer-Themen und speziell den IDAHOBIT mehrfach berichtet, zum Beispiel hier: Briefing 192 im Mai 2023, zuletzt im Mai 2025, auch damals war bereits der Anstieg queerfeindlicher Kriminalität ein Thema. Außerdem waren wir 2025 beim Christopher Street Day und haben eine mehrteilige Fotoreportage angefertigt.
Nun möchten wir eine umfassende Bestandsaufnahme liefern. Wir leben in einem Berliner Kiez, in dem queeres Leben präsent und sichtbar ist. Wir beobachten aber auch, wie diese Sichtbarkeit unter Druck gerät – durch gesellschaftliche Polarisierung, durch demografischen Wandel, durch Einflüsse, die das Zusammenleben in Vielfalt herausfordern. Und durch Hass, der in Zahlen gemessen wird.[3][4]
I. Wie steht es um die Gleichstellung? Ein Blick auf Europa
Infografik: Wie steht es um die Gleichstellung der LGBTI-Community? | Statista

Die erste Statista-Infografik, die anlässlich des IDAHOBIT veröffentlicht wurde, basiert auf den Daten der ILGA-Europe Rainbow Map 2025 – einem bedeutenden jährlichen Ranking, das die Fortschritte in der rechtlichen und politischen Situation von LGBTIQ*-Menschen in 49 europäischen Ländern vergleicht. Auf einer Skala von 0 (grobe Diskriminierung) bis 100 Prozent (vollständige Gleichstellung) wird bewertet, wie Länder in sieben Kategorien abschneiden: Gleichstellung und Nichtdiskriminierung, Familie, Hassverbrechen und Hassreden, rechtliche Geschlechtsanerkennung, körperliche Unversehrtheit von Intersexuellen, Raum für die Zivilgesellschaft und Asyl. [^5]
Das Ergebnis für Europa insgesamt ist ernüchternd: Der europäische Durchschnitt liegt bei nur 41,85 Prozent, der EU-Durchschnitt kommt auf 51,13 Prozent – weit entfernt von der Idealmarke. Volle Gleichstellung ist auf dem Kontinent noch Utopie. Immerhin: Im Jahr 2025 hat sich Deutschland deutlich verbessert und rangiert nun auf Platz 8 von 49 Ländern – nach Platz 10 im Vorjahr und Platz 15 noch 2023. Mit einem Wert von 69,1 Prozent hat die Bundesrepublik in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Im Vorjahr lag der Wert noch bei 66,13 Prozent, und vor fünf Jahren befand sich Deutschland gar erst bei etwa 51 Prozent – der Fortschritt ist real und messbar.[6][7][8][3]
Das ist deshalb bemerkenswert, weil bei den LGBTI*-Rechten noch eine gewisse positive Dynamik spürbar ist, die aus den progressiveren Jahren mitgenommen werden konnte, während Deutschland in anderen Rankings, die Demokratie und Freiheit betreffend, mittlerweile Plätze verliert (zuletzt haben wir hier über Deutschlands Abstieg im Ranking der Pressefreiheit berichtet). Man muss dies alles im Zusammenhang betrachten. Es wird sich weisen, dass nicht ein Bereich allein dauerhaft vor dem demokratischen Rückschritt geschützt werden kann. Deswegen schon an dieser frühen Stelle der Appell: Wir sollten nicht zu gruppenbezogen denken, sondern Demokratie und Gleichstellung als gesamt-zivilgesellschaftliche Aufgabe betrachten.
An der Spitze des Rankings steht erstmals Spanien (88,7 Prozent), danach der vorherige jahrelange Spitzenreiter Malta(87,7 Prozent), Belgien (85 Prozent) gefolgt von Island und Dänemark . Deutschland verdankt seinen Aufstieg maßgeblich dem Selbstbestimmungsgesetz, das im November 2024 in Kraft trat und es trans* und nicht-binären Personen erstmals ermöglicht, ihren Geschlechtseintrag durch einfache Erklärung beim Standesamt ändern zu lassen – ohne erniedrigende Gutachten und aufwändige Gerichtsverfahren. Bis Ende 2024 änderten bereits 10.589 Menschen ihren Geschlechtseintrag unter dem neuen Gesetz. Nur elf weitere europäische Länder kennen eine solche Selbstbestimmungsregelung: Belgien, Dänemark, Finnland, Island, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, die Schweiz und Spanien.[7][8][6][2]
Dennoch: Die Lage bleibt uneinheitlich und in Teilen Europas dramatisch. Ungarn verlor sieben Plätze – unter anderem wegen des ersten Pride-Verbots innerhalb der EU – und liegt nun auf Rang 37. Großbritannien fiel um sechs Plätze auf Rang 22, nachdem das oberste Gericht das Verständnis von „Frau“ auf das „biologische Geschlecht“ reduzierte. Georgien, wo ein russisch inspiriertes Gesetz die Rechte sexueller Minderheiten massiv einschränkt, verlor ebenfalls sieben Plätze. Am unteren Ende des Rankings finden sich Russland, Aserbaidschan und die Türkei.[9][10][^6]
Die Friedrich-Naumann-Stiftung warnt in ihrer Analyse: In Polen, Bulgarien und Rumänien sind rund 70 Prozent der Bevölkerung gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen – und staatliche Behörden sind in einigen dieser Länder aktiv an der Unterdrückung von LGBTIQ*-Personen beteiligt. In Russland ist „LGBTQ-Bewegung“ seit 2023 offiziell als „extremistisch“ verboten – ein Präzedenzfall, der in anderen autoritären Staaten Schule machen könnte.[^10]
Auch in Deutschland bleibt Luft nach oben. Die Bundesrepublik belegt im gesamteuropäischen Gleichstellungsvergleich Platz 8 – ein Platz im oberen Mittelfeld, der trotz des Selbstbestimmungsgesetzes weniger Punkte eingebracht hat als erhofft (der Punkte Abstand zu den Spitzenreiter-Ländern ist mit 18 oder 15 weiterhin beträchtlich). Trans*-Elternschaften werden etwa noch nicht vollständig anerkannt. 76 Prozent der Europäer befürworten laut Eurobarometer zwar, dass LGBTI*-Personen gleiche Rechte haben sollten – dennoch erfährt fast die Hälfte aller LGBTI* in Europa Diskriminierung oder Belästigung. Diskriminierung am Arbeitsplatz, in der Schule, bei der Wohnungssuche und im Gesundheitswesen sind keine Ausnahmen, sondern verbreitete Realitäten.[11][7]
Die EU hat seit 2003 ein grundlegendes Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz – doch ein umfassender Schutz im Bereich sozialer Sicherheit, Bildung und Wohnen scheitert bislang an fehlender Einstimmigkeit der Mitgliedstaaten. Ein Antidiskriminierungsgesetz für alle Lebensbereiche, wie es die Europäische Kommission 2008 vorschlug, wartet bis heute auf Umsetzung.[^11]
II. Wer ist LGBTQA+ in Deutschland? Generationen im Wandel
Infografik: Wer sich in Deutschland als LGBTQA+ identifiziert | Statista

Die zweite Statista-Infografik lenkt den Blick ins Innere der deutschen Gesellschaft: Wie groß ist die LGBTQA+-Community eigentlich – und wie unterscheiden sich die Generationen? Die Antwort, die aus einer umfassenden Befragung der Statista Global Consumer Survey mit mehr als 23.000 deutschen Teilnehmenden hervorgeht, ist eindeutig: Je jünger, desto queerer.[12][13]
Bei den Baby Boomern (Jahrgänge 1946–1964) identifizieren sich 96 bis 97 Prozent als heterosexuell – nur zwei Prozent als homosexuell, ein Prozent als bisexuell. In der Generation X (1965–1979) sind es 95 Prozent Heterosexuelle, in der Generation der Millennials (1980–1994) immer noch 92–93 Prozent. Bei der Generation Z (ab 1995) hingegen identifizieren sich nur noch 87 Prozent als heterosexuell. 8 Prozent der volljährigen unter ihnen bezeichnen sich als homo- oder bisexuell, weitere 3 Prozent als pansexuell oder asexuell.[13][14][^12]
Was bedeutet das? Die Zahlen könnten zweierlei widerspiegeln: einerseits einen echten gesellschaftlichen Wandel in der Selbstwahrnehmung jüngerer Menschen, andererseits eine größere Bereitschaft zur Sichtbarkeit in einer Generation, die offener mit ihrer Identität umgeht und weniger Stigma fürchtet. Interessant ist, dass in absoluten Zahlen der Anteil homosexuell identifizierter Personen über alle Generationen hinweg relativ konstant bei zwei bis drei Prozent liegt – was stark für die zweite Interpretation spricht.[12][13]
Für die Gesamtbevölkerung gilt: Rund 7 Prozent der Deutschen identifizieren sich nach Statista als Teil der LGBTQ+-Community. Hochgerechnet auf die Bevölkerung Berlins mit seinen rund 3,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wären das knapp 260.000 Menschen oder knapp einer von zwölf Bezirken. Für uns als Kiez-Beobachter in einer der sichtbarsten queeren Nachbarschaften Berlins – Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain – ist diese Zahl greifbar real.[^15]
Die generationale Verschiebung ist nicht nur soziologisch interessant. Sie hat politische und stadtgesellschaftliche Konsequenzen. Eine Generation, die ihre queere Identität selbstverständlicher lebt und öffentlich sichtbarer macht, trifft auf eine gesellschaftliche Realität, in der Backlash und Gewalt zunehmen – ein Widerspruch, der sich in den Berliner Kriminalstatistiken brutal auszudrücken beginnt.
III. Der Anstieg der Gewalt: Zahlen, die erschrecken
Infografik: Starker Anstieg queerfeindlicher Hasskriminalität | Statista

Die dritte Statista-Infografik zeigt, was Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) über queerfeindliche Hasskriminalität in Deutschland aussagen – und die Botschaft ist alarmierend: Die registrierten Fälle haben sich in kurzer Zeit vervielfacht.
Von 782 Fällen im Jahr 2020 auf fast 3.000 Fälle im Jahr 2024. Konkret: Im Jahr 2024 wurden 1.765 Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und 1.152 Straftaten im Bereich „Geschlechtsbezogene Diversität“ verzeichnet. Das bedeutet: Die Hasskriminalität gegen homo- und bisexuelle Menschen hat sich seit 2020 verdreifacht, die Gewalt gegen trans*, inter und nicht-binäre Personen hat sich in diesem Zeitraum sogar mehr als verfünffacht.[16][17]
Für das Jahr 2025 liegen bereits vorläufige Zahlen vor: 2.048 Fälle queerfeindlicher Hasskriminalität wurden erfasst – erstmals in einer neuen Doppelzählung, die Überschneidungen zwischen beiden Phänomenbereichen berücksichtigt. Die Richtung bleibt: kein Rückgang, keine Normalisierung. Betrachtet man den längeren Trend, dann hat sich die Zahl entsprechender Straftaten seit 2010 laut BKA-Lagebericht nahezu verzehnfacht.[17][2]
Der LSVD – Bundesverband, der sich seit Jahrzehnten für LGBTI*-Rechte einsetzt – weist auf ein entscheidendes Strukturproblem hin: Die Dunkelziffer liegt bei schätzungsweise 80 bis 90 Prozent. Nur ein Bruchteil der Taten wird angezeigt, noch weniger korrekt als Hasskriminalität erfasst. Gründe: Angst vor homo- oder transphober Reaktion der Polizei, mangelndes Vertrauen in die Strafverfolgung, Scham und die Erfahrung, nicht ernst genommen zu werden. Eine Dunkelfeldstudie des BKA aus dem Jahr 2026 – „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) – belegt zudem, dass queere Menschen überdurchschnittlich häufig von Partnerschaftsgewalt, sexualisierter und digitaler Gewalt betroffen sind.[2][17]
Die politische Verortung: Rechts dominiert
Die Täter kommen überwältigend aus dem rechten politischen Spektrum. Im Jahr 2024 wurden bei den Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung 718 von 1.765 Fällen dem rechten Phänomenbereich zugeordnet – im Vorjahr waren es noch 455, ein Anstieg von fast 58 Prozent in einem einzigen Jahr. Im Bereich der geschlechtsbezogenen Diversität verdoppelte sich die Zahl rechter Straftaten in 2024 auf 474 (von 238 im Vorjahr, +99%). Dem linken Spektrum ordnete das BKA insgesamt nur 17 bzw. 8 Fälle zu. Die Botschaft ist klar: Queerfeindliche Hasskriminalität ist in erster Linie ein Problem des Rechtsextremismus – und wächst proportional zu dessen gesellschaftlichem Erstarken.[16][17]
Die Friedrich-Naumann-Stiftung dokumentiert, wie rechte Akteure queerfeindliche Haltungen systematisch als politisches Instrument nutzen: von AfD-Politiker Maximilian Krah, der in einem TikTok-Video „echte Männer“ mit Rechts-Sein und heterosexueller Orientierung verknüpfte, bis zu koordinierten Diffamierungskampagnen in sozialen Netzwerken. Queerfeindlichkeit ist dabei oft Stellvertreter für eine breiter angelegte antidemokratische Agenda.[^10]
Berlin: Regenbogenhauptstadt unter Druck
Für Berlin gelten diese Trends besonders intensiv. 2025 registrierte die Polizei 587 queerfeindliche Straftaten – nahezu unverändert gegenüber dem Vorjahr und auf dem Niveau des Höchststands von 588 Fällen im Jahr 2023. Die Bezirke mit den meisten Fällen sind Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte – genau jene innerstädtischen Kieze, in denen queeres Leben am sichtbarsten ist, und in denen wir uns täglich bewegen.[18][19][^17]
Das Anti-Gewalt-Projekt Maneo, das seit 36 Jahren als Opferhilfe aktiv ist, zählte im vergangenen Jahr 723 Fälle und Hinweise auf Anfeindungen gegen schwule Männer, lesbische Frauen und andere sexuelle Minderheiten in Berlin. Darunter Flaschenwürfe auf Einrichtungen, homophobe Beleidigungen, körperliche Übergriffe – aber auch subtilere Formen: Ein schwuler Flüchtling, angegriffen in seiner Sammelunterkunft. Zwei sich küssende Frauen, in einem Bus geschubst und beleidigt. Allein die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum reicht als Auslöser für Gewalt.[^20]
„Wenn vor jedem verliebten Blick, vor einer Umarmung, vor einem Kuss im öffentlichen Raum zuerst die Umgebung gecheckt werden muss – dann ist das eine erhebliche Einschränkung von Freiheit“, formuliert der LSVD. Das gilt auch für die Berliner Landesstrategie für queere Sicherheit, die 2025 unter Beteiligung von über 400 Personen erarbeitet wurde und mit 340 Maßnahmen auf mehr Schutz, Prävention und gesellschaftliche Sichtbarkeit zielt.[19][17]
Als Beobachter in einem Berliner Kiez, in dem queere Menschen seit Jahrzehnten eine wichtige Gemeinschaft bilden – und wo wir auch den schleichenden Druck beobachten, dem diese Präsenz durch Veränderungen im Stadtgefüge ausgesetzt ist – ist dieser Kontext nicht abstrakt. Queerfeindlichkeit hat konkrete Adressen, konkrete Tatorte, konkrete Opfer. Und sie nimmt zu.
2026: Schwerpunkt Digitale Gewalt
Der diesjährige IDAHOBIT steht in Berlin unter dem Schwerpunkt digitale Gewalt. Der LSVD Berlin-Brandenburg lädt am 17. Mai 2026 zu einer Kundgebung auf dem Wittenbergplatz ein – einem symbolischen Ort im Herzen des queeren Berlins. Der Schwerpunkt ist zeitgemäß: Queere Menschen sind, wie andere marginalisierte Gruppen, überdurchschnittlich von digitaler Gewalt betroffen, von Hasskommentaren bis zu gezielten Doxing-Kampagnen. Auch das BKA-Lagebericht bestätigt: Ein erheblicher Anteil der queerfeindlichen Übergriffe in Berlin hat inzwischen einen digitalen Bezug.[21][19]
IV. Kontinuität in der Berichterstattung: Was wir früher schrieben
Der WAHLBERLINER hat das Thema LGBTI* und IDAHOBIT über Jahre begleitet. Das ist uns wichtig – nicht als Selbstdarstellung, sondern als Erinnerung daran, dass Kontinuität in der Berichterstattung auch ein Statement ist.
Im Briefing 192 vom Mai 2023 schrieben wir: „Am 17. Mai ist der internationale Tag gegen Homo-, Trans- und Biphobie.“ – und verbanden es mit einer breiteren Analyse zur Gleichstellung. Im Mai 2025 – IDAHOBIT 2025 – veröffentlichten wir einen ausführlichen Artikel zur Gleichstellungslage in Europa und dem Anstieg queerfeindlicher Kriminalität, der sich auf die damaligen Statista-Daten stützte. Darin hielten wir fest: „Auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent (vollständige Gleichstellung) reicht es nur für rund 42 Prozent, etwas besser schneidet die Europäische Union mit knapp über 51 Prozent ab.“ Und: „Deutschland befindet sich zwar im grünen Bereich der Rainbow Map, hat aber mit 69 Prozent immer noch viel Raum für Verbesserungen. Aber die Entwicklung geht hierzulande in die richtige Richtung.“[4][3]
Im April 2026 berichteten wir über die „Ehe für alle“ zum 25. Jahrestag der ersten gleichgeschlechtlichen Ehe weltweit (Niederlande, 2001) und beleuchteten, in wie vielen Ländern heute die Ehe für alle gilt – und in wie vielen sie noch immer fehlt.[^22]
Diese Kontinuität ist Teil unseres Verständnisses von Hauptstadt-Bürgerjournalismus: Wir berichten nicht einmal über ein gesellschaftliches Thema und lassen es dann fallen. Denn LGBTI*-Rechte sind keine saisonale Angelegenheit. Sie sind ein dauerhafter Test für den Zustand unserer Demokratie.
V. Was die Daten zusammen erzählen: Eine Analyse
Legt man alle drei Statista-Grafiken übereinander, ergibt sich ein Bild voller Widersprüche.
Die gute Nachricht: Deutschland hat sich in der europäischen Gleichstellungs-Rangliste deutlich verbessert. Das Selbstbestimmungsgesetz ist ein echter Fortschritt. Und die wachsende Selbstidentifikation mit queeren Identitäten in jüngeren Generationen zeigt, dass gesellschaftliche Stigmatisierung abnimmt – zumindest auf der Ebene der Selbstauskunft.
Die schlechte Nachricht: Dieser Fortschritt geht einher mit einem dramatischen Anstieg von Hasskriminalität. Je sichtbarer queere Menschen werden, desto stärker werden sie zur Zielscheibe. Der LSVD hat diesen Zusammenhang analysiert: Sichtbarkeit provoziert Reaktion. Die Berlin-Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt: Trotz aller Fortschritte ist Deutschland beim europaweiten Gleichstellungsvergleich nur Mittelfeld. Und in einem Tagesspiegel-Bericht vom Februar 2026 findet sich eine ernüchternde Zahl: Jeder fünfte Berliner findet es „ekelhaft, wenn sich Homosexuelle öffentlich küssen“.[23][17][^10]
Der Kern der Frage ist, ob der gesellschaftliche Fortschritt schnell genug voranschreitet, um den Backlash zu verunmöglichen. Derzeit sieht es eher so aus, als liefen beide Entwicklungen parallel – Fortschritt und Rückschritt, Sichtbarkeit und Gewalt, Akzeptanz und Ablehnung.
Für Berlin ist das eine besondere Herausforderung. Als „Regenbogenhauptstadt“ hat die Stadt ein Selbstbild, das die Realität teils beschönigt. Die queere Community ist in bestimmten Kiezen präsent und sichtbar – und erlebt gleichzeitig, wie diese Sichtbarkeit angefochten wird: durch demografischen Wandel, durch die Verdrängung der queeren Infrastruktur durch steigende Mieten und veränderte Nachbarschaften, durch importierte Homophobie aus verschiedenen Richtungen des politischen Spektrums. Das Berliner Monitoring queerfeindlicher Gewalt zeigt seit 2014 einen ununterbrochenen Anstieg der Fallzahlen. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine grundlegende Trendwende.[^19]
VI. Was zu tun ist: Forderungen aus der Community
Aktivistische Organisationen wie der LSVD, das Anti-Gewalt-Projekt Maneo und das Berliner Netzwerk für queere Sicherheit benennen klare Handlungsbedarfe:
- Bessere Erfassung: Die polizeiliche Statistik erfasst queerfeindliche Hasskriminalität nicht trennscharf. Notwendig sind einheitliche Erfassungsstandards auf Bundesebene.[^17]
- Mehr Anzeigen ermöglichen: 80 bis 90 Prozent der Taten werden nicht angezeigt. Mehr dezentrale Ansprechpersonen bei der Polizei und Entkriminalisierung des Anzeigewegs sind notwendig.[^17]
- Zivilgesellschaft stärken: Beratungsstellen wie Maneo, LesMigraS, L-Support und TIN*-Antigewaltberatung arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze. Sie brauchen mehr Mittel.[^19]
- Europäischer Grundrechtsrahmen: Der LSVD und die Friedrich-Naumann-Stiftung fordern einen einheitlichen europäischen Rechtschutz für LGBTIQ*-Personen, auch in Beitrittsverhandlungen.[10][17]
- Bildung und Prävention: Konversionstherapien sind erst in zehn der 49 europäischen Länder verboten. Schule und Gesellschaft müssen queere Identitäten normalisieren, nicht pathologisieren.[^6]
- Digitale Gewalt: Sie wird strukturell unterschätzt. Meldestellen, zivilgesellschaftliche Begleitung und strafrechtliche Verfolgung müssen ausgebaut werden.[21][2]
Die Berliner Landesregierung hat mit der Landesstrategie für queere Sicherheit (2025) einen wichtigen Schritt unternommen. Sie enthält 340 Maßnahmen in elf Handlungsfeldern. Ob und wie sie umgesetzt werden, wird sich an den Zahlen der kommenden Jahre ablesen lassen.[^19]
Am 17. Mai 2026 – dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexuellenfeindlichkeit (IDAHOBIT) – lohnt eine nüchterne Bestandsaufnahme der Lage der LGBTI-Community in Deutschland und Europa.*
Drei aktuelle Statista-Grafiken liefern das Datenmaterial:
- Zur Gleichstellung in Europa (basierend auf der ILGA-Europe Rainbow Map 2025): Europa als Ganzes erreicht nur 41,85 Prozent auf der Gleichstellungsskala. Deutschland hat sich auf Platz 8 (von 49 Ländern) verbessert, mit 69,1 Punkten – ein Fortschritt, der maßgeblich dem Selbstbestimmungsgesetz (2024) zu verdanken ist. Spitzenreiter sind Malta, Belgien und Island. In Ungarn, Georgien und Großbritannien gab es dramatische Rückschritte.[8][7][5][6]
- Zur Identifikation mit queeren Identitäten in Deutschland (Statista Consumer Survey): 7 Prozent der Deutschen identifizieren sich als LGBTQ+. In der Generation Z (ab 1995) sind es bis zu 13 Prozent, gegenüber nur 3–4 Prozent bei den Boomern. Die Bereitschaft zur Selbstidentifikation wächst mit jeder Generation.[13][15][^12]
- Zur queerfeindlichen Hasskriminalität in Deutschland (BKA-Daten): Von 782 Fällen im Jahr 2020 auf fast 3.000 im Jahr 2024 – eine Verdreifachung beim Merkmal „Sexuelle Orientierung“, eine Verfünffachung beim Merkmal „Geschlechtsbezogene Diversität“. 2025 wurden vorläufig 2.048 Fälle erfasst. Die Dunkelziffer liegt bei 80–90 Prozent. Der Haupttäterbereich ist das rechte politische Spektrum.[16][2][^17]
Für Berlin zeigt das Berliner Monitoring: 587 polizeilich registrierte queerfeindliche Straftaten im Jahr 2025, Maneo erfasste 723 Beratungsfälle. Die betroffenen Kieze sind Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln und Mitte – das lebendige Zentrum queerer Berliner Alltagskultur.[20][17][^19]
Der Wahlberliner berichtet seit Jahren über LGBTI*-Themen und den IDAHOBIT – vom Briefing 192 im Mai 2023 über den IDAHOBIT-Artikel 2025 bis zum April-2026-Rückblick auf 25 Jahre Ehe für alle. Die Kontinuität dieser Berichterstattung ist ein Bekenntnis: Grundrechte sind kein Saisonthema. Der 17. Mai erinnert uns daran, dass Fortschritt möglich ist – und gleichzeitig gefährdet.[3][4][^22]
Der IDAHOBIT-Aktionstag in Berlin findet am 17. Mai 2026 um 16 Uhr auf dem Wittenbergplatz statt, organisiert vom LSVD Berlin-Brandenburg, Schwerpunkt: Digitale Gewalt.[^21]
Quellen: Statista Infografiken (ILGA-Europe Rainbow Map 2025, BKA PMK-Statistik 2024, Statista Consumer Survey); LSVD – Queerfeindliche Gewalt; Berliner Landesstrategie für queere Sicherheit; Maneo-Jahresbericht 2025; bpb.de – IDAHOBIT-Hintergrundartikel; Friedrich-Naumann-Stiftung; queer.de; schwulissimo.de; n-tv/dpa; Bundeszentrale für politische Bildung.
Schlusskommentar und Transparenz
Wir haben die Komposition des Artikels an eine KI vergeben, weil wir dieses Mal drei wichtige Grafiken zusammen zeigen wollten, was wir aus Gründen des Aufwands normalerweise nicht tun. Mit dieser umfangreichen Darstellung wollten wir ein zivilgesellschaftliches Zeichen setzen. Einige unserer Aussagen hat die KI geglättet, das ist aber so in Ordnung, denn wir wollen in diesem sensiblen Bereich nicht spalten, sondern zu mehr Zusammenhalt und gegenseitiger Akzeptanz aufrufen, oder: Gruppenrechte und soziale Kämpfe erfordern einen unterschiedlichen Tenor, auch wenn sie schlussendlich miteinander zusammenhängen. Außerdem wollten wir darauf hinweisen, dass wir uns regelmäßig mit der LGBTI*-Community befassen und eine große, mehrteilige Reportage zum Christopher Street Day 2025 in Berlin geschrieben haben. Was uns sehr bedenklich gestimmt hat, ist, dass zwar noch politische Progression sichtbar ist, sie aber beinahe wie ein Überbleibsel aus besseren Tagen wirkt. Auch das Selbstbestimmungsgesetz, das Deutschland im Ranking nach vorne gebracht hat, wird von rechts angegriffen – wie jede progressive Gesetzgebung.
Auch beim Titelbild haben wir uns für eine KI-Generierung entschieden, obwohl wir auf mehrere hundert Fotos vom CSD 2025 hätten zurückgreifen können. Eine Pride Parade ist aber ein besonderer Anlass, wir wollten die freundliche Atmosphäre der Diversität in Berlin und Offenheit darstellen, die wir uns für die ganze Stadt und für jeden Tag wünschen.
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