Hitzewelle, Hysterie und Klimaleugnung: Fakten gegen Desinformation an einem heißen Tag (Analyse + Kommentar)

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Was könnte man an einem Freitagnachmittag tun, an dem wegen der Hitze ein Termin ausgefallen ist? Früher hätten wir gesagt: Ins Freibad, ins Freibad! Wenn es Hitzefrei in der Schule gab (ab 25 Grad aufwärts morgens um 10) Aber in Berlin ins Freibad? Wenn es wirklich heiß ist?

Also lieber einen Artikel über das Wetter schreiben, zum Beispiel. Und darüber, dass die Menschen entweder immer dümmer oder immer bösartiger werden, oft trifft ja beides zu.

Sie kennen sicher aus den unsozialen Medien alle diese Gegenüberstellungen, in denen die gleichen Temperaturen in den 1970ern oder 1980ern als tolles Sommerwetter bezeichnet wurden und jetzt als Klima-Alarm daherkommen. Das als „Klimahysterie“ zu bezeichnen, ist schon aus einem einzigen Grund komplett daneben, jenseits aller Fakes, die in dem Zusammenhang produziert werden: Damals gab es die Erhöhung der Jahres-Durchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter noch nicht, die wir mittlerweile verzeichnen und die zum Beispiel von 1960 bis heute eine Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur von 8,4 auf 10,1 Grad mit sich gebracht hat. Selbst den borniertesten Menschen müsste, wenn sie Berliner sind, auch aufgefallen sein, dass in den Hitze-Trockensommern 2018 und 2019 die Natur teilweise gekippt war, Bäume vorzeigt braune Blätter bekamen, die sich einrollten, beispielsweise. Damit sparten sie Wasser, um im wörtlichen Sinne das Stammsystem zu erhalten. Nachbarn hatten versucht, den Prozess durch ausgiebiges Gießen zu stoppen, was keine Wirkung zeigt und was wir für falsch halten, angesichts der Tatsache, dass auch das Wasser nicht gerade mehr wird. Deutschland verliert erheblich an Wasserreserven. Aber das wussten sie gewiss schon, vielleicht wissen Sie es auch und leugnen es, wie alles, was unbequem ist.

Wir hatten jedenfalls diesen Notmodus der Bäume zuvor nie beobachtet, und dieses Jahr könnte es wieder soweit sein, wenn es weitergeht wie bisher.

Glücklicherweise gehen die Temperaturen dieser Tage nicht ganz so hoch wie prognostiziert, heute wird es vermutlich bei 33 bis 34 Grad bleiben. Also knapp unter dem, was wir in Berlin bisher als höchste Temperatur erlebt haben: ein bis zwei Grad mehr. Vielleicht geht es noch auf 35, gegen 17 Uhr. Im Arbeitszimmer messen wir gerade 27 Grad und empfinden es sogar als angenehm. Spoiler: Unter 22 Grad wird es bei uns schwierig, da kriegen wir klamme Finger und das Tippen geht nicht mehr so leichthändig. Wir sind also eher wärmeaffin.

Trotzdem haben wir uns entschlossen, nach gestern 30 Grad und Saunagefühl im Büro unterm Dach heute im Homeoffice zu arbeiten. Eine entsprechende Empfehlung gab es für die gesamte Verwaltung unseres Arbeitgebers schon seit Mittwoch, aber gestern reizte es uns, zu testen, wie wir, auch unter Bezugnahme auf unser sich unweigerlich erhöhendes Alter, mit über 30 Grad umgehen können, unterstützt durch einen kleinen Ventilator, den wir einer Kollegin sozusagen entwendet hatten, die schon seit Tagen lieber von zu Hause aus arbeitet. Teile der Produktion sind übrigens bei uns klimatisiert. Zu Hause hatten wir bisher keinen Ventilator, jetzt haben wir einen bestellt. Lieferzeit mindestens zehn Tage, vielleicht gerade richtig zur nächsten Hitzewelle. Wir hätten auch in den nächsten Baumarkt gehen können, aber dieses Mal sollte es etwas Schickes, sehr Leises und Stromsparendes sein, was es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt.

Aber was ist nun mit den Idioten, die den menschengemachten Klimawandel leugnen? Ihretwegen musste die ARD einen Faktencheck in eigener Sache schreiben: Klimadesinformation – Fakes relativieren Hitzewelle | tagesschau.de. Wir fassen ihn zusammen und reichern das Thema mit weiteren Aspekten und Quellen an.

Was der ARD-Faktenfinder dokumentiert

Der ARD-Faktenfinder von Carla Reveland und Pascal Siggelkow, erschienen am 25. Juni 2026, legt dar, mit welchen Mitteln Klimawandelleugner die aktuelle Hitzewelle zu relativieren versuchen. Drei Kategorien von Desinformation lassen sich unterscheiden.

Falschbehauptung 1: Die Wetterkarten werden manipuliert

In sozialen Netzwerken kursiert seit Jahren die Behauptung, die öffentlich-rechtlichen Medien würden Wetterkarten absichtlich in intensiven Rottönen darstellen, um eine dramatischere Hitze vorzutäuschen. Das ARD-Wetterkompetenzzentrum hat dazu klar Stellung genommen: Das Design der Tagesschau-Wetterkarten wurde tatsächlich in den Jahren 2005 und 2014 verändert – zur besseren Erkennbarkeit, nicht aufgrund einer politischen Botschaft. Silke Hansen, Leiterin des ARD-Wetterkompetenzzentrums, erklärt: „Wir skalieren die Rottöne im Sommer nicht nach oben, im Gegenteil! Die höheren Temperaturen werden weniger rot dargestellt als im Frühjahr oder Herbst – weil es im Sommer häufiger höhere Temperaturen gibt.“ Für den Winter werden Wetterkarten verwendet, auf denen Temperaturen schon als Gelb oder Orange angezeigt werden, die auf Sommerkarten als kühl wirkendes Grün daherkommen:

Es gibt einen Unterschied zwischen Wetterkarten (Sonne, Wolken, Regen) und Temperaturkarten. Letztere passen ihre Farbskala je nach Jahreszeit an, damit kleinere Temperaturunterschiede überhaupt noch sichtbar sind. Eine Temperatur von fünf Grad wird im Sommer blau dargestellt, im Winter gelb oder orange. Das ist keine Manipulation, sondern grundlegendes kartografisches Handwerk.

Falschbehauptung 2: „Früher war das auch so warm“

Alte Zeitungsschlagzeilen werden in sozialen Netzwerken als vermeintliche Belege verbreitet, dass Hitzewellen nichts Neues seien. Ein klassisches Beispiel: die Titelseite der Bild-Zeitung von 1957 mit der Schlagzeile „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“ – ein Foto, das seit Jahren durch die Netzwerke geistert. Wer den Originalartikel aufruft, erfährt: Die 56 Grad bezogen sich auf die Temperatur im Gehäuse der Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel, nicht auf die Lufttemperatur. Tatsächlich wurde in Deutschland bislang noch nie eine Lufttemperatur von über 50 Grad gemessen. Der bisherige Höchstwert beträgt 41,2 Grad Celsius, gemessen am 25. Juli 2019. Dass die Bildzeitung immer schon zur Polarisierung, Spaltung und gerne auch zu Fake News ober absichtlich missverständlichen Formulierungen tendiert, ist eine permanente Herausforderung für die Demokratie seit über 70 Jahren.

Eine weitere vielgeteilte Schlagzeile stammt aus der Bild-Zeitung von 1975: „40 Grad Hitze. Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich!“ Der ARD-Faktenfinder und frühere Correctiv-Recherchen zeigen: Es handelte sich um eine Prognose für Essen, die sich nicht bewahrheitete – gemessen wurden an jenem Tag 30,8 Grad. Jetzt könnte man meinen, na also, auch damals wurde das Wetter schon alarmistisch dargestellt, gerade aus dem Artikel ließe sich demnach kein Unterschied zur heutigen Berichterstattung ableiten, sofern man sie als alarmistisch wahrnimmt. Hier geht es aber in erster Linie um etwas anderes: Um eine Prognose, die gar nicht eingetreten ist, aber das zu unterscheiden, fällt einigen offenbar schon schwer.

Falschbehauptung 3: Die Zahl heißer Tage hat nicht zugenommen

Das Kernargument der Verharmloser lautet, es habe früher auch heiße Sommer gegeben. Das stimmt – aber es verschweigt den entscheidenden Trend. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) definiert einen „heißen Tag“ als einen Tag mit mindestens 30 Grad Celsius. Zwischen 1951 und 1990 gab es gerade ein einziges Jahr, in dem gemittelt über ganz Deutschland mehr als zehn solcher Tage auftraten. In den Jahrzehnten danach war dies hingegen bereits 14-mal der Fall – allein zehn dieser Jahre liegen im Zeitraum von 2010 bis 2025. Das Rekordjahr 2018 verzeichnete 20,4 heiße Tage.

Und die Durchschnittstemperatur in Deutschland? Sie lag im Jahr 1960 bei 8,4 Grad Celsius – und 2025 bei 10,1 Grad Celsius.

Die Hitzewelle von 2026: Das ist, was gerade passiert

Während diese Zeilen entstehen, erreicht die aktuell zweite europäische Hitzewelle des Jahres 2026 ihren Höhepunkt. Das Hitzehoch „Hartmut“ liegt als sogenannter Heat Dome über weiten Teilen Europas: Ein stabiles Hochdruckgebiet hält heiße Luft wie unter einem Deckel gefangen, Tiefdruckgebiete werden abgelenkt, kühle Nordseeluft kommt nicht durch. Diese Omega-Wetterlage ist an sich nicht außergewöhnlich – was sich verändert hat, ist die Temperatur, die eine solche Lage heute erzeugt.

Zum Wochenende (27./28. Juni) werden in Teilen Deutschlands Werte von 40 bis 41 Grad erwartet, der bundesweite Allzeitrekord von 41,2 Grad aus dem Juli 2019 gerät in Reichweite. Im Südwesten sind einzelne Modellberechnungen bis 42 Grad möglich. Frankreich erlebte am 24. Juni mit einem neuen Höchstwert von 40,9 Grad in Paris den womöglich heißesten Junitag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Im südwestfranzösischen Pissos wurden am 25. Juni 44,3 Grad gemessen – der heißeste Tag in Frankreich seit fast 80 Jahren. In Spanien wurden in der schlimmsten Hitzewelle seit Messbeginn innerhalb weniger Tage 327 Hitzetote gezählt. Auch in Großbritannien fiel ein Juni-Rekord: Im südenglischen Gosport stieg das Thermometer auf 36,1 Grad.

Für NRW erwartet die WDR-Wetterredaktion, dass im Juni 2026 zehn oder elf Tage in Folge über 30 Grad registriert werden könnten – der bisherige Juni-Rekord für aufeinanderfolgende heiße Tage lag bei acht und stammt aus dem Jahr 1976.

Erinnern Sie sich noch an den Sommer 1976? Oder an den Sommer 2003? Damals war es auch wirklich schon heiß, aber eben nicht mit einer solchen Häufung an Tagen über 30 Grad wie zuletzt. Zehn Tage am Stück über 30 Grad schon im Juni würden allerdings jeden Rahmen sprengen. Zumindest in Berlin dürfte diese Serie nicht zustandekommen, falls es nach dem derzeit prognostizierten Gewitter am Sonntag deutlich abkühlt.

Der wissenschaftliche Befund: Klimawandel macht diese Hitzewelle wärmer

Das Forscherteam Climameter hat im Rahmen einer Echtzeit-Attributionsanalyse untersucht, was die aktuelle Hitzewelle vom natürlichen Schwankungsbereich unterscheidet. Das Ergebnis ist eindeutig: Je nach Ort sind zwei bis vier Grad der gemessenen Temperaturen direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen.

Die Zahlen für einzelne Städte

StadtKlimabedingte Zusatztemperatur
Saragossa (Spanien)+4,0 °C
Mailand+3,8 °C
Paris+2,4 °C
München+2,3 °C
Frankfurt am Main+1,7 °C
Köln+1,6 °C
Berlin+1,2 °C

Davide Faranda vom Projekt Climameter bringt es auf den Punkt: „Das Wettermuster hinter dieser Hitzewelle ist nicht außergewöhnlich. Was außergewöhnlich ist, ist, dass der Klimawandel den Temperaturen in Teilen Westeuropas bis zu 4 Grad Celsius hinzugefügt hat.“

Da haben wir in Berlin also noch vergleichsweise Glück gehabt, bisher jedenfalls. Uns ist eher aufgefallen, dass es (Ausnahme: der vergangene Winter mit zwei langen Glatteisperioden) im Winter wärmer wird als im Sommer. Dabei spielt auch ein subjektiver Eindruck sicherlich eine Rolle: Da wir aus einer Gegend nach Berlin gezogen sind, in der es in der Regel nur wenige Schneetage im Jahr gibt, haben wir die Winter 2010-2012 hier als „das andere Deutschland“ empfunden, wettermäßig, während ansteigende Sommertemperaturen in Berlin nicht oberhalb dessen liegen, was wir aus dem wärmeren Südwesen gewöhnt waren. Dort hatte es allerdings auch deutlich mehr geregnet, weshalb die Vegetation dort üppiger ist, besonders fallen die höheren Wald-Laubbäume auf.

Die hinter den Angaben in der obigen Tabelle ist vergleichsweise simpel und methodisch robust: Die Forscher vergleichen aktuelle Großwetterlagen mit ähnlichen Mustern aus den Jahren 1950 bis 1979 – einem Zeitraum, in dem der Klimawandel noch kaum messbare Auswirkungen hatte. Das Ergebnis unterstreicht, was bereits der IPCC-Sachstandsbericht festgehalten hat: Extremhitzeereignisse nehmen in Westeuropa schneller zu, als Klimamodelle es vorhergesagt hatten. Emma Holmberg von der Universität Bern formulierte es so: „Bereits im Juni herrschen gefährliche Hitzewerte, die sowohl die Infrastruktur als auch den Einzelnen stark belasten.“

Globaltrend: Die letzten elf Jahre – die wärmsten seit Messbeginn

Die aktuelle Hitzewelle ist kein Ausreißer, sondern Teil eines unverkennbaren Musters. Der EU-Klimadienst Copernicus hat bestätigt: 2024 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen (in Europa) im Jahr 1850 – und erstmals überschritt die globale Jahresdurchschnittstemperatur die Schwelle von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Das Jahr 2025 war global das drittwärmste. Die letzten elf Jahre (2015 bis 2025) waren die elf wärmsten seit Messbeginn. Der dreijährige Durchschnitt für 2023 bis 2025 lag erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau – ein historisch beispielloser Dreijahreszeitraum und bereits eine Überschreibung des bekannten 1,5-Grad-Ziels, das im Pariser Klimaabkommen als anzutrebend festgelet wurde. Der Temperaturanstieg sollte nicht über diese Zahl hinausgehen, dazu sollten die Staaten alle beitragen, die sich in diesem Abkommen zu

Auch der Mai 2026 war der zweitwärmste Mai weltweit seit Beginn der Aufzeichnungen. Samantha Burgess, Vizedirektorin von Copernicus, sprach von „einer ungewöhnlich frühen und intensiven Hitzewelle, wie man sie noch nie so früh im Jahr in Westeuropa beobachtet hat“.

Die Bäume sterben: Was in Berlin wirklich passiert

Das Einrollen der Blätter, das eingangs beschrieben wird, hat einen Namen: Trockenstress. Und es ist kein ästhetisches Problem. Nach den extrem trockenen Sommern 2018 und 2019 – in Berlin lag die Durchschnittstemperatur 2018 um 2,3 Grad über dem langjährigen Mittelwert von 1961 bis 1990, die Niederschlagsmenge sank von normalerweise 598 auf 359 Liter pro Quadratmeter – gingen mehr Berliner Stadtbäume verloren, als neu gepflanzt wurden: 4.900 Fällungen, aber nur 2.400 Neupflanzungen allein in einem Jahr. Manfred Forstreuter vom Institut für Biologie der Freien Universität Berlin fasste damals zusammen: „Unsere Stadtbäume vertrocknen.“

Große Bäume können durch privates Gießen nicht gerettet werden – sie verdunsten schlicht zu viel Wasser, um durch Bewässerung ausgeglichen zu werden. Das macht die gut gemeinte Gieß-Aktion der Nachbarn nachvollziehbar, aber wirkungslos: Bei einem ausgewachsenen Stadtbaum handelt es sich um ein Stammsystem, das Tonnen von Wasser bewegt. Was hilft, ist städtisches Wassermanagement, weniger versiegelte Flächen, Zisternen für Regenwasser.

Und das Wasser? Deutschland verliert tatsächlich erhebliche Reserven. Laut Bundesumweltamt schrumpften die nationalen Wasserbestände von 489 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2001 auf 338 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2022. Die Wasserbilanz, einst positiv mit einem Plus von 56 Milliarden Kubikmetern, ist inzwischen negativ und weist einen Verlust von 23 Milliarden Kubikmetern auf. Eine BUND-Studie zeigt, dass besonders Regionen mit intensiver Landwirtschaft, hoher Industrialisierung und dichter Besiedlung betroffen sind.

Hitze tötet – und das ist kein Erfinden von Toten

Ein zentraler Vorwurf im Repertoire der Klimaleugner und der mit ihnen sympathisierenden rechten Medienblasen: Die Medien „erfinden Hitzetote“ oder dramatisieren Gesundheitsrisiken. Die Realität ist eine andere.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Umweltbundesamt (UBA) haben für die Sommer 2023 und 2024 jeweils rund 3.000 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland ermittelt. Das Jahr 2018 kam auf geschätzte 8.700 Hitzetote, ähnlich den historischen Hitzejahren 1994 und 2003 mit jeweils rund 10.000. Für 2019 schätzen Forscher von RKI, Umweltbundesamt und DWD 6.900 hitzebedingte Sterbefälle, für 2020 sind es 3.700.

Europaweit verzeichnete der Sommer 2023 über 47.000 Hitzetote – so das Institute for Global Health in Barcelona, das seine Studie im Fachjournal Nature veröffentlichte. Ohne Hitzeschutzmaßnahmen wäre die hitzebedingte Sterblichkeit demnach um 80 Prozent höher gewesen. Besonders betroffen sind ältere Menschen über 75, die an Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen leiden, sowie Menschen mit Demenz.

Hitze erscheint selten als direkte Todesursache auf Totenscheinen – weshalb Forscher statistische Verfahren zur Übersterblichkeitsanalyse einsetzen. Das ist keine Erfindung, sondern epidemiologische Standardmethodik. UBA-Präsident Dirk Messner: „Aufgrund des Klimawandels wird sich das Problem der Übersterblichkeit im Sommer in Zukunft noch weiter verschärfen.“

Die aktuelle Hitzewelle schreibt das fort: In Frankreich wurden bis zum 24. Juni mindestens 18 Tote durch die Hitze gemeldet, darunter zwei Kleinkinder, die in einem überhitzten Auto aufgefunden wurden. Hinzu kommen 40 Ertrinkungstote, die beim Versuch, in Flüssen Abkühlung zu suchen, ums Leben kamen.

Die Macher der Leugnung: Eine organisierte Kampagne

Die Vorstellung, Klimaleugnung sei eine spontane Volksbewegung von Skeptikern, die einfach mal nachfragen, querdenken, damit die Denkfigur nicht mehr in den Rahmen der Realität passt, stimmt nicht. Sie ist zu erheblichen Teilen das Produkt einer gezielten, jahrzehntelangen Desinformationskampagne – ausgerechnet finanziert von Unternehmen, die es besser wussten.

Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie der Wissenschaftshistoriker Geoffrey Supran und Naomi Oreskes von der Harvard University sowie des Physikers Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) belegt: ExxonMobil wusste spätestens seit 1977 intern, dass fossile Brennstoffe zu einer globalen Erwärmung von etwa 0,2 Grad pro Jahrzehnt führen würden. Die eigenen Klimaforscher des Konzerns sagten die heutige Erderwärmung sogar präziser voraus als viele unabhängige Wissenschaftler der damaligen Zeit.

Was tat der Konzern stattdessen? Er finanzierte über Jahrzehnte Kampagnen, die gezielt Zweifel an der Klimaforschung säten. Das Modell war dem der Tabakindustrie abgeschaut, die jahrzehntelang behauptete, Rauchen verursache keinen Lungenkrebs. Die „merchants of doubt“ – Händler des Zweifels, wie Naomi Oreskes sie in ihrem gleichnamigen Buch nennt – verbreiteten Mythen über eine drohende Eiszeit, redeten Klimamodelle schlecht und versuchten, die Wissenschaft insgesamt zu diskreditieren.

Shell gründete gemeinsam mit anderen Ölmultis wie Chevron, BP und Exxon 1989 die Lobbyorganisation „Global Climate Coalition“ – ausdrücklich zum Zweck der Verzögerung von Klimaschutzmaßnahmen. Das ist kein Verschwörungstheorem, sondern belegt durch interne Dokumente, die der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Die Strategien der modernen Klimaleugner

Heute hat sich das Arsenal verfeinert. Jennie King, Abteilungsleiterin Climate and Research beim Institute for Strategic Dialogue in London, identifiziert mehrere Typen von Akteuren: die klassische fossile Industrie, die es sich leisten kann, eigene „Experten“ zu finanzieren; sogenannte „Empörungshändler“, die auf Empörungsökonomie setzen und mit Klimaleugnung Aufmerksamkeit und Reichweite generieren; und staatliche Akteure – darunter Russland –, die Klimadesinformation strategisch einsetzen, um westliche Klimapolitik zu destabilisieren.

Der BR-Faktenfuchs hat drei klassische Strategien dokumentiert:

Wissenschafts-Mimikry: Klimaleugner geben vor, selbst wissenschaftlich zu argumentieren, instrumentalisieren aber korrekte Wetterdaten falsch oder zitieren aus dem Kontext. Aus den Schwankungen einer Jahreskurve wird eine vermeintliche Widerlegung des Klimatrends konstruiert – obwohl jede Zeitreihe natürliche Variabilität enthält und der Trend trotzdem eindeutig ist.

Scheinargumente: Die Gegenüberstellung von 1970er-Schlagzeilen mit heutiger Klimaberichterstattung ist ein klassisches Scheinargument. Es suggeriert Vergleichbarkeit, wo keine ist. Die Rahmenbedingungen – die globale Durchschnittstemperatur, die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre, die Häufigkeit von Extremwetterereignissen – haben sich fundamental verändert. Die Temperaturzahl 35 Grad auf einer Wetterkarte von 1976 ist nicht dieselbe wie 35 Grad auf einer Karte von 2026.

Rosinenpicken: Einzelne kalte Winter, lokale Temperaturanomalien oder einzelne Jahre, in denen die Erwärmung stagnierte, werden herausgepickt und als Widerlegung des Gesamttrends präsentiert. Copernicus-Direktorin Samantha Burgess formulierte die Antwort: „Eine kalte Region heißt nicht, dass der Klimawandel nicht real ist. Der globale Kontext zählt.“

Dazu kommt ein neueres Element: Verschwörungstheorien. Klimaschützer werden als Teil einer „woken“ Elite diffamiert, Klimaforschung als staatlich gesteuerte Agenda. Das Ziel ist nicht, zu überzeugen, sondern zu vergiften: Wer erst einmal glaubt, hinter allem stecke eine Verschwörung, ist für Sachargumente kaum noch zugänglich.

Der wissenschaftliche Konsens: So eindeutig wie die Schwerkraft

Was ist aber der Stand der Wissenschaft? Die vielzitierte 97-Prozent-Zahl, die auf eine Metastudie von Cook et al. aus dem Jahr 2013 zurückgeht, hat inzwischen ein Update erfahren. Eine Analyse der Cornell University von über 88.000 peer-reviewten Fachabhandlungen ergab: 99,9 Prozent der Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Lediglich 28 Arbeiten drücken Skepsis aus – und diese erschienen in relativ unbedeutenden Fachzeitschriften.

Die Bundesregierung verwies in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion auf eine Meta-Studie von James Powell, die 54.195 peer-reviewte wissenschaftliche Artikel aus dem Zeitraum 1991 bis 2015 untersuchte: Im Durchschnitt bejahten 99,94 Prozent den menschengemachten Klimawandel. Das Helmholtz-Klimaexpertennetz fasst es so zusammen: 99,9 Prozent der erfassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass der Mensch für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich ist.

Der IPCC-Sachstandsbericht von 2021 – das maßgeblichste internationale Dokument der Klimaforschung, erstellt von Hunderten Wissenschaftlern aus aller Welt – hält unmissverständlich fest: „Es ist eindeutig, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land erwärmt hat.“ Der menschliche Einfluss gilt dem IPCC als zu 95 bis 100 Prozent sicher.

Dieser Konsens wird durch jede neue Studie, durch jede neue Rekordmessung, durch jede neue Extremwetterlage weiter untermauert – nicht widerlegt.

Kein Durchbruch der Klimabewegung wegen der Corona-Krise

Ein Aspekt wird bei dem vollkommen aus dem Ruder laufenden Muster der Klimleugnung stark unterschätzt: Die Lehren aus der Corona-Pandemie. Damals war vieles so neu, dass es zwangsläufig zu Fehleinschätzungen kam und die Corona-Maßnahmen in der Nachbetrachtung und mit nun besserem Kenntnisstand nicht allesamt dem Test der Zeit standhielten.

Außerdem hat die Lockdown- und Versammlungsverbots-Politik auch der gerade entstehenden Klimabewegung, wie der gesamten Zivilgesellschaft, so viel Kraft genommen, dass der vorherige Stand noch lange nicht wieder erreicht ist. Dadurch ist die Bahn frei für rechte und klimaleugnende Spins. Die für viele traumatische Pandemie hatte ihren Anteil daran, dass Deutschland, das ohnehin schon lange nicht mehr überwiegend progressiv ist, in weiten Teilen in die Regression ging. Das macht sich unter anderem an der Tatsache fest, dass der Klimaschutz trotz eindeutiger Zeichen für seine Notwendigkeit im Kreis der prioritären Themen weiter zurückfällt.

Die Argumentationen aus der bezüglich der Auswirkungen und notwendigen Maßnahmen, aber auch hier nicht bezüglich ihrer Existenz unsicheren Corona-Lage wurden von den Leugnern einfach auf die gesicherte Klimaerwärmung übertragen. Während dieses unglücklichen Starts in die 2020er haben die heutigen Antreiber der Hetze gegen die Klimawissenschaft und diejenigen, die sie ernst nehmen, gelernt, wie man einen gesellschaftlichen Diskurs kippen und Menschen ohne Ende diffamieren kann – und dass es Wirkung erzielt, wenn diese Spins auf eine gereizte Stimmung im Land und über es hinaus treffen.

Da seit 2020 sich eine Krise an die andere reiht, die in Deutschland überproportional wichtige wirtschaftliche Lage Anlass zur Sorge gibt, spielt außerdem die Kapazität der Menschen eine Rolle, anders ausgedrückt, ihre geringe Resilienz: Es ist vielen zu viel geworden, also wird alles abgestritten, was so klar auf der Hand liegt. Das wir künftige Krisen weiter befeuern, bei der Klimakrise ist das wörtlich gemeint, angesichts des immer weiter ansteigenden Waldbrandrisikos in Europa.

Warum das so schwer zu akzeptieren ist

Es wäre jedoch zu einfach, alle Klimaleugner in eine Schublade zu stecken. Es gibt die wirtschaftlich Motivierten – die Konzerne, die Lobbyisten, die Politiker, die Wähler in kohle- und ölabhängigen Regionen vertreten. Es gibt die ideologisch Getriebenen – für die der Klimawandel eine Projektion „linksgrüner Ideologie“ ist, gegen die man grundsätzlich opponiert. Und es gibt die psychologisch Überforderten: Menschen, denen die Implikationen des Klimawandels schlicht zu bedrohlich sind, als dass sie sie verarbeiten könnten.

Das Phänomen hat einen Namen: kognitive Dissonanz. Das Gehirn schützt sich vor unangenehmen Wahrheiten, indem es die Glaubwürdigkeit der Quelle in Frage stellt oder alternative Erklärungen konstruiert. Das macht Klimaleugner nicht sympathisch, aber es macht sie menschlich nachvollziehbar. Die Antwort darauf kann keine bloße Anhäufung von Fakten sein – auch wenn Fakten natürlich notwendig sind. Wer mit jemandem reden will, der überzeugt ist, die Medien manipulierten Wetterkarten, wird mit Datentabellen nicht weit kommen.

Und doch müssen die Fakten genannt werden. Weil Desinformation Konsequenzen hat – nicht nur im Diskurs, sondern in der Politik. Jede Verzögerung bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen bedeutet mehr CO₂ in der Atmosphäre, mehr Erwärmung, mehr Hitzewellen, mehr Hitzetote. Das ist kein Abstraktum mehr. Das passiert gerade – in Berlin, in Frankreich, in Spanien.

Ausblick: Die neue Normalität

Dass der Juni 2026 bereits die zweite europäische Hitzewelle des Jahres bringt – die erste im Mai hatte in Frankreich, Großbritannien, Irland und Portugal Rekorde gebrochen –, ist keine Anomalie mehr. Es ist der Trend. Westeuropa heizt sich doppelt so schnell auf wie der globale Durchschnitt. Die Grenze, bis zu der sich Gesellschaften und Ökosysteme noch anpassen können, rückt in Sichtweite.

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 hatte das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Der dreijährige Durchschnitt 2023–2025 liegt bereits über dieser Marke. Experten gehen inzwischen überwiegend davon aus, dass die 1,5-Grad-Grenze gegen Ende des Jahrzehnts dauerhaft überschritten sein wird – rund zehn Jahre früher als lange angenommen. Auch zwei Grad werden knapp.

Was das bedeutet, ist keine Frage der Meinung, sondern der Physik: mehr Hitzewellen, mehr Tote, mehr Trockenstress bei Bäumen, weniger Grundwasser, mehr Unwetter, mehr Waldbrände. Und mehr Menschen, die im Hochsommer einen Artikel schreiben, weil ein Termin ausgefallen ist. Das ist die neue Normalität – und sie ist menschengemacht. Nicht die Tatsachen anzuerkennen und sich demgensprechend zu verhalten, ist hysterisch, sondern sie zu leugnen, ist neurotisch und am Ende selbstschädigend.

TH

Transparenz: Die beiden Einleitungsabsätze mit persönlichen Betrachtungen stammen von uns, die Analyse wurde von einer KI aufgrund dieser Einleitung, dem verlinkten ARD-Faktencheck und einer Anweisung für eine quellenreiche Aufarbeitung erstellt. Das Titelbild haben wir von derselben KI generieren lassen wie die Analyse.

Quellen (ohne Fußnoten im Text)

  1. https://www.wetterprognose-wettervorhersage.de/wetter/juni/wetter-juni-2026/13645-wetter-bis-40-grad-hitzewelle-steuert-im-juni-auf-ihren-hoehepunkt-zu.html
  2. https://www.tagesschau.de/wetter/deutschland/hitzewelle-136.html
  3. https://denkstrom.org/artikel/hitzewelle-hartmut-rekord-europa-juni-2026/
  4. https://www.wetterprognose-wettervorhersage.de/wetter-jahreszeiten/sommer/wetter-sommer-2026/13642-wetterprognose-da-bahnt-sich-eine-historische-hitzewelle-an.html
  5. https://www.zeit.de/wissenschaft/2026-06/hitzewelle-europa-deutschland-gefahr-extremwetter-hitze
  6. https://de.euronews.com/my-europe/2026/06/15/ab-mittwoch-wustenhitze-deutschland-uberdurchschnittlich-warmer-sommer
  7. https://www.merkur.de/deutschland/hitze-wetter-ueber-40-grad-und-unwetter-rollen-auf-deutschland-zu-zr-94361009.html
  8. https://www.klimafakten.de/kommunikation/wie-shell-sein-wissen-ueber-den-klimawandel-geheimhielt
  9. https://www.welt.de/wissenschaft/article239674701/Hitzewelle-Tausende-Hitzetote-in-Deutschland-in-Jahren-2018-bis-2020.html
  10. https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/11850/publikationen/factsheet_wadklim_1.pdf
  11. https://www.deutschlandfunkkultur.de/oelindustrie-propaganda-100.html
  12. https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-europa-deutschland-heat-dome-hitzeglocke-hitzekuppel-erderwaermung-,hitzewelle-klimawandel-100.html
  13. https://www.aok.de/pp/gg/update/hitze-und-gesundheit/
  14. https://correctiv.org/aktuelles/klimawandel/2022/10/25/klimawandel-grundwasser-in-deutschland-sinkt/
  15. https://amazonwatch.org/de/news/2021/1102-oil-executives-deny-misinformation-on-climate-change-despite-evidence
  16. https://www.aok.de/pk/thema/hitzeschutz/
  17. https://weather.com/de-DE/wissen/klima/news/2025-12-05-alarmierende-bilanz-deutschland-verliert-immer-mehr-wasser
  18. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/exxon-und-die-klimakrise-die-schmutzigen-klimaluegen-der-oelindustrie-a-596adfb8-ad05-4ed1-ae25-47d360b653f8
  19. https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/tausende-hitzetote-nach-hitzewellen-hitzschlag-hautkrebs-infektionen-wie-sich-der-klimawandel-auf-unsere-gesundheit-auswirkt_id_11003751.html
  20. https://www.dvgw.de/medien/dvgw/wasser/zukunftsprogramm/auswirkung-klimawandel-wasserdargebot-zukunft-wasser-factsheet.pdf
  21. https://www.heute.at/s/wie-exxonmobil-uns-ueber-den-klimawandel-belog-100249057
  22. https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-tote-hitzeinslen-in-der-stadt-studie-umweltbundesamt-rki-100.html
  23. https://www.energiezukunft.eu/klimakrise/empoerungshaendler-befeuern-die-klima-desinformation
  24. https://www.3sat.de/wissen/nano/230418-sendung-102.html
  25. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-97-prozent-konsens-bei-klimaforschern-in-der-kritik-a-992213.html
  26. https://www.fu-berlin.de/campusleben/forschen/2019/191031-baumforum-danach/index.html
  27. https://www.merkur.de/welt/hitzewelle-mit-41-grad-am-wochenende-26-bis-28-juni-94369990.html
  28. https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftlicher_Konsens_zum_Klimawandel
  29. https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/wetter/id_101305322/hitzewelle-heat-dome-ueber-deutschland-das-schlimmste-kommt-noch.html
  30. https://www.helmholtz-klima.de/klimafakten/behauptung-es-gibt-noch-keinen-wissenschaftlichen-konsens-zum-klimawandel
  31. https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/wdr-heat-dome-mit-bis-zu-40-grad-warum-die-hitze-ueber-nrw-festhaengt-100.html
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