Briefing Klima Umwelt, Klimaziele 2030, Pariser Klimaabkommen, Treibhausgase, CO₂-Emissionen, Emissionshandel, Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Sektorenziele, Klimaneutralität, Klimawandel, Klimakrise, Hitzewelle, Erderwärmung
Die nachfolgende Grafik ist nicht die erste zum Thema Klima und Emissionen, die wir veröffentlichen und der Kommentar ist nicht der erste, den wir in diesem Zusammenhang schreiben, aber heute wieder etwas zu den Klimazielen zu veröffentlichen, bietet sich wirklich an, nachdem diese Artikelserie vorerst abgeschlossen ist: .UPDATE 4 und Schlussartikel – Die Bilanz der Hitzewelle: 4 neue Temperaturrekorde in Deutschland in drei Tagen +++ Fakten gegen Desinformation (Analyse + Kommentar) – DER WAHLBERLINER
Infografik: Emissionen: Deutschland droht Ziel für 2030 zu verpassen | Statista

Begleittext von Statista
Der Ausstoß von Treibhausgasen geht in Deutschland seit Jahrzehnten zurück. Seit 1990 konnten die Emissionen von 1.252 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent im Jahr auf zuletzt 649 Millionen Tonnen reduziert werden – ein Rückgang von 48 Prozent. Bis 2030 sollen laut Klimaschutzgesetz eine Reduktion um 65 Prozent erfolgen. Dieses Ziel ist zwar noch erreichbar, würde nach den jüngsten Projektionen jedoch knapp verfehlt werden. Bis zum Jahr 2045 will Deutschland vollständige Treibhausgas-Neutralität (Net Zero) erreichen, was nach aktuellem Stand deutlich schwerer zu realisieren sein wird.
Zuletzt verlangsamte sich der Rückgang der schädlichen Emissionen deutlich. Im vergangenen Jahr konnten die Emissionen nur um 0,1 Prozent reduziert werden – zu wenig um das Ziel für 2030 zu erreichen. Nachholbedarf gibt es vor allem in den Sektoren Verkehr und Gebäude, die ihren Emissionszielen deutlich hinterherhinken. Der Energiesektor hat sein Ziel dagegen dank des Ausbaus erneuerbarer Energien bisher übererfüllt.
„Der Blick auf das Jahr 2025 zeigt ein gemischtes Bild,“ so Bundesumweltminister Carsten Schneider. „Bei den Emissionen waren die Fortschritte zu langsam. Zugleich können wir eine gestiegene Akzeptanz für Klimaschutztechnologien feststellen: Die Nachfrage nach Elektroautos und Wärmepumpen ist 2025 enorm angestiegen. Und es gibt so viele neu genehmigte Windkraft-Projekte wie nie zuvor. Das macht Hoffnung, dass die Fortschritte in den nächsten Jahren wieder größer werden.“
Der stetige Rückgang der CO₂-Emissionen hängt vor allem mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem damit verbundenen Rückgang im Verbrauch fossiler Brennstoffe zusammen. So konnten die Emissionen aus der Energiewirtschaft von 1990 bis 2025 um 60 Prozent gesenkt werden, während im Bereich Verkehr, dem drittgrößten Emittenten nach Energiewirtschaft und Industrie, nur 10 Prozent der Emissionen eingespart werden konnten.
Seit 2005 trägt auch das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS 1) zur Emissionseinsparung bei, indem es jeder Tonne ausgestoßenem Treibhausgas – zunächst in den Sektoren Energie und Industrie, später auch aus Luft- und Schiffsverkehr – einen Preis zuweist und somit einen Anreiz zur Einsparung von CO₂ bietet. Im Jahr 2021 wurde zudem der nationale Emissionshandel (nEHS) eingeführt, der auch Emissionen aus Verkehr, Gebäude und Abfall bepreist. Damit sind aktuell rund 85 Prozent der deutschen Emissionen mit einem expliziten Preis versehen, was Deutschland zum Vorreiter in Sachen Emissionshandel macht.
Kurzkommentar
Im Statista-Text sind bereits einige Aspekte angedeutet, die Grafik zeigt auch ein sehr klares Bild. Schon optisch erkennbar ist, dass Landwirtschaft und Industrie die vorgegebenen Ziele weitgehend erreicht haben. Das heißt, dort, wo die wirtschaftlichen Belastungen entstehen, wurde auch konsequent eingespart. Natürlich mit Fördermitteln. Es ist in diesem Bereich auch richtig, mit Beihilfen zu arbeiten und umweltgerechtes oder klimagerechtes Verhalten zu prämieren und/oder zu privilegieren.
Vielleicht hat man die Industrie aber auch zu sehr geschont oder hätte ihr noch mehr helfen müssen, denn etwas anderes zeigt die Grafik auch: Sie hat geringere prozentuale Einsparvorgaben erhalten als andere Bereiche und wäre 2030, wenn alles nach Plan laufen würde, der größte Emittent von Treibhausgasen, ganz anders als noch 1990, als die Energiewirtschaft weit mehr davon ausstieß.
Das größte Verfehlungsdrama spielt sich beim Verkehr ab. Es hätte jedem, der die Sektorenziele benennt, klar sein müssen, dass die Ziele auf dem Verkehrssektor nicht machbar sind. Die Technologie stand zwar 2015 schon fest, als das Pariser Klimaschutzabkommen beschlossen wurde, aber es war vollkommen unrealistisch, dass bis 2030 so viele E-Autos in Deutschland fahren würden, dass der Verkehrsbereich seine Ziele einhalten könnte. Selbst bei konsequenter anstatt vergurkter Förderung wäre das nicht auf freiwilliger Basis möglich gewesen. In einem anderen Artikel haben wir vor ein paar Jahren berechnet, dass selbst dann, wenn ab dem damaligen Zeitpunkt sämtliche Neuzulassungen E-Autos wären, dieses Ziel bis 2030 nicht mehr erreichbar ist. Ähnlich sieht es bei den Gebäuden aus: Nur rigorose Zwangsmaßnahmen hätten den riesigen Bestand an Häusern in Deutschland so weit klimafreundlich machen können, dass er die Vorgaben einhält. Freiwilligkeit reicht selbst bei bester Förderstruktur nicht aus, und das war wohl jedem klar, der sich ein wenig mit Immobilien auskennt.
Das heißt auch, die Klimaziele 2030 waren teilweise von Beginn an ein Märchen, sie waren unglaubwürdig, überzogen und in Teilen falsch ausgerichtet. Die Verfehlung ist auch wieder Zeichen eines Mangels an strategischer Wirtschaftspolitik und erst recht der Koppelung von Wirtschafts- und Umweltpolitik in Deutschland.
Eine Möglichkeit, alles zu richten, hätte der Energiesektor geboten, 1990 bei weitem der größte Emittent. Auf dem Sektor ist zwar auch der Rückgang des Ausstoßes am größten, aber er beträgt, wenn wir die Grafik optisch richtig lesen, nur etwa 50, nicht 65 Prozent – bis jetzt. Und die Merz-Regierung ist nicht gerade dafür bekannt, dass sie den weiteren Rückgang der Emissionen im Energiesektor stark fördert. Trotz der insgesamt guten Entwicklung im Energiesektor ist hier der relative Abstand zwischen Ziel und Wirklichkeit nach dem Verkehr und den Gebäuden am größten.
Ein Problem können wir auch heute nicht auslassen. Deutschland hat seine Emissionen seit 1990 von 1,252 Milliarden Tonnen Ausstoß an CO₂-Äquivalenten auf 0,640 (2025) reduziert. Das sind keine 65 Prozent, sondern nur knapp 50.
Aber weltweit ist derCO₂-Ausstoß seit damals von 22 Milliarden Tonnen auf 37-38 Milliarden angestiegen. Lediglich die eine oder andere Wirtschaftskrise (Bankenkrise) oder ein anderes besonderes Ereignis (Pandemie) hatte kurzfristig für Entspannung gesorgt. China, der weltweit größte Emittent, legt immer noch zu und ist für nicht weniger als 40 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Andere große Länder, wie Indien, haben noch gar nicht richtig angefangen mit dem Ausstoß von Treibhausgasen. Afrika hat immer noch ein Plus, Europa immer noch ein Minus, bezogen auf das, was Länder ausstoßen dürften, wenn der gesamte Ausstoß auf natürlichem Weg kompensiert werden könnte. Der Anteil Deutschlands an den Weltemissionen ist von 1990 bis heute von ca. 5 Prozent auf nur noch knapp 2 Prozent geschrumpft. Auch ein komplett klimaneutrales Deutschland könnte die Erde vor der Erwärmung also nicht retten, so viel steht fest. Und was wir gerade in Deutschland erleben, wird ja nicht nur hier produziert, sondern ist ein Ergebnis des weltweiten Treibhausgas-Geschehens.
Jedes Mal, wenn wir auf Deutschland schauen, müssen wir das schreiben, weil zur Ehrlichkeit dazugehört, nicht so zu tun, als ob es noch wirklichen großen Einfluss hätte, was bei uns passiert. Wie auf anderen Gebieten geht auch in Sachen Klima der europäische Einfluss permanent zurück. Was man tun kann, ist, Vorbild zu sein und aufstrebenden Ländern dabei zu helfen, dass sie gar nicht erst so viel verbrauchen, wie die klassischen Industrienationen es noch vor wenigen Jahrzehnten getan haben. Deswegen ist es zwar im Kontext des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen nicht entscheidend, was in Deutschland passiert, aber sehr wohl relevant. Nämlich in dem Sinne, dass man Teil einer Klima-Allianz ist, die auch Wirkung erzielt. Warum nicht die Klimasünder auch wirtschaftlich schlechter stellen? Der beste Grund für Barrieren und Protektion wäre der Klimaschutz, auch, weil er ethisch viel leichter zu vermitteln ist als all die Hakeleien in der gegenwärtigen Zoll- und Abgabenpolitik. Die Konsumenten würden dann allerdings merken, wie teuer die Billigware, die sie aus bestimmten Ländern beziehen, tatsächlich ist, wenn man auch ökologisch denkt. Das wiederum würde die Akzeptanz für den Klimaschutz noch weiter absenken, als sie ohnehin schon ausgeprägt ist. Es bleibt insofern kompliziert.
Füer jemanden, der sich mit dem Klimaschutz nicht anfreunden kann, haben wir aber noch ein weiteres Argument: Die vielbeschworene Autonomie oder Autarkie. Klimaschutz macht unabhängig, vor allem auf dem Energiesektor. Ein konsequent auf Erneuerbare setzender Energiesektor kann Deutschland künftig davor bewahren, Spielball von Ländern zu sein, die fossile Energien anliefern. Es ist übel genug, dass für die Fertigung so viele Rohstoffe importiert werden müssen und dadurch eine fortwährende Erpressbarkeit gegeben ist. Wenigstens im Energiesektor kann man diese aber abbauen. Was übrigens auch ein Grund dafür ist, dass Klimaleugner oft auch Freunde vor allem russischer Fossiles sind. Das ergibt aus deren Logik heraus durchaus Sinn, leider ist es faktenwidrig und absolut gegen die Zukunft gedacht, auf mehreren Ebenen.
Auch wenn die Einsparziele 2030 verfehlt werden, ist das kein Grund, aufzugeben. Im Gegenteil. Aber man sollte ehrlich sein. Mit der Politik, die wir aktuell haben, wird Deutschland 2045 nicht klimaneutral sein. Der große Hebel wird nicht bedient werden, denn beim Verkehr und bei den Gebäuden müsste massiv nachgeholfen werden und bei der Energie verlässt man den zuletzt unter der Ampelkoalition eingeschlagenen oder re-etablierten Pfad wieder. Angesichts der Fossilien-Lobbyisten in der gegenwärtigen Regierung sehen wir die Chance als eher gering an, dass wenigstens die Energiewirtschaft es bis 2045 gepackt haben wird, klimaneutral zu sein. Denn was jetzt nicht ausgebaut wird, wird auf Jahre hinweg die Verminderung von Treibhausgasen bremsen.
Angesichts der politischen Großwetterlage in Deutschland, die sich überhaupt nicht an der realen Klimalage orientiert, wird in den nächsten Jahren aber keine Trendumkehr zu erwarten sein. Wenn es schlecht läuft, wird 2045 gegenüber jetzt kaum ein Fortschritt zu erkennen sein. Die Rechtfertigung dafür, anderen Ländern, die in anderen Zyklen ihrer Entwicklung sind, von Anfang an eine klimafreundliche Verfahrensweise nahezulegen, wird schwierig. Aber wenn es politisch so läuft, wie im Moment zu befürchten ist, wird diese europäische Vorbildfunktion sowieso kein Narrativ mehr sein, mit dem man etwas Positives für die Erhaltung der Zivilisation bewirken könnte. Was also bleibt? Vielleicht ist es egoistisch, es so zu sehen, aber auf lange Sicht wird erneuerbare Energie günstiger sein als fossile und preisstabiler. Es gibt schon Tage, an denen sie den Strombedarf zu 100 Prozent deckt, und eine Reserve aus konventionellen Kraftwerken ist ja kein Verbrechen, bis die Speichertechnologie so weit (verbreitet) ist, dass auch diese entfallen kann.
TH
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