Umfrage, Briefing, Recherche, SPD, SPD-Vorsitzende, Liebknecht, Bebel, Ebert, Wels, Schumacher, Ollenhauer, Brandt, Schröder, Lars Klingbeil, Bärbel Bas, Doppelspitze, Kollektivführung, Wahlergebnisse, Wahlerfolge, Wahlniederlagen, Geschichte der SPD, Führungswechsel, Berlinwahl 2026
Beinahe hätten wir als Einleitung geschrieben: Heute etwas Eklektisches, bitteschön. Aber nun steht es ja drin, sogar ganz am Anfang. Hingegen haben wir eine große Mehrwert-Recherche vorgenommen, die selbst SPD-Mitglieder interessant finden könnten.
Glauben Sie, die SPD ist noch zu retten? Zum Beispiel dadurch, dass das gegenwärtige Führungsduo Lars Klingbeil und Bärbel Bas ausgetauscht wird? Falls ja, dürfen Sie entsprechend abstimmen, denn Civey hat heute aus dem Thema eine Umfrage generiert:
SPD-Vorsitzende Bas und Klingbeil auswechseln?
Haben Sie schon Ihre Stimme abgegeben? Lesen Sie gerne noch den Begleittext von Civey, unsere Recherche „alle SPD-Vorsitzenden!“ und unseren Kurzkommentar!
Begleittext
Schon länger wächst in der SPD der Unmut über die Co-Parteivorsitzenden Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) und Vizekanzler sowie Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD). Der Grund dafür sind anhaltend schlechte Umfragewerte bei gleichzeitig hoher Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der Bundesregierung. Erste deutliche Kritik gab es bereits Ende Juli in einem Brief des SPD-Unterbezirks Bielefeld, in dem der Führung vorgeworfen wurde, keine ausreichend sozialdemokratische Politik mehr zu machen. Vor zwei Wochen forderte zudem die SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt einen außerordentlichen Parteitag im Herbst zur Neuaufstellung der Führung.
Für einen Sonderparteitag sprechen aus Sicht von Mehria Ashuftah (SPD) und Orkan Özdemir (SPD) die Sorge vor einer zunehmenden Entfremdung von der SPD-Wählerschaft. Die Vorsitzenden der AG Migration und Vielfalt begründeten ihren Vorstoß im Spiegel mit einer massiven Irritation in der Bevölkerung über die Sozialdemokratie, weshalb die Führungsstruktur sowie die inhaltliche Ausrichtung offensichtlich gescheitert seien. In dem eingangs erwähnten Schreiben aus NRW wurden Bas und Klingbeil aufgefordert, sich zwischen dem Parteivorsitz und ihren Ministerämtern zu entscheiden. Das Management beider Rollen misslinge offenkundig und eine Erneuerung erfordere die Trennung dieser Aufgaben.
Klingbeil lehnte einen Sonderparteitag letzte Woche strikt ab. Der von der Parteispitze eingeschlagene Weg sei richtig und auch eine neue Führung stünde vor denselben Herausforderungen wie fehlendem Wirtschaftswachstum, sagte er bei Sat.1. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Dirk Wiese (SPD), bezeichnete die Forderung nach einem Sonderparteitag am Dienstag gegenüber der dpa als „pure Selbstbeschäftigung“. Die Partei habe wichtigeres zu tun, wie die Vorbereitung des zweiten Halbjahres und den Wahlkamp, weshalb er diesen ebenfalls ablehnte. Anfang August verteidigte Bas im ZDF den Regierungskurs. Ihre Doppelrolle bezeichnete sie als notwendig, um sozialdemokratische Positionen direkt am Regierungstisch zu sichern.
Zwischenkommentar
Wir schreiben es gleich hier: Wir haben mit Unentschieden gestimmt. Bisher lässt sich nicht belegen, dass Führungswechsel per se einer Partei etwas gebracht hätten, insbesondere nicht der SPD. Wir sind insbesondere von Lars Klingbeil sehr enttäuscht, aber ob in Nachfolger es besser machen würde? Und wer sollte es sein? Uns drängt sich niemand auf. Es gibt, anders als in der Union, keine „Landesväter“ mit guter Perspektive, es gibt in der Bundespolitik niemanden, der sich wirklich hervortut oder gar aufdrängt. Schon einmal hat man ein solches Dilemma durch eine interne Wahl gelöst, aber besser wurde es für die SPD nur, weil Olaf Scholz als Kanzlerkandidat gegen einen ausgesprochen schwachen Gegner von der CDU einigermaßen punkten konnte. Aber weit jenseits früherer Wahlergebnisse der SPD, die wir in der folgenden Tabelle noch sehen werden.
Wir haben für Sie sämtliche Parteivorsitzenden der SPD inklusive ihrer Vorgängerorganisationen zusammengetragen – und deren jeweils beste und schlechteste Wahlergebnisse. Wir werden also wieder kreativer. Im Anschluss haben wir auch einen Blick darauf geworfen, wie es zu Mehrfach-Vorsitzenden kam, zu einer Zeit, als der Begriff „Doppelspitze“ noch nicht erfunden war. Es ist eine interessante Sache, den Spuren der über alle Zeiten hinweg wohl immer noch wichtigsten Partei Deutschlands zu folgen.
Umso jämmerlicher ist sie in ihrem jetzigen Zustand, und wenn sie so weitermacht wie zuletzt, wird sie keine Zukunft haben. Zuweilen melden sich auch alte Herren zu Wort, die diesen Zustand erheblich mitverursacht haben und empfehlen das Gift, die SPD bezüglich des „S“ genauso unglaubwürdig zu machen wie die CDU es bezüglich des „C“ ist. Wir warnen ausdrücklich vor dieser Selbstvernichtungspolitik. Aber wir sind nur Zeitzeugen, die beobachten, wie die Ära der SPD als Volkspartei zu Ende geht. Der Verfall findet viel langsamer statt als in anderen europäischen Staaten, wo die klassische Sozialdemokratie nur noch dort stark ist, wo sie echte sozialdemokratische Politik macht (etwa in Spanien), sich in weiten Teilen Europas, in denen sie sich den Rechten angedient hat, mehr oder weniger von der politischen Bühne verabschieden musste.
Aber werfen wir einen Blick zurück. Auch die SPD hatte einst klein angefangen, deswegen ist noch nicht aller Tage Abend. Sie müsste sich jedoch neu erfinden, denn „den Arbeiter“ gibt es kaum noch, sondern ein Heer von meist schwach organisierten Angestellten, die man mit anderen Narrativen einen müsste als der massenhaften Ermächtigung des Industrieproletariats ab den 1860ern. Die SPD war aber immer schon vielfältig, wie unsere nachfolgende Recherche belegt, und das könnte heute ein Leitgedanke für eine moderne Diversifizierung sein.
Mehrwert-Recherche: Alle Parteivorsitzenden der SPD, ihre besten und schlechtesten Wahlergebnisse (bzw. diejenigen während ihrer Amtszeit, denn oft waren sie nicht die Kandidaten, die für die Wahlergebnisse zentral verantwortlich waren). Im Anschluss: Wie kam es zu den Kollektivführungen früherer Zeiten?
Die SPD hat ihre Wurzeln 1863, entstand in der Organisationsform der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands 1875 und heißt erst seit 1890 SPD. Für die Tabelle werten wir deshalb alle formalen Parteivorsitzenden der Vorgängerorganisationen bzw. der SPD aus; bis 1945 gab es teils parallele Vorsitzende. Als „Ergebnis“ gilt der Stimmenanteil der SPD bei Reichstags- bzw. Bundestagswahlen, die während der jeweiligen Amtszeit stattfanden.
Die Parteigeschichte umfasst außerdem Zäsuren, die das Vergleichsfenster begrenzen: 1933 wurde die SPD verboten, nach 1945 neu aufgebaut; in der SBZ ging sie 1946 durch Zwangsvereinigung mit der KPD in der SED auf.[bpb]
Parteivorsitz und Wahlergebnisse
| Parteivorsitz | Amtszeit | Beste Reichstags-/Bundestagswahl in der Amtszeit | Schlechteste Reichstags-/Bundestagswahl in der Amtszeit |
|---|---|---|---|
| Ferdinand Lassalle (ADAV) | 1863–1864 | —* | —* |
| Johann Baptist von Schweitzer (ADAV) | 1867–1871 | 1867: 2,9% | 1871: 3,2% |
| Wilhelm Liebknecht (SDAP) | 1869–1875 | 1874: 6,8% | 1871: 3,2% |
| August Bebel | 1875–1913 | 1912: 34,8% | 1877: 9,1% |
| Paul Singer | 1875–1911 | 1912: 34,8%** | 1877: 9,1% |
| Hugo Haase | 1911–1916 | 1912: 34,8% | 1912: 34,8% |
| Philipp Scheidemann | 1911–1918 | 1912: 34,8% | 1912: 34,8% |
| Friedrich Ebert | 1913–1919 | 1919: 37,9% | 1919: 37,9% |
| Hermann Müller | 1919–1928 | 1919: 37,9% | Mai 1924: 20,5% |
| Arthur Crispien | 1919–1922 | 1919: 37,9% | 1920: 21,9% |
| Otto Wels | 1919–1939 | 1919: 37,9% | 1933: 18,3% |
| Hans Vogel | 1931–1945 | Juli 1932: 21,6% | 1933: 18,3% |
| Kurt Schumacher | 1946–1952 | 1949: 29,2% | 1949: 29,2% |
| Erich Ollenhauer | 1952–1963 | 1961: 36,2% | 1953: 28,8% |
| Willy Brandt | 1964–1987 | 1972: 45,8% | 1987: 37,0% |
| Hans-Jochen Vogel | 1987–1991 | 1990: 33,5% | 1990: 33,5% |
| Björn Engholm | 1991–1993 | — | — |
| Johannes Rau (kommissarisch) | Mai–Juni 1993 | — | — |
| Rudolf Scharping | 1993–1995 | 1994: 36,4% | 1994: 36,4% |
| Oskar Lafontaine | 1995–1999 | 1998: 40,9% | 1998: 40,9% |
| Gerhard Schröder | 1999–2004 | 2002: 38,5% | 2002: 38,5% |
| Franz Müntefering | 2004–2005 | 2005: 34,2% | 2005: 34,2% |
| Matthias Platzeck | 2005–2006 | — | — |
| Kurt Beck | 2006–2008 | — | — |
| Frank-Walter Steinmeier (kommissarisch) | Sept.–Okt. 2008 | — | — |
| Franz Müntefering | 2008–2009 | 2009: 23,0% | 2009: 23,0% |
| Sigmar Gabriel | 2009–2017 | 2013: 25,7% | 2009: 23,0% |
| Martin Schulz | 2017–2018 | 2017: 20,5% | 2017: 20,5% |
| Andrea Nahles | 2018–2019 | — | — |
| Saskia Esken (Doppelspitze mit Walter-Borjans) | 2019–2021 | 2021: 25,7% | 2021: 25,7% |
| Norbert Walter-Borjans (Doppelspitze mit Esken) | 2019–2021 | 2021: 25,7% | 2021: 25,7% |
| Saskia Esken (Doppelspitze mit Klingbeil) | 2021–2025 | 2021: 25,7% | 2025: 16,4% |
| Lars Klingbeil (Doppelspitze mit Esken) | seit 2021 | 2021: 25,7% | 2025: 16,4% |
| Bärbel Bas (Doppelspitze mit Klingbeil) | seit 2025 | 2025: 16,4% | 2025: 16,4% |
* Für 1863–1866 gab es keine reichsweite Reichstagswahl im späteren Deutschen Reich.
** Paul Singer starb vor der Reichstagswahl 1912; sie ist deshalb nicht seiner tatsächlichen Amtszeit zuzurechnen. In einer strikt tagesgenauen Fassung lautet sein bestes Ergebnis 1907 mit 28,9%, sein schwächstes 1877 mit 9,1%.
Die Tabelle führt die Doppelspitzenmitglieder jeweils einzeln auf, damit tatsächlich sämtliche Vorsitzenden erscheinen.
Einordnung der Rekorde
- Höchster Wert der gesamten Reihe: 45,8% bei der Bundestagswahl 1972, während Willy Brandt Parteivorsitzender war.
- Niedrigster Wert seit 1949: 16,4% bei der Bundestagswahl 2025 — während der Doppelspitze aus Saskia Esken und Lars Klingbeil; Bärbel Bas übernahm erst nach dieser Wahl den Vorsitz.[tagesschau]
- Der historische Tiefpunkt der SPD bei den hier berücksichtigten Reichstagswahlen liegt bei 9,1 % 1877, während der Sozialistengesetze-Ära.
- In der Weimarer Republik fiel die SPD von 37,9 % 1919 auf 18,3% im März 1933. Die Reichstagswahldaten des Bundestags weisen für die Zwischenwahlen unter anderem 26,0% (Dezember 1924), 29,8% (1928), 24,5% (1930), 21,6% (Juli 1932) und 20,4% (November 1932) aus.[bundestag]
Zwischen-Hinweis
Für eine Civey-Einordnung wäre die Aussage „Parteispitzenwechsel verbessert Wahlergebnisse“ aus dieser Tabelle nicht belastbar: Mehrere Wechsel erfolgten zwischen Wahlen und sind daher nicht direkt testbar. Außerdem fallen Wahlergebnisse nicht automatisch mit dem Vorsitz zusammen — etwa bei Kanzlerkandidaturen, Regierungsbilanz, Wirtschafts- und Krisenlagen oder Veränderungen des Parteiensystems. Sichtbar ist aber: Historische Höchstwerte entstanden eher nach längeren Führungsphasen (besonders Brandt), während ein Personalwechsel kurzfristig keine erkennbare Erfolgsgarantie bietet.
Die Mehrfachspitzen der frühen SPD waren kein modisches Führungsmodell wie die heutigen Doppelspitzen. Sie entstanden aus einer kollektiven Parteivorstandsstruktur, aus dem Ausgleich zwischen Parteiflügeln und aus den außergewöhnlichen Bedingungen von Repression, Exil und später Wiedervereinigung.
Kollektiver Vorstand statt „Parteichef“
Die SPD war nach dem Ende der Sozialistengesetze 1890 bewusst nicht auf eine einzelne Führungsfigur zugeschnitten. Der Parteitag wählte einen mehrköpfigen Vorstand; dessen Vorsitzende standen an der Spitze eines kollegialen Leitungsgremiums, nicht über ihm wie ein heutiger CEO oder Kanzlerkandidat.
Beim Parteitag 1890 wurden zunächst Paul Singer und Alwin Gerisch als Vorsitzende gewählt; zum übrigen Vorstand gehörten unter anderem Ignaz Auer und Richard Fischer als Schriftführer sowie August Bebel als Kassierer. Die formale Mehrfachbesetzung war damit von Beginn an Teil des neu etablierten, legalen Parteiapparats. Die SPD selbst beschreibt die damalige Führung als kollektiven Ausschuss mit zwei gleichberechtigten Vorsitzenden.[library.fes][vorwaerts]
Das hatte auch praktische Gründe:
- Die Partei war inzwischen eine große Massenorganisation mit vielen lokalen Vereinen, Gewerkschaftsbeziehungen, Presseorganen und einer starken Reichstagsfraktion.
- Arbeit, öffentliche Repräsentation, Fraktionspolitik, Parteiorganisation und Finanzverwaltung ließen sich nicht einfach in einer Person bündeln.
- Nach zwölf Jahren Sozialistengesetzen (1878–1890) misstraute die Sozialdemokratie einer allzu personalisierten, leicht angreifbaren Führung. Kollegiale Strukturen machten sie organisatorisch widerstandsfähiger.
Bebel und Singer: Ergänzung, nicht Gleichförmigkeit
Ab 1892 waren August Bebel und Paul Singer die prominente Doppelspitze. Bebel löste Alwin Gerisch ab; Singer blieb bis zu seinem Tod 1911 im Vorsitz.[dhm][spd]
Das Duo verband unterschiedliche Funktionen und Milieus:
- Bebel war die herausragende Redner- und Symbolfigur der Partei, Reichstagsabgeordneter und öffentliche Autorität der Sozialdemokratie.
- Singer, Berliner Unternehmer, Finanzier und erfahrener Organisationspolitiker, führte die praktische Parteiarbeit mit und leitete — mit einer Ausnahme — die Parteitage zwischen 1890 und 1909.[dhm]
- Der doppelte Vorsitz verhinderte zugleich, dass eine Person die Partei vollständig dominierte. Gerade bei einer Partei, deren Identität stark auf Mitgliederorganisation und kollektiver Willensbildung beruhte, war das politisch erwünscht.
Die heutige Zuschreibung, Bebel sei „der“ Parteivorsitzende gewesen, ist deshalb verkürzend. Er war die prägendere öffentliche Gestalt, aber Singer war formal gleichberechtigter Vorsitzender.
Flügelkompromiss im Weltkrieg
Nach Singers Tod wurden August Bebel und Hugo Haase als Vorsitzende geführt; nach Bebels Tod 1913 standen Friedrich Ebert und Hugo Haase an der Spitze. Hier bekam das Modell eine besonders politische Funktion: Ebert und Haase repräsentierten zunehmend gegensätzliche Lager.
- Ebert stand für die stärker pragmatisch-regierungsorientierte Mehrheitslinie.
- Haase wurde zu einem zentralen Repräsentanten der innerparteilichen Kriegs- und Oppositionskritik.
Der Konflikt um die Kriegskredite sprengte diesen Ausgleich. Haase stellte sich gegen die Burgfriedenspolitik und verließ 1917 mit anderen die Mehrheits-SPD; daraus entstand die USPD. Das Führungsduo hatte den Konflikt also nicht gelöst, aber es machte die Spannungen zunächst innerhalb einer gemeinsamen Parteiführung sichtbar.[sueddeutsche]
Die Dreierspitze von 1922
Die einzige wirkliche Dreierspitze entstand nicht aus einem allgemeinen Organisationsprinzip, sondern aus einer spezifischen Wiedervereinigung: 1922 schlossen sich Mehrheits-SPD und der verbliebene Teil der USPD wieder zusammen.
Um die Rückkehr der USPD politisch abzusichern und ihre Führung sichtbar einzubinden, wurde deren Vorsitzender Arthur Crispien neben den SPD-Vorsitzenden Hermann Müller und Otto Wels zum gleichberechtigten dritten Vorsitzenden gewählt. Das Protokoll des Parteitags vom September 1922 nennt ausdrücklich Müller, Crispien und Wels als Vorsitzende. Die Dreierspitze war somit vor allem ein Integrations- und Vertrauenssignal nach einer tiefen Spaltung.[vorwaerts][library.fes]
Warum das später endete
Nach 1922 setzte sich schrittweise ein stärker personalisiertes Modell durch. Seit 1933, endgültig aber in der Nachkriegs-SPD der Bundesrepublik, prägten einzelne Parteivorsitzende das Bild stärker — etwa Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Willy Brandt oder später Gerhard Schröder.
Das lag an veränderten Rahmenbedingungen:
- Wahlkämpfe und Massenmedien begünstigten klar erkennbare Spitzenfiguren.
- Die Bundesrepublik entwickelte sich zunehmend zur Kanzlerdemokratie; Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur wurden politisch enger verknüpft.
- Die SPD wollte nach Krieg, Verfolgung und Neuaufbau handlungsfähig und nach außen eindeutig geführt erscheinen.
Die frühe Mehrfachspitze war daher keineswegs eine skurrile Ausnahme, sondern lange ein Grundelement sozialdemokratischer Organisationskultur. Sie war allerdings kein direktes Vorbild für heutige Doppelspitzen: Damals ging es primär um kollektive Leitung, organisatorische Arbeitsteilung und Flügel- beziehungsweise Fusionskompromisse; heute stehen eher Geschlechterparität, interne Machtbalance und mediale Repräsentation im Vordergrund.
Schlusskommentar
Uns würde etwas fehlen, wenn es die SPD nicht mehr gäbe. Wir sind während der Zeit von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl aufgewachsen. Und bis heute bleibt es ein zentraler Eindruck, dass die SPD während Brandts Zeit ihren Höhepunkt erreichte. Dies wird auch durch Wahlergebnisse bestätigt. Gleichwohl war unter der Oberfläche damals nicht alles super. Weder in der SPD noch in der BRD. Probleme, die nachwirkten, die sich heute zu einer strukturellen Schwäche des Landes ausgewachsen haben, nahmen damals oft ihren Anfang. Aber es war auch noch sehr viel Kraft in dieser Partei, das spürt man, wenn man sich die reinen Zahlen anschaut und die Namen der (weit überwiegend) Männer, die diese Partei großgemacht, erhalten und stabilisiert haben – und jener, die seit nunmehr etwa 25 bis 30 Jahren emsig am Untergang arbeiten. Sie haben es fast geschafft. In Berlin wird die SPD aller Voraussicht nach nicht den nächsten Regierenden Bürgermeister stellen. In der Stadt, in der Willy Brandt einmal absolute Mehrheiten holte, liegt der heutige Spitzenkandidat Steffen Krach in Umfragen gerade einmal bei 13 bis 14 Prozent.
Das ist historisch. Historisch schlecht. Nie war es so lächerlich, wenn ein SPD-Politiker in dieser Stadt sich als nächster Bürgermeister plakatieren ließ. Selbst, wenn er es durch Manöver nach der Wahl noch schafft, trotz der gegenwärtig in Umfragen stärkeren CDU, Linke, AfD, Grüne in dieses Amt zu kommen: Ein Mann des Volkes wird er damit nicht werden. Denn im Grunde wäre dazu eine Erpressung nötig: Entweder wir stellen den Bürgermeister oder wir machen keine Koalition mit euch. Aber mit wem dann? Mit der CDU, die gegenwärtig 7 Prozentpunkte vor der SPD liegt? Nein, der oder die nächste Regierende von Berlin wird nicht von der SPD kommen. Und der Tag ist nicht fern, an dem sie keine Ministerpräsident:innen mehr stellen wird, wenn es so weitergeht. Und an dem sie im Osten sogar aus Parlamenten ausscheidet.
Die Zeit ist im Grunde gut für sozialdemokratische Politik. Aber nicht für eine Partei, die sich sozialdemokratisch nennt und die CDU ungeniert darin unterstützt, die Menschen im Land zu zwiebeln, ohne dass dabei ein erkennbarer – sic! – Mehrwert für irgendwen entstünde. Quo vadis, SPD? Solange sie es selbst nicht weiß, nützt es nichts, die Vorsitzenden auszutauschen. Die Mehreit der Abstimmenden sieht es anders, aber über 20 Prozent sind unschlüssig, genau wie wir. Was soll es bringen? Oder ist es egal, wenn es wenigstens nicht (noch mehr) schadet.
Transparenz:
Die Recherche-Arbeit hat eine KI für uns erledigt und dabei eine gute Leistung gezeigt, die Umfrage und der Begleittext stammen vom Meinungsforschungsinstitut Civey, Zwischen- und Schlusskommentar sowie die Einleitung haben wir geschrieben (TH)
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