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36 Jahre deutsche Einheit. Es ist kein ganz großes Jubiläum. Aber in wenigen Jahren wird Deutschland länger wiedervereint sein, als die DDR bestanden hat, und es bleibt ein Thema, oder diese Wiedervereinigung gelungen ist. Es versteht sich beinahe von selbst, dass Civey dazu am Tag der Einheit eine Umfrage aufgesetzt hat:
Sind Ost- und Westdeutsche vereint?
Lesen Sie dazu gerne den Civey-Begleittext (direkt im Anschluss) oder unseren Kommentar (weiter unten), bevor Sie abstimmen, aber auch, wenn sie ohnehin wussten, wie Sie antworten wollen.
Begleittext von Civey
Mittlerweile sind 36 Jahre seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), stellte am Mittwoch dem Kabinett ihren aktuellen Bericht zum Stand der Deutschen Einheit vor. Darin betont sie Fortschritte beim Zusammenwachsen, verweist zugleich jedoch auf weiterhin bestehende strukturelle Unterschiede. Nach wie vor gibt es Herausforderungen und Ungleichheiten, aber eben auch Chancen und neue Perspektiven. Die Deutsche Einheit bleibe daher eine fortwährende Aufgabe für die Bundesregierung sowie für die Gesellschaft insgesamt.
In ihrem Bericht bewertet die Ostbeauftragte die ostdeutschen Bundesländer als Aufstiegsregion und hebt spürbare Erfolge bei der Repräsentanz hervor. So stammen in den obersten Bundesbehörden erstmals mehr als 100 Führungskräfte aus Ostdeutschland, wodurch der Anteil auf 13,4 Prozent stieg. Auch an den obersten Bundesgerichten überschritt der Anteil ostdeutscher Richterinnen und Richter erstmals die Marke von zehn Prozent. Insgesamt sind Ostdeutsche in Führungspositionen aber nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Um die Angleichungen im Erwerbsleben weiter voranzubringen, plädiert Kaiser für eine höhere Tarifbindung und flächendeckend bessere Löhne. Dem Bericht nach schauen Ost- und Westdeutsche heute zudem größtenteils ähnlich auf ihre Lebensbedingungen und Aufstiegschancen.
Auf der anderen Seite weist Kaiser in ihrem Bericht auf die weiterhin massiven Vermögensunterschiede hin. Laut Statistischem Bundesamt entfielen im vergangenen Jahr 95 Prozent des steuerlich erfassten Werts von Erbschaften und Schenkungen auf den Westen. In einem Gastbeitrag in der Rheinischen Post bezifferte Kaiser das durchschnittliche Netto-Gesamtvermögen je Haushalt in Ostdeutschland auf 125.500 Euro, während es in Westdeutschland bei 257.100 Euro liege. Um diese Lücke zu schließen, fordert die Ostbeauftragte, große Erbschaften stärker zu besteuern und diese Einnahmen über einen finanziellen Länder-Ausgleich gezielt beim Bildungssystem, bei Jobs und bei der Infrastruktur in den ostdeutschen Ländern einzusetzen.
Kommentar
Sicher ist es ein vertretbarer Ansatz, einmal die finanziellen Unterschiede in den Blick zu nehmen. Sie sind erheblich, sie resultieren aus der Tatsache, dass Eigentumsbildung in größerem Umfang in der DDR für die Normalbevölkerung nicht möglich war und aus den immer noch geringeren Einkommen, die auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung zu bemerken oder zu beklagen sind, je nachdem, ob man die Lage nüchtern oder im Anklagemodus in den Blick nimmt. Dass im Osten die Wirtschaftskraft nach wie vor geringer ist und sich das in den Löhnen und Gehältern spiegelt, ist nur logisch. In Berlin sind sie niedriger als in Bayern, auch im Westteil der Stadt.
Überraschenderweise waren wir mit unserer „abgeschwächten“ Negativhaltung („eher nein“) bei der relativen Mehrheit. Es ist selten, dass „eher“ in Umfragen eine stärkere Position einnimmt als „eindeutig ja“ oder „eindeutig nein“. Wir wollten zunächst auch so votieren, und zusammen mit „eher nein“ gibt es tatsächlich eine absolute Mehrheit unter jenen, die schon abgestimmt haben, die der Ansicht sind, dass das noch nichts ist, mit einer echten Einheit. Es ist leicht, aus politischen Gründen abzuwinken, vor allem, wenn man kein AfD-Anhänger ist. Aber sind wir nicht andererseits vereint darin, die Lage zu bemeckern und alles irgendwie im Moment Scheiße zu finden? Eine Umfrage dazu mit ausgewiesener Trennung nach Ost und West hätte uns interessiert.
Nein, gelungen ist die Wiedervereinigung insgesamt noch nicht, und darauf kochen gerne jene ihr Süppchen, die sich dieser Redewendung gerne bedienen. Was wir in beiden Landesteilen vermissen, ist vor allem ein konstruktiver Ansatz, eine Roadmap, wie es weitergehen und besser werden können. Dummerweise haben wir eine sehr westlastige Bundesregierung, die genau das Gegenteil tut, nämlich alles, um die schlechte Laune überall im Land zu verstärken. Wir bräuchten dringend einen Wechsel, aber was dann kommen soll, wissen wir auch nicht, und vor Neuwahlen, bei denen im Osten AfD-Ergebnisse von über 40 Prozent zu erwarten sind, haben wir begreiflicherweise keine Sympathie. Umso saurer sind wir auf eine Regierung, die uns zur Solidarität zwingen will, weil sie vorgibt, alternativlos zu sein. Das stimmt gar nicht, aber auch im Osten sind solidarische Ansätze nicht weit verbreitet. In Mecklenburg-Vorpommern haben die jüngsten Wahlen aber gezeigt, dass eine starke Person mindestens Ideen dazu hat, in Richtung Berlin zu adressieren. Und noch gibt es auch im Osten eine Mehrheit, die nicht nach rechts gekippt ist.
Faktisch und vom Gefühl lässt sich festhalten, dass es noch viel zu tun gibt, und dass sich im Westen doch im Laufe der Jahre eine Art von übergreifender Mentalität herausgebildet hat, unabhängig davon, wie gut eine Region zum Beispiel wirtschaftlich aufgestellt ist. Das gilt für den Osten genauso und immer noch. Und es wirkt sich politisch aus. Der Osten kann den Westen aber nicht so dominieren, dass er die Demokratie zum Einsturz bringt, dazu ist angesichts des Bevölkerungsverhältnisses von etwa 4:1 zugunsten des Westens eine erhebliche Beteiligung der Menschen im Westen selbst notwendig. Selbst, wenn im Osten alle Menschen AfD wählen würden, wäre für eine absolute Mehrheit im ganzen Land ein weiterer Anteil von etwa 41 Prozent der Stimmen im Westen notwendig. Wir haben es mit einigen Vereinfachungen berechnen lassen:
Unter der Annahme, dass „Osten“ die fünf ostdeutschen Flächenländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ohne Berlin meint und Wahlbeteiligung sowie Stimmengewicht regional gleich sind, wären im Westen rund 41,5 Prozent der Stimmen für die AfD nötig. Dann ergäbe sich bundesweit genau ein Anteil von 50 Prozent.
Rechnung
Für 2025 weist Destatis rund 12,4 Millionen Einwohner im Osten und 67,4 Millionen im Westen aus. Das entspricht ungefähr:
- Osten:
12{,}4 / 79{,}8 = 15{,}54\ \% - Westen:
67{,}4 / 79{,}8 = 84{,}46\ \%
Wenn im Osten 100 Prozent AfD gewählt würden, kämen von dort bereits 15,54 Prozentpunkte zum bundesweiten Ergebnis.
Für 50 Prozent bundesweit fehlen daher:
50 - 15{,}54 = 34{,}46\ \text{Prozentpunkte}
Diese 34,46 Prozentpunkte müssten aus den 84,46 Prozent der Bevölkerung im Westen kommen:
\frac{34{,}46}{84{,}46} \times 100 = 40{,}8\ \%
Mit den gerundeten Einwohnerangaben ergibt sich also rund 40,8 Prozent, praktisch formuliert: etwa 41 Prozent der westdeutschen Stimmen. Die Destatis-Angaben bestätigen zudem das grobe Verhältnis von etwa 15 Prozent Ost- zu 81 Prozent Westbevölkerung; Berlin wird in dieser Einteilung gesondert ausgewiesen.[destatis][destatis]
Einordnung
Die Rechnung ist bewusst stark vereinfacht:
- Sie setzt gleiche Wahlbeteiligung in Ost und West voraus.
- Maßgeblich wären bei einer Bundestagswahl nicht Einwohnerzahlen, sondern tatsächlich abgegebene gültige Zweitstimmen.
- Berlin ist hier ausgeschlossen. Würde Berlin dem Osten zugerechnet und dort ebenfalls vollständig AfD wählen, läge die erforderliche Quote im übrigen Westen etwas niedriger.
- Eine absolute Mehrheit der Stimmen bedeutet nicht automatisch eine absolute Mehrheit der Bundestagssitze: Überhang- und Ausgleichseffekte existieren zwar im heutigen Wahlrecht in anderer Form als früher, entscheidend wären aber insbesondere Direktmandate sowie mögliche Sperrklausel- und Sitzverteilungseffekte.
Kommentar Teil 2
Die obige Berechnung hat einen weiteren Aspekt sichtbar gemacht, den man zwar kennt, dessen Dramatik aber kaum zu unterschätzen ist. Der Osten hat seit der Wiedervereinigung etwa 2,4 Millionen Menschen verloren, das sind 16 Prozent seiner Bevölkerung. Ohne den starken Zuzug von Menschen aus Berlin ins Brandenburger Umland wären die Verluste noch dramatischer. Die Bevölkerung Deutschlands hat insgesamt aber seit der Wiedervereinigung zugenommen. Manche Regionen im Westen haben ein ähnlich starkes Bevölkerungswachstum wie der Osten Verluste zu verzeichnen hat. Das ist eine Abstimmung mit den Füßen, nach wie vor. Und er verstärkt das Gefühl im Osten, eine Verlierer-Region zu sein, auch wenn die individuelle Wirtschaftslage (unter anderem wegen niedriger Lebenshaltungskosten und weil es auch im Osten sichere Jobs gibt) vielfach nicht so schlecht ist, wie die allgemeinen Verhältnisse eingeschätzt werden. Der Westen hat derzeit sogar mehr Schwierigkeiten, weil die industrielle Substanz, die dort nach wie vor konzentriert ist, unter Druck steht. Hier haben wir eine weitere Recherche angesetzt:
Die fünf ostdeutschen Flächenländer erwirtschafteten 2025 zusammen rund 498,1 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt. Das entspricht 11,1 Prozent des gesamtdeutschen nominalen BIP von 4,470 Billionen Euro. Die westdeutschen Länder kamen entsprechend auf rund 3,754 Billionen Euro beziehungsweise 84,0 Prozent; Berlin allein auf weitere 218,3 Milliarden Euro oder 4,9 Prozent.[statistikportal]
Verteilung 2025
| Gebiet | Nominales BIP 2025 | Anteil an Deutschland |
|---|---|---|
| Ostdeutsche Flächenländer ohne Berlin | 498,1 Mrd. Euro | 11,1% |
| Westdeutsche Länder ohne Berlin | 3.753,5 Mrd. Euro | 84,0% |
| Berlin | 218,3 Mrd. Euro | 4,9% |
| Deutschland insgesamt | 4.469,9 Mrd. Euro | 100,0% |
Die Summe für den Osten ergibt sich aus Brandenburg (104,1 Mrd. Euro), Mecklenburg-Vorpommern (63,6 Mrd.), Sachsen (168,0 Mrd.), Sachsen-Anhalt (81,8 Mrd.) und Thüringen (80,6 Mrd.).[statistikportal]
Vergleich mit Bevölkerung
Der Osten stellte nach der zuvor verwendeten Abgrenzung etwa 15 Prozent der Bevölkerung, erbrachte aber nur 11,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Seine Wirtschaftsleistung je Einwohner lag damit rechnerisch bei rund:
\frac{11{,}1}{15} \approx 74\ \%
des bundesdeutschen Durchschnitts.
Gegenüber dem Westen fällt der Abstand deutlicher aus. Setzt man die fünf ostdeutschen Länder ins Verhältnis zu den westdeutschen Ländern und berücksichtigt die unterschiedliche Bevölkerungsgröße, liegt das ostdeutsche BIP je Einwohner grob bei rund 76 Prozent des westdeutschen Niveaus. Diese Rechnung misst zunächst lediglich den Ort der Wertschöpfung; sie ist nicht identisch mit Einkommen, verfügbarem Einkommen oder Wohlstand privater Haushalte.
Berlin als Sonderfall
Berlin verändert die Verteilung erheblich und sollte nicht stillschweigend entweder Ost oder West zugeschlagen werden. Rechnet man Berlin gemeinsam mit den fünf ostdeutschen Flächenländern als „Ostdeutschland“, entfallen auf dieses Gebiet:
498{,}1 + 218{,}3 = 716{,}4\ \text{Mrd. Euro}
also 16,0 Prozent des deutschen BIP. In dieser erweiterten Abgrenzung blieben 84,0 Prozent im Westen. Die separate Behandlung Berlins entspricht allerdings der Destatis-Darstellung zur Ost-West-Bevölkerung.[statistikportal][destatis]
Schlusskommentar
Große Ost-West-Unterschiede sind also real und spiegeln sich auch in einer Wirtschaftsleistung, die im Osten, pro Kopf gerechnet, etwa ein Viertel unter der im Westen liegt. Man kann dazu zwei Haltungen einnehmen: Real betrug sie am Ende der DDR-Zeit nur etwa 25 Prozent, hier gab es also eine gewaltige Aufholjagd von mehr als einem Prozent pro Jahr. Aber ist das 37 Jahre nach der Wiedervereinigung noch eine zulässige Betrachtungsweise, wenn man bedenkt, wie massiv der Osten erst demontiert, dann subventioniert wurde bzw. in den Anfangsjahren der Einheit beides gleichzeitig? Es ist schwierig und viele Haltungen haben ihre Berechtigung. Der Blick auf andere Staaten, die in der Einflusszone der Sowjetunion lagen, zeigt unterschiedliche Entwicklungen nach der Wende, und wie das Gebiet der Ex-DDR mit Geld aus dem Westen saniert wurde, kamen diese Staaten durch ihre EU-Mitgliedschaft in den Genuss erheblicher Förderungen (wie natürlich auch Ostdeutschland).
Wir lassen heute jede moralische Kategorie weg und bleiben skeptisch, und trotz der obigen Anmerkung, dass es auch etwas wie eine westdeutsche Identität gibt, sehen wir viele Unterschiede zwischen Regionen, Stadt und Land und von Person zu Person. Nur auf der persönlichen Ebene lässt sich aber über alle Unterschiede hinweg eine gemeinsame Idee für die Zukunft Deutschlands entwickeln, und damit sieht es im Moment schlecht aus. In Ost und West und in der Politik gibt es keine progressive Strömung, die sich auf neue Ziele und etwas Übergeordnetes einigen kann, und darin sind Ost und West vereint: in der Unfähigkeit, sich auf eine Strategie zu verständigen, die für weitere 30, 40 Jahre tragen kann. Nach unserer Ansicht ist es wichtiger, diesen Mangel zusammen zu beheben und dafür auch die richtigen Wahlentscheidungen zu treffen, als immer weiter die Unterschiede auf eine Art und Weise zu besprechen, wie wir das oben leider an diesem Tag für angezeigt hielten, um uns selbst zu beruhigen und gleichzeitig zu fordern: Der viel größere Westen entscheidet darüber, wie es in Deutschland weitergeht. Also auch wir, wenngleich wir im „statistischen Sonderfall“ Berlin leben. Wir sind gefordert, mit 80 Jahren Demokratie-Erfahrung im Rücken, die aus den Erfahrungen unserer Vorfahren stammen und die in 40 Jahren selbst gesammelt haben.
TH
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