Analyse, Psychische Erkrankungen, Fehltage, Krankschreibung, Arbeitsunfähigkeit, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung, Langzeiterkrankung, Arbeitsethos, Verantwortung und Verantwortlichkeit, politische Verantwortung, falsche Politik, miserabler Politikstil, Empathiemangel, DAK-Report 2025, gesetzliche Krankenversicherung, Arbeitsplatzgestaltung, Stress, Personalmangel, Führungskultur, politische Rahmenbedingungen, Prävention, psychosoziale Versorgung, Exposition, Berufswahl, Sorgearbeit, Diagnostik, Ökonomisierung, wirtschaftliche Unsicherheit, falsches Wahlverhalten, Menschenwürde, Verfassung, Demokratie
Wir beobachten seit Jahren einen besorgniserregenden Anstieg von Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen. Auch 2025 ging der Anstieg ungebremst weiter. Man kann mittlerweile, wenn man alle psychischen Erkrankungen zusammenfasst, von einer Volksrankheit sprechen. Aber woher kommt das und welche Konsequenzen sollte man daraus ziehen?
Infografik: Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen? | Statista

Begleittext von Statista
Rund 366 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen zählt der DAK-Psychreport 2026 – bei Frauen sind es 456, bei Männern 288 Fehltage. Damit hat sich die Anzahl der AU-Tage seit der Jahrtausendwende mehr als verdreifacht, wie der Blick auf die Statista-Grafik zeigt.
In den Top 10 der Erkrankungen mit den meisten Fehltagen liegen psychische Leiden – hinter Krankheiten des Atmungs-Systems (378 Fehltage je 100 Versicherte) und vor Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems (342) – auf dem zweiten Rang. Am weitesten verbreitet sind Depressionen, die für 55 Prozent des gesamten psychisch bedingten Arbeitsausfalls verantwortlich sind.
Der Report untersucht auch die Entwicklung der Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen nach Branchen. Im vergangene Jahr waren Versicherte im „Gesundheitswesen“ (474 Fehltage) besonders stark betroffen. Dahinter folgen die „Öffentliche Verwaltung“ mit 430 Tagen und „Bildung, Kultur, Medien“ mit 368 Tagen.
Psychische Fehltage auf Rekordniveau: Was hinter den Zahlen steckt – und was sich ändern muss
Die neue Höchstmarke ist kein Beleg für eine plötzlich „kranke“ Erwerbsbevölkerung und schon gar nicht für mangelnde Arbeitsmoral. Sie ist ein Warnsignal dafür, dass psychische Erkrankungen lange dauern, häufiger als früher als solche erkannt und dokumentiert werden und auf Arbeitsbedingungen treffen, die in entscheidenden Bereichen zu wenig Erholung, Handlungsspielraum und Sicherheit bieten. Die wichtigste Folgerung lautet deshalb: Nicht die Beschäftigten müssen vor allem belastbarer gemacht werden; Arbeit, Personalbemessung und Führung müssen belastbarer organisiert werden.
Die zugespitzte Überschrift der Statista-Grafik lenkt Aufmerksamkeit auf ein reales Problem, kann aber zugleich in die Irre führen. Gezählt werden nicht „psychisch kranke Menschen“ und auch nicht die Verbreitung aller psychischen Erkrankungen, sondern ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeitstage mit einer psychischen Leitdiagnose unter DAK-versicherten Erwerbstätigen. Der treffendere Titel wäre daher: „Psychisch bedingte Fehltage erreichen neuen Höchststand.“ (Anmerkung: Ähnlich ist die Grafik selbst auch überschrieben, anders als die Nachricht. Wir haben uns beim Titel an dieser Empfehlung orientiert.)
Für den DAK-Psychreport 2026 wertete das IGES Institut die Arbeitsunfähigkeitsdaten von rund 2,4 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten aus dem Jahr 2025 aus. Auf 100 Versicherte kamen 365,5 beziehungsweise gerundet 366 psychisch bedingte Fehltage und 10,7 Arbeitsunfähigkeitsfälle; gegenüber 2024 stiegen die Fehltage um 6,9 Prozent und die Fallzahl um rund drei Prozent. Psychische Erkrankungen standen damit hinter Atemwegserkrankungen und vor Muskel-Skelett-Erkrankungen an zweiter Stelle der Diagnosegruppen mit den meisten Ausfalltagen.[1][2][^3]
Der entscheidende Befund liegt nicht nur in der Zahl der Fälle, sondern in ihrer Dauer. Eine psychisch begründete Krankschreibung dauerte 2025 durchschnittlich 34,2 Tage nach 32,9 Tagen im Vorjahr; 71 Prozent aller psychisch bedingten Fehltage entfielen auf Fälle mit mehr als 42 Tagen Dauer. Während kurze Ausfälle von einem bis drei Tagen um fünf Prozent zunahmen, stieg die Zahl der Fälle von mehr als 42 Tagen sogar um zwölf Prozent; die sehr kurzen Fälle verursachten dennoch nur ein Prozent der Fehltage.[^1]
Das widerspricht der politisch beliebten Vorstellung, der Krankenstand lasse sich im Wesentlichen durch strengere Nachweispflichten am ersten Tag, Misstrauen gegenüber telefonischen Krankschreibungen oder finanzielle Sanktionen korrigieren. Solche Instrumente zielen vor allem auf kurze Abwesenheiten, während der überwiegende Teil des psychisch bedingten Ausfallvolumens aus langen Erkrankungsphasen stammt. Die Struktur der Daten spricht deshalb für die Stärkung frühzeitiger Hilfe, gute Versorgung, wirksame Wiedereingliederung und vor allem Prävention an der Arbeitsorganisation – nicht für eine Politik des Generalverdachts.[4][5][^1]
2025 hatten sieben Prozent der DAK-versicherten Beschäftigten mindestens eine Krankschreibung mit psychischer Diagnose. Das heißt umgekehrt: 93 Prozent hatten keine solche Bescheinigung, obwohl psychische Beschwerden auch ohne Krankschreibung vorkommen können. Der Report bildet somit weder die gesamte psychische Morbidität noch bloßes Unwohlsein ab, sondern einen spezifischen Ausschnitt: psychische Erkrankungen, die ärztlich dokumentiert zu Arbeitsunfähigkeit führten.[3][1]
Depressionen verursachten rund 202 Fehltage je 100 Versicherte und damit 55 Prozent aller psychisch bedingten Fehltage. Gegenüber 2024 stieg dieser Wert um 10,6 Prozent; Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen folgten mit 63,5 Tagen und 17 Prozent des Ausfallvolumens. Zusammen standen affektive Störungen sowie neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen für mehr als 90 Prozent der psychisch bedingten Fehltage.[^1]
Frauen kamen auf 456 Fehltage je 100 Versicherte, Männer auf 288; bei den Fällen lagen Frauen mit 13,3 ebenfalls über Männern mit 8,5 je 100 Versicherte. Die Differenz ist deutlich, aber aus den Abrechnungsdaten allein nicht kausal erklärbar: Denkbar sind Unterschiede bei Exposition, Berufswahl, Sorgearbeit, Diagnostik und Inanspruchnahme, doch der Psychreport prüft diese Erklärungen nicht. Wichtig ist zudem, dass die DAK ihre dargestellten Werte nach Alter und Geschlecht standardisiert; Branchenunterschiede lassen sich daher nicht einfach damit abtun, dass etwa im Gesundheitswesen besonders viele Frauen arbeiten.[^1]
Mit zunehmendem Alter verlängerte sich die mittlere Falldauer stark: von 12,6 Tagen bei den 15- bis 19-Jährigen über 34,8 Tage bei den 40- bis 44-Jährigen bis zu 63,5 Tagen bei Versicherten ab 60. Hinter dem höchsten Durchschnitt stehen nach DAK-Angaben auch einzelne sehr lange Krankschreibungen. Für eine alternde Erwerbsbevölkerung folgt daraus nicht, ältere Menschen pauschal als weniger leistungsfähig zu markieren, sondern Prävention, Anpassung der Arbeit und Wiedereingliederung früher und verbindlicher zu organisieren.[^1]
Gesundheitswesen: toxische Mischung
Dass das Gesundheitswesen mit 474 Fehltagen je 100 Versicherte und damit 30 Prozent über dem branchenübergreifenden Durchschnitt liegt, überrascht nicht. Noch deutlicher wird die Belastung beim Blick auf Berufe: Medizinische Gesundheitsberufe kamen auf 409 Tage, nichtmedizinische Gesundheitsberufe einschließlich Altenpflege auf 524 und Erziehungs-, soziale und hauswirtschaftliche Berufe auf 581 Tage je 100 Versicherte. Die höchsten Werte finden sich damit dort, wo Menschen dauerhaft Verantwortung für Gesundheit, Pflege, Entwicklung und Sicherheit anderer tragen.[1][6]
Die toxische Mischung besteht aus mehreren Komponenten: hohe Arbeitsintensität, Personalmangel, Schichtarbeit, emotionale Anforderungen, geringe Planbarkeit und eine Verantwortung, deren Folgen bei Fehlern unmittelbar menschlich spürbar sind. Studien zur Pflege identifizieren Zeitmangel als häufigsten Stressor und Teamarbeit als zentrale Ressource; strukturelle Probleme wie Personalmangel und unzureichende Wertschätzung werden von Gesundheitsfachkräften besonders belastend erlebt. Die WHO zählt übermäßige Arbeitslast, Unterbesetzung sowie lange, unsoziale oder unflexible Arbeitszeiten zu den psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz.[7][8][^9]
Hinzu kommt ein Konflikt, der mit „Stress“ nur unzureichend beschrieben ist: moralische Belastung. Sie entsteht, wenn Pflegefachpersonen wissen, welche Versorgung fachlich und ethisch erforderlich wäre, sie unter den gegebenen Bedingungen aber nicht leisten können oder gegen das eigene professionelle Urteil handeln müssen. Eine aktuelle Untersuchung zur deutschen Akutpflege berichtet moralische Belastung im Zusammenhang mit Personalausfällen, operativem und finanziellem Druck sowie geringer wahrgenommener organisatorischer Unterstützung; als Schutzfaktoren gelten unter anderem Beteiligung, ethische Fallbesprechungen und eine tragfähige Team- und Führungskultur.[10][11]
Auch ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem muss Ressourcen sinnvoll einsetzen, und bessere Prozesse können Beschäftigte wie Patientinnen und Patienten entlasten. Problematisch wird immer mehr dominierende ökonomische Steuerung dort, wo Kennzahlen, Erlöslogiken und knappe Personalbudgets die fachlich gebotene Zuwendung systematisch verdrängen: Dann verwandelt sich der eigene ethische Anspruch vom Sinngeber in eine zusätzliche Verletzungsquelle.
Die hohe Verantwortung ist also nicht isoliert das Problem. Verantwortung kann motivieren, wenn genügend Zeit, Kompetenz, Personal und Entscheidungsspielraum vorhanden sind. Gefährlich wird die Kombination aus maximaler Verantwortung und minimaler Kontrolle: Beschäftigte sollen Folgen tragen, dürfen die Bedingungen aber kaum beeinflussen. Arbeitswissenschaftlich passt dies zu der Erkenntnis, dass hohe Arbeitsintensität besonders dann gesundheitsschädlich ist, wenn Handlungsspielräume fehlen.[12][13][^14]
Verwaltung: sicher, nicht ruhig
Überraschender wirkt Rang zwei der Branchenliste: Die öffentliche Verwaltung kam 2025 auf 430 psychisch bedingte Fehltage je 100 Versicherte, 18 Prozent mehr als der Durchschnitt. „Berufe in Recht und Verwaltung“ erreichten 426 Tage und lagen damit ebenfalls weit oben. Das verbreitete Bild vom sicheren, überschaubaren und eher ruhigen Behördenarbeitsplatz erklärt diese Werte offenkundig nicht.[^1]
Sicherheit und Belastung sind keine Gegensätze. Verwaltungen bewältigen wachsende Fallzahlen, komplexere Rechtslagen, Personallücken, demografische Abgänge, konfliktreichen Publikumsverkehr und gleichzeitig eine Digitalisierung, die alte und neue Verfahren zeitweise parallel laufen lässt. Untersuchungen aus deutschen Verwaltungen beschreiben Überlastung und Rollenunklarheit als zentrale digitale Stressoren; Beschäftigte in der besonders belasteten Gruppe erlebten die Digitalisierung als zusätzliche Arbeit, fühlten sich unzureichend vorbereitet und berichteten weniger kollegiale Unterstützung.[15][16][^17]
Zur Einordnung gehört zugleich die plausible Sichtbarkeitshypothese: Ein relativ sicherer Arbeitsplatz, tarifliche oder beamtenrechtliche Absicherung und eine geringere unmittelbare Kündigungsangst können es erleichtern, psychische Beschwerden ärztlich benennen und behandeln zu lassen. In prekären oder stark austauschbaren Beschäftigungsverhältnissen kann dagegen Präsentismus entstehen – Menschen arbeiten trotz Erkrankung weiter, weil sie Nachteile befürchten. Arbeitsplatzunsicherheit selbst ist zudem ein Gesundheitsrisiko; deutsche Studien verbinden sie mit ungünstigerer Gesundheit, mehr Angst, Depression und psychischem Distress.[18][19][^20]
Diese Hypothese ist überzeugend, darf aber nicht als vollständige Erklärung missbraucht werden. Der DAK-Report erhebt weder Einstellungen zur psychischen Gesundheit noch Kündigungsangst oder Präsentismus und kann daher nicht belegen, dass Beschäftigte der Verwaltung lediglich „offener“ mit Erkrankungen umgehen. Die bessere Absicherung könnte einen Teil des sichtbaren Krankenstands erklären; die Größenordnung und die arbeitswissenschaftlichen Befunde sprechen dafür, reale Überlastung, Arbeitsverdichtung und schlecht gestaltete Transformation ernst zu nehmen.
Gerade hier zeigt sich eine gesellschaftliche Schieflage: Körperliche Erkrankungen gelten vielerorts noch immer als objektiver und legitimer, weil sie vermeintlich sichtbar sind. Psychische Erkrankungen müssen dagegen häufig erst gegen den Verdacht verteidigt werden, sie seien Willensschwäche, mangelnde Belastbarkeit oder ein Vorwand. Ein sicherer öffentlicher Arbeitgeber sollte deshalb nicht dafür kritisiert werden, dass die dort herrschende Kultur es erleichtert, Erkrankungen sichtbar werden zu lassen, sondern daran gemessen werden, ob er aus dieser Sichtbarkeit lernt.
Politik als Belastungsverstärker
Der DAK-Psychreport untersucht Diagnosen, Falldauer, Geschlecht, Alter, Branchen und Berufe; politische Rhetorik, Konjunktursorgen oder Arbeitsplatzunsicherheit werden nicht als Ursachenmodell analysiert. Es wäre daher methodisch unzulässig, den Anstieg der Fehltage unmittelbar einer bestimmten Regierung oder einzelnen Äußerungen zuzuschreiben. Gleichwohl kann Politik das gesellschaftliche Klima beeinflussen, in dem Beschäftigte ihre Belastung deuten und Hilfe suchen.
2026 wurde wiederholt darüber debattiert, ob Menschen in Deutschland zu wenig arbeiteten, sich zu häufig krankschreiben ließen, länger arbeiten oder auf Lohn am ersten Krankheitstag verzichten sollten. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte die Häufigkeit von Krankmeldungen und die telefonische Krankschreibung infrage; Markus Söder warb zeitweise für eine zusätzliche Wochenarbeitsstunde und einen Karenztag. Gewerkschaften und Opposition hielten dem entgegen, solche Forderungen stellten Beschäftigte unter Generalverdacht und blendeten Überlastung, Personalmangel sowie krank machende Bedingungen aus.[4][21][^22]
Unsere redaktionelle Position ist eindeutig: Eine Politik, die Erwerbstätige fortwährend als zu bequem, zu wenig verfügbar, zu häufig krank oder insgesamt unzureichend markiert, ist angesichts dieser Daten nicht nur respektlos, sondern sachlich kontraproduktiv. Sie erhöht den Rechtfertigungsdruck auf Erkrankte, fördert potenziell das Arbeiten trotz Krankheit und verschiebt Verantwortung von Organisationen und Politik auf Einzelne. Selbst wenn Missbrauch in Einzelfällen existiert, rechtfertigt er keine Diagnose der gesamten Erwerbsbevölkerung.
Dafür spricht auch die Verteilung der Fehltage: 71 Prozent entstehen in psychischen Krankheitsfällen von mehr als sechs Wochen, während Ein- bis Drei-Tage-Fälle nur ein Prozent ausmachen. Eine Pflicht zum Arztbesuch am ersten Tag oder ein Karenztag trifft demgegenüber vor allem kurze Erkrankungen und einkommensschwächere Beschäftigte, ohne den Kern der psychisch bedingten Langzeitausfälle zu adressieren. Im ungünstigsten Fall verstärken finanzielle Sanktionen und Misstrauen den Präsentismus und verzögern Hilfe.[1][5][^23]
Die wirtschaftliche Lage bildet einen zweiten Verstärker. Im September 2026 waren 2,994 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, 40.000 mehr als ein Jahr zuvor; saisonbereinigt nahm die Arbeitslosigkeit gegenüber August um 12.000 zu, die Quote lag bei 6,4 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit bewertete die Herbstbelebung als schwunglos, die Nachfrage nach Arbeitskräften blieb verhalten, und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag im Juli unter dem Vorjahresstand.[24][25][^26]
Diese Zahlen belegen nicht, dass der jüngste Anstieg der DAK-Fehltage durch Arbeitslosigkeit verursacht wurde – schon deshalb nicht, weil der Psychreport das Jahr 2025 abbildet. Sie beschreiben aber das aktuelle Umfeld, in dem Belegschaften Umstrukturierungen, Standortentscheidungen und Stellenabbau beobachten. Forschung zeigt, dass nicht erst tatsächliche Arbeitslosigkeit, sondern bereits wahrgenommene Arbeitsplatzunsicherheit mit schlechterer psychischer Gesundheit verbunden ist.[18][20][^27]
Die scheinbare Gegenposition lautet: Gerade weil die Wirtschaft unter Druck steht, müsse mehr gearbeitet, Fehlzeiten müssten strenger kontrolliert und betriebliche Flexibilität müsse ausgeweitet werden. Daran ist richtig, dass hohe Ausfälle Unternehmen, Teams und Sozialversicherungen belasten und dass Prävention auch wirtschaftlich gedacht werden muss. Falsch ist jedoch die Vorstellung, zusätzliche Belastung sei ein verlässliches Mittel gegen belastungsbedingte Ausfälle; längere oder schlechter planbare Arbeitstage können das Problem verschärfen, wenn Erholungszeiten und Schutzgrenzen geschwächt werden.[28][29][^30]
Der DAK-Report ist vor allem eine deskriptive Analyse, keine Ursachenstudie. Er zeigt einen Anstieg sowohl der Fallhäufigkeit als auch der durchschnittlichen Dauer, eine Dominanz von Depressionen, starke Branchen- und Berufsunterschiede sowie die überragende Bedeutung langer Fälle. Als praktische Antworten nennt die DAK unter anderem schnelle psychiatrische Diagnostik, psychotherapeutische und digitale Unterstützung, Krisenhilfe, Nachsorge nach Klinikbehandlung sowie betriebliches Gesundheitsmanagement mit gesunder Führung, Sensibilisierung, Stressbewältigung und sogenannten Mental Health Pilots.[^1]
Diese Angebote sind sinnvoll, bleiben aber unvollständig, wenn sie nicht an den Arbeitsbedingungen ansetzen. Resilienzkurse, Achtsamkeit und Führungsschulungen können Ressourcen stärken; sie dürfen jedoch nicht zur Botschaft werden, Beschäftigte müssten lernen, chronische Unterbesetzung, unrealistische Arbeitsmengen oder moralisch untragbare Situationen gelassener auszuhalten. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nennt als zentrale Stellschrauben ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeitsmenge und Zeit, Handlungs- und Entscheidungsspielräume, einen gesundheitsgerechten Umgang mit Emotionsarbeit, unterstützende Führung sowie planbare und erholungsförderliche Arbeitszeiten.[31][32]
Die DAK-Daten haben ein großes Volumen und sind nach Alter sowie Geschlecht standardisiert, bilden aber nur die Versichertenstruktur einer Krankenkasse ab. Gezählt werden bescheinigte Arbeitsunfähigkeiten, nicht alle Erkrankungen, Belastungen oder Fälle von Präsentismus. Außerdem wird pro Krankschreibung eine Leitdiagnose verwendet, um Doppelzählungen zu vermeiden.[1][3]
Besonders wichtig ist der methodische Hinweis, dass die Zuordnung dieser Leitdiagnose seit 2024 der Logik des Risikostrukturausgleichs folgt. Die DAK rät deshalb von direkten Vergleichen mit Psychreporten früherer Jahre bis 2024 ab. Die in der Statista-Grafik sichtbare Langzeitentwicklung ist als starkes Trendsignal plausibel, die exakte Aussage einer „mehr als verdreifachten“ Zahl sollte aber nicht so behandelt werden, als beruhe die gesamte Reihe über ein Vierteljahrhundert auf völlig unveränderter Kodierung und Erfassung.[^1]
Auch der Rang einer Branche ist keine Rangliste individueller Gefährlichkeit. Innerhalb des Gesundheitswesens oder der Verwaltung unterscheiden sich Tätigkeiten, Regionen, Arbeitgeber und Teams erheblich; zudem können Diagnose- und Krankmeldekultur variieren. Seriös ist deshalb die Aussage, dass die Daten einen dringenden Prüf- und Handlungsbedarf markieren.
Die überzeugendste Strategie folgt einer klaren Hierarchie: erst Belastungen vermeiden, dann Ressourcen stärken, anschließend Erkrankte schnell versorgen und schließlich die Rückkehr nachhaltig gestalten. Die WHO empfiehlt ausdrücklich organisatorische Eingriffe, die psychosoziale Risiken bewerten und Arbeitsbedingungen verändern oder Gefahren beseitigen; individuelle Stressbewältigung ist nur ein ergänzender Baustein.[9][33]
| Handlungsfeld | Konkrete Maßnahmen | Nutzen | Einwand und Abwägung |
| Personal und Arbeitsmenge | Verbindliche Personalbemessung, belastungsabhängige Reserven, Vertretungspools, realistische Fallzahlen, Stoppregeln bei Unterbesetzung | Senkt Zeitdruck und verhindert, dass Ausfälle automatisch auf verbleibende Teams abgewälzt werden | Kostet kurzfristig Geld und Personal ist knapp; gerade deshalb müssen Aufgaben priorisiert und nicht bloß auf weniger Köpfe verteilt werden |
| Arbeitszeit und Erholung | Planbare Dienstpläne, verlässliche Pausen, Begrenzung kurzfristiger Einsätze, Recht auf Nichterreichbarkeit, gesundheitsverträgliche Schichtfolgen | Verbessert Regeneration und Vereinbarkeit; besonders wichtig in Pflege, Rettung, Verwaltung und sozialen Diensten | Reduziert spontane Flexibilität; betriebliche Flexibilität darf jedoch nicht einseitig auf Kosten der Erholung entstehen |
| Handlungsspielraum | Teams an Dienstplanung, Fallsteuerung, Digitalisierung und Prozessreform beteiligen; Entscheidungskompetenzen dorthin verlagern, wo gearbeitet wird | Erhöht Kontrolle, Selbstwirksamkeit und Qualität; Beteiligung verbessert die Passung von Veränderungen | Beteiligung braucht Zeit; schlecht vorbereitete Top-down-Reformen kosten meist später mehr Zeit und Akzeptanz |
| Moralische Belastung | Ethische Fallbesprechungen, Supervision, Debriefings nach kritischen Ereignissen, geschützte Eskalationswege | Bearbeitet den Konflikt zwischen professionellem Anspruch und realen Möglichkeiten | Darf nicht als Gesprächsersatz für fehlendes Personal dienen; Reflexion und strukturelle Entlastung müssen zusammengehören |
| Führung und Kultur | Verbindliche Qualifizierung, klare Prioritäten, Anerkennung, Schutz vor Gewalt und Mobbing, keine Sanktionen für frühes Ansprechen | Verringert Stigma und erkennt Überlastung früher | Gute Führung kann schlechte Rahmenbedingungen mildern, aber nicht dauerhaft kompensieren |
| Früherkennung und Versorgung | Niedrigschwellige Beratung, Betriebsärztinnen und -ärzte, schnelle psychotherapeutische Erstkontakte, Krisenangebote, garantierte Vertraulichkeit | Verkürzt Wege zur Hilfe und kann Chronifizierung verhindern | Angebote werden nur genutzt, wenn Beschäftigte Datenschutz und Folgenfreiheit vertrauen |
| Rückkehr und Teilhabe | Stufenweise Wiedereingliederung, angepasste Aufgaben und Zeiten, regelmäßige Gespräche, koordinierte klinische und betriebliche Begleitung | Senkt Rückfallrisiken und erhält berufliche Zugehörigkeit | Teilbelastbarkeit darf nicht zur dauerhaften Unterbesetzung oder Leistungsverdichtung führen |
| Staatlicher Arbeitsschutz | Psychische Gefährdungsbeurteilung wirksam kontrollieren, Aufsichtsbehörden stärken, Kennzahlen zu Arbeitsintensität und Langzeitausfällen veröffentlichen | Macht Prävention überprüfbar und schafft Verbindlichkeit | Mehr Dokumentation allein hilft nicht; geprüft werden müssen reale Veränderungen, nicht nur ausgefüllte Formulare |
| Öffentliche Investitionen | Gesundheitsversorgung auskömmlich finanzieren, Kommunen und Behörden personell sowie digital ertüchtigen, Transformationszeit finanzieren | Adressiert Ursachen in den beiden am stärksten betroffenen Branchen | Haushaltskonflikte sind real; Nichtstun verlagert Kosten in Fehlzeiten, Fluktuation, Versorgungslücken und Erwerbsminderung |
| Politische Kommunikation | Erkrankte nicht unter Generalverdacht stellen, psychische und körperliche Erkrankungen gleichwertig behandeln, Debatten über Leistung evidenzbasiert führen | Senkt Stigma und erleichtert rechtzeitige Hilfe | Kommunikation ersetzt keine Reform; sie entscheidet aber mit darüber, ob Reformen Vertrauen gewinnen oder Angst erzeugen |
Im Gesundheitswesen müssen Personalbemessung, verlässliche Dienstpläne und moralische Entlastung zuerst kommen. Zusätzliche Psychologie-Apps oder Resilienzseminare können hilfreich sein, sind aber unglaubwürdig, wenn Beschäftigte anschließend in dieselbe chronisch unterbesetzte Schicht zurückkehren. Jede Einrichtung sollte außerdem erfassen, wie oft Pausen ausfallen, Dienste kurzfristig geändert werden, Überstunden entstehen, Gewalt vorkommt und Beschäftigte erwägen, den Beruf zu verlassen.
In der öffentlichen Verwaltung liegt der Hebel bei realistischer Aufgabenplanung, ausreichendem Personal und einer Digitalisierung, die Prozesse tatsächlich vereinfacht. Neue Fachverfahren brauchen bezahlte Lernzeit, verlässlichen Support, Beteiligung der Anwenderinnen und Anwender sowie eine ehrliche Bereinigung überflüssiger Parallelprozesse. Wer digitale Transformation zusätzlich zum unveränderten Tagesgeschäft verlangt, produziert Mehrarbeit unter dem Etikett der Effizienz.[15][16][^17]
Branchenübergreifend sollten Betriebe nicht nur die Zahl der Fehltage betrachten. Sinnvolle Frühindikatoren sind dauerhaft unerledigte Arbeit, Überstunden, entfallene Pausen, kurzfristige Dienstplanänderungen, Fluktuation, Präsentismus, Nutzung von Beratungsangeboten, lange psychische AU-Fälle und die Qualität der Wiedereingliederung. Entscheidend ist, solche Daten nicht zur Kontrolle Einzelner, sondern zur Korrektur von Organisation und Ressourcen einzusetzen.
Der neue Höchststand ist weder eine Laune der Statistik noch ein überzeugender Beleg für eine allgemeine Zunahme von Bequemlichkeit. Er zeigt vor allem, wie schwer psychische Erkrankungen wiegen, wenn sie zur Arbeitsunfähigkeit führen: wenige Betroffene im Verhältnis zur Gesamtbelegschaft, aber häufig lange Verläufe und ein entsprechend großes Ausfallvolumen. Besonders betroffen sind Arbeitsfelder, in denen Verantwortung für andere Menschen, emotionale Arbeit, Zeitdruck und knappe Ressourcen zusammenkommen.
Dass Gesundheitswesen und öffentliche Verwaltung an der Spitze liegen, hat unterschiedliche, aber verwandte Gründe. Im Gesundheitswesen verschärft die Kollision von ethischem Anspruch und struktureller Überforderung die Belastung; in der Verwaltung treffen Sicherheit und bessere Sichtbarkeit psychischer Erkrankungen auf reale Arbeitsverdichtung, Personallücken und eine vielfach belastend organisierte Transformation. Sicherheit kann Krankheit sichtbarer machen – sie erzeugt die hohen Werte aber nicht automatisch.
Die politische Konsequenz sollte deshalb nicht lauten: mehr Misstrauen, längere Arbeitstage und weniger Absicherung. Sie sollte lauten: ausreichendes Personal, beherrschbare Arbeitsmengen, planbare Erholung, mehr Einfluss auf die eigene Arbeit, wirksame Führung, schnelle Behandlung und eine respektvolle Wiedereingliederung. Eine Volkswirtschaft wird nicht stärker, indem sie kranke Menschen moralisch abwertet; sie wird stärker, wenn Arbeit so gestaltet ist, dass Menschen ihre Verantwortung erfüllen können, ohne daran zu zerbrechen.
Schlusskommentar
Das deutsche Übel, es nicht so mit der Empathie zu haben, wabert auch durch Darstellungen wie den DAK-Report. Wäre es anders, würden sich die Menschen die Arbeitswelt, in der wir leben, durch klügere politische Wahlentscheidungen erleichtern. Wie kann man einen Mann zum Bundeskanzler machen, bei dem schon vorher eindeutig war, dass er keinerlei Verständnis für die Belange der Normalbevölkerung hat? Das ist es, was wir leider allen, die leiden, als Spiegel vorhalten müssen. Und wenn sie glauben, es würde mit der AfD besser, sollen sie sich die Leute mal genauer anschauen, die für diese Partei Politik machen. Es gibt Länder die es besser machen, sie liegen fast alle in Europa, man muss also den Blick nur ein wenig weiten. Dort funktioniert das Zusammenspiel in der Gesellschaft noch, auch unter den erschwerten ökonomischen Bedingungen, die klassische wohlhabende Länder des Nordens und Westens heute zu bewältigen haben. Auch bei der Transformation versagt die deutsche Politik in einem unerträglichen Ausmaß, und das wirkt sich auf die psychische Lage der gesamten Gesellschaft aus. Der vorliegende DAK-Report ist nicht der erste, den wir zur Warnung verwenden: Wenn es so weitergeht mit einer desaströsen Gestaltung der Rahmenbedingungen, wird die Zahl der Krankschreibungen und ihre Dauer unweigerlich zunehmen. Die Alternative wäre in nicht wenigen Fällen ein Suizid, und das Kapital sollte verstehen, was das volkswirtschaftlich bedeuten würde. Es gibt schlicht keinen Ersatz für viele hochqualifizierte Menschen, die unter Dauerstress stehen und immer häufiger diesem Stress nicht gewachsen sind.
Es ist unglaublich, dass die Politik diese Problematik durch ihr Handeln ebensow wie rhetorisch gezielt verstärkt, aber wir können nicht umhin, diejenigen, die diese Politik mit einem Regierungsmandat ausgestattet haben, selbst in die Verantwortung zu nehmen. Denn eines können wir alle: nachdenken, unser eigenen Interessen definieren, uns nicht durch bösartiges Framing auseinandertreiben lassen, sondern erkennen, wie wir manipuliert und gegeneinander ausgespielt werden, sodass am Ende jeder doch mit seinen Problemen, auch den psychischen, alleine bleibt. Denn, wie oben richtig angemerkt: individuell nutzbare Hilfeprogramme ersetzen keine strukturellen Verbesserungen in der Arbeitswelt. Einiges kann man auf Unternehmensebene tun, aber nicht alles. Denn die Rahmenbedingungen gestalten wir nur als Zivilgesellschaft und als Wahlbevölkerung mit. Wenn wir falsche politische Entscheidungen treffen, dann sieht es so aus wie jetzt, wir werden fast alle benachteiligt durch dieUnfähigkeit einiger von uns, hinreichend für sich und andere zu sorgen und den Begriff Menschenwürde, der das Grundgesetz prägt, wertzuschätzen.
Mithin ist der DAK-Report hochpolitisch. Wir schreiben das einerseits, weil wir die Politik in den Vordergrund stellen, wenn es um Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Phänomene geht, aber auch, weil man nicht oft genug daran erinnern kann, dass wir zwar am Arbeitsplatz oft nicht viel gestalten können, aber als Gesamtheit einer Gesellschaft, die unter Stress ist, nicht machtlos sind. Wir können uns organisieren und die Demokratie wieder besser machen, sodass sie wieder mehr den Menschen dient und nicht wenigen Profiteuren. Das ist die Wurzel des Übels: Das Ausquetschen der Systeme und der Menschen, die darin arbeiten, befördert durch Politiker, die nie etwas anderes getan haben, als die Interessen kleiner, hochgradig privilegierter Minderheiten zu vertreten. Wir sollten uns, wenn wir sie wählen, nicht darüber wundern, dass sie genau das verstärkt tun, wenn sie zentrale Machtpositionen erreicht haben. Sie tun es zu unseren Lasten. Auf Kosten unserer Gesundheit. Und eines der größten denkbaren gemeinsamen Interessen der überwiegenden Mehrheit der Erwerbsbevölkerung sollte es sein, diesen gewissenlosen Poltitikern die rote Karte zu zeigen (und nicht etwa die blaue, das kann man im Moment nicht oft genug betonen).
TH
Transparenz
Der Einleitungstext und der Schlusskommentar stammen von der Redaktion (TH), die Grafik und der Begleittext darunter von Statista, die Mehrwert-Recherche haben wir von einer KI anfertigen lassen, die wir beauftragt haben, den benannten DAK-Report auszuwerten. Wir haben ihr außerdem vier Thesen benannt, welche die Struktur und die inhaltliche Priorisierung steuern sollten.
References
- caas.content.dak.de · caas · v1PSYCHREPORT – caas.content.dak.de
- Gesundheitsreport 2026
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