Mädels, Jungs und andere Gender – es wird wieder richtig Sommer!

2018-06-24 Unsere Stadt, unsere WeltUnsere Stadt, unsere Welt 2 

Ein Sommerhit, wenn nicht der Sommerhit 1975 war – genau: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ von Rudi Carrell. Die Klage über das ausbleibende Superwetter war nicht etwa satirisch gemeint. Aber sie war Unsinn. Der Juli 1975 war mit einer Durchschnittstemperatur von 18,2 Grad wärmer als die Juli-Durchschnittstemperaturen aller bis dahin messdatenmäßig erfassten Jahrzehnte. Einzelne heißere Julimonate gab es in den zurückliegenden Perioden. 

Als ob der Wettergott sofort Abhilfe gegen diesen Hit schaffen wollte, ließ er den August 1975 mit 18,8 Grad noch wärmer werden als den Juli, was eher ungewöhnlich ist, der Juli ist im Normalfall der heißeste Monat des Jahres. Damit das Gemaule oder das schlechte Singen dann aber wenigstens im nächsten Jahr aufhört, legte derjenige, der das Wetter macht, 1976 eine weitere Schippe drauf und der Juli war in Deutschland sogar durchschnittlich 19,3 Grad warm. Das war einer der heißesten je gemessenen Juliwerte bis dahin.

Um solche in populären Gesang gefassten Beschwerden, so unbegründet sie ausgerechnet in jenem Sommer, in dem sie vorgetragen wurden, gewesen sein mögen, künftig vorzubeugen, stiegen die durchschnittlichen Julitemperaturen eines ganzen Jahrzehnts, nämlich desjenigen von 2001 bis 2010, auf 18,6 Grad und liegen in den Jahren von 2011 bis 2018 nun bei 18,3 Grad.

Nun war Rudi Carrell bekanntlich ein Entertainer, der von den Niederlanden nach Westdeutschland emigriert, also bei uns immigriert war, wie aber sah es in der DDR aus? Während man im Westen also Klagen führte, die von verzerrter Wahrnehmung geprägt waren, wurde im Arbeiter- und Bauernstaat sieben Jahre zuvor (1968)   „Heißer Sommer“ festgestellt und damit ist alles darüber gesagt, wer in Deutschland die jammernde Seite und wer die deskriptiv-faktische war.

Das bekannteste DDR-Musical war im Osten ebenso erfolgreich wie Rudi Carrells Hit im Westen und ist heute ein sogenannter Kultfilm. Aber das mit dem heißen Sommer von 1968 war leider genauso falsch wie der angeblich so kühle Sommer 1975. Mit nur 16,2 Grad lag der Juli weit unter dem langjährigen Durchschnitt, gefolgt sogar von einigen noch kühleren Julimonaten in den Jahren darauf.

Wir lernen also zunächst: Während im Westen interessierte Kreise die Lage gerne schlechter redeten, als sie war, zeigte die Staatspropaganda in der DDR, hier in Form der DEFA, einen gewissen Hang zur Schönfärberei.  Oder sie war einfach nur ein wenig spät dran, denn der Sommer von 1967 war mit einem knalligen 18,6-Grad-Juli vielleicht die Inspiration zu diesem Musical gewesen und es braucht ja doch etwas mehr Zeit, einen so langen und aufwendigen Tanzfilm wie „Heißer Sommer“ vorzubereiten und zu drehen, als mal schnell ein Liedchen zu komponieren, das mitten in einem Planschbecken mit einigen Badenixen als Garnitur vorgetragen wird.

Klagen über zu niedrige Temperaturen werden mittlerweile kaum noch geführt, die Feststellung heißer Sommer hingegen ist zum Standard geworden. 

Im bisher  heißesten Sommer, dem von 2003, gab es in Deutschland 3.500 bis 5.500 Tote, je nach Quelle, in Europa bis zu 70.000, deren Ableben mit der Hitzewelle in Verbindung gebracht wurde, die also ohne jenen besonders heißen Sommer vermutlich noch ein Weilchen weiter aufrecht auf dieser Erde geweilt hätten. Ich hingegen nahm einen Kredit auf, um im kommenden Frühjahr einen Wagen mit Klimaanlage zu erwerben, denn ich war nun einmal viel im Auto unterwegs und wollte nicht verschwitzt zu jedem Termin erscheinen. Selbstverständlich wurde es dann kühler, im Sommer 2004, also normal, nach früheren Maßstäben. Und aktuell? Es sieht wieder heiß aus. Im Jahr 2018 gab es den wärmsten jemals in Deutschland gemessenen Mai – mit einer Durchschnittstemperatur von 16,0 Grad und einer Hitzewelle zum Ende hin, wie sie früher ab und zu auch vorkam – aber vor allem in den Monaten Juli und August.

Die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland stieg von den 1960er Jahren, als „Heißer Sommer gedreht wurde“ und von den 1970ern mit dem Jahrzehntmitte-Sommerhit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ von 8,0 Grad bzw. 8,2 Grad Celsius auf 9,2 und 9,5 Grad in den 2000ern bzw. den 2010ern. Da kann man also nicht klagen: Die realsozialistische Wetterpropaganda wurde endlich Realität und die Bitte von Rudi Carrell vollumfänglich erfüllt. Das ist Wiedervereinigung auf hohem Temperaturniveau.

Die Julimonate lassen sich mittlerweile kaum noch lumpen, Totalausfälle von etwa 14 oder 15 Grad Durchschnittstemperatur sind nicht mehr zu beklagen. In den Jahren 2013 bis 2015 lagen die Julimonate jedes Mal über 19 Grad im Durchschnitt und der absolute Knaller-Juli war jener des Jahres 2006 mit unfassbaren 21,99 Grad. Tage und Nächte zusammengenommen, wohlgemerkt. Im Sommer 2006 lebte ich in Österreich am Fuß der Berge, da fiel mir das Exzeptionelle dieses Sommers wohl nicht so auf, weil ich das drückende, föhnige und Kopfschmerzen fördernde Wetter vor allem dem für mich ungewohnten Mikroklima zurechnete – die Pferdebremsen erreichten bei solchem Wohlfühl-Wachstumswetter derweil Libellengröße. Nicht auszudenken, wie die Insekten sich entwickelt hätten, wären die Julimonate alle seitdem alle so extrem heiß geblieben. Zum Glück gibt es solche Tendenzen zum Monsterwuchs bei den Berliner Stechmücken auch in heißen Sommern nicht.

Noch auffälliger als die Sommer sind allerdings die Winter. Als ich dann nach Berlin kam, gab es in den ersten Wintern einige Erlebnisse der für einen Südwestdeutschen ungewohnten und mit erheblichem Schlottern verbundenen Art, also mit Temperaturen um 20 Grad Minus, und nicht nur für ein paar Tage, sondern wochenlang am Stück. Das ist jetzt aber auch vorbei, ich fühle mich sozusagen wie zuhause. Es schneit kaum noch und ist auch meistens nicht gefroren. Mindestens eines von beidem fällt eigentlich immer aus und ich erinnere mich: Was war ich als Kind sauer, wenn der Schnee mal wieder nicht liegen blieb. Der Schein oder das persönliche Empfinden trügt nicht, auch wenn die Entwicklung langfristiger Natur ist und es selbstverständlich in diesem mehr kontinentalen Berliner Klima einzelne recht kalte Wintertage und -wochen gibt. Kinder der Kriegsgeneration hatten hingegen bei allem, was sie sonst bedrücken konnte, diese Missstimmung wegen wieder kein Schlittenfahren nicht auszuhalten, denn es gab sie noch, die kalten Dezember- und Januarwochen mit anhaltendem Schneefall.

Lag aber noch in den 2000ern die durchschnittliche Januartemperatur in Deutschland bei 0,4 Grad, erhöhte sie sich seit 2010 auf 1,2 Grad. In den 1960ern waren es noch -1,3 Grad und ein Jahrzehnt zuvor sogar -1,8 Grad. In jenen Jahren, als unsere Vorfahren die Wintermärchen erfanden und die Scheite im Kamin loderten, kam es sogar zu Januar-Durchschnittstemperaturen von fast -3 Grad.

Auffällig ist aber der Anstieg in den letzten Jahrzehnten, weil er immer schneller vonstatten geht und zu einer explosionartigen Zunahme einzelner Tage führt, die als heiß, sehr heiß oder extrem heiß bezeichnet werden, siehe Tafel 3.1.

Alle vorhandenen Temperaturmessungen deuten auf einen starken Anstieg der Temperaturen in Mitteleuropa hin und nicht nur hier. Bis auf einzelne kleinere Gebiete wie Südgrönland steigen zudem weltweit die Temperaturen. 

Natürlich gab es immer wieder wärmere und kältere Perioden und wer will schon die Eiszeiten wiederhaben, in denen Berlin unter einem dicken Gletscher lag? Aber die Rasanz des aktuellen Anstiegs der Temperaturen sei historisch einmalig, da sind sich die Klimaforscher sicher – und sie führt zu Effekten, die das Wetter zudem erheblich  unberechenbarer machen und Sturm- und Flutkatastrophen zunehmend wahrscheinlicher.

Kein ernsthafter Forscher bestreitet, dass die Emissionen, die durch die Industrialisierung der Welt von Menschen verursacht wurden, an dieser außergewöhnlich raschen Zunahme der heißen Tage und Nächte einen Anteil haben und Prognosen sagen einen weiteren Anstieg als sicher voraus. Lediglich wie stark er sein wird, zum Beispiel bis 2100, ob die Luft dann noch einmal 2 Grad mehr haben wird, wird oder gar 5 oder 6 Grad, das ist umstritten. Was immer davon eintritt, der Effekt ist, dass zum Beispiel die Polkappen abschmelzen, der Meeresspiegel sich anhebt und die Zahl der nicht mehr bewohnbaren, weil nicht mehr zu bewirtschaftenden Heiß- und Trockengebiete weiter zunehmen wird. Schon in der Schule, als der Klimawandel noch gar nicht thematisiert wurde, hat man mich mit einem Begriff konfrontiert, der sich geradezu festgefressen hat: „Desertation“. Das Vordingen der Wüste in bisher fruchtbare Gebiete, dargestellt am Beispiel der Sahara, die sich nach Norden bis zum Atlas vorgeschoben hat und nach Süden mangels Hindernissen wie hoher Gebirgszüge quasi unbegrenzt ausbreiten kann. Und ab und zu bekommen wir es hier schon mit: Die Winde in den höheren Schichten tragen Wüstensand nach Mitteleuropa. Bisher konnte man den immer locker wegkehren, aber es geht ja um etwas anderes.

Wir reden von Flucht aus politischen Gründen, dafür gewährt Deutschland Asyl oder sollte es zumindest tun. Wir reden aber auch von sogenannter Arbeitsmigration oder Migration aus wirtschaftlichen Gründen. 

Wenn man es kleinräumig, wie tatsächlich viele Menschen denken, betrachtet, dürfen wir uns hier bald über Mittelmeerklima freuen. Die Ostsee ist die neue Adria und wir werden noch alle so locker und lebenslustig wie die Italiener. Dass ab und zu ein paar Biodeutsche umkippen, weil ihre Austattung sich über Jahrtausende so entwickelt hat, dass sie zu viel Ventilation angesichts moderater außerkörperlicher Temperaturen als überflüssig empfand, sie nicht aufs häufigere oder längerfristige Aushalten solchermaßen schönen Wetters ausgerichtet sind, ist dann ein sogenannter Kollateralschaden, der von ganz neuen Möglichkeiten für das Anpflanzen von Großpalmen und ähnlich pittoresker Flora mehr als aufgewogen wird. Und Immigranten aus südlicheren Ländern, die es hier nett finden, aber das Wetter!, die werden erst richtig aufblühen. Afrikaner beispielsweise, denen es im Winter manchmal sichtbar unangenehm im dicken Mantel ist.

Dass aber die sogenannte Wirtschaftsmigration nicht nur auf Misswirtschaft korrupter Regierungen und auf Ausbeutung durch die reichen Nationen der Welt basiert, sondern auch auf zunehmend unwirtliche Lebensräume zurückzuführen ist, das ist kein Geheimnis mehr und was zunehmend virulent werden wird: Der Kampf ums Wasser. Da die Industrieländer auch für den Klimawandel verantwortlich sind, handelt es sich um eine doppelte Ungerechtigkeit gegenüber den Menschen in tropischen Gebieten.

Wo kein Wasser mehr, das wenigstens für genetisch gut angepasste Nomadenstämme noch gerade ausreicht, da müssen die Menschen weichen, es gibt keine andere Wahl und künstliche Bewässerung ist kein Ausweg, wenn es nicht einmal in Tiefenschichten hinreichend Wasser gibt, um eine solche Befruchtung längerfristig zu ermöglichen. Wer derzeit glaubt, das Boot in Europa sei voll, dem muss gesagt werden: Wenn wir die Menschen im Süden nicht verhungern, verdursten, versengen lassen wollen, werden wir enger zusammenrücken müssen, selbst wenn es die politischen Gründe für Flucht nicht mehr geben sollte, die derzeit die Diskussion beherrschen. Deutschland als Oase mit einem Klima, das dann nicht umsonst als mediterran bezeichnet wird – und in der aufgrund niedriger Geburtenraten bald wunderbar Platz sein wird, wie in einem Ferienressort: Dieses Bild könnte sich als Illusion, als Fata Morgana herausstellen.

Die europäische Maßnahme der Wahl, zunehmenden Fluchtbewegungen aus Klimagründen kurzfristig zu begegnen – ist genau diejenige, die sich bereits abzeichnet. Wir igeln uns ein. Wir schließen die Schotten. Machen den  Laden dicht. Hindern Menschen letztlich mit Waffengewalt am Erreichen dieses künftigen Wetterparadieses.

Oder wir schaffen es, den Klimawandel zu stoppen, dann wird es vielleicht nicht ganz so schlimm. Was wir verursachen, müsste ja zu stoppen sein, wenn wir die Ursachen beseitigen. Das ist nicht falsch, aber wir sind bereits viel zu spät dran, um einen weiteren Anstieg der Temperaturen zu verhindern und vor allem: Selbst das als großer Erfolg gefeierte Abkommens von 2015 zur Reduktion der Emissionen ist so bescheiden formuliert, dass von Stopp keine Rede sein kann. Die Klimaziele von Paris sehen lediglich vor, den Anstieg der globalen Erwärmung auf 2 oder höchstens 1,5 Grad zu begrenzen.

Für Deutschland würde das heißen, dass es im Winter selbst in den Bergen kaum noch gefriert und der Skitourismus auf natürlicher Basis Vergangenheit ist und dass Sommermonate wie der Juli 2006 mit 21 Grad Durchschnittstemperatur eher die Regel als die Ausnahme sein werden; mithin, dass es zu mehr „Hitzetoten“ kommen wir als bisher. Es gibt viele, sehr viele weitere Probleme, die gar nicht mehr vermeidbar scheinen, selbst wenn nicht die USA, denen die übrige Welt ohnehin zunehmend mehr scheißegal ist, auch noch aus diesem Abkommen ausgeschert wären und gegen jede Vernunft weitermachen wie bisher, es gibt ja auch noch Länder wie China, die immer stärker im CO²-Business unterwegs sind. Unwetterkatastrophen werden massiv zunehmen, etwa die Stürme, die mittlerweile auch in Deutschland zu immer mehr Opfern und Schäden führen. Vermutlich müssen dann auch die Deiche an den Küsten erhöht werden, damit kein Land verloren geht. Die weltweiten Auswirkungen kann man natürlich nicht exakt vorhersagen und es kann sogar zu gegenteiligen Effekten kommen, etwa, wenn der Golfstrom abreißen sollte – möglicherweise ein Grund für die Entwicklung in Grönland. Das alles empfehlen wir zum Googeln und zur Vertiefung und halten fest:

Es wird wieder richtig Sommer, ganz sicher. Heißer Sommer, jedes Jahr.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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