Die NATO gewinnt den Fußballkrieg – Propaganda vor den Halbfinalspielen

2018-06-24 KommentarKommentar 18

Die NATO hat schon wieder einen Krieg gewonnen: Alle vier verbliebenen Mannschaften bei der Fußball-WM 2018 sind NATO-Länder. Angetreten waren zehn, inklusive Deutschland.

Eigentlich wollte ich jetzt nur noch Beiträge für die kommenden Tage entwerfen, weil der Wahlberliner seine Ziele für heute erfüllt hat, aber aus Aktualitätsgründen muss dieser Kommentar doch noch raus. Ich dachte wirklich, ich sehe nicht richtig, als ich von diesem Tweet überrascht wurde, den die NATO gestern Abend nach dem Spiel Kroatien-Russland abgesetzt hat.

Natürlich ist mir bewusst, dass schon seit dem Ausscheiden Brasiliens und Uruguays im Viertelfinale die Europäer unter sich sind, Russland eingeschlossen, und habe mir Gedanken darüber gemacht, warum Länder wie ebenjenes Brasilien, das den weltgrößten Pool an fantastischen Nachwuchsfußballern besitzt, dieses Potenzial nicht mehr, wie früher in Titel umsetzen kann und es liegt nah, dass dies damit zu tun hat, dass diese einstigen Länder der Hoffnung in Südamerika eben nicht mehr zu uns aufschließen, sondern in einer immer kompetitiveren kapitalistischen Welt keine Chance haben, mitzuhalten.

Auch die Clubweltmeisterschaften werden seit Jahren nur noch von hochgezüchteten europäischen Vereinen, den sportlichen Pendants der NATO-Staaten, in denen sie angesiedelt sind, gewonnen. Südamerikanische Talente schon kaufen, da können sie gerade laufen, das ist die Devise. Übrigens auch eine Form von Migration, die vom Westen  (und mittlerweile von einigen Ländern Asiens) massiv gefördert wird und Infrastrukturen in anderen Erdteilen ausnutzt, aber deren Weiterentwicklung im Spitzenfußball verhindert. Das nur am Rande; darüber, was es bewirkt, wenn Spieler schon als „Rohmaterial“ (typischer Sportreporter-Jargon) ihre Heimat verlassen und als Legionäre arbeiten, schreibe ich irgendwann einmal ein paar Worte.

Obwohl ich versuche, in etwa so weit um die Ecke zu denken, wie mein Kenntnisstand reicht, wäre ich nicht darauf gekommen, dass man die Dominanz der Westeuropäer im gegenwärtigen Weltfußball, die schon seit etwa Mitte der 2000er besteht und sich in der Tat immer mehr zementiert, für ein Militärbündnis ausschlachten könnte.

Ich dachte, wir sind bei einem Sportfest. Dass es dabei ebenfalls wettbewerblich zugeht, sehe ich zunehmend kritisch, weil dadurch Nationalismen fortgeschrieben werden – vor allem, dass jedes europäische Land mit einer eigenen Mannschaft auftritt und sich jene Nationalismen in Doppeladlern und Nazi-Grüßen einzelner Spieler manifestieren, die gar nicht mehr in ihren Herkunftsländern ansässig sind, teilweise sogar neue Staatsbürgerschaften angenommen haben, kann man wahrlich nicht als zivilisatorischen Fortschritt betrachten. Wenn der Nationalismus nur Folklore wäre und sich in bunten und fantasievollen Fan-Outfits ausdrücken würde, wäre das nicht so bedenklich, aber es steckt eben mehr dahinter.

Noch nie habe ich eine Fußball-Weltmeisterschaft als so politisiert empfunden wie diese, bei Olympischen Spielen ist ja schon lange der politische Wurm drin.

Kritik an Russland im Vorfeld aus verschiedenen Gründen war sicher auch berechtigt, aber wenn man als FIFA darauf wirklich eingestiegen wäre, hätte man eben dieses Ereignis woanders hin vergeben müssen. Das man sich aber, wie auch das IOC bezüglich Sotchi, geknickt und es gibt genug andere Länder, die schon Großereignisse ausgetragen haben und dabei politisch alles andere als über alle Zweifel erhaben waren (und was ist mit Katar 2022 – diese Whataboutismen mussten jetzt mal sein). Das ist aber eine andere Ebene, als wenn die hochgerüstete NATO auch noch fußballerisch „Sieg!“ ruft. Denn bei der WM waren Menschen zugange und die Russen waren und sind sicher auch nach dem Ausscheiden ihrer beherzten Mannschaft fantastische Gastgeber.

Es gab schon während Spielen, an denen die Sbornaja nicht beteiligt war, „Rossja!“ Rufe, aber, ehrlich geschrieben: Bei den furchtbaren deutschen Spielen war es mehr als berechtigt, eine andere Mannschaft auf dem Platz sehen zu wollen und viele andere Spiele der WM 2018 zeugen ebenfalls davon, dass die fußballerische Weiterentwicklung, die in den 2000ern sichtbar war, zum Erliegen gekommen ist – sie waren schlicht grottenlangweilig und wurden meist durch Standards entschieden (das NATO-Land England hat geradezu symbolisch mit 8 Toren nach Eckbällen und Freistößen und nur 2 herausgespielten Feldtoren das Halbfinale erreicht).

Russland hingegen hatte niemand viel zugetraut und sie haben ja auch nicht die besten Einzelspieler, aber nach diesem NATO-Tweet muss man denken: Wie erleichtert waren die Militärstrategen, nachdem Kroatien, das NATO-Neumitglied, nach einem glücklich gewonnenen Elfmeterschießen (wenn auch im Ganzen nicht unverdient, spielerisch gesehen) das Halbfinale erreichte. Dieser Tweet ist ein Affront gegen die Gastgeber und so ist er sicher auch gemeint.

Vielleicht noch etwas NATO-Kunde anhand von Halbfinalisten:

Da stehen zwei Länder mit massiver territorial-kolonialer Vergangenheit und aktuell immer noch wirksamem Wirtschaftskolonialismus im Halbfinale, die zudem, zusammen mit Spanien, Italien und Deutschland, andere Länder fußballerisch ausbeuten, indem sie ihnen junge Spieler mit irrsinnigen Transfersummen und Gehaltsangeboten wegkaufen oder deren Nationalteams vor allem aus Zuwanderern aus den Ex-Kolonien bestehen, das sind England und Frankreich – und diese haben ihr Großmacht-Gestern noch nicht so richtig aufgearbeitet, wie viele Elemente der dortigen Politik und des überzogenen Nationalverständnisses belegen. Von Kroatien kann man sicher nicht behaupten, es sei eine alte oder fortgesetzte Kolonialmacht und ich will hier auch bewusst keine Stellung zum „Wer hat welche Schuld woran?“ in den Balkankriegen beziehen.

Bleibt also Belgien. Eigentlich mein Favorit, nach den ersten Spielen und natürlich finde ich’s cool, dass ich richtig getippt hatte, als ich dachte, die werden dieses Mal weit kommen. Und dann: so ein kleines, friedliches Land, dessen Hauptstadt auch die europäische ist. Ein Gründungsmitglied der guten, alten EWG im Jahr 1957, manchmal etwas gebeutelt vom Konflikt zwischen Flamen und Wallonen, aber 2018 beim Fußball – Belgien, Nachfolger der Niederlande, wenn es darum geht, als vergleichsweise kleines Land fußballerisch groß rauszukommen.

Dass dessen einstiger König Leopold in einer einzigen afrikanischen Kolonie, dem Kongo, viele Millionen von Toten durch seine spezielle Form von Privatausbeutung verursacht hatte, naja, davon wissen die meisten nicht so viel. Wir werden eh kaum Länder mit wirklich friedlicher Vergangenheit finden, die der NATO angehören, von nichts kommt ja nichts. Okay also: Belgien. Ich bin für Belgien. Ist ja leider kein süd- oder mittelamerikanisches Land mehr übrig, wegen – siehe oben.

TH

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