Startcamp für nachhaltigen Konsum mit China als Team „Rot“

2018-06-28 EssayEssay 1 / „Der alte Artikel“

„Chinas Wirtschaft wächst nur noch um 7,5 Prozent – Chronlogie der Systemkrise 1“ war der Beitrag überschrieben, als er 2013 erschien. Wir haben ihn fast unverändert übernommen. Denn so fing es an mit den wirtschaftspolitischen Arbeiten. Ich musste heute beim Lesen so oft schmunzeln und an zwei Stellen richtig lachen, aber das Untenstehende habe ich ja immerhin drei Jahre vor meinem Eintritt in eine linke Partei geschrieben. Man merkt zwar noch, wie kaufmännisch die Herangehensweise war, aber die Richtung stimmte nicht nur, ich finde den Beitrag vor allem zum Ende hin richtig süß – dieses beherzte Ausgreifen verliert sich leider gar zu gerne, wenn man immer mehr und vertieft über bestimmte Themen referiert, routinierter wird – und weicht einer mehr und mehr kalkulierten Rhetorik. Um sich davor zu bewahren, dass sie überhand nimmt, kann es nützlich sein, einen älteren Beitrag mal wieder anzuschauen und auch das Wertvolle daran und das Schöne darin besonders wertzuschätzen. Gleichzeitig starten wir damit die Beitragsklasse „Essay“ beim neuen Wahlberliner und führen  unsere laufende China-Reihe fort.

Kann man anhand Chinas Weg der Wirtschaft etwas zur allgemeinen Zukunft unseres Systems darstellen?

Wir beginnen heute mit einer neuen Dauerserie beim Wahlberliner, zu der es uns seit langem drängt. Nämlich das eine oder andere Wort zu unserer Wirtschaftswelt zu sagen. Fakten zu nennen, daraufhin Meinungen zu äußern – und auch über Konsequenzen zu sprechen. Dazu werden wir viele Wirtschaftsnachrichten, insbesondere zur Europa-Krise, aber auch aus anderen Teilen der Welt, in erster Linie unter dem Blickwinkel der Systemrelevanz und Beispielhaftigkeit betrachten. Wir werden dies ohne idologische oder von ökonomischen Theorien zu sehr einseitig bestimmte Färbung tun. Gleichzeitig nehmen wir damit unser Schreiben über wirtschaftliche Themen wieder auf.

Dass die Welt auf ganz vielfältige Weise miteinander verflochten ist, sieht man wieder an einer Nachricht von heute. Chinas Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2013 hat sich auf 7,5 % auf Jahresbasis abgeschwächt (ARD Tagesschau). Das ist ein Wert, den es in Deutschland zuletzt zu Wirtschaftswunderzeiten in den 60er Jahren gab. Trotzdem beschleicht viele das unangenehme Gefühl, die Weltwirtschaftskrise, in der wir uns längst befinden, verschärft sich, obwohl das Wachstum in absoluten Zahlen in China so hoch ist wie nie – weil 7,5 % von einem wesentlich höheren Ausgangsniveau nun einmal mehr sind als 10 % von einem niedrigeren. Abgesehen davon, dass ein weiteres Anschwellen der chinesischen Wirtschaft im bisherigen Tempo aufgrund der Größe des Landes einen gewaltigen Ressourcenverschleiß nach sich ziehen würde, ist es auch für China selbst fraglich, ob Wachstum in reinen Zahlen der weitere Weg sein kann. Man geht dort erstaunlich ideologiefrei an die Dinge der Ökonomie heran und hat kein Problem, Parameter der Steuerung zu verschieben, wenn man neue Erkenntnisse gewonnen hat. Das immerhin haben die Chinesen uns voraus. Vieles andere aber nicht.

Zwar heißt es neuerdings, die chinesische Wirtschaft muss ein Wachstum von 5 bis 6 Prozent jährlich generieren, um den Arbeitsmarkt intakt zu halten und wir erinnern uns daran, dass vor nicht allzu langer Zeit diesbezüglich von gigantischen 7 bis 8 Prozent die Rede war und dachten uns damals schon, das wird auf Dauer also nicht funktionieren können,  mit Lohn und Brot für alle, um das Volk ruhig zu halten und zunehmende, aus wie überall auf der Welt sich verschärfenden Einkommensgegensätzen resultierende Spannungen auszugleichen. Zudem ist eine rein ökonomische, die Balance von Ressourcen menschlicher und sonstiger Art nicht berücksichtigende Sichtweise ohnehin am Ende, das spüren wir im Grunde alle. Uns ist unwohl dabei, aber wir wagen nicht, die Konsequenzen zu denken oder gar umzusetzen.

Ein Weg aus der gegenwärtigen Wirtschaftskrise könnte sein, das Wachstum künftig nicht mehr so mengenabhängig zu betrachten wie derzeit. Geiz und Billigprodukte en masse sind nicht geil, sondern der Sargnagel des Planeten. Weniger, aber dafür nachhaltiger konsumieren, das wird ein Muss werden. Gerade Menschen mit hohem Einkommen haben eine eher niedrige Konsumquote. Natürlich nicht nur deshalb, weil sie nachhaltiger konsumieren, sondern auch, weil Bedürfnisse sich nicht beliebig erweitern lassen. Weil zum Beispiel niemand zehn Autos fährt, nur weil er sich’s leisten könnte, wenige exzentrische Sammler ausgenommen.

China eignet sich wie derzeit kein anderes Land für eine Betrachtung des Paradigmenwechsels im Konsumverhalten. Noch ist China die Werkbank der Welt, aber die Löhne steigen, damit die Arbeiter auch mal was davon haben, dass sie billige Produkte ins Ausland verkaufen, die dort einen enormen Konkurrenzdruck erzeugen. China hat das Problem aller sich langsam etablierenden Wirtschaftsnationen, dass Niedriglöhne, Ansprüche und Qualität der Produkte nicht mehr ein Einklang zu bringen sind. Für uns wird das Label „Made in China“ teurer werden, soviel steht fest. Und das ist gut so. Es wird erst dann richtig gut sein, wenn sämtliche potenziellen Werkbänke der Welt durch sind und es keine Billiglohnländer mehr gibt, in welche die Produktionsheuschrecken ausweichen können.

Auch der Laptop, mit dem wir diesen Beitrag schreiben, kommt aus China. Von einer Firma, die einem bekannten amerikanischen Büroelektronik-Hersteller die Computersparte abgekauft hat, weil die Amerikaner keine Lust mehr darauf hatten, dass sie an solchen Produkten nichts mehr verdienen können. Aber nach einer Reihe immer billigerer Produkte ist dieser Laptop erstmals wieder teurer als unser vorheriger gewesen und wir haben uns vorgenommen, dass er um die Hälfte länger in diesem Büro seinen Dienst verrichten soll, nämlich dreieinhalb oder vier Jahre. Damit wäre dann wieder günstiger als das vorherige taiwanesiche Modell, das einen Schaden nicht zuletzt wegen seiner billigen Verarbeitung davontrug und vorzeitig ausgemustert wurde. Damit trügen wir aber auch dazu bei, dass weniger produziert wird. Wir sind mit uns ganz im Reinen, was die Innovationsbereitschaft angeht, denn so viel ändert sich in so kurzer Zeit nicht mehr und der Speicher reicht allemal aus für unsere Zwecke, zudem speichern wir das Wichtige natürlich nochmal extern. Wir finden es auch klasse, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen, zum Beispiel von den umkämpften Edelmetallen, die in jeder IT verbaut sind und von denen China, das ist sicher ein langfristiges Plus, ein großes Reservoir besitzt oder sich in anderen Teilen der Welt zusammenkauft.

Aber wie sieht es mit den Arbeitsplätzen aus? Weniger Produktion bedeutet doch auch weniger Arbeit. Wir schließen kurz die Augen und träumen von einem Rolls Royce unter den IT-Herstellern, der seine Arbeiter langsam, gründlich und auf höchstem Niveau arbeiten lässt. Von Werktätigen, die sich komplett mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, weil die Arbeit an echt guten Sachen Spaß macht und die Pausenzeiten eingehalten werden. China hat derzeit keinen solchen IT-Hersteller und die IT wird, wenn man von Apple absieht, auch weit weniger vom Image her betrachtet als von der Nützlichkeit. Gerade deswegen ist die Vergleichsrechnung besonders sinnvoll, die wir im Folgenden anstellen werden. Weil Sonderfaktoren wie ein cooles Markenprofil außen vor bleiben, das allerdings in gewisser Weise auch zu mehr Nachhaltigkeit führt. Auch wenn nämlich Markenklamotten kaum teurer sind als Billigware, wo beide sowieso in China gefertigt werden, trägt man Markensache durchaus länger und schmückt sich mit ihnen und kann in der Regel auch nicht ganz so viele davon erwerben wie Billigware.

Wir lassen alle externen Faktoren weg und überlegen, was wäre, würde der Laptop, an dem wir sitzen, nicht 750, sondern 1500 Euro gekostet haben. Dann wären die besonders häufig verwendeten Tasten  zum Beispiel nicht nach einem halben Jahr schon mit glänzenden Stellen, also mit deutlich sichtbaren Abnutzungserscheinungen versehen. Das würden wir von einem 1500 Euro-Laptop erwarten, dass er eine bessere Materialqualität aufweist und damit im Einkauf für den Hersteller teurer wäre. Dass man sich für seine Produktion etwas mehr Zeit lässt und damit auch der Produktionsprozess mehr Kosten verursachen würde.

Nehmen wir nun an, der chinesische Hersteller verdient an unserem 750 Euro-Laptop ohne Steuerabzüge und was sonst für jeden Produzenten zu beachten ist, 100 Euro. Das ist eine exemplarische Zahl und der Reingewinn. Nehmen wir weiterhin an, er würde an einem 1500 Euro-Laptop aufgrund hochwertigerer Materialien und mehr Sorgfalt in der Produktion also nicht 650, sondern, sagen wir, 1200 Euro reinstecken, inklusive Fracht, Zöllen etc. Das wäre dann ein richtig gutes Teil, da sind wir sicher. Sogar ein so gutes, dass sich etwas lohnen würde, was normalerweise kein Mensch macht – nämlich seinen Computer während der Benutzungszeit mit neuer Technik aufrüsten, etwa einem verbesserten Betriebssystem. Damit könnte man ohne Ressourcenverschwendung wieder Umsätze generiern und Arbeitsplätze sichern, das lassen wir aber nicht in die Betrachtung einfließen, weil die in kurzen Zyklen verlaufende Neuanschaffung ja ebenfalls zu Software-Neuverkäufen führt. Wir wollten damit nur anreißen, dass die Software-Industrie unter längeren Hardware-Lebenszyklen nicht prinizipiell leiden müsste.

Wer jetzt mitgerechnet hat, wird bemerken, der Hersteller verdient an seinem teuren Laptop auch mehr als an dem billigeren Gerät. Er verdient sogar das Dreifache. So viel, als wenn er drei Billiggeräte hergestellt hätte. Und wer würde gerne mit weniger nicht mehr verdienen? Nun wollen wir die Sache aber kostenneutral für den Konsumenten gestalten. Das heißt, er muss seinen Laptop nicht dreimal so lange behalten wie bisher, sondern nur doppelt so lang damit arbeiten. Was nichts anderes bedeutet, als dass er zwar nicht mehr für ein schickes, hochwertiges und hochpreisiges Gerät ausgibt als für ein weniger attraktives, wenn er die Laufzeit der Verwendung verlängert. Wir lassen jetzt wieder fragwürdige Einflüsse wie steuerliche Abschreibungszeiträume für in Firmen genutzte Hardware beiseite. Bei den Autos z. B. gibt es diesbezüglich ja schon eine Berücksichtigung längerer Produkthaltbarkeit durch eine verlängerte Abschreibungs-Laufzeit.

Unser chinesischer Hersteller hat mit dem Verkauf des hochwertigen Laptops 300 Euro am selben Kunden verdient, auf denselben Zeitraum gerechnet, in dem er vorher nur auf 100 kam. Da wir den Konsum ja nicht anheizen, sondern in Euro konstant und materialseitig geringer halten wollen, hat der Hersteller, wenn man so will, nun auch noch 100 Euro mehr an dem Laptopkäufer verdient, über den gesamten Zeitraum gerechnet. Die könnte er in höhere Löhne und bessere Arbeitsbedinungen investieren und damit auch seine eigenen Mitarbeiter zu nachhaltigerem Konsum anstiften. Das mag alles vereinfacht klingen, aber es ist der einzige Weg aus der Wachstumsfalle. Die Chinesen haben das erkannt, indem sie künftig mehr auf Binnenkonsum setzen wollen, sich also nicht mehr nur auf die Ausfuhr in wackelige Länder stützen wollen, in denen schon längst sichtbar ist dass das System notleidend wurde. Der Binnenkonsum, da hat dieses Riesenreich der Mitte noch viel vor sich, wird gegenüber dem, was sich ein Normalchinese heute leisten kann, sicher auch in höherwertige Produkte fließen. Wir kriegen dann eben keinen so günstigen Laptop mehr, weil alles eben seinen Preis hat, was gut ist. Wir haben das aber berücksichtigt und es wird uns nicht umschmeißen.

Dafür wird ein neues Gerät aber auch wieder ein Ereignis sein, keine lästige Routine. Es wird echte, spürbare technische Vorteile gegenüber dem gerade abgelösten haben, die wir bei unserem jetzigen Laptop z. B. kaum ausmachen können (das Vormodell hatte das gleiche Betriebssystem, einen marginal geringeren Speicher auf allen Ebenen und einen marginal langsameren Prozessor, und man bemerkt man in der Normalpraxis den Unterschied kaum – ein Glücksgefühl angesichts eine tollen neuen Rechners stellt sich nicht ein).

Wir können also weiter konsumieren und Fortschritt genießen, wenn wir wieder realistisch werden. Wenn wir uns wieder ein Gefühl dafür gönnen, was die Dinge wert sind und uns wert sein sollten. Man muss dazu nicht der modernen Welt entsagen und von der Berliner Innenstadt ins Kloster wechseln. Das verlangt niemand.

Ein Farbfernseher war, als die Farbfernseher aufkamen, eine echte Anschaffung. Eine gefühlte Verbesserung des Lebensstandards, vom ersten Fernseher, den man sich überhaupt leisten konnte, nicht zu reden, die Zeit haben wir aber selbst nicht erlebt. Heute ist alles banalisiert, auch aufgrund der geringen Preise und der Wegwerfmentalität, die durch Media Markt-Slogans wie „Geiz ist geil“ und durch Nullprozent-Finanzierungen, die in Wirklichkeit (weitere) Rabatte sind, gefördert wird. Nichts macht uns mehr wirklich zufrieden, weil alles sofort erreichbar ist. Von der Miele-Waschmaschine, die sogar in Deutschland hergestellt ist, abgesehen. Für die muss man eine Zeitlang was beiseite legen, wenn man sie nicht auf Pump kaufen will. Aber was für ein Gefühl, eine zu haben. Und wie man ihr ansieht, das ist was Besseres und wie Leute, die mal zufällig in den Keller kommen, beifällig nicken nicht abschätzig auf das Haier-Logo gucken. Da kommt noch etwas wie Stolz auf ein wunderbares Industrieprodukt und die eigene Auswahl auf. Wir erwähnen es nur der Ordnung halber, dass Miele-Waschmaschinen in Haushalten viel länger im Einsatz sind als Billigware aus China es je sein können. Wir wollten aber keine nationale Note reinbringen, keinen Kaufpatriotismus („Deutsche, kauft nur deutsche Waren“, früher hieß es mal „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“). Deshalb haben wir nicht verschiedene Hersteller betrachtet, sondern einen einzigen chinesischen Laptop-Bauer und uns überlegt, was wäre, wenn er seine Produktpalette ändern würde.

Einen Haken an der Sache wollen wir nicht verschweigen. Ein doppelt so teures und materialseitig hochwertigeres Gerät wird auch bei sorgfältigerer Produktion nicht doppelt so lang für seine Herstellung benötigen wie die Einfachversion. Das heißt, es wird Arbeitszeit wegfallen. Und wird ein Unternehmen klug genug sein, seinen Arbeitgeber das weniger arbeiten zu ermöglichen, anstatt sich zu überlegen, wie man die freiwerdende Zeit gleich wieder in höheren Ausstoß zulasten der Konkurrenz und der Umwelt umsetzen könnte? Ja, ein im freien Kapitalismus tätiges Unternehmen, eines das glaubt, es sei frei in solchen Entscheidungen, würde das wohl tun, zumindest ein Massenhersteller, der sich nicht sofort auf Weniger ist Mehr umstellen kann. Dessen Mentalität immer noch an expandierenden Verkaufszahlen ausgerichtet ist – anstatt allen das Leben leichter zu machen durch die Begrenzung einer nur kurzfristiges Denken zulassenden, aber langfristig fatalen Gier. Zudem könnte man einwenden – und im Verkauf? Wie sieht es dort mit dem Personal aus, wenn plötzlich alle nur noch ein Gerät kaufen anstatt zwei im selben Zeitraum? Insbesondere in großen Geschäften ist unsere Beobachtung, dass zu wenig Servicemitarbeiter da sind und dass diese gestresst und unterinformiert wirken. In die Qualifikation und das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu investieren, wäre das Gebot der Stunde, dann würde auch das Nörgeln über die Dienstleistungswüste Deutschland aufhören, das durchaus berechtigt ist – bei dem aber nicht bedacht wird, dass die Nörgelnden es selbst verusachen, weil sie nicht bereit sind, vernünftige Preise für Dienstleistungen zu zahlen und es daher immer mit niedrig bezahlten, ausgepressten, demotivierten Menschen auf der anderen Seite zu tun haben. Deswegen halten wir oft die Klappe, wenn wir im Media Markt oder ähnlichen Tempeln des Billigkonsums sind. Wir wissen, woher der Verdruss kommt und dass wir uns beim 100 Euro-Essen eher eine Meinung erlauben dürfen, wenn der Service nicht stimmt, als im Lebensmittelfachgeschäft, wo generell die Mitarbeiter grottig bezahlt werden, selbst wenn die Produkte so billig nicht sind. Mehr Menschen, mehr Zeit, mehr Qualität. Denn, jetzt kommt’s: Auch der Händler verdient ja an einem teureren Gerät mehr und kann, wenn er etwas davon in die Mitarbeiter steckt, mit besserem Service punkten.

Weil die Disproportionen und Missstände in unserer Wirtschaftswelt, durch jahrelange Fehlsteuerungen verursacht, sich nicht einfach von selbst beseitigen, und so leid es uns für die Verfechter des ungeregelten Kapitalismus oder der Hartz-IV-Gesetze, mit denen sich ganze Branchen durchs Leben subventionieren tut, es wird in die Wirtschaft stärker eingegriffen werden müssen, damit alle etwas von der besseren, nachhaltigeren Produktion haben. In vielen Bereichen unterscheidet sich zwar das politische System Chinas von unserem und wir wollen weiterhin die Freiheit behalten, zum Beispiel einen Artikel wie diesen zu schreiben, ohne ihn erst einer Zensurstelle vorlegen zu müssen, aber eine Art Staatskapitalismus, in dem Vieles  zugunsten des Ganzen und gegen zu starke Einzelinteressen geregelt wird, erlaubt das deutsche Label „soziale Marktwirtschaft“ durchaus.

Machen wir uns nichts vor, wir sind nicht reif für die absolute ökonomische Freiheit in den Zeiten, in denen es auf der Welt ganz schön eng geworden ist. Das Denken in Zusammenhängen erfordert viel, viel Übung und wird leider zu wenig gelehrt. Niemand macht uns richtig klar, warum immer schnellere Zyklen mit immer mieseren Produkten zwar auf einer profunden Ideologie fußen, dass diese aber selbstzerstörerisch ist. Das heißt: Von allein und durch geläutertes Verhalten aller Marktteilnehmer wird die Billigspirale sich nicht ein einem angemessenen Zeitraum stoppen und wird der Gleichgewichtspreis sich nicht so einpendeln, dass soziale und ökologische Aspekte einfließen. Ein Mindestlohn in allen Branchen ist beispielsweise eine, wenn auch nur korrektive und bereits vorhandene Schäden am Gesamtsystem notdürftig flickende, dennoch richtige Maßnahme. Wir wollen nicht in die Planwirtschaft, die bekanntermaßen die Steuerung falsch angesetzt hat, wodurch zwar alle eine Art von Arbeit hatten, de aber nicht für zufriedene Gesichter sorgte und deren Ergebnisse nicht dafür standen, dass die Bedingungen der Herstellung oft nicht einfach und auf und genügsame Art schlau, sondern primitiv und hochgradig rohstoffineffizient waren. Ineffizienz ist nicht unser Ziel, sondern Menschen, die Dinge herstellen und für Arbeitgeber tätig sind, mit denen sie sich identifizieren können und zu denen sie morgens ausgeruht kommen, weil sie nicht mit unzähligen Überstunden und immer schärfer designten Produktionsabläufen ausgelaugt werden, während andere gar keine Arbeit mehr haben oder für Löhne schuften müssen, die so niedrig sind, dass der Staat sie bezuschussen muss, damit es noch zum – notabene – Billigessen kaufen beim Discounter reicht.

Und damit sind wir im Kreislauf, den wir nicht unerwähnt lassen wollen. Billiges verursacht noch mehr Billiges. Wer billige Computer für Billiglöhne herstellen muss, der kann sich auch kein gutes Essen leisten und hat nicht die Frische und den Drive bei der Arbeit und nicht den Spaß am Leben wie jemand, der aus dem Vollen schöpfen kann, weil er sich an der richtigen Stelle beschränkt. Klar, wir haben es leicht. Unsere Eltern fahren ihre Neuwagen immer zehn Jahre oder mehr und sind damit sehr gute Beispiele für ein vergleichsweise nachhaltiges Konsummanagement, sie ziehen im Garten mittlerweile bestimmte Lebensmittel selbst auf, das war nicht immer so. Auch unsere Familie ist durch eine Phase gegangen, in der Repräsentation, also ein prächtig angelegter Ziergarten, wichtiger war als schmackhafter, knackiger Freilandsalat von der eigenen, kleinen Scholle.

Wir schreiben das, um die Abhängigkeiten der Produkte und Denkweisen voneinander darzustellen. Es geht letztlich auch um Fairness sich selbst und anderen gegenüber. Um ein Umdenken in einem Maß, das uns als Menschen, die als mündige Bürger gelten und denen man so weitreichende Entscheidungen wie die Wahl ihrer Politiker anvertraut, möglich sein sollte. Falls nicht, muss eben ein wenig Druck ausgeübt werden. Damit sind wir nicht in einer Diktatur, beileibe nicht. Schließlich werden auch sinnvolle Dinge wie der Nichtraucherschutz per Gesetz geregelt und nicht dem Spiel der Kräfte überlassen. Und wieviel wichtiger ist eine gesamtökologische, effiziente und sparsame Wirtschaftsweise, die durchaus genug Raum lässt, damit Produzenten unterscheidbar bleiben dürfen? Wir alle können aber dazu beitragen, indem wir weniger kaufen, aber uns mehr darüber freuen. Unser Flachbildfernseher, nach dem letzten Umzug angeschafft, weil das Röhrenmodell leider beim Transport bzw. der anschließenden Einlagerungstätigkeit zu Bruch ging, hält nun seit über fünf Jahren. Er hat kein 3D und der Bildschirm weniger Diagonale in Zoll, als wir sie heute fürs gleiche Geld bekämen –  selbstverständlich. Aber er sieht immer noch gut aus, bietet sogar alles in HD und ließe sich jederzeit mit einem Surround-System aufrüsten, wenn wir Wert darauf legen würden. Und, nein, es gelüstet uns nicht nach einem TV im Schlafzimmer. So etwas gehört sich nicht für Menschen, die Spaß im Bett haben wollen und im Wohnzimmer steht ja auch ein Sofa zum Kuscheln vorm Fernseher.

Da haben wir wieder Geld gespart für den nächsten Computer, und der soll, weil wir uns langsam an die neue, nachhaltigere Welt gewöhnen wollen, zwar nicht mehr 750 Euro kosten, aber auch noch keine 1500, sondern, sagen wir mal – Eintausend. Und fünf Jahre halten. Mindestens. Und ob ihn die Chinesen herstellen oder bis dahin die Vietnamesen oder Afrikaner, soll uns dann egal sein. Denn wir haben auf jeden Fall ein besseres Gewissen der Welt gegenüber. Ähnlich wie beim fair gehandelten Kaffee. Über nachhaltigeres Handeln im persönlichen Bereich schreiben wir bei anderer Gelegenheit. Denn es gibt durchaus Zusammenhänge zwischen unserem Konsumverhalten und der Art, wie wir uns Menschen gegenüber benehmen.

Vielleicht wissen die konfuzianischen Chinesen das besser als wir. Sicher sind wir uns diesbezüglich nicht. Aber mit dem geringeren Wachstum, welches das Land auch vor einer europaähnlichen Schuldenfalle bewahren soll (auch über die gefährliche Wachstumsfinanzierung auf Pump, um die man nicht herumkommt, wenn man Wachstum nur mengenmäßig zulassen will, schreiben wir noch), können sie dort offenbar gut umgehen. Und wie auch immer der geistige Hintergrund dafür aussieht, der Weg einer gezielten, schrittweisen Abkühlung des Wirtschaftsmotors auf globalverträgliche Temperaturen ist richtig.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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