Junge Geflüchtete in der Schule – zwei Beiträge (Berliner Zeitung)

Medienspiegel 21

Junge Geflüchtete in der Schule – zwei Beiträge (Berliner Zeitung)

Wir stellen diesen aktuellen Kommentar „Willkommensklassen für Geflüchtete sind ein Irrweg“ voran, der sich auf die Schwierigkeiten bezieht, in Berlin den richtigen Einstieg von jungen Geflüchteten ins Schulleben zu organisieren. Ich werde insgesamt hier wenig kommentieren, da ich nicht im Schulbetrieb verortet bin und mir klar ist, dass nicht nur in Willkommensklassen, sondern insgesamt an öffentlichen Schulen sich die Dinge erheblich verändert haben, seit ich 13 Jahre am Stück an lediglich zwei Lehranstalten verbracht habe. Ich bewertete bisher vor allem dann, wenn ich die negativen Ergebnisse einer fehlgesteuerten Bildungspolitik vieler Jahre registrierte.

Doch was ist darüber zu schreiben, wenn Menschen, die hierher kommen, die grundsätzlichen Voraussetzungen für fast alles fehlen und man dafür nicht Versäumnisse und Fehlsteuerungen der Bildungspolitiker und  GEW-Ideologen verantwortlich machen kann? Ich hoffe man wird irgendwie vorankommen – sich durchwurschteln, Einzelerfolge erzielen können, damit nicht eine hoch kompetitive Arbeitswelt und rudimentäre Bildung noch härter aufeinanderprallen als bei bisherigen Migrantengenerationen. Wenn nicht intensiv, sehr intensiv und klug gefördert wird, werden sich nach den Fluchttraumata die Frustrationen einstellen und zusammen dazu führen, dass die Gesellschaft einen weiteren Schub an Spaltung und Fragmentierung erfahren wird.

Der zweite Artikel „Was ich als Lehrerin in einer Flüchtlingsklasse erlebte“ handelt von einer Journalistin, die in einer Klasse für junge Geflüchtete im Schwarzwald gearbeitet hat und erinnern mich stark an den Blog von „Frau Krise interveniert“ (Titel aus dem Gedächtnis), der zu einem Buch wurde und den Lehrerinnenalltag in einer von Kindern mit Migrationshintergrund dominierten Berliner Schulklasse mit einer sehr eigenwilligen Mischung aus Hilflosigkeit und Frust bei den Versuchen, so etwas wie Lernen zu organisieren und Lust an der pointierten, satirischen und durchaus humorvollen Darstellung beschreibt. Humor ist sowieso das Beste, um nicht zu depressiv zu werden. Die nicht pädagogisch ausgebildete Journalistin klingt viel dezenter, ehrlich unsicher in ihrer Rolle – und man kann sich vorstellen, wie es ankam, wenn sie auch im Unterricht so sprach, wie sie über ihre Klasse, die es am Ende doch wurde, schreibt. Die Muster sind jedoch überall die gleichen und bei diesen jungen Menschen kommt hinzu, dass sie ohne Eltern hier sind, die ihnen Stütze und Ansprechpartner sein könnten. Allerdings: Nicht immer ist die Abwesenheit von Eltern, die selbst traumatisiert und / oder in rückständigen Wertesystemen gefangen sind, nur negativ.

Andere Hintergründe erfordern andere Herangehensweise auf der pädagogischen Seite. Welche das sind, darüber könnte ich aus eigenen Schulerfahrungen und allgemeinen Beobachtungen spekulieren, aber letztlich ist es zunächst Sache der Fachleute, das Beste aus allem zu machen. Was dabei herauskommt, wenn es sich im Alltag zeigt, das darf ich allerdings beurteilen, weil es für die Fortentwicklung der Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle spielt – mehr: An diesem Thema wird sich unsere gemeinsame Zukunft entscheiden, daher können wir ihm nicht genug Beachtung schenken.

Einen Tipp hätte ich vielleicht doch. Ich würde Geflüchteten aller Altersklassen, bevor es mühsam wird, erst einmal Dokumentationen vorführen, die unsere Lebens- und Arbeitswelt beschreiben, die Arbeitswelt vor allen in den Berufen, von denen alle immer träumen und die so schwer zu erreichen sind. Selbstverständlich in den Sprachen, die in den Klassen verstanden werden. Und welche Anstrengungen es erfordert, in diesen Berufen ansässig werden zu können. Ich würde das aber nicht so darstellen, dass es sofort Überforderungsgefühle auslösen könnte, sondern die Chancen und die vielen Möglichkeiten benennen und die schönen Seiten der Teilhabe an Kultur und Arbeit betonen, die aber nur mit einer halbwegs gelungenen Bildungs- und Integrationsbiografie zu erreichen ist. Menschen im Alter von 15 oder 16 Jahren sind durchaus in der Lage zu abstrahieren und zu verstehen, was mit diesen Vorführungen ausgesagt werden soll. Wie solche Filme oder Lernmodule aufzubauen sind, dafür gibt es ja bei uns genug Spezialisten, deren Kreativität gefragt ist.
TH

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