Mehr über Russland erfahren!

 

Kommentar 27  / SPL 5

Russland! Morgen wird dort das Endspiel der WM 2018 zwischen Frankreich und – nein, nicht Russland, sondern Kroatien stattfinden, das Russland zwei Runden zuvor aus dem hauseigenen Turnier geschmissen hat. Das ist gemein, irgendwie, aus verschiedenen Gründen sogar. Vive la France!

Für viele Linke ist Russland immer noch ein Fixpunkt, man wird nie die Oktoberrevolution vergessen und es scheint mir, als ob die Freundschaft mit Russland sich vor allem darauf gründet, dass es mal versucht hat, ein kommunistisches Land zu sein. Für ein paar Jahre. Aber es ist auch ein großartiges, wundervolles Land mit tollen Menschen und das nach meiner Ansicht ganz unabhängig vom System, das dort herrscht. Glücklicherweise, sonst müssten hellsichtige Menschen sich ja derzeit umorientieren. Das System heißt im Moment nicht Kapitalismus, Kommunismus, Sozialismus oder Nepotismus – es nennt sich seit der Präsidentschaftswahl 2018 Wladimirputinismus und deswegen haben wir mit Wladimir Putin angefangen.

a.) Zwei Drittel aller Russen und Russinnen lieben Wladimir Putin. Und schon wird es schwierig und man sieht gleich, wie vielfältig dieses Land ist. Als Wladimur Putin 2015 in Syrien bombte, da gingen seine Beliebtheitswerte auf 89,9 Prozent hoch. Fast alle Russ_innen fanden das toll, weil natürlich russische Bomben, im Gegensatz zu amerikanischen, niemals zivile Todesopfer fordern. Überlegene Militärtechnik ist durch nicht zu ersetzen, jedenfalls hat Putin das seiner Bevölkerung zuhause wohl so erzählt, denn wie könnte durch solche kriegerischen Maßnahmen sonst die Zustimmungsrate so toller Menschen wie der Russen so hochgehen, wenn nicht klar wäre, da wurden absolut zielgenau nur IS-Bösewichte erwicht … erwischt. Durch die Bomben. Die Befragung dazu stammt von einem staatlichen Meinungsforschunginstitut, die vo ihm ermittelten Werte sind also absolut echt und komplett repräsentativ Angefangen hatte man mit den Befragungen nach der Eroberung der Krim, was ein guter Zeitpunkt war, denn schon da lag die Zustimmung zu Putin bei 80 Prozent. Von wegen zwei Drittel, das sind bloß Werte, wie sie früher mal die CSU bei bayerischen Landtagswahlen erreicht hat, da lächelt Putin drüber.

Obwohl es auch mal schlecher aussah: Umfragen zufolge gibt es einen unerwarteten Trend in Russlands Millionenstädten, wo rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung lebt. Kurz vor der anstehenden Wahl seien die Zustimmungswerte für Präsident Putin stark eingebrochen. In Moskau und St. Petersburg wollen nur noch 57,1% aller Bürger für den amtierenden Präsidenten stimmen, berichtet WZIOM. Dabei beruft sich das Meinungsforschungsinstitut auf Daten vom 18. Februar. Im Vormonat habe der Wert noch bei 69,7% gelegen. Demnach sei die Zustimmung zu Putin innerhalb von einem Monat überraschend um mehr als 12% gefallen.

‚Wie es dann ausgegingen ist, wissen wir, womit eines von zwei Dingen feststeht: Entweder macht das WIZOM Jokes, um die Wahlsiege hinterher noch besser aussehen zu lassen oder die Wahlsiege sind vielleicht nicht ganz so glänzend, wie sie auf dem Papier aussehen. Whatever, wir müssen ja die Fakten so faktisch nehmen, wie sie geliefert werden. Deswegen sind wir auch ganz unbedarft angesichts der 77 Prozent, die Putin dann bei der Präsidentschaftswahl 2018 erhielt. Böse deutsche Mainstreammedien, die Russland komplett kaputtreden wollen, nicht etwa nur dem Wladimir nicht so ganz trauen, was für mich doch ein Unterschied ist, berichteten, das eine oder andere Stimmchen könnte auf dem Weg der Manipulation zum Präsidenten gewandert sein.  . Pflichtgemäß und wegen der Ausgeglichenheit und um zu zeigen, wie grundböse und unglaubwürdig alles ist, was Putin ein bisschen Trickserei unterstellt, hier eine Zustammenstellung des SPIEGEL zur Wahl.

Dabei hätte Putin die Wahlen doch auf jeden Fall gewonnen, das sagt uns unser Gefühl – nur eben vielleicht – ja, vielleicht mit 66 Prozent, wie die CSU in ihren besten Zeiten -dann hätten wir hinter a.) ein Häkchen machen können. Welcher Staatschef wird schon von 66 Prozent seiner Bevölkerung geliebt! Damit hätte Putin super dagestanden. Aber Wladimir ist anders, er arbeitet an der Perfektion deshalb ist er ja so beliebt – keine Stümperei in der Politik wie bei uns, wo kaum noch eine Partei bei ihrgendeiner Wahl die 40 Prozent erreicht und aktuell nur knapp die Hälfte der Bevölkerung denkt, Mutti macht einen guten Betreuungsjob an uns. Für einen Mann der Tat, der von bösen Zungen des Westens schon als Autokrat bezeichnet wird, wären 66 Prozent eben eine Schlappe gewesen, vor allem, wenn wichtige Oppositionspolitiker vorher wegsperrt werden, damit nichts schiefgehen kann. Also, wir sagen mal: Kann sein, dass a.) falsch ist, weil zu niedrig angesetzt. Kann aber auch nicht sein.

b.) Zu viel Wodka. Ganz sicher ist das so, aber ob 2/3 aller Russinnen und Russen das tun, haben wir so nicht herausgefunden. Der Alkoholkonsum ist einer der höchsten der Welt pro Kopf, aber nur um etwa 25 Prozent höher als in Deutschland, nicht etwa um zwei Drittel. Der hohe Spirituosenanteil – also Wodka – könnte aber mit dazu beitragen, dass die russische Lebenserwartung besonders der Männer nicht auf Touren kommt – oder etwa doch? Russland ist wirklich ein faktenkritsches Land. Der Ostexperte meldete am 09. Juli 2017, die Lebenserwartung der Menschen in Russland sei so hoch wie nie zuvor, was allerdings auch heißt, dass sie zuvor ziemlich niedrig war: Männer werden demnach 66,5 Jahre alt, Frauen 77 Jahr, was insgesamt jetzt einen Schnitt von 71,5 Jahren macht. Hingegen titelte die FAZ drei Jahre zuvor im Wege der Vorberichterstattung zu den Olympischen Winterspielen in Sotchi, dass die Lebenserwartung in Russland bei 64 Jahren liege. Selbst ich, der ich die Mainstreammedien wie ein Tiger verteidige, wenn’s druf ankommt, frage: Wie kann es sein, dass innerhalb von drei Jahren die Lebenserwartung um fast 8 Jahre ansteigt? Das ist rein rechnerisch überhaupt nicht möglich. Hier muss man wirklich sagen, das ist grindiger Klischee-Journalismus von der FAZ, denn sie hat nur die Lebenserwartung der Männer hergenommen und mit keinem Wort erwähnt, dass Frauen wesentlich älter werden. Und dann dieses Bild! Ich dachte, Wodka heißt „Wässerchen“. Wer will schon braunes Wasser trinken? Offensichtlich waren nur Whiskybilder honorarfrei zu haben und auch die FAZ muss sich ökonomisch strecken.

64 Jahre für Männer, das war auch die Zahl, die ich aufgrund einer Dokumentation im Kopf hatte, die ich vor einigen Jahren gesehen hatte. Schon damals aber schienen sich die Dinge zu bessern – Putin, der Sportsmann, Asket und Nichtraucher ist eben doch ein besseres Vorbild als Boris Jelzin und Humor hat er auch, nur etwas hintergründiger anstatt geradezu rheinländisch ,wie bei seinem Vorgänger.

Wir haben also tatsächlich einen 66er-Wert. Männer werden im Moment im Schnitt 66 Jahre alt, in Russland. Da geht noch was, wenn Putin weiterhin das Land trockenlegt – und für eine hohe Geburtenrate sorgt. Denn das ist eindeutig belegt: Russlands Geburtenrate sank in den 1990ern auf einen der tiefsten Werte aller Länder, sogar unter die deutsche, was ja eigentlich heißt, es gibt fast gar keine Kinder mehr – und der starke Anstieg der letzten Jahre, wenn man ihn als Ausdruck des Lebenswillens eines Volkes nimmt und vielleicht auch der sozialen Umstände, hat sicher damit zu tun, dass die Russen und Russinnen sich bei Wladimir Putin wesentlich sicherer fühlen und zukunftsfroher sind als vor seinem Amtsantritt. Das war das, was ich wusste bis zur heutigen Recherche.

Ausgerechnet der Ostexperte, der froh die bisher höchste Lebenserwartung verkündete, meldet nun aber: „Geburtenrate in Russland auf Rekordtief“.

„Die Geburtenrate erreichte 2017 in Russland ein 10-Jahres-Tief von 1,69 Mio. Geburten – 203.000 weniger als im Vorjahr. So wenige Babys kamen in Russland zuletzt 2007 auf die Welt (1,61 Mio.). Der Geburtenrückgang betrifft alle russische Regionen mit Ausnahme Tschetscheniens. Immerhin sank auch die Sterblichkeit: 2017 starben in Russland mit 1,82 Mio. Menschen 64.000 weniger als im Vorjahr. Die natürliche Bevölkerung ging damit um 134.000 Personen zurück. 2016 war sie noch leicht um 5400 gestiegen. Laut Statistikamt leben damit aktuell 146,87 Mio. Menschen in Russland. Nur Migration ist es zu verdanken, dass die Gesamtbevölkerung damit gleich bleibt. Prognosen des Statistikamts zufolge hält der natürliche Bevölkerungsrückgang bis 2025 an.“

Wir haben viel mit Russland gemeinsam, was auf den ersten Blick gar nicht so auffällt. Die niedrige Geburtenrate, die Zuwanderung geradezu zwingend macht beispielsweise – und, dass nach einem jahrelangen Anstieg erst einmal das Ende der eh nicht sehr hohen Fahenstange erreicht scheint.

d.) Haben Dashcams im Auto. Die Dashcam, die Kamera im eigenen Auto, die das Geschehen hintendran aufzeichnet, ist in Russland gemäß dem unten verlinkten Beitrag tatsächlich ein zugelassenes Beweismittel. Also hat sie fast jeder, denn auch in Russland, seit die sozialen Verhältnisse ungleicher werden und die Autos der Unterweltler immer schneller und stärker, ähnlich wie in Berlin-Neukölln, muss der Normalfahrer sich irgendwie dagegen wehren, einfach von fetten SUVs von der Spur geschubst zu werden, und dafür eignet sich die Dashcam. Also zumindest dafür, dass man feststellen kann, wer’s war, wenn sie nach dem Crash noch funktioniertund man auf ihr auch wirklich das Kennzeichen des auffahrenden Wagens erkenne kann – bei dem allfälligen Matsch und Schnee im russischen Straßenwinter. Auch wieder eine Ähnlichkeit mit Berlin, dieses Mal zur Überwachungsmanie mit öffentichen Kameras: Man weiß wenigstens nachher, was man vorher eh nicht verhindern oder verhüten konnte. Auf die Sache mit den Dashcams kam ich durch diesen wehrhaften und absolut faktensicheren Gegenmedien-Beitrag zur WM in Russland. Zur Vertiefung empfehle ich diesen Beitrag ohnehin, vor allem für diejenigen, die noch nicht wissen, was medial Sache ist: Wer eine absolut objektive Russland-Berichterstattung haben möcht, muss RT Deutsch lesen (oder, wenn im Osten Deutschlands vor der Wende aufgewachsen, auch das Original), also einen komplett unabhängigen, überparteilichen und nach allen Seiten gleichermaßen kritischen Leuchtturm in einem Meer der Desinformation.

Keine Sorge, wir haben c.) nicht vergessen. Es sind tatsächlich die Verschwörungstheorien. Auch da wieder eine super Gemeinsamkeit mit uns Linken, kein Wunder, dass wir uns den Russen so nah fühlen. Wobei ich glaube, der VT-Supporter_innen-Anteil liegt bei uns in manchen Gegenden der linken Welt nochmal höher – aber, ganz wichtig: wir glauben im Großen und Ganzen an dieselben Beteiligten an der Weltverschwörung und da kann ja nur eines angesagt sein: Der gemeinsame Kampf gegen ebenjene, weil sie sich nämlich immer reicher und uns immer ärmer machen (wollen). Nein, jetzt kein Kampfruf, den hebe ich mir wirklich für Beiträge auf, die ganz ironiefrei sind und die gibt es beimWahlberliner durchaus. Sie stellen sogar die weit überwiegende Mehrzahl dar, weil das Schreiben für eine bessere Welt vielleicht nicht so gemeinshaftsfördernd ist wie das dafür auf die Staße gehen, aber für den, der es tut, genauso wichtig.

Deswege ist dieser bisher längste Beitrag, der auf einer Fragekarte basiert, ausnahmsweise doppelt gelabelt – einerseits dürfte man den satirischen Einschlag bemerken, viele Aspekte sind aber doch so detailliert und ausgeformt, dass er gleichzeitig ein an leicht zugänglichen Fakten orientierter Kommentar zur Lage in Russland ist.

TH

 

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