Zum Tod von Christine Nöstlinger – Nachdenken übers Lesen von klein auf

Buchwelt 3

Am 28.06.2018 verstarb die österreichische Schriftstellerin Christine Nöstlinger, die zu den wichtigsten deutschsprachigen Kinderbuchautorinnen ab den 1970er Jahren zählte. Ihr Tod wurde erst am 13.07.2018 allgemein publik und wir befassen uns heute erst mit ihr in diesem Beitrag, weil unser Blog einen Monat lang wegen der Erstellung einer individuellen Datenschutzerklärung offline war. 

Christine Nöstlinger ist die erste Schriftstellerperson, der auf Wortwechsel 15 ein Nachruf gewidmet wird – warum? 

Weil das Blog noch nicht so alt ist und in letzter Zeit nicht allzu viele berühmte Schriftsteller_innen verstorben sind. Ich kenne sie als Schriftstellerin und Person nicht gut bzw. nicht, aber ich habe mir einige Interviews mit ihr angeschaut oder sie gelesen und will mit ihr heute ein wenig übers Buch als Kulturgut, das man von Kindesbeinen an genießen sollte, nachdenken. Ich hoffe, sie ist mir von da oben aus nicht böse, dass ich sie sozusagen für allgemeine Überlegungen verwende.

Ein Gender-Unterstrich, im vorletzten Satz! Das hätte Nöstlinger nicht gemocht.

 Wenn diese Art der Genderisierung im fiktionalen Bereich Einzug halten sollte, höre ich auf zu schreiben. Auch nicht schlimm, ich bin ja nicht Nöstlinger oder irgendwer, der schon viel für die Lesekultur getan hat. Aber sowohl das schriftliche Interview im Tagesspiegel als auch das Falter-Interview sprechen mir so aus dem Herzen. Mir ist es ein ganz persönliches Bedürfnis, dass ich betone, wie sehr ich Nöstlingers Ansichten zum Lesen teile.

Der Untergang des Abendlandes ist wieder nah.

 Der Untergang des Lesens als wichtigstes Element der Kulturvermittlung ist tatsächlich abzusehen und daran ist eine verbrecherische, ideologisierte, am niedrigsten gemeinsamen Nenner orientierte Bildungspolitik schuld, die Kindern das Wichtigste raubt, was es gibt, um sich geistig zu erheben und reichere Welten zu entdecken: Ihre Fähigkeit, Fantasie und sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Varianz und die Möglichkeit, durch klare Begriffsbildung und grammatikalische Strukturierung zum logischen und überhaupt zum Denken zu gelangen. Das wird ihnen vorenthalten. Wenn nicht ein ganz starkes, hochgradig literarisches Elternhaus hinter heutigen Kindern steht, enden sie als Kulturanalphabeten – was auch sonst, wenn sie nicht mehr richtig lesen und schreiben lernen.

Christine Nöstlinger ist beinahe 80 Jahre alt gewesen, als sie ihre buchkulturkritischen Anmerkungen gemacht hat; sie hat gesagt, sie kann sich in die Jugendlichen von heute nicht mehr hineinversetzen, also schreibt sie nicht mehr für sie – muss man das nicht relativieren, wenn man mehr als eine Generation darunter ist?

Man muss nicht alles Eins zu Eins teilen, zum Beispiel, dass sich heute Kinder beim Lesen des Wortes Baum keinen Baum mehr vorstellen können, aber die grundsätzlichen Aussagen zum Verlust an Fantasie und Abstraktionsvermögen sind nicht falsch.

Ich schreibe direkt am Computer, wie die meisten meiner Generation das schon tun, weil es schneller geht und meinen Sprachrhythmus nicht behindert. Das ist schon moderner, aber es ist auch ein Verlust: Ich weiß, dass dies wegen der allzeitigen Korrekturfähigkeit der Texte dazu führt, dass man schlampt. Dass man weniger präzise wird. Dass es auf ein paar Wörter mehr oder weniger nicht ankommt. Der Übertragungsvorgang vom Gedanken zur Tastatur ist ein anderer als der zur Feder.

Es gibt zum Beispiel kein Ungleichmaß im Schriftbild mehr, an dem ich beim Nachlesen ermitteln kann, wie ich mich gerade gefühlt habe, ob es leicht ging, ob ich mit mir gekämpft habe, ob ich überzeugt von dem war, was ich da gerade zu Papier gebracht hat oder eher im Zweifel, ob ich Zeit hatte und ruhig war oder in Eile. Ich kann das an meiner Handschrift sehen und der Situation und der Verfassung nachspüren, in der ich schreibaktiv war und Schlüsse daraus ziehen, hier geht das nicht. Wobei ich andererseits froh bin, dass ich wenigstens noch ein paar zusammenhängende Sätze abfassen und ebensolche von mir selbst und anderen gestaltete Texte lesen kann.

Das tun zu können, das nimmt rapide ab und ich frage mich, wie beispielsweise wissenschaftliche Gebäude oder geostrategische politische Zusammenhänge verstanden werden sollen, wenn die Aufnahmefähigkeit bei etwas komplexeren Texten nach 500 Wörtern endet. Oder nach 50. Oder nach 140 Zeichen auf Twitter.

Man kann auf Twitter oder Facebook etwas Längeres einbinden.

 Wenn man mehr als zehn Menschen folgt oder sie als Freunde hat, kann man es aber nicht mehr lesen, so viel Zeit hat niemand. Und in gewisser Weise ist die Selektion fremdbestimmt, nicht durch Reflektion der wirklichen Informationsbedürfnisse erarbeitet. Das zu vertiefen fehlt hier aber – sic! –die Zeit.

Nöstlinger war auch ein Mensch, der sich stellt und hat vor ein paar Jahren eine Rede gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehalten und war kurz vor ihrem Tod besorgt darüber, wie schnell Rechte in Österreich – und anderswo politische Bedeutung gewinnen.

 Das ist einer der Gründe für diesen Beitrag, dass ich sie verorten kann. Und selbstredend gefällt mir ihr Bild von der achten Haut, der Zivilisationshaut, die uns nicht angeboren ist, sondern die uns von einem liebevollen Umfeld geschenkt, in ihm gepflegt und die zu einem Schutz gegen Barbarei, auch und gerade gegen politische Barbarei, werde kann. Wer mehr liest und weniger Ballerspiele ausführt, ist eher geneigt, andere zu sehen, zu verstehen, zu respektieren und zu lieben.

Aber es gibt immer zwei Seiten, sogar die Schule betreffend.

Aus dem niedergeschriebenen Interview im Tagesspiegel kann man beide Seiten von Christine Nöstlinger herauslesen.

Die traditionelle, die sich gegen den  Niedergang der Sprache wehrt – und die antiautoritär geprägte. Sonst hätte sie nicht die Probleme ihrer Enkelin mit der Schule erwähnt. Ich gehe davon aus, dass diese Lehranstalt keine Waldorf-Schule ist. Das ist differenziert, das gefällt mir. Auf einer oberen Ebene kritisiert sie den Verlust an Literarizität, aber in einem Bild von einem armen Mädchen, das Angst vor der Schule hat, mahnt sie eine humanistische, die Kinder als Persönlichkeiten berücksichtigende Pädagogik an. Und Nöstlinger war, wie die meisten wichtigen Schriftsteller_innen, eher links. Sie gibt auch zu, dass es leicht ist, ein freches Mädchen zu sein, wenn man zuhause keine Strafe zu erwarten hat. Das mag ich. Denn diese Geschichten von rebellischen Außenseitern aus ganz schwierigen, gewalttätigen Verhältnissen – sind nicht Schmonzes, die gibt es schon, aber diese Existenzen sind hochgradig gefährdet und werden nicht, wie in amerikanischen Filmen, durch Reintegration oder gar durch herausragende Erfolge belohnt und zu Ikonen des Individualismus stilisiert, wie in der Jugendkultur ab Mitte der 1950er.

Sie hat nicht direkt die Bildungspolitik kritisiert, sondern nur beschrieben, was sie bei  heutigen Kindern und Jugendlichen sieht.

 Es gibt gewisse Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland – zugunsten Österreichs natürlich, ich könnte wetten, dass die Österreicher_innen insgesamt mehr lesen und überhaupt im Durchschnitt kulturell mehr aktiv sind als wir, a bisserl kenn i mi aus, ich hab dort eine Zeit gelebt. Doch das grundsätzliche Phänomen abnehmender Vertrautheit mit dem Buch als Kulturelement und Bereicherung des Alltags besteht überall. Man kann diese Entwicklung, wie es die in Frankreich versucht wird ,mit Macht bekämpfen und seine Sprache pflegen, man kann den Niedergang aber auch beschleunigen, wenn man sich von der antikulturellen Maschinerie passiven Unterhaltungskonsums überrollen lässt, die  aus dem angelsächsischen Raum auf uns einwirkt. Man kann sich dadurch bezüglich seiner sozialen Eigenschaften und auch bezüglich der politischen Erkenntnisfähigkeit selbst zerstören.

Das Buch als Fantasieanreger, das Buch als Tröster und Vertrauter, das Buch als unverzichtbarer Begleiter der Kindheit. Haben wir denn selbst dann auch Nöstlinger gelesen?

 Ehrlich, ich kenne „Maikäfer flieg“ nur als Gedicht, und das ist erheblich älter als Nöstlingers gleichnamiges Buch, das aber aufs Gedicht und die darin beschriebene, hoch traurige Situation rekurriert die so viele Kriegskinder kennen – und Nöstlinger war ja ein Kriegskind, wie alle unsere Eltern oder Großeltern – auch wenn sie noch ein vergleichsweise glückliches Schicksal hatte. Was die österreichischen Kinder- bzw. Jugendbuchautoren angeht, bin ich bei Erich Kästner stehengeblieben. Und allein die wenigen Bücher, die er für junge Menschen geschrieben hat und die ich alle verschlungen habe bis auf eines, das ich nicht geschenkt bekam, weil es als reines Mädchenbuch eingeschätzt wurde, waren für meine Sprachentwicklung und auch für meinen  Zugang zu sozialen Themen enorm wichtig. So richtig erfasst habe ich die Ansätze auf der tieferen oder höheren, der sozialen Ebene noch nicht, beim ersten Lesen, weil ich da erst etwa neun oder zehn Jahre alt war und in einer Welt ohne materielle Probleme aufwuchs. Für mich waren zum Beispiel der soziale Unterschied zwischen Pünktchen und Anton etwas Abstraktes, trotz Kästners bildlicher Schreibe.

Mehr habe ich dann etwas später mitnehmen können aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“, weil die verschiedenen sozialen Stufen der Elternhäuser, die dort dargestellt werden, recht genau diejenigen abbildeten, die ich am Gymnasium wahrnehmen konnte und dort gehörte ich mit meinem Elternhaus, im Gegensatz zur Grundschule, nicht zu den Privilegierten. Aber es war die Zeit des allgemeinen Bildungsaufstiegs, einer Akademisierung nicht nur der Form nach, da war ein Wille, sich weiterzuentwickeln überall in der Gesellschaft spürbar und viele meiner Mitschüler kamen aus Arbeiterfamilien – wie Christine Nöstlinger.

Ich habe mit der Zeit immer besser verstanden, worum es ging und wie wichtig es ist, schon Kinder an gesellschaftliche Themen heranzuführen – auf eine sehr empathische, kluge Weise, die nicht die PoC  (die Political Correctness, zu der Nöstlinger im längeren Interview befragt wird) mit Erziehung zum solidarischen Wesen verwechselt und Problembewältigung nicht mit Problemverdrängung per Sprachdiktatur – und wie das, was man beim Lesen gelernt hat, die offensichtliche Existenz unterschiedlicher Lebenswelten, die zu unterschiedlichen Chancen und zu unterschiedlichen Positionen im Erwachsenenleben führen und für die ein Kind nie etwas kann, in die es hineingeboren wird, nicht verloren geht, sondern sich mit der Zeit in ein politisches Bewusstsein transformiert, das daraus Schlüsse zieht.

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass nur die vollkomen egalitäre Herangehensweise die richtige ist. 

Ich glaube nicht, dass ein kluger Menschenbeobachter so denken kann. Unsere Psyche ist nicht so, dass wir uns immer nur einfügen und aufopfern wollen für ein schlecht umgesetztes Inklusionsziel, von dem wir spüren, dass alle Beteiligten darunter leiden, vor allem wir selbst. Wir möchten uns auch selbst sehen. Bei mir ist der Schluss aber nicht der gewesen, dass wir sehr offensichtlich unterschiedliche Befähigungen negieren und so tun können, als sei gerade im Ungleichen alles gleich, sondern dass wir dafür sorgen müssen, dass Kinder sich ungehindert und möglichst arm an Zwängen, aber nicht frei von Anleitungen zum Entdeckermut und zur Fabulierungslust und vor allem geschützt durch unsere Wertschätzung ihrer besonderen Stärken entfalten können. In einer attentiven, auf die Feinheiten ausgerichteten Umgebung, die der sich herausbildenden Persönlichkeit gerecht wird, nicht in einem chaotischen Wirrwarr des geradezu gewaltsamen Versuchs, alle Unterschiede zu planieren, der niemanden voranbringt oder glücklicher macht, aber viele hemmt. Das somit im Grunde ein anti-reformatorischer Ansatz ist.

Christine Nöstlinger hat sehr modern geschrieben, Familienaufstellungen betreffend, sie ist in einem moderat antifaschistischen Haus groß geworden und hat in ihren Büchern modellhafte Situationen zu Fragen an ihre Leser_innen werden lassen und ihnen die Antworten nicht verweigert – wobei sie sich nicht als Pädagogin gesehen hat. Was ich da schreibe, ist zugegebenermaßen sekundäres Wissen oder stammt aus Interviews mit ihr. Ich muss mir vornehmen, auch in meinem hohen Alter mal ein Nöstlinger-Buch zu lesen. Vielleicht lass ich mir eins zu Weihnachten schenken, so oder zum Geburtstag ging das ja mit den Kästner-Büchern und anderen auch. Und ich hoffe, dass die „Einreicher_innen“, über die Nöstlinger spricht, doch mal jünger werden. Das wäre ein gutes Zeichen im Kampf um den Erhalt der Buchkultur. Der Erhalt dieser Kultur ist auch politisch wichtig, aber das will ich jetzt nicht zu sehr vertiefen, weil der Beitrag von unserem Autorenblog „Wortwechsel 15“ ausgeht, nicht von (m)einer politischen Webpräsenz.

TH

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