Kein Mindestlohn in der Kreativbranche Wovon Künstler leben (müssen) (DLR Kultur)

Lesewelt 4 / Musikwelt 2 / Kommentar 28

Kein Mindestlohn in der KreativbrancheWovon Künstler leben (müssen)

Kunst kann weg. Das ist die Tendenz, wenn man von hochgradig prestigeträchtigen Projekten der Hochkultur absieht. In Berlin sind das die Museen, die Philharmoniker, ein paar Opernhäuser und Theater. Wie überall eben, nur etwas mehr davon. Okay, das ist zu verkürzt, der Berliner Kulturetat von etwa 625 Millionen Euro steigt nicht nur, immerhin ist ja der Kultursenator Klaus Lederer (DIE LINKE) derzeit der beliebteste Berliner Politiker, es wird auch an die Förderung der Off-Szene gedacht, eben nicht nur an die Philharmoniker, die eh Mühe haben, nicht defizitär zu werden, trotz ihres Weltrufs.

Aber wie sieht es mit den Kreativen im Allgemeinen aus? Mit der Basis? Mit etwa 10.000 Küntlern in Berlin? Schriftstellern, Musikern, Malern?

Ein Beitrag von Deutschlandradio Kultur beleuchtet die drei Kunstgattungen anhand von lebendig geschilderten, gleichwohl leicht deprimierenden Einzelfallbeispielen. Man bemerkt die Lebenskraft dieser Kreativen, aber wer weiß, was so ein Interview auch für einen Schub bei ihnen auslöst und vielleicht haben sie sogar ein paar Euro dafür bekommen. Wir haben erst vor wenigen Wochen einen Beitrag über den Buchmarkt geschrieben – mehr, als auf die Situation der Kreativen aufmerksam machen können wir an dieser Stelle nicht. Und mehr als darüber nachdenken, warum Kultur, bis auf die Protzprojekte, so sehr geringgeschätzt wird, können wir sowieso nicht. Wir haben den Verdacht, es liegt an einem grassierenden Bildungsmangel, der Nicht-Mainstream-Musik ebenso marginalisiert wie die Bildenden Künste und die schreibende Zunft im Allgemeinen und die etwas Anspruchsvolleren im Besonderen.

Also kann die ganze Kunstbasis weg?

Wenn die Kunst zu einem Museum mit lebenden Darstellern werden soll, die nur noch repetieren, besonders in der Musik geht das ja prima, muss es wohl so sein. Und der Kanon wichtiger Bücher kann ja auch mal endlich abgeschlossen werden. Neue Impulse der Zeit, die gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln, begleiten, sogar ein wenig dazu beitragen? Wo doch die Intellektualität mittlerweile in ein Handy passt und demgemäß die Wahrnehmungswelt auf dessen Display? Die schreibende Zunft vor allem hat noch ein weiteres Problem. Das sind die sogenannten Zahlungsverweigerer.

Netzaktivisten.

Ich bin ja nun in einer politischen Partei verortet und vor allem, seit die Piraten ihren Laden sozusagen dichtgemacht haben, wird diese im Bereich der U 35-40 immer mehr von Leutchen mit genau dieser Mentalität unterwandert. Natürlich nur solange, bis sie selbst mal auf die Idee kommen, eine geistige Leistung zu erbringen. Die muss dann natürlich bezahlt werden, am besten auf Parteiticket. Das schneidet der Beachtung der Kreativen unterhalb einer gewissen Wahrnehmungsschwelle den Zugang zur Solidarität ab. Da ist nicht von „gute Arbeit“, für die ja im Sozialwesen immerhin gekämpft wird. Ein bisschen gekämpft wird. Der Mindestlohn ist zu niedrig, die prekären Arbeitsverhältnisse müssen weg. Fragen wir mal die Kreativen, was sie darüber denken – die, die unsere Welt vielfältig und bunt machen sollen und dafür finanziell einen Arschtritt bekommen.

Kunst hat einen Nachteil, wie jede selbstständige Arbeit: Man kann nicht einen Stundenzettel einreichen. Da gibt es keine Nachweise. Man könnte nun sagen, die Künstler, so sie einen nachweisbaren Output haben, könnten eine Art Pauschale bekomme, aber da würde es eine Menge Abgrenzungsschwierigkeiten geben.

Ich kenne Kreative, die immer mal wieder auf Hartz IV zurückgreifen müssen. Das ist natürlich auch eine Art Kunstförderung, dass jemand nicht an Hunger stirbt. Aber wenn man sagt, die Sätze sind für Menschen, die gar nicht arbeiten (können) zu niedrig, dann muss das logischerweise auch für jene gelten, die sich dem Kunstbetrieb zur Verfügung stellen und für ihn produzieren. Die an der Basis die innovative Kunst für morgen entwickeln. Vor allem das Beispiel der Jazzkultur, das Beispiel 2, zeigt, was andere Länder besser machen als Deutschland. Ähnliches könnte man aber auch für Autor_innen überlegen. Vor allem als Ausgleich dafür: Musik ist international verständlich, Schriftsteller_innen in Deutschland leiden darunter, dass sie keine englischen Muttersprachler sind, den auf dem amerikanischen Markt sieht es ja tendenziell etwas besser aus. Die Konkurrenz ist natürlich auch größer.

85.000 neue Bücher in 2017, muss das denn tatsächlich sein?

Vor allem im Selfpublishing-Bereich ist der Anteil von furchtbaren Texten sehr hoch, Selbstverwirklichung ist das Hauptmotiv der Autor_innen. Aber da, wo Verlage zugreifen wollen, muss man mehr Unterstützung geben. Und vor allem nicht die Buchpreisbindung aufheben. Irgendeine Mistkröte bzw. eine Ansammlung von solchen, die Regierungsstellen „beraten“ hat / haben ja neulich genau das vorgeschlagen. Ich mag gar nicht nachschauen, wer sich da wieder einen Meuchelmord seitens wütender Kulturschaffender und Buchhändler und Verlage verdient hat, sonst wäre das ja noch als Aufruf zur Gewalt gegen konkrete Personen zu werten.

Kultur steht von allen Seiten unter Druck: Absinkendes Bildungsniveau, Massenkonkurrenz – und steigende Kosten.

Letzteres halte ich auf kurze Sicht sogar für das größte der genannten Probleme. Nicht, dass es den Angehörigen anderer Berufe besser ginge, aber die nicht endende galoppierende Inflation bei den Mietpreisen macht Ateliers und Schreibstuben und Probekelle mehr und mehr unbezahlbar. Da haben es wiederum die Schreiber noch am leichtesten, Platz für einen Computer ist in der miesesten Einraumwohnung, wenn auch Lärm und mangelhafte Ästhetik der Lebenswelt nicht jeden zu Höchstleistungen beflügeln. Da spielen alte Klischees leider eine große Rolle.

Wie ist die Forderung an die Politik?

Politiker wie etwa der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, neigen dazu, genau das zu fördern, was ihnen selbst als Bühne und vorgeblich der Stadt als Schaufenster dient. Die „Berliner Mischung“ wird dabei immer mehr zum Einheitsbrei und geht den Weg anderer Großstädte der Welt, die für Menschen mit normalem Einkommen kaum noch bezahlbar sind. In Berlin kann man das derzeit noch durch Paarwohnen, WG-Wohnen und überhaupt durch Zusammenrücken auffangen, aber wenn wir in bestimmten Stadtteilen ins Stadium der Hypergentrifizierung eintreten, ist es Essig mit diesen Behelfsmaßnahmen.

Also raus aufs Land, Künstlerkolonien gründen.

Wenn man auf die Inspiration der pulsierenden Metropole verzichten kann, durchaus keine blöde Idee. Sollen die durchkapitalisierten, monotonen Cities doch gucken, wo sie die Touristen herkriegen, die kommen, weil sie Berlin so schön skurril finden. Das darf man nämlich nicht unterschätzen: Berlin ist, was die Groß-Sehenswürdigkeiten und die Schönheit der Stadt angeht und allen Glamour, nicht mit Paris oder London zu vergleichen, wenn wir mal in Europa bleiben wollen. Berlin war cool, auf seine eigene Art, aber das bröckelt jetzt und nur als billige Partymeile mit allen Begleiterscheinungen, die sich die Einwohner im Grunde nicht wünschen können, das ist der falsche Ansatz für ein nachhaltiges Stadtmarketing. Und vieles an Spitzenkultur bieten andere Metropolen ebenso wie Berlin.

Wenn die Kreativszene austrocknet, versiegt auch das, was Berlin ausmacht.

Das sehe ich absolut so. Die unheilige Dreifaltigkeit aus rückläufigem Kulturinteresse Missachtung seitens der Politik, Fehlerzählunge hinsichtlich des Wertes geistiger Arbeit eingeschlossen und ungebremstem Betonkapitalismus können auch die stärkste Kreativszene dahinraffen.  Diese Tendenz zu drehen, ist ein langfristiges Gemeinschaftswerk. Gemeinschaft klappt aber auf viel offensichtlicheren, alltäglicheren Ebenen nicht so richtig. Selbst falls sich der Wind drehen sollte und die Wertigkeit kreativer Arbeit durch ein anderes Weltbild der Menschen profitieren sollte: Die Künstler werden sich ziemlich hinten anstellen müsse, wenn es um die Erfüllung von Wünschen geht. Denn erst kommt bekanntlich das große F. Daran hat sich, bis auf die Bildungsoffensive der 1960er und 1970er als eine ganz seltsame Phase des überwiegenden sozialdemokratischen Denkens und großen Interesses an neuer Kultur zu betrachten war, eine Epoche, die heute etwas Mythisches hat und langsam zu ihrer eigenen Legende wird, nicht viel geändert. Das hat auch damit zu tun, dass man weiten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit der und die Lust an der Teilhabe geraubt hat.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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