„¡No pasarán!“ („Sie werden nicht durchkommen!“)  – der 17. Juli 1936 in Spanien

¡No pasarán! (Sie werden nicht durchkommen!)

„Mit Hammer und Sichel auf jeder Wand“ (Marx21)

Diesen Ruf kenne ich, seit ich im Oktober 2016 Mitglied von DIE LINKE geworden bin. Ich kenne ihn auch deshalb, weil in meiner Bezirksgliederung Menschen aktiv sind, die sich besonders dem antifaschistischen, antiimperialistischen Kampf in Mittel- und Südamerika verpflichtet fühlen.

Der Kampfbegriff stammt aus dem spanischen Bürgerkrieg, als dessen Beginn allgemein der 17. Juli 1936 angesehen wird, als General Francisco Franco einen Putsch gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung durchführte – der zwar zunächst erfolglos war, aber die drei Jahre des spanischen Bürgerkrieges auslöste.
Marx 21 erinnert heute an diesen Streich der Militärs und an den „erbitteren Widerstand“ dagegen – sie werden nicht durchkommen, die Reaktionäre! Und der Beitrag ist ein guter Einstieg ins Thema, der nachzeichnet, was sich im Anschluss ereignete – unter spezieller Berücksichtigung der Rolle der PCE (Kommunistische Partei Spaniens), die eine höchst umstrittene Rolle im weiteren Kriegsverlauf spielte und den revolutionären Kräften in den Rücken fiel.

Keine Krieg des Proletariats gegen die Ausbeuter ist so romantisiert worden wie der Spanische Bürgerkrieg – vor allem deswegen, weil viele Intellektuelle aus aller Welt sich tatsächlich auf den Weg nach Spanien machten, um bei den internationalen Brigaden mitzukämpfen. Was allein Ernest Hemingway für die allgemeine Erzählung über diesen Krieg getan hat, ist bekannt. Aber auch George Orwell hat sich daran beteiligt, wie wir im Beitrag von Marx21 lesen. Die Liste insbesondere von Literaten ist lang und die Zahl der Opfer war groß, von Beginn an. Man stelle sich vor, bei einem Streik in Deutschland kämen 3000 Arbeiter ums Leben, weil die Staatsmacht mit maximaler Brutalität dagegen vorgeht. Das hat es hierzulande nie gegeben.

Das Ende des Bürgerkrieges, der in der Franco-Diktatur mündete, welche nicht etwa von außen beendet wurde, sondern erst durch dessen Tod 1975 einer spanischen Erneuerung weichen könnte, ist ein Scheitern gewesen, das lange nachwirkte und die Arbeiterklasse massiv schwächte. Dass Altstalinisten die Sichtweise des Autors teilen, der für Marx21 heute über den spanischen Bürgerkrieg geschrieben hat, darf bezweifelt werden. Aber warum hat Stalin, dessen Bolschewiki nur durch eine vollständige, unumkehrbare Revolution den Zarismus besiegen konnten, die spanische Revolution verraten? Dazu gibt es im Beitrag von Marx21 wenig Hintergrund, die Wikipedia hilft hier weiter:

„Die Sowjetunion (..) belieferte die Republik bis 1938 mit Waffen und Beratern. Dadurch konnte sie die Madrider Regierung maßgeblich beeinflussen und die Stellung der zuvor unbedeutenden spanischen Partido Comunista de España (PCE) ausbauen. Außerdem betrieb die Sowjetunion entschieden den Rückgang der Sozialen Revolution. Letzteres geschah sowohl aus Machtinteresse als auch aus strategischen Gründen. Man wollte die Gunst der liberalen kapitalistischen Mächte gewinnen, die Stalin in der zu erwartenden Auseinandersetzung mit dem Faschismus auf seine Seite zu ziehen versuchte. So wurde Spanien zu einem militärischen und politischen Labor für die schwelende Systemkonkurrenz in Europa, die in den Zweiten Weltkrieg mündete.“

Was England anging, verschätzte sich Stalin erheblich und auch die französische Volksfrontregierung ab 1936 hatte wohl kein dringliches Bedürfnis danach, dass der revolutionäre Funke vom Süden auf das eigene Land überspringen könnte. Warum es in Stalins Machtinteresse war, die soziale Revolution zu verhindern, bedürfte einer Vertiefung, aber der geostrategische Aspekt erscheint mir schlüssig, denn der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, ein weiterer Verrat Stalins, war damals noch nicht abzusehen.

Was heute bleibt, ist ein Gefühl großer Trauer über die verpasste Chance der Revolution in Spanien. Auch dieser Aufstand war blutig und was sich abspielte, würde ich nie als notwendigen „Kollateralschaden“ bezeichnen, weil ich generell dagegen bin, dass Unrecht mit neuem Unrecht vergolten wird. Aber dies betrifft den Blutzoll, nicht das Prinzip, und dies lautet: Dass die herrschende Ausbeuterklasse enteignet und ihrer zusammengeraubten Ressourcen entledigt werden muss, versteht sich von selbst, sonst kommt sie immer wieder. Der mit dem Bemühen, alle mitzunehmen, auch Kräfte, die gar kein revolutionäres Bewusstsein haben, verbundene evolutionäre Gang der Dinge hat noch nie zu einer dauerhaften Herrschaft des Proletariats geführt und das zwischenzeitliche, gemäßigte sozialdemokratische Intermezzo der europäischen Nachkriegsordnung, speziell ind den 1970ern, das es für eine Zeit aussehen ließ, als sei soziale Progression auch im Kapitalismus möglich, ist schon wieder Geschichte.

Freilich ist die Situation heute nicht mit derjenigen der spanischen Bevölkerung um 1930 zu vergleichen, als Radikalität schon in der Situation selbst begründet lag: Die ohnehin verspätete Industrialisierung entstand in einer feudalen und durch die kolonialen Strukturen der Vergangenheit geprägten Ordnung, in der die katholische Kirche zudem eine so negative Rolle als Unterdrückungsmacht innehatte wie in sonst keinem europäischen Land. Kein Wunder, dass Spanien heute besonders laizistisch ist.

Spanien war in gewisser Weise immer ein Land der harten Gegensätze, aber dieses Schroffe und Bedingungslose und der daraus resultierende Mut und das Pathos haben auch dazu beigetragen, dass sich Menschen überall auf der Welt für die Revolution von 1936 begeistern konnten. Die kubanische Revolution von 1959 und die Figur Fidél Castro spiegeln sehr gut die hispanisch geprägte Herangehensweise, auch wenn es gravierende Unterschiede gab. Ganz Lateinamerika ist potenziell immer wieder revolutionär, weshalb die Linken ihm so viel Aufmerksamkeit und Sympathie schenken – solange es dort noch ein sozialistisches oder wenigstens nicht im westlichen Sinn kapitalistisches Land gibt, das sich den USA entgegenstellt, ist der Sozialismus nicht tot.

Auf Europa zu setzen, in dem alle modernen Gesellschaftsideen entwickelt wurden, führt heute eher zu anhaltenden, sich beständig wiederholenden Frusterlebnissen, die verdeutlichen, wie die Unmöglichkeit solidarischer Politik im vorgegebenen Rahmen sich als eine Realität herausgeschält hat, die jeden Linken umtreiben müsste.

Wenn man nämlich etwas genauer hinschaut, hat das Verhalten der PCE verdächtige Ähnlichkeit mit den Positionen vieler linker Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg, die sich in kapitalistische Machtstrukturen einbinden und auf diese Weise zerstören ließen und mit ihrem Verhalten die Hoffnungen vieler Menschen zerstörten. Die Geschichte des Spanischen Bürgerkrieges zu reflektieren, kann dazu beitragen, die aktuelle Lage linker Kräfte in Europa einzuschätzen.

Und die ist sehr, sehr schwierig. Bleibt eine linke Partei revolutionär und deutlich abstinent von Umgarnungsversuchen des Kapitals, ist sie nicht durchsetzungsfähig, weil die revolutionäre Stimmung dazu nicht vorhanden ist und ist zudem mannigfachen Angriffen des politischen Gegners ausgesetzt, zumindest, wenn sie beginnt, im politischen Leben eines Landes eine ernsthafte Rolle zu spielen, geht sie dann aber aufgrund ihrer Rolle einen Schritt hin zur sogenannten Mitte, die ja in Wirklichkeit die Spitze der Kapitalismuspyramide darstellt – macht sie also mit in Mitte-Rechts-Links-Koalitionen mit und lügt sich selbst mit vorgeblichen Gestaltungsmöglichkeiten in die Tasche, gibt sie die Systemkritik weitgehend auf und kann sich abschaffen. Genau das haben viele linke Parteien in Europa schon getan oder sind dabei.

Und jedes Ende einer solchen Partei ist auch ein Ende von linken Hoffnungen. Es ist ohnehin erstaunlich, dass immer noch viele Menschen glauben, es könnte etwas Besseres kommen als der verantwortungslose Neoliberalismus. Trotz der deprimierenden aktuellen Lage dürfen sie diese Hoffnung niemals aufgeben. Da kann schon eine gemäßigt linke Regierung, die nicht die Absicht hat, das System infrage zu stellen, einiges bewirken, um diese Hoffnung zu stärken. Und eine solche gibt es seit Neuestem wieder – in Spanien. Von hier aus und weiter, das kann immer geschehen, wenn der richtige Moment gekommen ist.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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