Der ganze oder der halbe Trump, es ist wurscht.

Kommentar 31  

Dem Verhalten des US-Präsidenten Donald Trump kann man grundsätzlich mit zwei Ansätzen begegnen. Der eine ist: Wir nehmen uns davon das, was die eigene Erzählung stützt oder was uns politisch taugt. Der andere: Wir betrachten die gesamte Person und nehmen diese Gesamtbetrachtung als Filter für das, was wir politisch gerne von ihm hätten.

Die selektive Betrachtung ist: Trump, der Putin-Versteher! Endlich einer, der ins Herz des alten Geheimdienstlers aus Moskau blickt. Einer, der tatsächlich erkannt hat, dass die beiden größten Atommächte miteinander auskommen müssen. Und mit etwas Glück macht Trump noch die NATO kaputt und erfüllt damit eine uralte Forderung der Linken in Deutschland. Derweil ändert sich nichts an der Bewertung der Lage auf der Krim oder daran, dass beide Länder in Syrien weiterhin ihre Ziele verfolgen. Aber damit können wir leben. Wirklich Frieden gibt es natürlich dadurch nicht, aber wenn Trump doch bloß endlich seine Verbündeten so treten würde, dass sie gar nicht anders können als zu NATO-Staub zerfallen. Alles, was Trump sonst so von sich gibt und wie er es tut, wurscht.

Die eher ganzheitliche Betrachtungsweise berücksichtigt, dass Trump in erster Linie ein übler Rassist ist, der die Spaltung Europas nicht nur mit dem oben genannten Schießen gegen die NATO, also die Rüstungsausgaben, über die wir bereits geschrieben haben, vorantreibt, sondern auch mit Aussagen über Angela Merkel, die Linke nicht akzeptieren dürften. Tun sie aber, weil: siehe oben. Und außerdem: Diese Scheiß-EU. Also, im jetzigen, neoliberalen Zustand natürlich. Und vor allem: Siehe oben! Was interessieren uns Kollateralschäden wie jene, dass Trump die Stimmung gegen Geflüchtete  aufheizt, welche die USA im Nahen Osten selbst verursachen, Hauptsache, es könnte eventuell und unter Umständen eine rein machtstrukturell basierte Annäherung zwischen Trump als Person und Russland als Land, vertreten durch Wladimir Putin, geben. Vermutlich werden unter dieser Annäherung wieder viele Menschen leiden müssen, deren Rechte dabei nicht interessieren, weil rein faktisch vorgegangen wird. Aber: Abrüstung. Ehrlich, es ist egal, ob Russland und die USA jeweils 8000 oder 4000 Atomsprengköpfe haben, beides reicht locker, um die Welt in die Luft zu jagen.  Das einzige, was zählen würde, wäre eine groß angelegte konventionelle Abrüstung, die es erschweren würde, in jedem beliebigen Land einzufallen und Gelder in nennenswerter Höhe für andere Zwecke frei machen würde. Und Atomabrüstung würde nur einen Sinn ergeben, wenn alle Atommächte mitmachen, auch die noch halb verdeckten. Israel? No way. Viel zu unsicher ist die Lage für die bei weitem größte Militärmacht im Nahen Osten für ebenjene.

Wer manipuliert wen? Trump und Putin die aufrechten Linken oder die nicht so aufrechten Linken die aufrechteren Linken, die gar nicht blicken, dass das Ganze wieder als Nullsummenspiel enden wird und sich möglicherweise Achsen verschieben, die gefährliche Situation auf der Welt aber bestehen bleiben wird. China! Darüber sollten Trump und Putin sprechen, die Europäer aber nicht vergessen, denn wenn die sich mehr an China als an die beiden Herren Trump und Putin annähern sollten, wäre das für die USA das beschleunigte Ende der Vormachtstellung und für Russland eine verpasste Chance.

Aber vielleicht ist eine Haltung zu Donald Trump bald obsolet. Denn jemand, der twittert, „er sieht keinen Grund, warum Russland es gewesen sein sollte“, gemeint sind mögliche Wahlmanipulationen 2016 und dann einfügen muss „nicht“ – also: „Es gibt keinen Grund, warum Russland es nicht gewesen sein sollte“ bringt ja, so viel habe ich durch meine Verortung im linken Cluster gelernt, den Deep State noch mehr gegen sich auf als durch seine ständigen Angriffe auf Europa. Das kann dann wirklich mal ins Auge gehen. Einen Absturz der Air Force One hatten wir bisher noch nicht, wäre ja nach den Anschlagsmodellen der letzten Jahrzehnte eine nicht ganz fern liegende Variante, endlich wieder für stressfreie Verhältnisse in der US-Politik zu sorgen. Die Semantik seines Tweets ist übrigens seltsam: Es stand doch gar niemand anderes zur Debatte als Russland, ein Tweet mit der Aussage „Ich sehe keinen Grund, warum Russland es gewesen sein sollte“, ist also auf den ersten Blick unsinnig, es sei denn, die Manipulationen an sich seien ein Fake von den Fake-News-Medien, also allen, die nicht immer Trumps Meinung sind.  Möglicherweise gehört sogar Fox jetzt dazu, Trumps Haus-Propagandasender, der sich zuletzt ebenfalls nicht sehr erfreut äußerte.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit: Dass dies einer der intelligentesten Tweets von Trump bisher war und er andeuten wollte, die eigenen Dienste hätten Russland gespielt und versucht, die Wahl zugunsten von Hillary Clinton zu manipulieren, indem sie behaupten, die Russen würden die Wahl zugunten von Trump manipulieren. Wenn das so sein sollte, ist der Deep State aber nicht so clever, wie wir Linke immer glauben, denn dann hätte er gefakte Beweise gegen Trump vorgelegt, als noch Zeit war, also vor dem Wahltag. Denn es hatte sich zuletzt doch abgezeichnet, dass Trump Clinton schlagen könnte, man war nicht vollkommen überrascht. Alles verpeilt, aber es könnte noch reichen, um ihn ohne eine vorgetäuschte Panne am Präsidentenflugzeug loszuwerden. Wie schon bei Richard Nixon, Watergate war natürlich auch ein Deep-State-Fake, könnte man ihn quasi zur Abdankung zwingen. Das hätte den Vorteil, dass er für die Rechten in den USA nicht so zum Märtyrer und Leuchtsymbol werden könnte wie Kennedy für die liberalen Amerikaner, sondern als lebendes Beispiel dafür fungieren könnte, was man mit der Machtelite einfach nicht macht: Ihr ständig auf den Zeiger gehen.

Barack Obama hatte das gut verstanden. Ein paar innenpolitische Erfolge hat er sich damit erkauft, dass er in der Außenpolitik nicht an den Prämissen der US-Politik rührte. Ich bin sicher, er hätte das gerne getan, er war der Typ dazu, aber die Macht war stärker. Sie wird aber auch stärker sein als Donald Trump. Es sei denn, hier fehlt noch ein wichtiger Faktor: Der, dass sie gar nicht stärker sein will, weil sie glaubt, dass Trump ihr im Moment noch  mehr nützt als schadet. Und nun erinnern wir uns an die Entspannungsphasen nach der Kuba-Krise und in in den späten 1980ern und in den 1990ern: Vielleicht will ja die US-Elite gar nicht so gegen Russland zu Felde ziehen, wie immer getan wird. Alles Fake News. Denn kein Mensch, der die Wirtschaftslage analysieren kann, glaubt, dass Russland den USA wirklich gefährlich werden könnte und Putin mehr tun kann, als mit einer Salami-Taktik kleine Stück aus de ehemaligen Republiken herauszubeißen, die es noch nicht bis in die NATO geschafft haben. Und im Nahen Osten? Die USA haben kein Interesse daran, die Konflikte dort beizulegen, das wissen wir doch, wir haben sie durchschaut. Und was gibt es da Besseres als die anhaltende Putin-Gefahr, um sich weiter zu engagieren und wo immer mehr klar wird, dass der IS im Arsch ist – außerdem ist er zu 80 Prozent Fake News.

Putin und Trump können vielleicht ganz gut miteinander, aber ob die Hintergründe jene sind, die wir Pazifisten uns wünschen, daran darf gezweifelt werden. Und das Getöse in den USA über sein Verhalten, wer weiß schon, ob hier nicht das in Wirklichkeit recht erfreute Herrchen so tut, als würde es versuchen, seinen Mad Dog zu erziehen.

Komisch, am Ende steht folgendes: Egal, ob man Putin nun eher durch eine ideologische Brille wahrnimmt oder ihn insgesamt versucht zu erfassen, es wirkt immer mehr, als ob gerade die, die versuchen, ihn zum Friedensstifter hochzujazzen, sich die ganze Mühe umsonst machen und damit viel Energie in einen Meinungsbildungsversuch stecken, der keinen Wert hat, weil eh alles bleibt, wie es ist. Deswegen sind 80 Prozent der  Menschen hier auch nicht an dem Thema interessiert, sondern höchstens an Trump als amüsanter Person, die immer was Neues bereithält. Wie wär’s mit mehr Sozialkritik? Dabei spielt die zunehmende Spaltung Europas ja nicht so die Geige, denn wir wissen: Der Sozialstaat ist national organisiert. Von dessen Ausbau kann uns Trump nur abhalten, indem er das Welthandelskontor komplett zusperrt. Aber wir haben ja dann die chinesiche Karte zum Ausspielen und Nord Stream 2.

Also, nicht enttäuscht sein,liebe Friedensmenschen, wenn Trump sich doch nur als ordinärer, im ganzen Wesen höchst unfriedlicher Rechtsausleger herausstellt und nicht als Einiger der Welt. Diejenigen Menschen, die Menschen ein wenig beobachten können, wussten das sowieso immer, nur haben einige davon gute Gründe, dieses Wissen nicht zu sehr in den Vordergrund treten zu lassen – weil Trump sich ja so gut eignet, um dem innenpolitischen Gegner von hinten durchs Knie zu schießen, etwa, wenn es um die NATO-Rüstungsziele geht. Das Blöde ist, dass diese Schüsse vor allem diejenigen aufschrecken und nach rechts in Bewegung setzen, die eh geneigt sind, die AfD zu wählen, denn das Meiste von Trumps Ansichten findet sich genau dort wieder. Wollen bestimmte Politiker und alternative Medien das so? Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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