Hilferufe um Beistand im Medienkrieg sollen nicht ungehört verhallen

Kommentar 32 

Manchmal gibt es zeitliche Zufälle, die daran zweifeln lassen, dass es Zufälle überhaupt gibt. Das wäre zum Beispiel die Art, wie jemand, der etwas einfach gestrickt ist, die Tatsache bewerten würde, dass er kurz nach einem Trump-Putin-Kommentar diesen Aufruf auf einer von mir ausgewerteten Webseite entdeckt hat, der sich genau darauf bezieht und einen Hilferuf darstellt. Einen Hilferuf der alternativen Medien, die wir am Ende unseres Kommentars nicht ganz unkritisch erwähnt haben. Es ist aber einfach in der Zeit, weil ich alle mit diesem Thema beschäftigen.

Ich kommentiere den Aufruf selbst nur insofern, als ich zu Protokoll gebe: Ja, wir brauchen eine wache(re) Öffentlichkeit. Und die alternativen Medien sind sehr wichtig, um diese zu schaffen. Aber ganz hilflos sind sie natürlich nicht und untereinander fast schon so gut vernetzt wie die Leitmedien. Der Wahlberliner versucht, sich mit der Machete einen Weg durchs Dickicht von Manipulation und Gegenmanipulation zu schlagen. Das ist die schwierigste Position, die man sich aussuchen kann, vor allem, wenn man keinen riesigen Apparat zur Verfügung hat, den man zum Beispiel nutzen kann, um einseitige Darstellungen wirken zu lassen, als seien die in ihnen zitierten Belege die einzigen, die es zu einer Sache gibt und nicht auch ganz andere Meinungen.

Wissenschaftlich oder ausgeglichen, aufklärerisch im besten Sinn, ist das nicht, es wirkt nur so. Aber so ist auch die Aufstellung der „Alternativen“ nicht: Vielmehr geht das Mission Statement dahin, dass Manipulation durch die Leitmedien des Widerstandes bedarf und so sollte man die Beiträge grundsätzlich auch verstehen – nicht „alternativ“ im Sinn von „wahr gegenüber falsch“, sondern „kontra“  ausgerichtet.

Wenn man eine gewisse Distanz bewahrt, kann man viel aus ihnen mitnehmen, denn zweifellos sind sie informativ und regen mehr zum Weiterforschen an als Kurzkommentare in den Leitmedien, weil sie mehr zitieren. Dass viele Nachrichten in den „Mainstream-Medien“ einander ähneln, hat übrigens einen ganz einfachen Grund, den man mal erwähnen sollte: Sie basieren auf Meldungen der führenden Presseagenturen wie dpa, AP, AFP, Reuters. Und klar gibt es dort eine Art Common Sense darüber, wie die weiterverbreitenden, weiterverarbeitenden, manchmal auch nur zitierenden Medien bedient werden. Manchmal sind es aber auch einfach nur Nachrichten und eine gewisse Auswahl ist zwingend notwendig, um ein breites Publikum nicht zu überfordern. Jede Auswahl ist zwangsläufig eine Manipulation, weil sie eine Entscheidung darüber beinhaltet, was für wichtig erachtet wird und was nicht, was also eine breite Öffentlichkeit erhält.

Wir werden in einer kommenden Serie einige Elemente der Medienarbeit, besonders der Arbeit der alternativen Medien, beleuchten und uns dabei mit Begriffen wie dem „Whataboutismus“, aber auch mit Verschwörungstheorien befassen, die das Fundament der alternativen Berichterstattung bilden. Ich habe selten einen längeren Artikel über aktuelle politische Themen in einem zu den „AM“ zählenden Publikation gelesen, der nicht dezidiert auf dieses Deutungsmuster zurückgreift und alles aus dieser Aufstellung heraus bewertet – vor allem, wenn es um geopolitische Themen geht. Besonders auffällig ist, dass die Gleichheit der Berichterstattung, die den Leitmedien vorgeworfen wird, dort auch zu beobachten ist: Es sind ganz wenige Annahmen und Auffassungen, auf denen alles basiert. Einen Trick verrate ich an dieser Stelle schon: Das ist nach Lesart der „AM“ natürlich keine Gleichschaltung bzw. freiwillig gleiche Ausrichtung, man muss einfach durch viel Nachdenken und Analysieren immer zum selben Ergebnis kommen, das lässt sich gar nicht vermeiden. Leider ist aber Politik keine exakte Wissenschaft und mir persönlich macht es nichts aus, mich vielleicht auch einmal korrigieren zu müssen. Eine Fehleinschätzung ist menschlich, immer alles besser zu wissen, übermenschlich und erinnert daran, dass gerade ein Unfehlbarkeitsanspruch vermutlich darauf basiert, dass man nicht souverän genug ist, Fehler eingestehen zu können. Und wir wollen doch keine Übermenschen mehr sein, oder?

Aber der Aufruf spricht ja auch von einem Krieg, den es zu gewinnen gelte. Ich finde diese Sprache sehr wichtig: Es geht vor allem darum, einen Meinungskrieg zu gewinnen. Und im Krieg werden alle Mittel angewandt, die zur Verfügung stehen und Fairness oder gar Ausgewogenheit ist nicht die Geschäftsgrundlage. Hat man  je von einem Krieg gehört, in dem eine Partei sich um Ausgewogenheit und nicht um den Sieg bemüht hat? Und der Hilferuf der Nachdenkseiten erinnert an Beistandsgesuche kleinerer Staaten an die Weltöffentlichkeit oder mächtige Brüder, in dem Fall ist die Schwarmintelligenz der kritisch Denkenden aufgerufen, sich auszurichten und mächtig zu werden. Alles erlaubt – im Krieg, vor allem., wenn man sich selbst nicht als Herausforderer, sondern als angegriffen einschätzt.

Ja, die alten Muster, die Traumata und überschießenden Aggressionen, sie wirken und der Pazifist muss sich Fragen stellen, wie weit er sich da reinziehen lässt. Auch diese Fragen werden wir noch aufwerfen und versuchen, die eine oder andere Antwort zu geben, wenn die Medienanalyse-Serie startet.

Wir sehen also, ein wenig zurücktreten und alle Medien aus der Entfernung betrachten, kann nie schaden. Ich verwende im Allgemeinen einen Mix, wobei der Weg der Überprüfung und des Abgleichs mich von den „Alternativen“ zu den „Mainstreamern“ führen kann oder umgekehrt – und wenn die Darstellungen sehr divergieren und ich keine überprüfen kann, muss ich mich darauf verlassen, dass mir die Logik den Weg weist und mir immer in Erinnerung rufen, dass die Betrachtung der Psyche zur Skepsis gegenüber allzu linearen Erklärungen für menschliches Verhalten rät.  Das gilt für die Psyche der Individuen, mehr aber noch für die der Massen und die „Neurosen der Völker“, wie die kollektiven Traumata der meisten Gruppen und Nationen in einem Film genannt wurden, den ich mir gestern angeschaut habe.

TH

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