Lieber der 8. November 1939 als der 20. Juli 1944

Essay 2

Zum Aufruf der Nachfahren der Attentäter des 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler, abedruckt im heutigen Tagesspiegel.

„Eine Botschaft für ein vereintes Europa: Am Jahrestag des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 appellieren 400 Nachfahren deutscher Widerständler: Nationale Alleingänge dürfen das geeinte, starke, friedliche Europa nicht gefährden.“

Der 20. Juli 1944 gilt in Deutschland immer noch weitgehend als der Hauptbeleg dafür, dass es einen Widerstand gegen Hitler und gegen die Nazis gegeben hat. Im Mai 1945 aber war Deutschland bereits besiegt. Allein der kurze Zeitraum zwischen diesen beiden Daten belegt mindestens eines: Dass ein gelungenes Attentat gegen Hitler im Sommer 1944 nicht mehr viel verändert hätte.

Ich setze deshalb sogleich den 8.  November 1939 entgegen. Für mich sind das nicht bloß zwei markante Daten, die sich mit einem ähnlichen Widerstandsgeist verbinden, sondern zwei ganz unterschiedliche Momente in der jüngeren deutschen Geschichte. Auch das ist an den Daten klar zu erkennen: Am 8. November 1939 befand sich Deutschland zwar schon im Krieg mit vielen europäischen Ländern, aber der Krieg wäre noch zu beenden gewesen, ohne dass es zu Millionen Toten gekommen wäre. Im Wesentlichen hätte die Wehrmacht aus Polen abziehen und Deutschland eine Entschädigung zahlen müssen und vielleicht hätten die Westmächte sich dann beruhigt. Es gibt weitere wichtige Unterschiede: Der Attentäter vom 8. November 1939, Georg Elser, war ein Einzeltäter, aber er wollte nicht  nur Hitler umbringen, sondern auch Goebbels und Goering, während die verschworenen Attentäter vom 20. Juli 1944 meinten, es reiche, Hitler allein zu beseitigen. Dies aber ist nachrangig, vielmehr geht es um die handelnden Personen und das wiederum hat einen Einfluss darauf, wie der heutige Aufruf der Nachfahren der Attntäter des 20. Juli 1944 zu bewerten ist.

Es ist bekannt, dass Georg Elser, der November-Attentäter, als Kommunist gilt und schon 1933 als Antifaschist zu erkennen war:

„So z. B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. […] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt. […] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.“

Das klingt etwas schlicht und selbstbezogen. So würde ein Großbürger oder Hochadeliger, der dem Staat als Ganzes zu dienen glaubt, niemals seine Handlungsmotive erklären. Es weist aber auch drauf  hin, dass die Nazis zwar versuchten, per Arbeitsdienst Vollbeschäftigung zu organisieren, aber die Wiedergewinnung des ohnehin bescheidenen Wohlstands vor der Weltwirtschaftskrise schwierig war. Sie war auch deshalb so schwierig, weil das Hauptaugenmerk der Führung bereits der Rüstungsproduktion galt, nicht dem Konsum. Das Verhörprotokoll vom 21. November 1939, dem das obige Zitat entstammt und das 1964 gefunden wurde, enthält eine weitere Passage, die ein größeres Panorama eröffnet:

„Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“

Auch Elser glaubte demnach nicht an eine rote Revolution, sondern wäre froh gewesen, wenn im NS-Staat moderatere Kräfte das Ruder übernommen hätten. Das war 1939 bereits realistisch, einen groß angelegten Widerstand gab es nicht und konnte es schon nicht mehr geben, denn ein totalitärer Staat ist von innen kaum mehr zu zerstören. Dass man sich individuell gegen Hitler entscheiden konnte, wie Stimmen aufgrund von Elsers Verhalten meinen, dass also das Mitlaufen nicht alternativlos gewesen sei, halte ich für eine schwierige Bewertung. Elsers persönlicher Mut war der einer außergewöhnlich entschlossenen Einzelperson. Die meisten, auf sich allein gestellt, sind keine solchen Helden. Heute Selbstmordattentäter sind hochgradig fanataisiert, das trifft auf Elser aber wohl nicht zu.

Dem etablierten NS-Staat so gegenüberzutreten, dass er von innen heraus noch Ende 1939 zu beseitigen gewesen wäre, hätte also in der Tat einer breit angelegten Konspiration auf Führungsebene bedurft. Zum Beispiel der höheren Militärs.

Es ist bekannt, dass auf entsprechender Wehrmachtsebene etwa ab 1938 Umsturzpläne bestanden, die ausgerechnet durch die britische Appeasement-Politik und dem ihr geschuldeten Münchener Abkommen zum Opfer torpediert wurden – die Militärs wollten die Bevölkerung auf ihrer Seite wissen, zum Einen, zum Anderen aber hielten sie die Wehrmacht nicht für genug vorbereitet für einen Krieg gegen mehrer westliche Länder. Ihnen war also ein Waffengang schlicht zu riskant, Strategen, die sie waren, geschult und vorsichtig geworden durch den Verlauf des Ersten Weltkrieges mit seinen verlustreichen Grabenkämpfen. Hitler war nicht erfreut und nahm Widerspruch beinahe als Widerstand, ersetzte führendes Personal, doch  1939, vor dem Polenfeldzug, gab es wieder eine Bereitschaft zum Militärputsch. Jedoch, man wurde sich nicht einig, weil zu viele der „vons“ nicht mittun wollten. Und dann kam, wenn auch später als von Hitler zunächst geplant, der höchst erfolgreiche Frankreich-Feldzug. Danach notierte Graf Schenk von Stauffenberg, der heute als Hauptzeuge eines anderen, besseren Deutschlands gilt, ich belasse die flankierenden Worte der Wikipedia:

Nach den Siegen an der Westfront wich die anfängliche Skepsis in Wehrmachtkreisen der Begeisterung für Hitler. „Welche Veränderung in welcher Zeit!“, schwärmte der spätere Hitler-Attentäter Stauffenberg von Hitlers Siegen über Polen und Frankreich 1939/1940. „Der Vater dieses Mannes war kein Kleinbürger. Der Vater dieses Mannes ist der Krieg.“

Doch irgendwann lief es nicht mehr so gut für die Wehrmacht, vor allem zunächst im Osten und das war auch der Tatsache zu verdanken, dass Hitler viele Warnungen geschulter Militärs ignorierte. Ich will nicht sagen, man war gekränkt, als man doch wieder an einen Anschlag dachte, qber es musste viel, sehr viel geschehen an Massakern auf dem Gebiet der Sowetunion, musste sogar die „Endlösung“ in Sicht sein, damit die ursprünglich den Nazis nahestehenden oder ihn zumindest nicht feindlich gesonnenen Militärs sich entschlossen, Hitler doch noch zu beseitigen. Wären die Eroberungerfolge forgeschrieben worden und hätten sie rund um die Welt geführt und ebenso Abermillionen Tote, natürlich vorwiegend auf Seiten der Gegner, verursacht, wie es dann auf allen Seiten der Fall war,  hätte es das Attentat vom 20. Juli 1944 nicht gegeben. Es war der Versuch, zu verhindrn, was ohnehin nicht mehr zu verhindern war: Die totale, bedingungslose Kapitulation Deutschlands.

Für mich ist die Tat Georg Elsers daher von einer anderen Qualität als der dem Anschlag vom 20. Juli 1944, der heute wieder gewürdigt wird.

Ich glaube, dieser Beitrag wäre nicht entstanden, ich hätte mich nicht geärgert, wenn dieser Tag nicht mit einem Aufruf zu einem „Vereinten Europa“ verbunden worden wäre, ein Schrifstück, im wörtlichen Sinn geadelt von über 400 Unterzeichnern, die zu den Privilegierten und Hochprivilegierten rechnen, die heute noch Netzwerke unterhalten, die schon zur Hitlerzeit und lange, sehr lange zuvor bestanden und deren Zuammenwirken mit anderen Netzwrken auf politischer und wirtschaftlicher Ebene belegt, dass man vorsichtig sein sollte mit Aufrufen an die Normalbevölkerung.

An den Anschlag vom 8. November 1939 wurde heute natürlich nicht erinnert, denn es geht ja um den 20. Juli. Und es geht von dort aus direkt ins Hier und Jetzt, hin zum Zustand Europas im Jahr 2018. Um es bereits klarzustellen: Das Auseinanderdriften Europas und die Schwächung der transatlantischen Verbindung, vor der ganz sicher viele der Unterzeichner_innen Furcht haben, ist nicht mit der Situation von 1939 und schon gar nicht mit der von 1944 zu vergleichen. Heute bräuchte es in der Tat Widerstand gegen beunruhigende Entwicklungen in Europa und weltweit, aber ich bemerke nicht, dass die einflussreichen Unterzeichner_innen des heutigen Aufrufs sich gleichermaßen gegen die heutigen Kriege und die zunehmende Ungleichheit in der Welt stellen, die Hauptursachen für die wieder zunehmenden Friktionen zwischen den Völkern sind. Vielmehr wird so getan, als sei das heutige Europa noch das Friedensprojekt, das „Nie wieder Krieg“ der 1950er, als die institutionellen Zusammenschlüsse sich formierten, aus denen die heutige EU hervorging.

Aber – wie sollten sie auch verstehen, diese Menschen, die Nachkommen von Menschen sind, die sich ganz überwiegend sehr wohl als Angehörige einer Herrenrasse ansahen und lediglich der Meinung waren, die Nazis waren – sic! – zu niedrig in ihrer Art und zu risikofreudig in ihrer Handlungsweise. Die Wehrmacht von 1939 war die genuine Fortschreibung der Reichswehr bis 1918, mithin das wichtigste Element des Ständestaates. Mir verkaufe niemand, die Aufrüstung, die Hitler betrieb, fand in dieser Reichswehr, dann Wehrmacht, nicht überwiegend erheblichen Beifall, bedeutete sie doch einen Zuwachs an Macht, Rückgewinnung von Einfluss, eine Position wie in Preußens militaristischsten Zeiten gar am Ende.
Ja, viele der Strategn des Zweiten Standes werden nicht geglaubt haben, dass Hitler so sehr ernst und so schnell ernst machen würde. Dies früh zu erkennen, war eher jenen möglich, die sich als potenzielle Opfer von Hitlers Machtrauschs sahen, Juden, Oppositionelle, Intellektuelle. Viele von ihnen schauten sich Hitler an und waren entsetzt über ihn als Mensch. Die Militärs hingegen sahen ihn wohl zunächst als den Typ an, der ihre Interessen endlich wieder bedienen konnte, hochmütig, wie sie kraft ihrer Herkunft und ihrer Berufe zu sein pflegten, begrenzt auf die Sichtweise ihrer Klasse und in dem Glauben, ihn als eine Art Marionette handhaben zu können.

Wir haben es bei jenen, aus deren Kreis die Attentäter des 20. Juli 1944 hervorgingen, nicht mit Pazifisten zu tun, nicht mit Arbeitern und einfachen Angestellten, nicht mit denen, welche die Köpfe für die militärischen Abenteuer der Mächtigen hinhalten mussten. Das Attentat fand zudem erst statt, als bereits die Invasion in der Normandie erfolgt und die Wehrmacht im Osten schon im eiligen Rückzug begriffen war. Geschult, wie sie immer noch waren, wussten die Militärs, das Ende, nicht der Endsieg, war nah. Und natürlich waren sie bestrebt, den Siegern ihre Sicht darzustellen, man kann auch sagen, aufzudrängen: Mithin das Attentat zu einem Appell an deren Milde zu verwenden. Im Westen wäre das vielleicht sogar aufgegangen, es ist ja sogar trotz des Misserfolgs weitgehend aufgegangen, da bald schon der Kalte Krieg heraufzog. Natürlich half dabei auch der gescheiterte Versuch von 1944 und die Erzählung, die sich mit ihm verband und immer noch verbindet. Wie hingegen jene Attentäter wenige Jahre zuvor dachten, nämlich auf beispiellose Weise überheblich gegenüber den Nationen, denen sie den Krieg aufgezwungen hatten, belegt dies kleine Zitat von Graf Schenk von Stauffenberg oben bereits. Es ist zu charakteristisch, um weiterer Ausschmückungen und Ergänzungen zu bedürfen.

Nun sind wir also 74 Jahre weiter, zwei Generationen, zwei Systeme, aber hat die Welt sich so sehr verändert? Die Namen der Unterzeichner stehen für die  Nachkommen der Mächtigen von damals und jede dieser unterzeichnenden Personen hält immer noch mehr Macht und Verbindungen inne als Hunderte von Durchschnittsbürgern, falls der Zahlenvergleich überhaupt trägt, denn sogar Millionen von Durchschnittsbürgern können sich im Moment offenbar keine Regierung wählen, die endlich aufhört, sich in wichtigen Fragen gegen die klare Bevölkerungsmehrheit zu stellen.

Diese Regierung paktiert mit den Mächtigen, wie es zu allen Zeiten war, wenn das Volk nicht aufstand und die Dinge in die eigene Hand nahm. Wir leben in einem Zeitalter der Restauration, das ist nicht schwer festzustellen. Das belegen einfache Wirtschaftsdaten, die uns direkt zur Machtballung einer neuen und teilweise gar nicht so neuen Elite führt. Sicher liegt es auch in ver Verantwortung der Menschen, die sich nicht bewegen, dass sie Eliten so herablassend über sie denken aber wären die Positionen vertauscht, wäre nichts anders: Denn als Einzelpersonen sind die Angehörigen des Establishments auch keine Helden.

Sie aber mahnen uns, die Normalbevölkerung, wir mögen doch bitte nicht vergessen, wie wundervoll es doch im Vergleich zu 1939 oder 1944 ist, und wie edel, das zu erhalten. Ich meine: Wir sollten sogar viel mehr darum kämpfen, das zu erhalten, was nach 30 Jahren Neoliberalismus und nach einer ganzen Epoche der propagandistisch von den Eliten geförderten Gier und Maximalkonkurrenz  noch übrig ist vom großen solidarischen Versprechen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir sollten uns vielmehr gegen die Vergiftung der Atmosphäre wenden, die durch handelnde Eliten ausgelöst werden, die sich an Symboltagen dann zu wohlfeilen Statements bereitfinden und – wieder einmal – auf diejenigen herabschauen, in denen die zunehmende Entwürdigung und Marginalisierung ihrer Personen Wut auslöst und sie unzufrieden und unberechenbar macht.

Die meisten Menschen spüren, welch ungeheure Ressourcen diese reiche Welt bietet und wie jene, zu denen viele der Unterzeichner_innen rechnen, ihnen den fairen Anteil an diesen Ressourcen vorenthalten. Dass ein Donald Trump mit seinr Better-Deal-Rhetorik Präsident werden konnte und nicht mehr ein den Eliten so wunderbar in die eigene One-World-Erzählung passende Person wie Barack Obama die USA repräsentiert, mag misslich sein, zumal, wenn jener wüste Trump sich mit einem Wladimir Putin trifft, dessen Vorgänger Josef Stalin Polen ein Stück nach Westen verschoben hat, wobei einiges Junkerland verloren ging. Wir erinnern uns, wer Russland damals angriff: Eine Wehrmacht, die an Grausamkeit und Überheblichkeit nicht zu überbieten war und weit entfernt von „soldatischer Ehre“ oder was immer man sich zurechtlegen mag, um diesen Felduzu nicht so abscheulich wirken zu lassen, wie er war. Den Schlag gegen Russland wenigstens noch  zu verhindern, das wäre doch bereits aus reinem Selbsterhaltungstrieb die oberste Pflicht der Herrschaften mit dem „von“ im Namen gewesen und wohl der letzte Zeitpunkt, der noch am Kriegsausgang wesentlich hätte etwas ändern können. Ob ein anderer Ausgang angesichts der Tatsache zu wünschen gewesen wäre, dass Hitlers Schergen dann den Holocaust hätten zu Ende bringen können, abzüglich von Menschen, die im Osten dann nicht unter den Einfluss der Nazis gefallen wären, ist zu bedenken, was ich hier nicht tue.

Schon wahr, man soll den Hass und die Wut vieler Menschen in diesem ach so vereinten Europa nicht unterschätzen, denn eines Tages könnte ja doch mal eine Situation entstehen, in der die Dinge sich wandeln, Privilegien endlich abgeschafft und Menschen einander nur noch auf Höhe ihrer persönlichen Fähigkeiten und Haltungen begegnen würden. Wie klein würden die meisten der Immer-noch-Privilegieninhaber dann aussehen, wie auf beinahe berührende Weise zurückgeworfen auf sich selbst. Da unterzeichnen sie präventiv lieber Aufrufe, die ein „Weiter-so-Europa“ als ungeheuer erhaltenswert ansehen. Kein solidarisches Europa der Menschen, sondern ein Europa, das gerade wieder mit JEFTA bewiesen hat, wer privilegiert werden soll: Die Konzerne. In ihnen angesiedelt und mit ihnen verbunden sind viele der alten Eliten. Sei es stiftungsweise, durch Anteile, einige sogar durch echte Management-Arbeit, die Positionen aber meist nicht „leistungsgerecht“, sondern durch Verbindungen erreicht. Warum, mit welchem Motiv sollte jene auch ein demokratisches Europa fordern, in dem die Menschen tatsächlich wählen können? Es ist doch nach dem immer interessanten Aspekt „Wem nützt es“ die Fortsetzung des kameralistischen Kommissions-Europas, mit dem sie glücklich vereint weiter daran arbeiten können, den Kapitalismus immer mehr Freiraum zuteil werden zu lassen und ganze Länder dabei zu traumatisieren und die Normalbevölkerung mit hohen Belastungen zu konfrontieren, die durch das schäbige Spiel der Privilegierten verursacht wurden – wie sich in der Finanzkrise 2008-2009 gezeigt hat. Und, wie seltsam, nach solchen Krisen sind die Rechte der einfachen Menschen, der Arbeitnehmer, schwächer als zuvor, haben die Konzerne mehr das Sagen, behalten aber die Privilegierten alle Privilegien und gewinnen als Arbeitgeber sogar neue hinzu. Dieses Europa mit dem Hinweis auf den 20. Juli 1944 erhalten zu wollen, ist auf eine Weise entlarvend, die sich nur mit einer abweisenden Haltung beantworten lässt. Wir, die nicht Mächtigen, müssen dazu also feststellen:

Wir nehmen keine Anweisungen von Privilegienrittern dahingehend entgegen, was wir über das zunehmend unsozialere Europa in einer zunehmend unsozialeren Welt zu denken haben, auch nicht von jenen, die Nachkommen jener sind, die noch kurz vor Torresschluss den ohnehin am Ende angelangten Hitler beseitigen wollten, weil sie ihre Pfründe dadurch so gut wie möglich zu sichern gedachten. Viele hatten vielleicht sogar die Idee, sich noch mit den Westmächten zusammenzutun, um den Verlust der Ostgebiete zu verhindern.

Ich achte Georg Elsler und die Weiße Rose und andere sehr und bewundere ihren Mut, aber bei den hier Unterzeichnenden sind mir zu viele, deren Namen erkennen lassen, wofür sie stehen: Für ein Selbstverständnis, das zu Kriegen  auf Kosten anderer von jeher geführt hat, das den Kriegsapologeten dient und nicht Kriege verhindert, soziale Umstände und Menschen nicht besser macht, die Politik nicht demokratischer und das Miteinander nicht gleichberechtigter. Ein Dasein jedoch, das ihnen vielmehr die Möglichkeit gibt, bisserl von oben herab „mildtätig“ zu sein, anstatt sich einer für sie sicher eniedrigenden Begegnung mit normalen Menschen auf Gleich aussetzen zu müssen. Wer seit Jahrhunderten an Macht gewöhnt ist, der will ein Europa, das diese Macht zementiert. Eines, wie wir es derzeit haben.

Diese Positionen sind also zu einfach und ein Statement wie das vorliegende, das mit keinem einzigen Wort erwähnt, dass es Gründe geben könnte, die heutige Aufstellung Europas zu hinterfragen, sich politisch zurückzuziehen und einzuigeln, abzuschenken, deprimiert zu sein und dass es möglicherweise Entwicklungen gibt, die Menschen gereizt und verärgert wirken lässt – dafür ist dieses Statement zu flach und zu offensichtlich daran ausgerichtet, eine moralische Autorität für simple Appelle zu verwenden. Dies aber zu hinterfragen ist aus einer linken Position heraus geradezu Pflicht.

Wer von den Privilegierten und Nachkommen von Kriegsherren einen Aufruf zu Gleichheit und Brüderlichkeit unterzeichnen möchte, wer mittut und sagt, wir wollen eine echte Demokratie, wir wollen faire Wohlstandsverteilung, wir wollen endlich, dass Schluss ist mit dem Blutvergießen, das die Mächtigen überall auf der Welt ungebremst verursachen, der kann gerne in einer Geschäftsstelle meiner Partei vorbeikommen und mit uns einen solchen Aufruf erarbeiten. Wir sind auch nicht hochnäsig und werden niemanden dafür auch nur mit Blicken abstrafen, dass er sein ganze Leben und das vieler Generationen vorher als Ausbeuter verbracht hat und sich noch wenige Tage zuvor, an jenem 20. Juli 2018, angemaßt hat, aus einer rein biologisch begründeten Stellung heraus unzählige Menschen, über die Vorzüge von der von ihm und Seinesgleichen erschaffenen Wirklichkeit zu belehren,

Es ist super in Europa für Konzernbosse, Steuerflüchtige, Casinogänger aller Art, Adelscluster, die eine jener Parallelwelten darstellen, die für eine ganz andere Bevölkerungsschicht so gerne als deren Wirklichkeit definiert werden. Aber es ist nicht toll, für jene, die in Niedriglohnsektoren abgedrängt werden, die überfordert und ausgequetscht in einem Kapitalismus arbeiten, von dem die Reichen selbst wissen, dass die Allkokationsprobleme ihn immer mehr in Bedrängnis bringen. Aber, da könnte doch ein Krieg helfen? Ein Krieg natürlch, den böse, unartige Völker so wollten, nicht etwa die Mächtigen, welche die Völker so gerne aufeinander hetzen.

Nein! Niemand von den Unterzeichnern wird zu uns finden. Wir werden ja nicht fordern, dass er dabei auch revorziert, dass er zugibt, er habe sich vergriffen, mit der Erklärung vom 20. Juli 2018 gegenüber allen, denen es nicht mehr so gut geht – und arbeitet ehrlich mit an einer gemeinsamen, für die meisten Menschen Gerechtigkeit herstellenden Geschichte für morgen. Wir wollen kein in seinen unfriedlichen Absichten vereintes Europa der Mächtigen. Das müssen wir klarstellen. Gerade an einem Tag wie heute, der viele Fragen aufwirft und kaum Antworten für unsere jetzige Situation bereithält.

Eine Bitte möchte ich am Ende nicht versäumen: Ich konnte natürlich nicht die Biografien aller Unterzeichner_innen recherchieren. Sollten unter ihnen welche sein, deren Vorfahren jüdischen Glaubens waren und / oder die selbst jüdischen Glaubens sind und / oder deren Vorfahren einer von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheit oder Gruppe angehörten oder sich mit Fug Antifaschisten nennen durften und  Hitlers Macht und den NS-Staat im Ganzen nie toleriert, bestenfalls sogar den voherigen Aufstieg der NSDAP bereits missbilligt haben, mögen Sie sich unbedingt als ausgeschlossen von den obigen Ausführungen betrachten, gleich welche soziale Stellung sie heute einnehmen. Mir ging es darum, nachzuzeichnen, dass es unmöglich angehen kann, den Widerstand gegen Hitler, zumal in seiner sehr späten Version, mit berechtiger Kritik an heutigen europäischen Verhältnissen in Zusammenhang zu setzen und zu verlangen, dass wir alle uns bereitfinden, dieses gegenüber seiner Mehrheitsbevölkerung zunehmend unmoralisch werdende Europa als in allen Aspekten erhaltenswertes Vermächtnis des Widerstandes gegen die Nazis anzusehen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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