Schöne neue Welt ohne Arbeit (Campogeno)

Medienspiegel 26

Schöne Welt ohne Arbeit (Campogeno)

Ich hatte mich auf „Rote Sonne 17“ im Frühjahr zum BGE geäußert. Dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kostet, sehen wir jetzt schon. Das Jobwunder von Deutschland basiert im Wesentlichen darauf, dass immer mehr Menschen sich eine gleichbleibende Zahl von zur Verfügung gestellten Arbeitsstunden teilen. Erst seit 2014 gibt es wieder einen echten Zuwachs – wegen der notwendigen neuen sozialen Jobs, in der Pflege, bei der Integration von Geflüchteten usw. Trotzdem zwei Dinge zum Bedenken, weshalb ich und viele andere Linke Schwierigkeiten mit dem BGE haben. Wir diskutieren übrigens sehr wohl darüber, neulich gab es in meinem Bezirk eine Diskussionsveranstaltung und es existiert sogar eine permanente Arbeitsgemeinschaft auf Landesebene, die das BGE propagiert. Trotzdem:

a.) Bedingungslos heißt nichts anderes als „für alle“. Jede Einschränkung ist eine Bedingung. Und ich sehe nicht ein, warum Menschen, die schon 10.000 Euro im Monat verdienen, noch 2.000 Euro BGE obenauf bekommen sollten – ohne eine Maschinensteuer würde sich das finanziell eh nicht realisieren lassen. Wenn die Roboter uns die Arbeit wegnehmen, müssen sie also auch besteuert werden. Das ist aber auch dann der Fall, wenn das BGE an die Situation des Empfängers gekoppelt ist und dann ist es kein BGE mehr, sondern ein GEB, ein Grundeinkommen nach Bedürftigkeit. Dahin zielt die derzeit noch offizielle die Vorstellung der LINKEn, eine Grundsicherung ohne Sanktionen, also ohne Gängelungen, zur Verfügung zu stellen, die auch jene auffängt, die durch Digitalisierung keine Arbeit mehr haben, aber nicht eh schon Privilegierte noch mehr überzuversorgen.

b.) Es gibt einen weiteren Aspekt. Wollen wir alles von Robotern ausführen lassen, was geht? Klar, ein immer freundlicher Roboter anstelle eines typischen Berliner Busfahrers hätte viel für sich, aber in vielen Bereichen könnte auch die echte soziale Interaktion verloren gehen. Die Japaner haben offenbar keine Probleme mit Robotern, die sie im Alter pflegen. Die sind aber sowieso sehr technikverliebt. Ich habe neulich eine humanoide Roboterin, falls man Robotern ein Gender zurechnen darf, in Aktion gesehen und wie  sie mimisch auf alles reagierte – und sie konnte mich tatsächlich berühren. Ich musste erst einmal darüber nachdenken, wie das geht wo ich doch wusste, ihre Gefühle bestehen nur aus Bits und Bytes. Aber es geht ja auch bei  Kuscheltieren, die überhaupt nicht auf irgendwas reagieren und bei manchen Männern sogar bei Autos, da kriegen sie feuchte Augen, wenn ihnen zwei oder mehr fette Auspuffrohre entgegengucken (Vermenschlichung!) – und bald werden Roboter so weit sein, dass sie menschliche Emotionen klarer vermitteln können als Menschen. Weil sie, wenn die Variabilität stimmt, also noch etwas mehr verschiedene Ausdrücke möglich sind, frei sein werden von irritierenden Untertönen, die nicht auf Anhieb perfekt interpretierbar sind. Außerdem fand ich „Her“ wirklich bezaubernd und hatte nach dem Anschauen daran gedacht, auch mal eine Geschichte darüber zu schreiben, wie sich ein Typ in eine KI verliebt.

Trotzdem ist mir bei einer solchen Entwicklung, wenn ich versuche, sie zu Ende zu denken, nicht wohl – denn in einer Welt, die von perfekten Robotern beherrscht wird, werden wir am Ende immer weniger unseresgleichen mit all den Schwächen akzeptieren, die wir nun einmal haben, die aber spannend sind und zumindest für mich als jemand, der auch fiktional schreibt, als Inspirationsquelle dienen – und wegen des Humors, der sich aus den durch sie geschaffenen Situation ergibt, unerlässlich sind. Und letztlich meine ich doch, ich finde zu einem Menschen, der mir unter Tränen einen Fehler eingesteht, einen tieferen Zugang als zu einem Roboter, der mir lächelnd erklärt, dass ich gerade mal wieder einen Fehler gemacht habe.

TH

Ein Kommentar zu „Schöne neue Welt ohne Arbeit (Campogeno)

Gib deinen ab

  1. stell dir vor, wir würden den gesamten internationalen geldverkehr besteuern. eine weltweite finanztransaktionssteuer zur finanzierung des „global basic income“. wer mehr geld bewegt, zahlt mehr (über 90 % des volumens stammt aus der finanzwirtschaft, z.b. dem hochfrequenzhandel). eine sehr gerechte steuer, ohne steuerschlupflöcher oder möglichkeiten zum betrug. experten haben errechnet, dass eine belastung von 0,3 % bis 0,5 % ein globales grundeinkommen finanzieren könnte. sind 3 oder 5 promille von jedem zahlungsbetrag etwa zu viel? mehr hierzu/weiterlesen

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

- Sascha Iwanows Welt -

Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

%d Bloggern gefällt das: