Borowski und das Land zwischen den Meeren – Tatort 1049 / Crimetime 11

Crimetime xxx - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Das Auge des Sturms ist ziemlich leer

Auf Suunholt, einer kleinen, verschlafenen Nordseeinsel nahe Dänemark, wurde ein Mann tot aufgefunden, der in Kiel kein Unbekannter ist. Oliver Teuber war vor Jahren die Schlüsselfigur in einem Korruptionsskandal. Der Vermisste hat offenbar fernab von Kiel ein neues Leben und eine neue Liebe gefunden. Seine völlig aufgelösten Freundin Famke Oejen bedrängt Borowski, ihr zu helfen, die Wahrheit über Oliver herauszufinden. Sie bezichtigt die Inselbewohner, aus purem Neid Ihr Glück zerstört zu haben. Es gelingt es der gänzlich isolierten Frau, an Borowskis Schutzimpulse zu appellieren, und sie bringt ihn prompt in arge Bedrängnis.

Interview-Rezension Thomas Hocke (mit Angaben zur Auflösung)

Wiedersehen mit Borowski nach 23 Tatorten. Wie war es, mit ihm allein auf dem Land zwischen den Meeren?

Er war oder blieb ja nicht so lange allein, der Klaus. Ich fange mal so an. Es gab eine Zeit, da wurden die Kieler Tatorte von Sascha Arango geschrieben und von Claudia Garde gefilmt. Spannend, mystisch, schräg. So war es in meiner Erinnerung. In Wirklichkeit gab es die Paarung gar nicht so häufig, aber es gab sie, etwa in „Borowski und das Mädchen im Moor“, ich glaube, das war der Film, in dem Wölf vor Borowski über die Straße gelaufen sind. Es gibt aber ein faktisches Merkmal, warum die Arango-Bücher nicht nur gut waren, sondern auch sehr gut passten. Im Norden laufen nach meiner Ansicht Thriller besser als betuliche Rätselkrimis. Klar, auch die echten Nordkrimis aus Schweden sind meist Whodunits, aber man kann mit Thrillern klasse Figuren erzählen, der Täter ist schnell klar, es geht nur noch darum, ob und wie er gefasst wird. Das geht mit Plots, in denen mehrere Verdächtige so gezeigt werden müssen, dass nicht einer ganz klar im Vordergrund steht und es quasi gewesen sein muss, wenn der Film nicht wie Zuschauerverarsche wirken soll, mit denen geht das nicht so gut. Da muss das Figurentableau gleichmäßiger angelegt sein. Dass dabei trotzdem ein Haufen tolle Charaktere herauskommen können, das geht auch, dann gewinnt das Ganze manchmal einen satirischen Drive, wie etwa häufig bei britischen Krimis zu beobachten.

Hier hat man etwas anderes versucht. Nämlich eine Person in den Vordergrund zu stellen, die stark verdächtig ist, es aber nicht sein kann, das Mordsubjekt – und es dann doch ist.

Und das hat funktioniert?

Nein, hat es nicht. Vor allem, weil schon recht früh im Film die Gerichtsmedizinerin sich klar darauf festlegt, dass der Mörder ein Mann gewesen sein muss. Nicht kann, sondern muss, und das anhand der Abwehrverletzungen des Opfers erklärt. Am Ende aber ist es doch die Frau, indem sie einfach auf ihm draufsitzt, in der Wanne. Orgasmus im Moment des Ertrinkens, schick eigentlich. Naja, ob er auch einen hatte, wissen wir nicht, aber bei ihr wirkte es so. Trotzdem ist es Quatsch, dass er sich nicht besser wehren konnte. Und ebenjene Zuschauerverarsche. Es wird am Ende etwas gezeigt, was vorher dezidiert ausgeschlossen wurde. Das wirkt ermittlungstechnisch ziemlich tumb.

Auch eine recht gut Inszenierung, wie sie auch der 30. Borowski-Tatort wieder vorweisen kann, rettet dieses Drehbuch nicht vor dem Absaufen, zumal die Wetter-Allegorien ebenso verpuffen wie viele Figuren-Ansätze und der Bezug zu Theodor Storm, der sich vermutlich in seiner literarischen und realen Beziehung zum stürmischen Norden erschöpft. Eine Novelle, in der eine Frau einen Mann aus dem Grunde einer amourfuriosen Motivation heraus umgebracht hat, ist mir nicht bekannt. Auch, dass er sich literarisch mit der untergegangenen Insel Rungholt befasst hat, die hier wohl ebenfalls ohne wirklichen Sinn einies zur schaurigen Stimmung beitragen durfte, ist mir nicht bekannt, obwohl es angesichts seines Themenkanons naheläge.

Lange vor der ärgerlichen Auflösung dachte ich schon, das ist ja mal ein schick gefilmter Baukasten-Plot. Die schroffen Insulaner im Nordmeer, die Amour fou, die ja eh keiner Erklärung irgendwelcher Handlungsweisen bedarf und weil Sarah Brandt weg ist, darf Borowski mit der Hauptverdächtigen ins Bett. Nicht ersatzweise, Brandt und Borowski hatten nie was miteinander, aber um die Spielzeit zu füllen, die vorher dem Brandt-Borowski-Verhältnis vorbehalten war.

Und wie wirkt Borowski nun ohne Brandt?

Axel Milberg, sein Darsteller, kann einen Tatort auch allein tragen, grundsätzlich. Hier wirkt er mir ein wenig zu fühlend und dezent. Dieser permanente hohe Frageton hat mich genervt, ihm ist die Fähigkeit, auch mal ziemlich schroff und sperrig zu sein, die man auch als Folge des Brandt-Abgangs gut hätte verkaufen können, ziemlich abhanden gekommen. Mag im nächsten Film wieder anders sein, aber hier ist er dermaßen zurückgenommen worden, dass es dann doch nicht so leicht wird mit dem Tragen eines schwachen Drehbuchs über die Ziellinie.

Dafür werden die Inszenierungen immer gewaltiger. Gut, dass es an der Nordsee nicht wirklich solche Tornados gibt, wie hier einer gezeigt wird und der dann doch nur ein wenig an den Häusern klopft, anstatt die Dächer abzudecken – was absolut wahrscheinlich gewesen wäre, angesichts der riesigen Wasserhose. Die düstere Stimmung wirkt schon ironisch, so übertrieben wird sie gemalt. Dafür kommen die Inselbewohner zu wenig zur Geltung. Einige Figuren, wie die Kirchenfrau, was auch immer für eine Funktion sie dort hat und ihr seltsamer Ziehsohn, werden nur angerissen, man macht überhaupt nichts aus diesen Menschen, baut kein richtiges Geflecht auf, in dem sie eine Rolle spielen, sondern kapselt am Ende alles als Beziehungstat, wohingegen ein paar andere Leute sich noch schnell gegenseitig umbringen, um an etwas Kohle zu kommen. Naja. Offenbar wurde auch die Sammlung mit den guten Ideen von den Schweinen gefressen, die ihren eigenen Züchter auf dem Gewissen haben.

Zeigt sich im Düstergrau des Nordens auch Licht?

Die meisten Punkte verschafft diesem Tatort Christiane Paul als sinnliche Tötungsdelinquentin. Auch ihre Figur hätte besser gestaltet sein können, stattd ebendies zu tun, wird mit Amour fou und oh, ein anderes Lebensmodell als die konservativen Inselbewohner, wie überaus sündig, alles ziemlich karg hinterlegt, spiegelt mehr die Grenzen derer, die es damit genug sein lassen als die der Halligbewohner. Aber Paul macht aus etwas Unglaubwürdigem noch eine Menge. Ich habe sie seit einigen Jahren nicht mehr in einem neuen Film gesehen, aber wie sie sich seitdem entwickelt hat, hat mich überrascht – und ich finde es doch sinnig. Etwas leicht Wehmütiges und auch sehr Anrührendes war da immer schon, und das spielt sie jetzt sehr gut aus. Sie gibt einem Charakter Authentizität, welcher nicht gerade danach ruft, konsistent interpretiert zu werden. Und die außerdem das Kreuz zu tragen hat, einen unglaubwürdigen Mord begangen zu haben. Die Badewannenszene konnte auch Christiane Paul nicht plausibel machen, aber sie gibt ihren Szenen etwas von der Emotionalität, die Borowski und die anderen Figuren dieses Mal nicht vermitteln können. Das Fatale an der Femme liegt weniger in einer mächtigen, sprühenden erotischen Ausstrahlung als in dieser Intensität, die sensiblen Hinterfragenden wie Borowski anzieht.  Ob es wenigstens realistisch ist, dass jemand eine Tötungshandlung in der vorliegenden Form begeht und dann im Meer taucht und danach tatsächlich schon glaubt, den Mann nicht umgebracht zu haben, anstatt es zu behaupten, also mehr eine Schock-Amnesie hat, als dass sie lügt, das kann ich nicht so recht beurteilen, aber es kommt mir     herbeizitiert vor, weil eben das Drehbuch insgesamt wenig überzeugt.

Finale?

Vor wenigen Jahren reichte, zumindest in Kiel, eine Person aus, um ein starkes Drehbuch für Klaus Borowski und seinerzeit noch für Frieda Jung oder Sarah Brandt zu schreiben, jetzt kriegen es drei Leue nicht hin, wenigstens gutes Mittelmaß hervorzubringen. Das lässt einige Rückschlüsse darauf zu, dass der deutsche Krimimarkt skriptseitig ziemlich leergefegt ist und vermutlich konzentrieren sich die meisten Autoren auf die Filme eins tiefer, Regionalkrimis und andere Reihen und Serien, bei denen das Konventionelle seinen Platz gefunden hat, das im Tatort nicht mehr sein soll – eigentlich. Denn in „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ kommt es ja doch, wenn auch eingekleidet in eine hochwertige visuelle Gestaltung.

Gibt es Wünsche?

Ich mag Borowski nach wie vor sehr gerne, auch wenn er zwischen den heutigen Mickymaus-Ermittlerfiguren, siehe Weimar vor zwei Wochen, wie ein Relikt ausschaut. Richtig modern war er ja nie, sondern anfangs eher kauzig, dann gebeutelt und manchmal noch kauzig im Dialog mit Frauen, die ihn auf unterschiedliche Weise gefordert haben. Die Bewerbungen für eine Brandt-Nachfolgerin, die laufen ja, das war eine der wenigen hoffnungsvoll stimmenden Informationen in diesem Film. Nachdem ich ihn nun alleine auf einer Insel gesehen habe, auch wenn er eben nicht die ganze Zeit alleine war, wünsche ich mir doch, Borowski bekommt wieder jemanden, der den Nordmann unter den Ermittlern für uns spiegelt. Und wieder einen Thriller. Ein Duell, wie es im Tatort 1049 nicht stattfinden konnte, weil der Polizist und die Prinzessin von der Insel der sinnlichen Melancholie miteinander ins Bett stiegen. Und angeblich kam es dabei nicht einmal zum Sex. Wenn das nicht traurig ist und den Wunsch nach Besserung geradezu provoziert, weiß ich’s auch nicht.

Wertung: 6/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski Axel Milberg

Famke Oejen    Christiane Paul

Roland Schladitz              Thomas Kügel

Oliver Teuber    Beat Marti

Dr. Kroll               Anja Antonowicz

Maren Schütz   Anna Schimrigk

Iversen                Marc Zwinz

Gunnar Peters  Jörn Hentschel

Torbrink              York Dippe

Margot Hilse      Heike Hanold-Lynch

Daniel   Leonard Carow

Regie    Sven Bohse

Musik   Jessica de Rooij

Kamera                Michael Schreitel

Buch      Peter Bender

Ben Braeunlich

Sven Bohse

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