Zwischen den Ohren – Tatort 810 / Crimetime 12

Crimetime 12 / Titelfoto (c) WDR,

  1. Running Gags als konstruktives Gerüst

Eine frohe Botschaft: Es geht wieder aufwärts mit den Münster-Tatorten. Dafür sind gleich mehrere Faktoren verantwortlich.

Zum einen hat man das fulminante Ermittlerduo Thiel & Boerne ein wenig justiert. Boerne etwas zurückgenommener und stellenweise sehr menschlich, Thiel weniger prollig als zuletzt – bis auf die Schlussszene.

Manches ist vorhersehbar. Dass Boerne das Fußballergebnis ausplaudert. Dass die herbe Staatsanwältin Klemm den Pullover hochzieht wie ein Mann. Aber es macht nichts, weil es witzig anzusehen ist, wie sage und schreibe mindestens vier Running Gags durch den Film gezogen werden.

Da ist zum einen die Intersexualität, dargestellt anhand der Art, wie Mann oder Frau auf unterschiedliche Weise Pullis über den Kopf ziehen, im Verlauf tun das mindestens vier Personen. Dann klingelt zweimal der Postmann, als Vadder Thiel beim Nachtangeln ist – und beim dritten Mal glitscht ihm ein Fisch durch die Finger. Schön, wenn man seine eigenen Motivwiederholungen so veralbern kann, wie es die Münstermacher hier vorführen – das wirkt wieder souveräner als in den vorherigen Thiel / Boerne-Folgen.

Dann natürlich das Pokalspiel St. Pauli gegen Bayern – nie kommt Thiel mal dazu, sich das Ding anzuschauen, live nicht und auch nicht aufgezeichnet – und als es dann soweit ist, plaudert der fußballerisch unbedarfte Boerne aus der Schule. Da ist es schon wieder vorbei mit dem Trinken auf Brüderschaft und beim nächsten Tatort geht die Hassliebe zwischen Kommissar und Gerichtsmediziner in die nächste Runde.

Dazu gibt es wunderbare Solitärgags. Etwa, wie Boerne für die Gerichtsmediziner-Preisverleihung einen wirklich schlimmen Text einübt und auch seine Alberich nicht mitnehmen will – und dann bringt er vor Publikum einen ganz anderen und sie sitzt neben ihm in der ersten Reihe. Eine der subtilsten Formen von Humor, die wir bisher in einem Münster-Tatort gesehen haben.

Außerdem gelingt es dieses Mal, ein ernstes Thema einzuflechten und die Balance zwischen Humor, Klamauk und eben diesem Thema Intersexualität zu wahren. Well done!

  1. Handlung, Besetzung, Stab

Kommissar Frank Thiel freut sich auf einen spannenden Fußballabend, Prof. Karl-Friedrich Boerne feilt an seiner Dankesrede zur Verleihung des Wissenschaftspreises und Vater Thiel sucht beim Nachtangeln seine innere Mitte, als ein Fuß, der in einem Motorradstiefel steckt, für Aufregung sorgt. Prof. Boerne ist alarmiert: Hat er diesen Fuß mit einer äußerst seltenen Fehlbildung nicht schon einmal gesehen?

Schnell wird aus der Vermutung Gewissheit: Seine ehemalige Klassenkameradin Susanne Clemens wurde offenbar das Opfer eines Verbrechens. Ihre Ermittlungen führen Thiel und Prof. Boerne zu dem Tennisklub, in dem Susanne zuletzt gearbeitet hat. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass hier gerade eingebrochen wurde. Für das junge Tennistalent Nadine Petri kommt die Aufregung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Das große Tennisturnier in wenigen Tagen könnte ihr internationaler Durchbruch werden. Da dulden ihre ehrgeizigen Eltern Ilga und Walter Petri keine Störung des Trainingsplans. Doch davon lässt sich Thiel nicht beeindrucken. Die Spurensuche in Susannes Umfeld führt den Kommissar auch zu den „Wotan Wolves“, einem berüchtigten Rockerclub mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen.

Besetzung:

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Frederike Kempter
Silke Haller [Alberich] – Christine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Nadine Petri – Anna Bullard-Werner
Ilga Petri – Judith Engel
Walter Petri – Alain Blazevic
Mischa Petri – Tobias Diakow
Biker-Chef – Felix Vörtler
Herr Clemens – Artus-Maria Matthiesen
Susanne Clemens – Katja Heinrich
Sven – David Halina
Hans Schröpf [Der Angler-Hans] – Kalle Pohl
Reporterin – Charlotte Bohning
Albrecht Heck – Peter Trabner
Helle – Marcus Jakovljevic
Friseur – Felix Strüven

Regie: Franziska Meletzky, Drehbuch: Christoph Silber

(Handlung: DAS ERSTE, Besetzung und Stab: TATORT-FUNDUS)

III. Rezension

  1. Etwas weiblicher als üblich

Vielleicht liegt es nicht zuletzt daran, dass bei „Zwischen den Ohren“ eine Frau Regie geführt hat dass er weniger derb ist als die letzten Folgen. Das Duo Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) brilliert dieses Mal nicht, wie in den frühen Folgen, durch überbordenden Klamauk oder durch beinahe loriotschen Wortwitz, wie in den mittleren, die dadurch zu Höhepunkten wurden. Erstaunlich, wie dezent dieses Mal Boerne und Alberich miteinander umgehen, wie Thiel die Kurve vom Prolligen zum bodenständig Proletarischen bekommt und wie Boerne als ein Typ herausgestellt wird, der zwar arrogant wirkt, aber ein grundguter Kerl ist, was man nicht nur in der Verbrüderungszene mit Thiel wahrnimmt, sondern vor allem anhand des oben beschriebenen Gags mit der Preisverleihung.

Die beiden holen sich in „Zwischen den Ohren“ erheblich Sympathiepunkte zurück, die zuletzt ein wenig verloren gegangen sind. Dazu kommt, dass der Krimi fehlerfrei konstruiert ist, das ist ja bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Einzig, dass die Rockerbande nach starkem Anfang im Nichts verschwindet, kann man als eindeutige Drehbuchschwäche deklarieren. Diese Verdächtigen hat man fallen lassen, sie nur benutzt, um Aufmerksamkeit für die ermordete Susanne Clemens zu erzeugen.

Dass hingegen das Thema Intersexualität nicht übertrieben vertieft, aber überzeugend dargestellt wird, ist vor allem der Jungschauspielerin Anna Bullard-Werner zu verdanken, die den Mix aus Druck im Profisport und Identitätskrise zwischen Frau und Mann sehr gut rüberbringt. Sie hat tatsächlich viele Eigenschaften, die man als typisch männlich ansehen mag, ihr ganzes Verhalten ist burschikos, wie  man es früher nannte – und doch ist da ein Mädchen in ihr, das einen Jungen lieben kann. Schön gemacht, das muss man sagen.

Wegen dieses Themas musste man Thiel und Boerne auch etwas weniger albern inszenieren als in den meisten bisherigen Münster-Folgen, es ist ohnehin nicht einfach, die Grenze zur Lächerlichkeit nicht zu überschreiten, wenn die beiden das Ermittlungszepter führen. Mit „Zwischen den Ohren“ ist das Münster-Konzept gut variiert und weiterentwickelt worden und wir sind gespannt, was als nächstes kommt – leider erst in 2012.

  1. Verschiedene Elemente eingewoben

Der Fall ist kein rasanter Thriller, das gab es in Münster sowieso noch nie, sondern lebt von der schönen Interaktion zwischen Thiel und Boerne und natürlich von Boerne an sich – und von der jungen Tennisspielerin, die sich mit einem Boxsack die vielen inneren Konflikte und Aggressionen weghauen muss. Das Familienszenarion scheint eine späte Reminiszenz an die deutschen Wunderkinder zu sein, besonders Steffi Graf und ihr Vater fallen einem ein. Es ist aber auch ein wenig Tod auf dem Nil dabei. Eine ganze Familie mordet eine Gefahr in Form von Susanne Clemens weg, die weiß, dass Nadine Petri intersexuell ist und daraus Kapital schlagen will. Einer für alle, alle für einen. Sogar der Manager und Tennisclubchef macht mit. Ganz realistisch ist das wieder einmal nicht, aber das gibt man in Münster sowieso für gut und es stört nicht die Figurenzeichnung von Nadine Petri.

Die Nebenfiguren sind, von Petri abgesehen, nicht erstklassig gespielt, sondern kommen klischeehaft, aber da es zwei, dieses Mal eigentlich drei Top-Hauptfiguren gibt und alle anderen dauerhaft Mitwirkenden aus dem Polizeiteam, wie immer, gute Vorstellungen abliefern, stört das ebenfalls nicht besonders. Bis auf die Rocker, die hätten mehr Spielzeit verdient gehabt.

Dadurch, dass sie frühzeitig aus dem Spiel genommen werden, wird der Fall recht einfach, es gibt nur wenige Verdächtige und die unwahrscheinlichste Variante hat man genommen, um trotz der linearen Konstruktion für einen Aha-Effekt zu sorgen. Ebenso wie mit der Tatsache, dass Nadine Petri tatsächlich zweigeschlechtlich ist. Auch uns hat der Fakt erstaunt, dass es in Deutschland 100.000 Menschen geben soll, die biologisch so oder ähnlich ausgestattet sind. Für die Seele ist dies sicher nicht einfach. Zudem stellt sich im Sport tatsächlich die  Frage, wo ein Mensch, der gleichermaßen männlich und weiblich ist, mitmachen kann und darf.

  1. Die innere Mitte

Es spielt sich zwischen den Ohren ab, letztlich. Ein Mensch wie Nadine Petri wird es schwer haben, die innere Mitte zu finden und man darf bezweifeln, dass sie das schafft, indem sie nachts angelt, wie Vater Thiel. Beim ersten Mal fördert er einen Schuh zutage, beim zweiten Mal den Rest von Susanne Clemens – und beim dritten Mal fängt er tatsächlich einen Fisch – und der geht ihm durch die Lappen. Diese Thiels sind eben als Kriminalisten begabter denn als Angler. Wer diese Nachtfunde ernst nimmt und danach fragt, ob so etwas realistisch ist, der hat die ganze Münster-Konzeption nicht verstanden. Es ist münstersch – erstaunliche Zufälle werden als Pointen verwendet; als solche kenntlich gemacht und herausgestellt.

Das finden wir viel besser als die bemüht komplizierten und gequetschten Drehbücher, die manchmal Grundlage von Tatort-Folgen sind. Die Figuren, die hier auftreten, sind nicht sehr realistisch, warum sollten es also ihre Handlungen sein und das, was ihnen widerfährt? Dass man das in „Zwischen den Ohren“ ausspielt, ohne dass es die Beschäftigung mit Nadine Petri zu sehr stört, ist ein großes Verdienst von Drehbuch und Regie – wenn man so will, hat diese Inszenierung eine innere Mitte, wirkt solide und angstfrei.

Selbst die Autos der Ermittler werden mehr und mehr zu stilisierten Running Gags – allerdings über die einzelnen Folgen hinweg. Boerne muss jedes Mal ein anderes Protzmobil fahren. Dieses Mal ist es sogar gespiegelt. Boerne hat die aktuelle E-Klasse als Cabrio und Thiel einen alten W 123. So können Autos derselben Marke ganz unterschiedliche Dinge symbolisieren. Zum Beispiel einen Gegensatz zwischen mondänem Professor und schrulligem Kommissar, der immer irgendwo auch ein pubertierender St. Pauli-Fan bleiben wird. Aber auch Boerne hat ja etwas Kindliches in derArt, wie er sich selbst bewundert. Man soll sich selbst lieben, dann kann man auch über den eigenen Schatten springen, wie Boerne es häufig tut.

Wie Thiel wieder zu seinem Führerschein gekommen ist, erfahren wir auch dieses Mal nicht. Aber man hat den Eindruck, der wechselnde Boerne und der Alteisen-Thiel sind wieder ihrer inneren Mitte ein Stück näher gekommen. Wer weiß, ob das nicht auch eine hintersinnige Botschaft der Macher ist – wir haben verstanden und aus den letzten, etwas aus dem Ruder gegangenen Münster-Tatorten gelernt.

  1. Fazit

„Zwischen den Ohren“ ist schön gefilmt, harmonisch und unaufgeregt, kein Meilenstein, aber einer der besten neuen Tatorte in 2011. Wir geben es zu, wir atmen auf, nach deutlicher Kritik an den letzten Folgen von Thiel und Boerne, die wir rezensiert haben. Ein wenig hat sich die Münsteraner Variante der deutschen Premium-Krimiserie mit „Zwischen den Ohren“ normalisiert, aber das ist genau richtig. Man musste, nachdem sich die sehr überzogene Masche früherer Folgen ein wenig leergelaufen hatte, einen neuen Anlauf nehmen, Kraft schöpfen – und hat sich dafür sicher die erfolgreichen ersten Folgen angeschaut, in denen die Figuren noch frisch waren.

Einiges von dieser Frische hat man wiedergewonnen, aber auch etwas beigefügt, was es bisher nicht gab: Eine Figur in Form der jungen Tennisspielerin Nadine Petri, mit der man mitgehen kann und die im Grunde die Spannung trägt, die den Film wirklich ausmacht: Ist sie medizinisch ein Zwitter oder nicht? Wenn man dieses Mischkonzept aus Humor und einer tragfähigen Figur außerhalb des Ermittlerteams weiterverfolgt, kann es weitere Steigerungen geben, ohne dass Thiel und Boerne ihre Wirkung verlieren. Im Gegenteil. Bei Fällen wie diesem können sie ihre sozialen Eigenschaften zeigen. Sogar ein wenig besoffene Männerromantik ist drin. Und die gehört bekanntlich zu den schönsten Elementen eines guten Tatortes. Wir würdigen dieses Element und andere mit 8,0/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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