Pleitegeier – Tatort 208 / Crimetime 15

ES 1988 / Titelfoto (c) NDR

Eine deutsche Krimilegende als Spirituosengrossist

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Disco-König macht pleite und hinterlässt unglückliche Gläubiger allüberall – einer davon, Handwerker, geht in den Freitod, sein Sohn versucht, weiter Geld einzutreiben und trifft dabei auf einen ebenfalls geschädigten Spirituosenhändler, der aussieht wie Jürgen Roland.

Das Drehbuch wirkt in der Tat, als hätte es der Krimispezialist Jürgen Roland selbst geschrieben, was aber nicht der Fall ist. Man sieht ihn hier ausnahmsweise einmal als Darsteller – wie auch Horst Frank. Wo Horst Frank ist, da spielt er meist einen fiesen Typ. In diesem Fall einen rücksichtslosen Bankrotteur, der rechtlich betrachtet unter den Rockzipfel schlüpft und dafür am Ende das Nachsehen hat. Vielleicht war diese Entwicklung unabwendbar, weil die schöne Frau Moll in der Regel Hosen trägt, was in den 1980er Jahren schon keine Seltenheit mehr war.

Sie macht, das erfahren wir im Verlauf, ihr eigenes Ding und will den Ex-Discokönig loswerden. Zunächst wirkt es so, als ob der Mann und das Mittel ihrer Wahl ein etwas unbedarfter Bodyguard und Masseur in einem ziemlich bunten 1980er-Trainingsanzug sei, doch wir sollten es besser wissen – in Wirklichkeit kumpelt sie mit dem Anwalt, der zu allem, was in der Villa Moll passiert, eine Meinung hat und haben muss und bereits in den späten 1980ern ein Laptop als supercooles Arbeitsmittel einsetzt. Schade, dass seine Brille nicht auch so cool ist.

Handlung, Stab, Besetzung

Erstmals in einem „Tatort“ zu sehen ist die populäre Schauspielerin Heidi Kabel. Hartnäckig kämpft sie in der Rolle der Ehefrau eines gutgläubigen Handwerkers um Gerechtigkeit. Ihr Mann, der Elektromeister Roland Krause, ist einem rücksichtslosen Konkurs-Akrobaten auf den Leim gegangen. Der Familienbetrieb, das Werk eines langen Arbeitslebens, steht vor dem Ruin. In seiner Verzweiflung greift Krause nach dem letzten Strohhalm – nicht ohne Risiko. Die Leiche des Handwerksmeisters in der Garage seines Betriebes gibt dem bewährten Kommissargespann Paul Stoever und Peter Brockmöller ein Rätsel auf: Unfall, Freitod oder Mord?

Für Harry, den jähzornigen Sohn des alten Krause gibt es nur einen Schuldigen: den Konkurs-Betrüger Manfred Kaiser. Unangefochten lebt Kaiser weiterhin in aufreizendem Luxus, wohlbehütet von einem Leibwächter und einem Rechtsanwalt, liebevoll umsorgt von einer gefügigen jungen Frau.

Als Harry – von dieser Mini-Mafia herausfordert – aufs Ganze gehen will, versucht ihn Witwe Krause zurückzuhalten – vergebens. Aber was tut eine Mutter nicht alles für den einzigen Sohn. Tapfer wird sie später auch die Polizei belügen – ein Eingeständis, dass sie selbst nicht mehr an die Unschuld Harrys glaubt?

Hauptkommissar Paul Stoever – Manfred Krug
Hauptkommissar Peter Brockmöller – Charles Brauer
Roland Krause – Hans-Helmut Dickow
Harry Krause – Dieter Landuris
Johanna Krause – Heidi Kabel
Maria Moll – Eleonore Weisgerber
Manfred Kaiser – Horst Frank
Dr. Berger – Holger Mahlich
Holger Fries – Ronald Nitschke
Anton Marek – Jürgen Roland
Rita, Harrys Freundin – Bettina Harder

Drehbuch – Bruno Hampel
Regie – Pete Ariel

Rezension

Der Anwalt ist der Cleverste von allen und trickst, als es brenzlig wird, auch die Frau Moll aus – kurioserweise hatten wir den Schluss anders in Erinnerung, als er in der hier beigefügten Handlungsangabe dargestellt wird, obwohl zwischen Angucken und Rezension nur ein Tag vergangen ist. Ab und zu wirkt der Jurist, als hätte er auch Skrupel, aber das stimmt nicht. Er überredet den Discokönig namens Kaiser nur deshalb, Teilzahlungen zu leisten, weil er den Gläubigersohn Krause und den Sprituosen-Roland als Billdarkugeln in einem perfiden Spiel über Bande vor Ort braucht, weshalb er sie auch gegen jede Logik und ohne dass Kaiser so richtig misstrauisch wird, des Nächtens mehr oder weniger gleichzeitig einbestellt.

Wer den Plot etwas verzwickt findet, dem können wir entgegenhalten, dass sich am Ende alles gar nicht so unlogisch aufklärt. Es ist eben ein klassischer Whodunnit mit vielen Twists und manch humorvollem Dialog, fest in der Tradition des traditionellen Rätsekrimis verankert. Diese Tradition endete auch nicht bald darauf mit der Wende und lebt auch heute, obwohl die Realität immer mehr die Plotanlage „Thriller“ spiegelt – man ahnt oder weiß von Beginn an, dieser oder jene war’s, aber wie das mit dem dingfest machen geht, bevor wieder etwas Schlimmes passiert, das ist spannend. Und ob es überhaupt möglich ist, die Täter zu kriegen. Aber nun genug zur aktuellen Politik.

Der Whodunnit hat oft den Nachteil, dass mögliche Täter als Charaktere recht blass bleiben, um nicht zu sehr ins Interesse des Zuschauers zu rücken, sie können aber auch als Klischeefiguren mit kräftigen Pinselstrichen gemalt werden. Das ist von Vorteil, wenn die beinahe immer tatortimmanente Sozialkritik nicht auf Differenzierung, nicht auf vages Verständnis für alle Beteiligten setzt, sondern klare Schuldzuweisungen macht: In den 1980ern, das wird im Film auch erwähnt, nahmen die Firmenpleiten stark zu und wenn ein größeres Unternehmen bankrott machte, wurden viele kleine Firmen hineingezogen. So erklärt es sich, dass der Disco-Grossist dafür sorgt, dass allein wegen seiner Insolvenz auch der ehrliche und gutgläubige Handwerker Krause pleite geht, wodurch der Film seinen Titel erhält – Pleitegeier und Pleitegeier-Opfer. Die Frau des Handwerkers wird übrigens von der Hamburger Volksschauspielerin Heidi Kabel dargestellt (Ohnsorg-Theater), hier kommt also wieder ganz schön westdeutsche Prominenz zusammen. Die Anlage des Plots ist dennoch für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, weil der erste echte Mord erst in der Filmmitte stattfindet.

Recht zurückgenommen spielen die legendären Hamburg-Cops Stoever und Brockmöller in diesem Krimi – sie ermitteln präsent und so gut es geht, aber werden immer wieder von den fortschreitenden Ereignissen überholt. Manchmal gießen sie Schmierstoff ins Handlungsgetriebe, etwa indem Stoever den Krause-Sohn und Marinesoldaten Harald aus dem Arrest holt, damit er bei der Beisetzung seines Vaters anwesend sein kann. Der Junge begnügt sich aber nicht mit dem Trauern am Grab. Er schaut Dokumente durch, findet weitere offene Rechnungen, u. a. eine, die auf die noch nicht im Schutz der Eidesstattlichen Versicherung lebende Frau Moll ausgestellt ist und macht sich furchtlos auf den Weg in die Höhle der miesen Machenschaften und wird so Teil des beschriebenen Planes.

Sicher ist ein solcher Plan nicht sehr glaubwürdig, typisches Krimi-Seemannsgarn, aber den Akteuren zuzuschauen, macht Spaß. Zum einen, weil sie so herrlich einseitig gezeichnet werden wie in einem der alten Edgar-Wallace-Krimis, bei denen u. a. der hier anwesende Jürgen Roland Regie führte; weil man also schön dahingehend manipuliert wird, Figuren wie den Anwalt und den Kaiser so richtig zu hassen und den Jungen, der seinen toten Vater rächen will, mit der Zeit immer mehr zu mögen und natürlich auch Stoever und Brockmöller, die stoisch und mitten im Sumpf der Niedertracht watend ihr Ding durchziehen.

Was es auch noch gibt: Einen alten Buckelvolvo mit Detektiv drin, der die ganze Zeit vor der Moll-Villa steht und die Spannung dadurch erhöht, dass man nicht weiß, von wem er beauftragt wurde. Am Ende klärt sich das auf und diese Figur und ihr Auto sind wie Zitate aus den klassischen Films noir, die man in einen Plot wie den hiesigen reinschreiben kann, aber nicht muss. Wenn man es tut, dann verstärkt es den Eindruck von Bausatzmethode, aber auch das nimmt man augenzwinkernd in Kauf, denn alles ist Unterhaltung und man sieht, dass es immer schon möglich war, dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag dem Publikum gegenüber nachzukommen, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren – nämlich einen Krimi nach guter, alter Hausherrenart zu fertigen.

Brocki trägt hier noch keinen Schnurrbart, es gibt noch keinen Swing, stellenweise zieht sich der Fall etwas und hätte gut ins übliche 90 Minuten-Format gepasst, das er locker überschreitet. Die Dialoge stellen wir uns geschrieben teilweise besser vor, als sie gesprochen werden – doch das Verfremdende in den Sprechweise der Figuren, das noch aus den Einflüssen des Autorenfilms auf die Anfangszeit des Tatorts herrührt, kontrastiert auf eigenartig amüsante Weise mit den holzschnittartigen, schrägen Figuren und den ebenso schrägen Momenten, etwa, wenn Meyer Zwei als Tunte ermittelt, ein Drogenpolizist als Blinder verkleidet durch die Stadt läuft oder Stoever uns erklärt, dass Gutachten gut sind, sonst hießen sie ja Schlechtachten.

Mit Filmen wie „Pleitegeier“ hat der NDR an dem Kultstatus gearbeitet, den Stoever und Brockmöller heute genießen, auch wenn sie im Tatort 208 weder einen ihrer Streits austragen noch eigene skurrile Akzente setzen oder, bis auf Brockmöllers sekundenschnelle Selbstmord-Enttarnung à la Sherlock Holmes, wenig ausermitteln. Nach aktuellen Maßstäben ist „Pleitegeier“ sicher kein Spitzen-Tatort, aber man hat immer das Gefühl, gut unterhalten zu werden – ein Schuss Tatorthistoriker-Interesse ist bei uns natürlich der Aufmerksamkeit und dem Interesse förderlich dabei, und es ist sicher nicht von Nachteil, dass wir mit Stoever und Brockmöller dank der intensiven Traditionspflege, die der NDR den beiden angedeihen lässt, schon sehr vertraut sind (Anmerkung: Die Rohfassung des Textes stammt aus 2013, als der NDR viele der Stoever-Tatorte wiederholte).

Fazit

Wenn eine Legende wie Jürgen Roland in einem Tatort mitmacht, muss man daran erinnern, dass der Man so viele Fernseh- und Filmkrimis inszeniert hat wie sonst kaum jemand. Von „Stahlnetz“ über „Dem Täter auf der Spur“ bis zum heute noch laufenden „Großstadtrevier“ hat er ein großes Oeuvre vorzuweisen – und er war bei wesentlich mehr Tatorten für die Inszenierung verantwortlich als für die Bereicherung des Ensembles (12 x Regie, 2 x Darsteller, neben seiner Rolle in „Pleitegeier“ agierte er im Stoever-Brockmöller-Abschiedstatort „Tod vor Scharhörn“).

Wir geben 7/10 für „Pleitegeier“. 

© 2018, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

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