Tödliche Habgier – Tatort 669 / Crimetime 17

ES 24.06.2007 Fotos © ORF, Andreas Fischer 

Der lange Arm der Stasi reicht bis nach Tirol

Zwei Sporttaucher finden bei einem Tauchgang im Tiroler Achensee eine männliche Leiche, die mit Ketten und einem Schirmständer beschwert versenkt wurde. Offenbar lag der Tote schon seit rund 15 Jahren auf dem Grund des Sees. Die Obduktion ergibt, dass der Mann mit einem Schrotgewehr erschossen wurde. Es stellt sich überraschend heraus, dass der Ermordete aus der ehemaligen DDR stammte. Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) wird aus Wien geholt, um gemeinsam mit dem Innsbrucker Kriminalbeamten Pfurtscheller (Alexander Mitterer) den Fall zu lösen.

Moritz Eisner stellt recht schnell fest, dass das Auffinden der Leiche sowie die intensiven Nachforschungen der Polizei bei einigen Personen Hektik auslösen. Ganz besonders bei drei Freunden, die in den Jahren nach dem rätselhaften Verschwinden des Unbekannten einen erstaunlichen finanziellen Höhenflug erlebten: dem Bürgermeister und Hotelier Paul Kofler (Branko Samarovski), dem Direktor der örtlichen Bank Ludwig Holzer (Gottfried Breitfuß) und dem Autohändler Max Unterberger (Wolfram Berger). Dann findet er heraus, dass der von seiner Tochter Sonja als vermisst gemeldete DDR-Wissenschaftler Heinz Borovski zu dieser Zeit unter falschen Namen im Gasthof Kofler gewohnt hatte.

Die Schlüsselfigur zur Lösung scheint die Bürgermeistertochter Sonja (Laura Tonke) zu sein. Ihr leiblicher Vater war kurz vor der politischen Wende in der DDR nach Tirol geflohen, um sich hier ein Haus zu kaufen. Doch woher hatte er das Kapital? War es unterschlagenes Stasi-Geld und musste er deshalb sterben? Das damals 17-jährige Mädchen war an diesen Ort gekommen, um ihren Vater zu suchen, der als letztes Lebenszeichen eine Ansichtskarte vom Achensee geschickt hatte. Sie wollte nicht mehr zurück, fand Arbeit im Gasthof der Familie Kofler und wurde einige Zeit später von den Besitzern adoptiert.

Die junge Frau, die bis dahin nicht wusste, dass ihr Adoptivvater ihren richtigen Vater gekannt hatte, will den oder die Mörder unbedingt der Gerechtigkeit zuführen und unterstützt Moritz Eisner bei seinen Ermittlungen. Aber ist sie eine schmerzhaft Trauernde, oder eher ein Racheengel?

Als die DNA-Analyse ergibt, dass keine genetische Verwandtschaft mit dem Toten vorliegt, steht Eisner vor einem Rätsel. Da wird im See eine zweite Leiche entdeckt.

Rezension Thomas Hocke 

Im See wird eigentlich keine zweite Leiche entdeckt, sondern Eisner lässt gezielt nach ihr suchen, weil er überzeugt ist, dass es sich um einen Doppelmord handelt. Dieser Film aus der Eisner-allein-auf-dem-Land-Phase ist nun elf Jahre alt und drei Jahre danach kam ja Bibi Fellner hinzu und läutete die bis heute anhaltende Duo-Phase ein. Die Figur Fellner wurde vor allem hinzugenommen, damit die etwas gemächliche und grantelnde Art von Eisner, die auch das Layout seiner Filme bis dahin bestimmte, zu ergänzen mit einem ihrem eher quirligen und aufgeregten Charakter. Einige der Eisner-Fellner-Film gelten heute auch als die besten der gesamten Eisner-Epoche, die 1999 begann und bis heute andauert.

Ich finde einiger der Allein-Eisners auch nicht schlecht und dieses Eindringen des ironischen Städters in die Welt der robusten und mordstarken Dörfler ist immer wieder spannend, weil ins Idyllische so schön das Abgründige eingeflochten ist. So denn auch in „Tödliche Habgier“. Wie die Kritiken zu dem Film in Österreich ausfielen, weiß ich nicht, aber die Idee, 17 Jahre nach der Wende einen Krimi zu machen, in dem die Geschehnisse um den Mauerfall herum eine wichtige Rolle spielen, ist keine ganz gewöhnliche Idee. Ich gehe davon aus, dass die finanziellen Hintergründe recherchiert sind, die beschreiben, wie alte Seilschaften versuchten haben, das SED-Parteigeld vor dem deutschen Fiskus zu verstecken und in die Schweiz etc. zu bringen. Oder eben in Tirol zu investieren. Zumindest hat es genau darauf passende Vorgänge wirklich gegeben, auch wenn das Geld nicht, wie hier, privat gewaschen werden sollte, sondern sogar über die KPÖ, die Kommunistische Partei Österreichs, transferiert wurde. 2017, zehn Jahre nach Erstausstrahlung des Tatorts „Tödliche Habgier“ gab es erst wieder einen Prozess, nach dessen Ende 185 Millionen Euro aus der Schweiz an ostdeutsche Bundesländer zurückfließen müssen.

Der Film ist, typisch eben für die Eisners jener Zeit, nicht sehr temporeich, aber er entwickelt eine Dramatik aus der Ruhe heraus und einen besonderen Reiz dadurch, dass Eisner eine Amateur-Assistentin erhält, die Tochter des Mannes, von dem man bis zu einem DNA-Test annimmt, die erste gefundene Leiche, das sei er.

2018-07-28 Tatort 669 Tödliche Habgier ORF Eisner Krassnitzer Laura TonkeDie Berlinerin Laura Tonke spielt die angenommene Tochter, die nach 16 Jahren in Tirol nicht die geringsten Anzeichen sprachlicher Adaption zeigt, so, dass sie mit Eisner ein eigenartiges, stilles und intensives Bündnis eingeht – um am Ende zu zeigen, dass sie nicht nur an Aufklärung interessiert ist. Allein das Verhältnis fand ich spannend, auch wenn es nicht zu einer richtigen Annäherung kommt. Die Männer aus der alten DDR werden hingegen in der entscheidenden Rückblende so dargestellt, dass man lange darüber grübeln kann, wer nun genau welche Absichten hatte und ob die bedingungslose Haltung der Tochter zum echten Vater überhaupt gerechtfertigt ist. Die seltsamen Wege der Dörfler und die schattigen Verhaltensweisen so vieler während der Phase, in der die DDR unterging, finden zusammen zu einer atmosphärischen Dichte, die bei vielen im ländlichen Raum angesiedelten Tatorte festzustellen ist, manches hat mich in dem Film an die Bodensee-Tatorte mit Klara Blum erinnert.

Die Charaktere sind hinreichend ausgeformt, dadurch unterstützt, dass der Film mittendrin vom Whodunit zum Howcatchem zu werden scheint – und dann ist alles doch ein bisschen anders, zumindest ist die Person, die den Vater umgebracht hat, keiner der drei Musketiere, die sich zu Granden des Dorfs am Achensee entwickelt haben, weil sie die 30 Millionen Mark des DDR-Flüchtigen unter sich aufteilen konnten.

Der ORF fällt immer wieder dadurch auf, dass seine Tatorte recht kapitalismuskritisch sind: Nur durch Raubgeld konnten die einstigen Kleinunternehmer und sehr durchschnittlichen Bürger zu reichen Menschen werden, erarbeiten kann man sich diesen Reichtum nicht. Das ist eine der eindeutigen Lehren aus dem Film und der Unbestechliche, der Wiener Beamte Eisner, wirkt immer, als wenn er erfolgreichen Menschen genau das grundsätzlich unterstellen würde. Wo sich das Kapital ballt, ist ja auch Vorsicht geboten vor den Erzählungen, das alles sei eigene Leistung. Mit geistigen Leistungen oder als Sportler kann man schon was verdienen, wenn der Marktwert es hergibt, aber der unternehmerische Erfolg ist in vielen Branchen, heute mehr denn je, davon abhängig, dass jemand den Rechtsrahmen nicht so eng auslegt. Ein bisschen leid tat mir der Kofler natürlich schon. Er war ja nicht direkt am Verbrechen beteiligt und hatte eine starke emotionale Bindung zur Ziehtochter, die am Ende auch Profiteurin einer illegalen Geldverschiebung geworden wäre, die ihr wirklicher Vater in den Chaostagen zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung vorgenommen hat. Aber das war nicht ihr Ansinnen und über 16 Jahre hinweg hat sie sich offenbar ein starkes Gefühl für ihre wirkliche Familie bewahrt. Auch wenn ihre immer noch rein deutsche Sprechweise vielleicht sogar eingerichtet wurde, um das zu symbolisieren – diesen Part fand ich am Ende ein wenig überzogen, da wäre mehr Loyalitätskonflikt realistischer gewesen, aber im Vergleich mit den oft absurden Motiven anderer Tatorte kann man hier von einem gelungenen Panorama menschlicher Gefühle sprechen.

Wie mehr oder weniger alle Eisner-Filme zeigt auch dieser Ironie in feinen Dosen, die sich aus den Charakteren ergibt, nicht aus der Handlung selbst. Ein Schmäh ist doch immer da und deshalb sind die ORF-Tatorte nie so dröge wie einige deutsche Exemplare der Reihe – unter anderem diejenigen, die über einen gewissen Zeitraum hinweg auf früherem DDR-Boden entstanden.

Überwiegend kommen die Täter bei Tötungsdelikten aus dem engeren Umfeld und  Habgier und Eifersucht sind die häufigsten Motive. Umfeld stimmt hier nicht ganz oder ist Auslegungssache, aber bei den Motiven wäre beinahe beides gegeben gewesen. Und Rache natürlich.

Finale

Ich stehe den Eisner-Tatorten eh grundsätzlich positiv gegenüber und dieser hier triggert natürlich die Zeit, in der die Mauer fiel und das habe ich ja doch sehr direkt mitbekommen, auch wenn ich zu der Zeit noch nicht in Berlin lebte. Es war ja eher anders herum, die Stadt begann mich erst zu interessieren, als die Mauer weg war. Die hat in mir immer eine Ablehnung hervorgerufen und auch vieles, wofür sowohl der West- als auch der Ostteil der Stadt damals standen, erschien mir suspekt. In „Tödliche Habgier“ hat sich ein großes Trauma, das sich seit 1989 zu bereits vorhandenen gesellt hat, im Handeln einer einzelnen Person manifestiert und radikalisiert und daher ist das Ende dieses Films in der Tat so traurig, wie es gezeigt wird. Außerdem ist er schön gefilmt, subtil und kundig fotografiert, ohne dabei zu überziehen, wie heute üblich und auch die Töne stimmen im Wesentlichen. Ich konnte also mitgehen und denke, 8/10 sind gerechtfertigt.

Als der Film erstausgestrahlt wurde, war ich gerade umgezogen – von Österreich nach Berlin.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Moritz Eisner – Harald Krassnitzer

Inspektor Franz Pfurtscheller – Alexander Mitterer

Karin Holzer – Claudia Messner

Ludwig Holzer – Gottfried Breitfuß

Max Unterberger – Wolfram Berger

Paul Kofler – Branko Samarovski

Sonja Kofler – Laura Tonke

Dr. Verena Schreyvogel – Brigitte Jaufenthaler

Drehbuch : Felix Mitterer

Regie : Wolfgang Murnberger

Regieassistenz : Georg Mayrhofer

Kamera : Peter von Haller

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