Eine traurigschöne Geschichte an einem superheißen Sommertag / #Hitzewelle #Lostplaces #Schwimmbad #Erinnerungen #Abschiedfürimmer #Kaputtsparen

2018-06-24 In eigener Sache2018-06-24 KommentarDer heißeste Tag des Jahres – bisher. Echte 35 Grad und gefühlte 38 in Berlin. Und doch gibt es viel  heißere Orte in Deutschland, am heutigen 31. Juli 18.

Und ich denke an einen besonders magischen Platz meiner Jugend, an eine Gegend, in der im Supersommer 2003 die 40 Grad-Grenze erreicht wurde. Ich denke an das große Schwimmbad in der Nachbargemeinde meines früheren Wohnortes.

Dort habe ich unzählige Stunden verbracht, bei Hitzefrei sind wir schnell von der Schule aus hin, weil es um die Mittagszeit noch einigermaßen leer war – und auch sonst an Sommernachmittagen, in der Halle dann im Herbst, Winter, Frühling. Vom Schwimmen lernen über das Training im Verein bis hin zur eigenen Position als Trainer und Jugendwart, 15 Jahre lagen dazwischen. Und in weiteren heißen Sommern, in den Semesterferien, habe ich dort als Aufsicht dem Schwimmmeister geholfen.

Ob er noch lebt, der gute Petersen*, den es aus dem Norden zu uns verschlagen hatte und mit dem man so herrlich diskutieren konnte, ohne einen Zentimeter Terrain zu gewinnen? Und was würde er dazu sagen, wie es heute an unserem Platz aussieht? Die Schließung des Bades 2007, die hat er sicher noch erlebt, er müsste damals um 70 gewesen sein. Als wir zusammen dort arbeiteten, lief er Marthon und trainierte die Biathleten des Schwimmvereins.

Über 3000 Badegäste hatten wir an Spitzentagen. Es war das größte Bad in der Region (von den beiden Freibädern der Landeshauptstadt abgesehen) und von überall kamen die Leute angefahren um sich zu erfrischen und herzhaft zu toben. Deshalb hoffte ich manchmal, es würde nicht so heiß und das Geschehen bliebe etwas ruhiger. Heute wäre ich froh für jeden guten Geist, der das alles noch enmal zum Leben erwecken könnte und für jeden Badegast.

Ob ich die ganze Geschichte schreiben werde – ich weiß nicht. Heute ist es mir – genau, zu heiß. Aber sie müsste eine Gegenüberstellung sein. Etwas über jene tollen 1970er und 1980er, über die Zeit, die ich als Kind und Jugendlicher erleben durfte – und wie dann alles kaputtgespart wurde.

Natürlich ist ein Schwimmbad in der Regel defizitär, auch wenn es gut läuft. Sofern die Preise nicht Abschreckungscharakter haben, wie teilweise in Berlin, aber dann gehen ja weniger Leute rein, das Defizit bleibt. Doch was sind 400.000 Mark Miese jährlich für eine Gemeinde, die damals als das größte Dorf Deutschlands (West) galt, weil alle größeren kommunalen Verwaltungseinheit in der alten Republik Stadtrecht hatten. 15 Mark pro Jahr und Einwohner, wie furchtbar, dieses Defizit ausgleichen zu müssen.

Heute ist das Bad offenbar einer der beliebtesten Orte fürs Filmen von  „Lost Places“, ich habe mindestens zehn Youtube-Videos gezählt und das neueste aus 2017 ausgewählt.

Wenn ich im Sommer Dienst hatte, habe ich morgens zuerst das Sportbecken gereinigt. Indem ich den Saugroboter duchfahren ließ. Sowas gab es dort lange, bevor es für den Heimbereich in Mode kam und ein Exemplar kostet etwa 15.000 DM. Um die Seitenwände des tiefen Sprungbeckens freizubekommen, habe ich  hin und wieder eine Taucherausrüstung angelegt und kratzte und putzte an kleinen Schmutzstellen herum, bis mir zu kalt wurde, denn das Sprungbecken war als einziges nicht beheizt. Und aus dem Mehrzweckbecken mit der Rutsche, die man auf dem Eingangsbild sieht, habe ich einmal ein Mädchen gerettet, dem jemand buchstäblich auf den Kopf gerutscht war und das ohnmächtig im Wasser trieb.

Und als es geschah, stand ich ziemlich genau dort, von wo das obige Foto aufgenommen ist, auf der „Brücke“, dem Außenbereich des Schwimmbadrestaurants, von dort konnte man das ganze Bad übersehen- bis auf die Liegewiese hinter dem Sportbecken, aber es ging ja auch darum, das Geschehen im Wasser und direkt an den Beckenrändern zu beobachten, nicht um das, was sich drumherum und manchmal unter Liegetüchern zutrug.

Auf älteren Videos kann man erkennen, dass die Graffiti erst massiv kamen, nachdem um 2016 herum klar war, dass es keinerlei Zukunft für diesen Betrieb geben würde. Selbst die Sprayer hatten gewartet, ob das nicht doch nochmal was wird, mit meinem magischen Sommerplatz.

Jetzt macht das hübsche Bad in meiner damaligen Wohngemeinde Werbung damit, dass es das einzige in der Region ist. Es hat nur ein Becken und fasst nicht einmal halb so viele Besucher wie dieses damalige Superbad, Baujahr 1974, in dem ich jeden Zentimeter kenne (bis auf den Technikraum im Keller, da durfte ich nie rein) und das heute ein Lost Place ist.

Traurig ist sicher nicht, dass das Verweilen dort ein abgeschlossenes Kapitel meiner Geschichte ist, sondern, was geschehen ist. Wie in unserer Epoche des neoliberalen Kaputtspar-Ideologie ein großes Versprechen umfassender und gerechter Daseinsvorsorge zerstört wurde.

Meinen Verein gibt es nicht mehr. Die Schwimmkurse nicht mehr, die vielen Kinder, die dort Spaß am Nass und am Schwimmtraining hatten, die Wasserratten und die Zögerlichen, die Pommes-Esser und die Butterkeks-und-Sprudel-Fraktion, zu der ich gehörte, die Pfauen, die Schwäne, die Tauben und die Spatzen. Die Mädchen, die auf den Bänken saßen und guckten, wie die Jungs aus dem Waser des Einchwimmankanals stiegen und miteinander wisperten. Was sie wisperten, so, dass man es eben doch gerade verstehen konnte, das erzähle ich vielleicht, wenn ich einen richtigen Beitrag aus all dem mache.

Petersen war natürlich schon in Rente, als das Bad schloss, aber der junge, damals etwa so alt wie ich, sein Nachfolger, mit dem er sich am Schluss abwechselte, was wurde aus ihm? Es wuchsen ja damals keine neuen Hallen mehr, wurden keine Becken mehr ausgehoben.

Wenn ich heute in der alten Heimat bin, könnte ich nicht mal aus nostalgischen Gründen dort eine Stunden zum Schwimmen gehen, dabei in die Sonne blinzeln und an die herrlichen Hitzefrei-Tage denken und all jene an mir vorüberziehn lassen, mit denen ich damals war. Rainer*, mein Alter, mein bester Schulfreund, was sagst du dazu? Worüber haben wir eigentlich in all der vielen Zeit dort gequatscht? Wenn wir nicht gerade Fangen gespielt haben und uns natürlich dabei nicht an die Regeln des ordentlichen Badebetriebs hielten, die ich später selbst versuchen musste durchzusetzen. Ah, wir waren schon beide recht gute Schwimmer und so, oder? Und kein Schatten. Kein Schatten, das war anfangs das größte Problem. Denn sie hatten das Bad ja nicht in einen Wald hinein gebaut, sondern auf einem früheren Acker uns so waren wir nicht drauf, dass wir von der Schule aus Sonnenschirme mitbrachten. Aber die vielen Bäume wuchsen, die sie gepflanzt hatten und wir auch und als ich das letzte Mal mit Bekannten draußen war, so um 2003, da traf ich nicht nur den Harms wieder und wir klönten, sondern wir fanden auch alle zusammen ein schattiges Plätzchen.

Das obere Bild muss also aus den letzten Jahren des Bades stammen, zuvor hatte es auch nicht sowas wie die grüne Schwimminsel im Sportbecken gegeben, das ursprünglich nun einmal für Bahnenschwimmer gedacht war.

Und du, Andy*, du ewiger Scheinsiegertyp, gegen den ich antrat, als kurz vor Weihnachten im Hallenbad von deinem Vater, dem Vorstand, die Wahl zum Jugendwart so überraschend angesetzt wurde, obwohl ausgerechnet an dem Tag nur wenige aus meiner Gruppe da waren und von deinen Mädels fast alle? Oh ja, ich war stolz auf die Kids und ihr Urteilsvermögen. Unsere Freudschaften und unser Zusammensein in diesem Schwimmbad würden ewig währen oder mindestens, bis sie erwachsen sein und andere Interessen habe würden. Dann war ich es, der ging. Zu früh, eindeutig zu früh.

Vor ein paar Tagen erst hatte ich einen zum heißen Sommer passenden  Beitrag in der FAS gelesen, der von den Nachdenkseiten noch passender kommentiert wurde, deshalb hier nur die Verlinkung zu den NDS. Die Idee, nach dem Schicksal des Bades zu forschen, kam mir, weil es heute so heiß ist und ich an jene Tage und Sommer denken musste. Und als ich das oben verlinkte Video und einige andere dazu angeschaut hatte, saß der Schock tief und ich spüre, dass mir dies alles immer noch viel bedeutet. Und dass der Kampf erst beginnt.

Thomas Hocke

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