Klagt mich an! (Meurtres!, F 1950)

Filmfest 3

Um seiner krebskranken Frau den Schmerz zu ersparen, leistet Noël ihr Sterbehilfe. Daraufhin wollen seine Brüder ihn in die Psychiatrie einweisen lassen – aus Angst, ihren guten Ruf zu verlieren. Allein seine Nichte setzt sich für Noël ein … – Richard Pottiers mutiger Film (1950) über Sterbehilfe basiert auf einem Roman des belgischen Schriftstellers Charles Plisnier.

Seit es die Brüder Blaise und Hervé Annequin in Aix-en-Provence zu Wohlstand gebracht haben, treten sie ihrem bescheiden lebenden Bruder Noël, dem schwarzen Schaf der Familie, mit Verachtung gegenüber. Nicht einmal das Schicksal von Noëls krebskranker Frau Isabelle interessiert die beiden. Als Isabelle ihren Mann eines Tages bittet, ihrem Leiden ein Ende zu machen, folgt Noël diesem Wunsch und leistet seiner Frau Sterbehilfe. Seine Brüder, die einen Skandal fürchten, wollen die Angelegenheit mit einem hässlichen Vorwand vertuschen: Sie beschließen, Noël für verrückt erklären zu lassen, und leiten seine Zwangseinweisung in die Psychiatrie ein. Als Noël sich schon mit seinem Schicksal abgefunden hat, schreitet seine Nichte Martine ein und verlangt einen Kompromiss. Man einigt sich darauf, dass Noël Frankreich verlässt und nach Südamerika auswandert. Martine beschließt, ihrem Onkel ins Exil zu folgen, was ihr selbst einen Vorteil bringt: Indem sie mit ihrer Familie bricht, kann die junge Frau einer arrangierten Hochzeit mit ihrem Cousin entgehen. Die Figuren in dieser Familiensaga wirken beinahe karikiert. Fernandel ist hier als das schwarze Schaf der Familie in einer ernsten Rolle zu sehen und formt ein außergewöhnliches Tandem mit der 22-jährigen Jeanne Moreau, die seine Nichte Martine spielt. Orson Welles nannte sie einst „die beste Schauspielerin der Welt“. (ARTE)

Rezension

Regisseur Richard Pottier alias Ernst Deutsch (geboren in Graz und emigriert nach Frankreich) wurde vor allem dadurch berühmt, dass er Martine Carol mit „Im Anfang war nur Liebe“ (1951) und „Mein Leben für die Liebe“ zum Sexsymbol und Superstar Frankreichs aufbaute, das waren recht aufwendige Kostümspektakel, die während der Zeit der französischen Revolution spielten und etwas Restauratives hatten, wie „Angélique“ etc. Dadurch, dass man in Deutschland eher linkes französisches Kino kennt und die Kunstfilme des Poetischen Realismus, die vor der Nouvelle Vague angesiedelt sind, hat man gerne ein falsches Bild davon, was damals überwiegend in Paris gedreht wurde – und gut ankam. In der IMDb wird allerdings „Meurtres!“, wie „Klagt mich an!“ im Original heißt, mit 6,7/10 zwar nicht sehr hoch, aber besser bewertet als die meisten Streifen von Pottier.

Da ich den Hauptdarsteller, den unvergleichlichen Fernandel, nicht nur durch seine humorvollen Darbietungen in den Don-Camillo-Filmen kenne, sondern auch in einigen Werken des „PR“ gesehen habe, weiß ich, dass er auch ernst kann, trotz seines Gesichts, das wie geschaffen ist, um wundervoll heitere Figuren zu geben. Die größere Leistung ist es also, einen so gepeinigten Mann wie Noel Annequin zu spielen. Und diese Rolle hat es in sich – in den USA hätte sie möglicherweise einen Karriereknick verursacht, nimmt man die frühen 1950er als Bezugspunkt, in dem die Gesellschaft dort besonders konservativ war. Der Film ist auch im Ganzen sehr unangenehm, hat mich sogar ein wenig an Renoirs böse Studie „Die Spielregel“ erinnert und ich könnte mir vorstellen, dass die Annequins nach den dort zahlreich zu beschauenden Großbürgern modelliert wurden, nur nicht ganz so großbürgerlich, sondern eher als Aufsteiger, die immer Spießer geblieben sind und ihren verzweifelten Bruder und dessen Handeln bloß als hinderlich für die eigenen Karrieren ansehen.

In Paris spielend hätte der Film nicht funktioniert, weil die Stadt zu groß ist, zu anonym, aber Aix-en-Provence, das passt, da kennt man sich noch einigermaßen und der gesellschaftliche Tratsch geht schnell um. Es ist aber kein wunderbarer Film des Südens, wie die Werke von Marcel Pagnol, mit de Fernandel ebenfalls gedreht hat, sondern geradezu eine Abrechnung. Es gibt mit dem Richter, der nicht daran glaubt, dass Noel verrückt ist, eine positive Figur neben Noel selbst und mit Martine, gespielt von der sehr jungen Jeanne Moreau, einen weiteren überwiegend hellen Charakter, aber alle anderen? Die Dialoge stellen unmissverständlich klar, dass man es mit lauter bösartigen Menschen zu tun hat, die nur durch die Konventionen von größeren Schandtaten abgehalten werden. Wenn zum Beispiel der Mann, den Noel am Friedhof trifft, während der Fahrt mit dem Taxi erklärt, er hätte verstehen können, wenn Noel seine Frau umgebracht hätte (was er ja, technisch gesehen, tat), jeder Mann würde sich das hin und wieder wünschen, nur,  wer weiß, was nachkäme?, bekommt man ein Gespür dafür, wie aggressiv diese bürgerliche Welt ist, in der Menschen sich durch niedere Ziele klein machen, die für höhere ausgegeben werden, etwa die Sucht nach Orden und nach Reputation, nicht einmal so sehr nach materiellem Wohlstand, der läuft quasi mit, in diesem Werk.

Die sehr scharfe Sprache der Figuren hat tatsächlich etwas von Karikatur, aber sie ist auch sehr geschliffen und unvergleichlich französisch, da erscheint selbst die niedrigste Gesinnung noch elegant verpackt. Trozdem war mir der Film etwas zu dialoglastig und erklärend, zu „schwer“ bezüglich seiner Inszenierung. Das Problem: Man konnte die Figuren in dieser wieder einmal blendend restaurierten Fassung zwar gut akustisch verstehen, aber – obwohl besonders Fernandel seiner Sprache manchmal etwas Gedehntes und Theaterhaftes gibt, ist die Eintrittsvoraussetzung für einen Nicht-Muttersprachler hoch, was eben an der oft allegorischen Wortverwendung etc. liegt. Anders ausgedrückt, ich musste immer wieder aufs Gelbe, auf die Untertitel schauen und das stört sehr beim Betrachten der Interaktion der Figuren. Vielleicht hätte ich sie ausschalten und auf die eine oder andere sprachliche Finesse verzichten sollen, um mich ganz aufs üble Geschacher einlassen zu können, das sich die Annequins hier abhalten. Sehr interessant aber, dass niemand daran dachte, Noel doch einfach zu beseitigen. Dadurch wurde es nie ganz gefährlich und ein Thriller ist nur der erste Teil, in dem es darum geht, ob Noel nun seine arme, todkranke Frau vom Leiden befreit oder nicht.

Um die moralische Zwickmühle des Braven, aber nicht Einfältigen, wie sich noch herausstellen wird,  besonders zu verdeutlichen, wird die Frau auf eine Weise dargestellt, die dem Zuschauer wirklich den Schweiß auf die Stirn treiben kann, auch wenn er den Film nicht gerade an einem besonders heißen Juliabend und bei über 30 Grad in einem  Juli anschaut, um ihn bei gleicher Wetterlage tags darauf zu rezensieren. Ich habe nie zuvor in einem Film eine Frau so um ihr Ende betteln sehen und einen Mann schon gar nicht. Somit ist jedem, der dies sieht, vollkommen klar, warum Noel so handelt, wie er handelt und das ist sicher eine der Stärken des Films. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er ein edles Motiv hat, als er zur Spritze greift. Das geht so weit, dass man als Zuschauer mit erlöst sein möchte und damit in die Kumpanei mit dem Euthanasie praktizierenden Ehemann eintritt. Ich meine, das ist in Ordnung, denn der Film soll ja klarstellen, dass es Situationen gibt, in denen jemand nicht mehr weiterleben möchte, nicht mehr weiterleben kann und – sollte. Hätte seine Frau ihn nicht so angefleht, dann hätte wir immer den Verdacht gehabt, Noel wollte diesen Menschen, der ihm nur Mühe machte, aus eigenem Antrieb oder Interesse loswerden wollen, doch das Spiel der Akteure in jener Situation gibt uns keinen Anlass dazu.

Damit ist das Schlimmste vorbei, zum Ende hin wird der Film sogar richtig heiter; vor allem, als Noel durch die Stadt geht und sich jedem zeigt und Bemerkungen macht, welche den (übrigen) Annequins schaden könnten. Bevor er sich dann mit seiner Nichte verabschiedet und die andere sogar zwingt, ihn zum Bahnhof zu begleiten, ansonsten er weiter Unfug treiben und den Namen der Familie vollends ruinieren würde. Und aus dem Waggonfenster neben ihm lugt plötzlich die Nichte Martine, die Hoffnung der Familie, die nun perdü ist und sich nach Venezuela einschiffen wird, um dort frei zu sein von einer arrangierten Nützlichkeits-Ehe, die ja nur wieder dazu führen, dass man mit der Zeit einander spinnefeind und allgemein sehr garstig wird. So endet doch alles mit einem zufriedenen Lächeln des Betrachters. Nein, man kann kein neues Leben beginnen, das ist eine Floskel, auch dies weiß Noel. Aber man kann dem Leben, dessen bereits geschriebene Kapitel nicht auszulöschen sind, eine neue Wendung geben.

Finale

Der Stil des Films ist zwar konventionell, aber das Thema hat es in sich. Es wird sogar behauptet, es sei das erste Kinostück, das sich mit der Euthanasie befasst – und dann gleich so zentral und vollständig, dass man von einer exemplarischen Ausgestaltung sprechen kann. Wir wissen, dass heute, fast 70 Jahre nach dem Entstehen von „Meurtres!“, dieses Thema in Deutschland immer noch höchst kontrovers diskutiert wird.

Die Rechtslage in Frankreich und Deutschland ist heute weitgehend gleich – aktive Sterbehilfe, also Tötung auf Verlangen, wie wir sie im Film sehen, ist noch immer verboten. Indirekte Sterbehilfe durch Palliativmedizin und passive Sterbehilfe sind in beiden Länder legal, wenn eine entsprechende Willensäußerung des Patienten oder eine Patientenverfügung vorliegt. Einen Unterschied gibt es beim assistierten Suizid, der in Frankreich generell verboten ist und in Deutschland möglich, wenn der Helfer dabei nicht gewerbsmäßig handelt. Besonders liberal innerhalb der EU sind die Benelux-Länder, ihn ihnen sind alle vier genannten Formen der Sterbehilfe legal, auf der Gegenseite stehen noch besonders religiös-katholische Länder wie Polen, in dem ein striktes Verbot aller vier Formen gilt. Ist es an jemandem, der nur einen Film rezensiert, Position zu beziehen? Doch, wenn er ja auch viel politisch schreibt und denkt. Ich glaube, wenn Missbrauch ausgeschlossen ist und eine klare Willensbekundung des Todkranken vorliegt, denn ein Sterbehelfer hat ja auch eine Machtstellung, dann würde ich die Sterbehilfe in allen Formen zulassen. In Deutschland ist der Begriff Euthanasie aber out, weil die Nazis ihn zur Tötung „unwerten Lebens“ missbraucht haben und das beeinflusst bis heute die oftmals recht verkrampfte hiesige Diskussion zur Sterbehilfe.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kamera :

André Germain

Schnitt :

Hélène Battini

Musik :

Raymond Legrand

Produktion :

Cité Films

Fidès

Produzent/-in :

Jacques Bar

Regie :

Richard Pottier

Drehbuch :

Henri Jeanson

Maurice Barry

Charles Plisnier

Darsteller :

Jacques Varennes

Colette Mareuil

Jeanne Moreau

Philippe Nicaud

Georges Chamarat

Fernandel

Mireille Perrey

André Carnège

Line Noro

Germaine Kerjean

Raymond Souplex

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