Tod im Häcksler – Tatort 249 / Crimetime 22

Crimetime 22 / Titelfoto © SWR 

Das böse, düstere Dorf, Prototyp

Aufgrund eines anonymen Anrufs muss Lena Odenthal in dem kleinen Dorf Zarten, tief in der pfälzischen Provinz ermitteln. Dort ist der Rumänienaussiedler Höreth vor zwei Jahren spurlos verschwunden. Kinder aus dem Dorf haben nun seine Kleider im Wald gefunden. Es stellt sich die Frage nach dem Mord, ob es sich um Mord handelt.

Zunächst deutet einiges darauf hin, dass der 45-jährige Spengler in den Mord verwickelt ist. Als Lena mitten in der Nacht eine Versammlung der Dorfbewohner in der Kirche beobachtet und dabei niedergeschlagen wird, spitzen sich die Ereignisse zu.

Rezension

Ulrike Folkerts und Ben Becker als Beinahe-Liebespaar – und Kommissarinnen, die geraucht haben. Ich habe schon lange den Eindruck, dass die frühen 1990er, die ich kannte, sich erheblich von denen unterscheiden, die in von Tatorten als Wirklichkeit suggeriert werden. Verstärkt wird der Eindruck durch die furchtbarste Mode aller bisherigen Zeiten, bei Lena Odenthal in Form einer babybauchvorspriegelnden Über-XXXL-Jacke im schwarz-anthrazitfarbenen Materialmix. Dagegen ist die ebenfalls riesige rotgemusterte Jacke, die sie abwechslungsweise trägt, geradezu Haute Couture. Wie muss eine Zeit gewesen sein, in der sowas modern war? Ich fand die 1960er immer schon superklasse, modisch gesehen, die 1970er haben für mich mit ihren grellen Farben und auslandenden Kragen, Revers und Krawatten auch was, in den 1980ern hat man einen Rückbau versucht, aber gleichzeitig entstand diese Tendenz zu höchst unförmiger und für menschen mit normaler Figur unvorteilhafter Kleidung – wie lob ich mir da doch die Leder-Polizeijacke von Ben Becker, die eindeutig in den 1970ern designt wurde, inklusive seiner passenden Halblanghaarfrisur, die auch etwas Zeitloses hat. Lenas auslandende Form von Kurzhaarfrisur – okay. Aber sonst sah sie damals wirklich süß aus und hatte nicht dieses hochernst-moralische Im Blick wie später, sondern ging durch alle Fährnisse des Dorfes mit Seelenruhe und einem ironischen Lächeln bzw. sie fuhr, bevor man die Reifen des Polizeikäfers zerschnitt, der damals schon ein „Oldtimer war“ (vermutlich ca. 20 Jahre alt).

Könnte man hingegen das Dorf selbst heute noch so darstellen? Und war es der erste dieser Dorfkrimis Marke Tatort, in denen ein absolut düsterer Haufen von primitiv lebenden Menschen sich zu einem Mob formte und den Widerspenstigen zur Strecke brachte, der sich dem Fortschritt widersetzen wollte? Die plötzlich wertvollen Grundstücke, das Bauprojekt, das von deren Erwerb abhängt, der Tod als Gemeinschaftswerk derer, die ein Geschäft riechen. Das ist jedenfalls ein Standdard, vielfach variiert, auch unter Einschluss der Kapitalisten, die ja in „Tod im Häcksler“ eher neutral dargestellt werden. Wenn das ein Fall für Ehrlicher und Kain gewesen wäre, dann wären einige Details im Drehbuch sicher anders ausgestaltet worden. Zugunsten der Dörfler und zulasten der Investoren. So aber bleibt doch ein Bedauern und ein gewisses Unverständnis. Allerdings gibt es bei diesen Krimis einen Haken. Wenn es ein überragendes Gemeinschaftsinteresse gibt un nur einer von ganz vielen Grundstückseigentümern sperrt sich gegen dieses Interesse, kann er zwangsenteignet werden. Gegen Entschädigung, versteht sich. Da, wo die Braunkohle sich beispielsweise durch die Landschaft frisst, dürfte davon immer mal wieder Gebrauch gemacht werden, sonst würde an einem uneinsichtigen Menschen, welche Motive er auch immer haben mag, das Wohl und Wehe einer ganzen Region hängen. Ebenso bei großen Straßenbauprojekten.

Aber was gibt es Schöneres, als das Dorf so garstig zu zeigen wie hier? Und doch bringt es mit dem jungen Polizisten Stefan auch eine sympathische Figur hervor, wie man sie in den Arroganz³-Stadt-Dorf-Gegensatzkrimis von Lindholms Charlotte vergeblich sucht, weshalb diese Filme auch so kalt und übermäßig auf Asymmetrie gepolt wirken.

Natürlich gibt es viele Übertreibungen und witzige Fehler wie zum Beispiel den, dass Lena ihren Käfer eigens auf die falsche, linke Straßenseite steuern muss, um ein Huhn zu „überfahren“, woraufhin dann erstmalig der Häcksler ins Bild kommt und hörbar wird. Und dieser Brandanschlag und wie alle Telefone mal schnell stillgelegt werden, sodass Lena aus LU keine Hilfe anfordern kann. Beinahe ein Agatha-Christie-Plot. Schade, schade, dass das alles heute obsolet geworden ist. Aber, Achtung: In Form des D-Netz-Telefons des Energieversorger-Vorstands  ist die mobile Telekommunikation ja doch zur Stelle, als sie echt gebraucht wird. Nostalgie², weil ich solch ein Teil damals auch im Auto hatte (ausbaubar zwecks Verwendung außerhalb des Fahrzeugs) und mich, als die ersten Leute mit Handys herumliefen, wunderte, wo sie wohl n den Anzügen oder Mänteln das Batterieteil so gut versteckt hatten.

Und dann die sehr unterschiedlichen Wetterlagen und Zustände der Natur und im Radio werden 20 Grad angekündigt und draußen liegt Restschnee und Szenen mit Raureif gibt es auch, dafür auch Nachrichten, in denen erwähnt wird, wie Helmut Kohl die in- und ausländische Wirtschaft zu Investitionen im Osten Deutschlands aufruft, der bald eine der modernsten Regionen in Europa darstellen würde. Stimmte ja auch, infrastrukturell, doch umso abgehängter wirkt dann dieses pfälzische Dorf neben dem Dorf, das noch mehr aus dem Fokus der Welt gefallen scheint als vor der Wende. Das Sahnehäubchen werde deshalb auch gewesen, wenn der Energieversorger seine Talsperre stattdessen nicht in Baden-Württemberg, sondern in Thüringen gebaut hätte, wo es ja auch hügelig ist, also Gegenden gibt, die sich für solch eine Anlage eignen.  Vielleicht wollte man aber auch den Neid nicht zu stark schüren, der dann in den Westkommunen aufkam, als das Meiste in den Osten floss und die Infrastruktur in den alten Ländern die erste Stufe ihres Niedergangs erlebte. Die zweite war dann der austeritätsbedingte Downfall der öffentlichen Infrastruktur, der schon das ganze Land traf, aber natürlich vor allem wieder den Westen, dessen Bauwerke aus den 1950ern bis 1970en langsam sanierungsbedürftig wurden.

Männliche Dorfjugendliche gleichen Alters gibt es hingegen für eine 120 Seelen-Siedlung eindeutig zu viele, aber sie sorgen auch für eine der besten Szenen, als einer von ihnen mit der Brille des Opfers durch die Scheibe schaut und die Witwe erschreckt. An welchen Film erinnert mich das nur? n dem Moment, als das Bauprojekt ins Spiel kam, wusste ich, es war das Dorf an sich oder einer, der von den anderen geschickt wurde, der den Tod im Häcksler verursacht hat, der ja schön nur angedeutet wird. Es wird nie festgestellt, die Leiche kann nicht gefunden werden (sie wird nicht gefunden), weil sie endete wie das arme Huhn zu Beginn des Films, die Kleider hat man hingegen einfach irgendwo in den Wald geschmissen, anstatt sie zu verbrennen oder dergleichen. Ich sage ja, der Film hat seine Macken.

Die Situation mit den Cops und dem Mob waren trotzdem spannend, weil die Menschen so verschlossen und düster und zurückgeblieben dargestellt werden, das Bedrohliche ist häufig spürbar und das schäbige Layout der Kleinbauernhöfe verstärkt den Eindruck, man sei an einen verwunschenen Ort mit einer verhexten, mit einem bösen Fluch belegten Bevölkerung geraten. Dieser alte Käfer, den Odenthal fährt, passt deshalb auch wunderbar zu dem, was damals schon wie eine Zeitreise wirkt, zwischendurch fällt die Jagdgesellschaft mal mit den S-Klassen ein und am Ende kommt dann der Assistent von Lena doch noch ins Dorf. Mit dem für damalige Verhältnisse sehr modern aussehenden Audi 80-Modell und einer Signalfarben-Windjacke, wie es sie tatsächlich heute noch in ähnlicher Form gibt. So lässig einige Details gefilmt sind, über andere hat man sich viele Gedanken gemacht, besonders wenn sie den Hinterland-Stadt-Gegensatz demonstrieren sollen. Auch „Zarten“, der Name des Dorf-Dorfes ist hübsch gewählt – Hinterzarten gibt es ja wirklich, aber das liegt, wie jeder weiß, im Schwarzwald und von dort gibt es ja neuerdings auch dunkle Krimis.

Finale

Vermutlich war dieses Schema der harten Gegensätze damals noch nicht so ein Standard wie später, als es von vielen Teams gespielt wurde, aber ich meine, vor Lena Odenthals Häcksler-Fall hätte es beispielsweise bei den Hamburgern Stoever und Brockmöller ähnliche Szenarien gegeben und allgemein sind ja die Mordkommissionen in Städten angesiedelt, sodass man die Plots dort ansiedeln kann oder auch weiter draußen, bis wohin die Zuständigkeit eben reicht. Manche dieser Filme haben einen skurrilen Einschlag, bei „Tod im Häcksler“ überwiegt jedoch das Düstere und am Ende natürlich das Bedauern über das Adieu. Bezüglich von dessen Entwicklungspotenzial hätte sich Lena doch für Ben Becker entscheiden sollen, wo doch die Beziehung mit ihrem Freund in LU am Anfang sowieso nur  kurz als die übliche Katastrophe skizziert wird: Frau hat Polizeijob mit plötzlich auftretenden zeitlichen Anforderungen, weil Morde ja nicht nach Fahrplan geschehen, Mann fühlt sich vernachlässigt. Natürlich bei vielen anderen Teams in umgekehrter Richtung ausgespielt. Zwei Cops, das wäre doch dann die Lösung. Die Wahrheit über Lena, die wird aber bis heute im Film nicht offensiv dargestellt, weil man das Tatortpublikum wohl immer noch für zu altmodisch hält. Ach ja – und Kopper gibt es natürlich auch noch nicht, der Assistent heißt hier Seidel und spielt keine gewichtige Rolle, weil er es schwer haben muss, ins Dorf zu gelangen.

7,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Lena Odenthal  Ulrike Folkerts

Assistent Seidel               Michael Schreiner

Stefan Tries       Ben Becker

Dana Höreth      Monika Bleibtreu

Sprengler            Rudolf Kowalski

Mechthild           Patrizia Schwöbel

Hinzinger            Achim Grubel

Manfred             Steven Schubert

Regie    Nico Hofmann

Musik   Nic Glowny

Kamera                Johannes Hollman

Autor    Stefan Dähnert

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