Der lange Blonde mit den roten Haaren (La moutarde me monte au nez, F 1974)

Filmfest 4

Nach dem schwarzen Schuh

Pierre Durois arbeitet als Mathematiklehrer an einem Mädchengymnasium in Aix-en-Provence. Er hat eine Affäre mit der Sportlehrerin Danielle, was er jedoch vor seinem Vater, dem Chirurgen Dr. Hubert Durois, verheimlicht. Hubert ist amtierender Bürgermeister der Stadt; es stehen Neuwahlen bevor, die er mit einem radikalen Weg gegen den Verfall der Sitten für sich zu entscheiden gedenkt. Pierre wird in den Wahlkampf eingespannt und soll wie immer eine Wahlkampfrede für seinen Vater schreiben. Pierres Freund Patrick gibt ihm eine weitere Mappe mit anzüglichen Fotos des Filmstars Jackie Logan und bittet ihn, wieder einmal einen Artikel zu den Fotos für das örtliche Klatschmagazin zu verfassen. Eine dritte Mappe erhält Pierre vom Schulleiter: Mal wieder soll er für ihn Klassenarbeiten korrigieren.

Weil Pierre mal wieder nur Augen für Danielle hat, ist es für die Schülerinnen ein Leichtes, den Inhalt der Mappen auszutauschen. So kommt es, dass Hubert die Mappe mit den Nacktbildern Jackies erhält, während Patrick mit den Arbeiten des Schuldirektors geht. Pierre bemerkt den Fehler. Er kann seinem Vater unerkannt die richtige Mappe zustecken, verpasst jedoch Patrick beim Zeitungsverlag, den niemand anderes als Huberts politischer Herausforderer Albert Renaudin leitet. Pierre fährt zu einem Filmset, wo sich Patrick aufhalten soll. Am Set versucht der gestresste Regisseur gerade, mit Jackie in der Hauptrolle den Western Calamity Jane zu realisieren. Pierre zerstört mit seinem Wagen die Kulisse für eine zentrale Szene. Vor dem wütenden Mob flüchtet sich Pierre in den Wohnwagen Jackies und landet so unerkannt auf ihrem Villenanwesen. Einige tollpatschige Situationen später findet er sich auf einer Lampenschale in Jackies Villa wieder, hat er sich doch vor Jackies Raubkatze in Sicherheit bringen müssen. Er klärt vor der Schauspielerin alle Verwicklungen auf und kann ihr deutlich machen, dass er eigentlich nur ein kleiner Mathelehrer ist. Jackie wäscht ihn und steckt ihn in einen karierten Anzug eines ihrer Leibwächter. Beide trinken viel und so wacht Pierre erst am nächsten Morgen wieder auf.

Handlung und zum weiteren Inhalt: Wikipedia.

Der deutsche Titel des Films ist wieder einmal ein typischer Verleih-Matsch. Entweder hat man blonde oder rote Haare, bei jemandem, der rotblond ist, hat man die Wahl. Hier aber ist es so, dass der Blonde sich Marmelade über den Kopf kippt, die geht beim Waschen nur mit einem Mittel heraus, das umgehend für pink gefärbtes Haar sorgt. Der Originaltitel heißt übersetzt „Der Senf steigt mir in die Nase“, ich kann mich leider nicht an eine Szene mit Senf erinnern. Aber es ist heiß und ich habe den Film schon vor ein paar Tagen gesehen.

Der Reigen auf dem Filmfest

Was verbindet die Nr. 4 des Filmfests mit der Nr. 3? Nichts weiter, als dass beide in  Aix-en-Provence gedreht wurden. Die Einwohner der Stadt werden eine andere Auffassung über die Wichtigkeit dieser Verbindung haben, aber es gibt doch bei zweitem Hinschauen eine weitere: Zwei der jeweils bekanntesten Komiker ihrer Zeit standen vor der Kamera: Fernandel in „Meurtres!“ und Pierre Richard in „Der lange Blonde mit den roten Haaren“. Während aber Fernandel in einem sehr ernsten und auch satirisch angelegten Film über Euthanasie und Bigotterie zu sehen ist, repräsentiert Richard – nun, sich selbst in einer typischen Rolle als Tollpatsch.

Rezension

Wir sind aber auch beinahe ein Vierteljahrhundert weitergezogen und treffen ihn zusammen mit Jane Birkin, einer Ikone der frühen 1970er und beide arbeiten unter der Regie von Claude Zidi, der gerade erst mit der Komikertruppe „Les Charlots“ seine ersten Erfolge gefeiert hatte. Claude Zidi ist aber nicht der cholerische Regisseur, den wir im Film sehen und der versucht, teure Massenszenen, eine davon mit Explosion eines Westernstädtchen-Bahnhofs, in den Kasten zu bekommen, woran er aber durch Pierre Dubois (Pierre Richard) zweimal gehindert wird.

Richard war vier Jahre zuvor auf nationaler Ebene mit „Der Zerstreute“ der Durchbruch gelungen, bei dem er selbst Regie geführt hatte, ebenso wie beim Nachfolger „Alfred, die Knallerbse“. Im selben Jahr noch kam unter der Regie von Yves Robert der Film, mit dem man ihn in Deutschland bis heute am meisten verbindet: „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ – eine Komödien-Legende der 1970er und ein Welterfolg. Damit bekam Louis de Funès also von einem Kollegen ernsthaft Konkurrenz, der so ganz anders war. Kein giftiger Gartenzwerg, sondern ein schlacksiger Clown. Slapstick konnten beide gut, aber Richard steht in der internationalen Tradition von Harold Lloyd, Buster Keaton, Stan Laurel und Jerry Lewis – und Danny Kaye, der ein besonderes Vorbild für ihn war und ja ebenfalls einen sehr liebenswürdigen Typ verkörperte. Allerdings konnte Kaye auch singen und tanzen, sodass er in Musicalkomödien mitwirken konnte. Diesen umfassend ausgebildeten Typ von Darsteller gibt es im europäischen Kino sehr selten.

De Funès‘ Komik hingegen hat stärkere Ähnlichkeit  mit der absichtsvoll auf Schärfe und manchmal auf Diskriminierung angelegten Witzkultur der Marx Brothers und auch mit dem frühen Charles Chaplin, der damals noch nicht ausschließlich den melancholischen Tramp gab, sondern entweder elegante Figuren spielte und wenn nicht, dann war er ganz schön heimtückisch unterwegs, ohne dass schon dieser Touch des sich bloß wehrenden Underdogs so ausgeprägt war wie später. Aber in den ganz frühen Zeiten der Filmkomik war Rohheit ohnehin oberstes Gebot – während Pierre Richard eine der unschuldigsten Chaos-Persönlichkeiten ist. Wenn wir uns anschauen, in welches Umfeld wir Pierre Richard stellen, dürfen wir selbstredend Jacques Tati nicht vergessen, den besonderen französischen Komiker der 1950er und 1960er, der sozusagen ein eigenes Paralleluniversum hatte und dessen Filme teilweise so brillant sind, dass man sie nicht mit Mainstream-Komödien gleichsetzen kann. „Mon Oncle“ (1958) und „Playtime“ (1967) gehören zu den erlesensten satirischen Komödien, die je gedreht wurden. Mit Tati verbindet Richards Figuren vor allem deren Unschuld beim Einfädeln in komische Situationen, aber die Filme, die Richard gemacht hat, sind eben doch konventionell, am wenigsten noch die beiden leicht anarchischen „Der Zerstreute“ und „Alfred, die Knallerbse“, die er selbst inszeniert hat.

„Der lange Blonde mit den roten Haaren“ hingegen ist schlicht eine Durchschnittkomödie oder auch eine schlichte Durchschnittskomödie. Ich muss auch in solchen Filmen oft lachen, weil ich während des Anschauens die Ratio und den Kritiker in mir ganz gut abschalten – nein, besser: in den Hintergrund stellen kann. Er beobachtet natürlich weiter, während sich das Kind albern geben darf. Diese Fähigkeit macht für mich das Anschauen nicht ganz so weltwichtiger Filme sehr angenehm. Im Fall von Richards Werken: Da bekommt jeder Wortwitz und jeder visuelle Gag seinen eigenen Wert und ich frage nicht unbedingt danach, ob sich das alles zu einem künstlerisch besonders wertvollen Ganzen fügt. Pierre Richard hat es aufgrund seines guten Timings immer drauf, bei mir für Lacher zu sorgen und das war auch in „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ der Fall. DIes ist etwa zur Hälfte eine Pennälerklamotte, wie sie auch in Deutschland in den späten 1960ern und frühen 1970ern sehr en Vogue waren und ein Film übers Filmbusiness, beides verbunden durch ein paar Aktenmappen, die immer vertauscht werden. Trotzdem gibt es bei Richards komischem Ansatz etwas, das man in die Zeit stellen muss. Seine ersten, selbstgedrehten Filme waren, wie oben angesprochen, recht anarchisch und galten auch als links, weil sie die Autoritäten, vor allem die Arbeitgeber, im Visier hatten und in Unternehmen durch sinnlose Aktionen sinnloses Business entlarvten, wozu natürlich die Werbewelt besonders geeignet war. Nicht, dass ich Marketing für sinnlos erachte, aber es zielt natürlich auf die besonders seichten und unreflektierten Anteile in uns Menschen, das muss man wissen, wenn man sich damit befasst und es für sich einsetzt.

Dann aber kamen die Filme mit den Fremdregisseuren und es kam das Jahr 1973, das auch in Deutschland eine Zäsur darstellte. Und der Biss war weitgehend raus. „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ ist keine Sozialsatire mehr. Das Filmbusiness wird ebensowenig wirklich aufs Korn genommen wie das Schulwesen – und die Politik. Die noch am meisten, anhand der Figur von Vater Dubois und dessen politischem Gegner, der eine Boulevardzeitung betreibt. Doch welche Aussage steckt dahinter? Keine. Man kann alles so oder so sehen und das „so oder so“ ist regelmäßig systemaffin. Also erfreute ich mich an der Komik, solange sie nicht in unappetitliche Szenen mündete. Ich mag keine Tortenschlachten und schätze es generell nicht, wenn Lebensmittel über Menschen auskippen und dergleichen. Das hat nichts mit ökologischer Distinktion zu tun und einem Ethos in der Richtung von „was die da mit Nahrung machen und woanders verhungern die Menschen“, zumal es in „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ nur um ein Töpfchen mit Konfitüre geht. Es ist vielmehr eine rein ästhetische Frage. Dass wir Menschen zumeist ambivalent sind, sogar beim Humor, merkt man daran, dass ich das Catchen im etwas schlammigen Wasser mit Jane Birkin wieder nicht so schlimm fand.

Jane Birkin, die mit  „Mon amour, je ne’t aime non plus“ – so oder ähnlich hieß der Song mit dem berüchtigten Stöhnen – sehr bekannt wurde, nicht nur mit Richard zusammenzuspannen, sondern auch Calamity Jane spielen zu lassen, ist eine interessante Idee. Bei der recht großen, aber dünnen Figur, die sie hat, wirkt es natürlich witziger, wenn sie die Männer im Saloon umhaut, wenn man sie erst einmal in Rage gebracht hat als bei robuster aussehenden US-Prototypen fürs Darstellen dieser historischen Figur, wie etwa Jane Russell. Ich finde diese Frau mit den untertassengroßen Augen extravagant, ein wenig schräg auch, und mag den Typ, den sie repräsentiert, recht gerne. Selbstredend wirkt sich das positiv auf mein Gefühl zu diesem Film aus. Er ist aber nun einmal ein Vehikel für Pierre Richard und dieser dominiert dementsprechend.

Finale

Wenn man auf das sonnige Feeling der frühen 1970er steht und Richard mag, sollte man sich den Film anschauen. Und dann vielleicht folgendermaßen weitermachen: Beim Regisseur Claude Zidi bleiben und „Brust oder Keule“ mit Louis de Funès gucken. Dieser wurde zwei Jahre später, nach einem Herzinfarkt von de Funès gedreht und zeigt ihn in einer für seine Verhältnisse ruhigen, wenig slapstickhaften, aber trotzdem sehr gelungenen Komödie – die ich für besser halte als „Der lange Blonde mit den roten Haaren“. Diesem Film wird sich auch unsere nächste Rezension widmen.

62/100

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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