Brust oder Keule (L’aile ou la cuisse, F 1976)

Filmfest 5

Leben und leben lassen für die Haute Couisine

Nachdem wir uns zuletzt einen Film mit dem französischen Komiker Pierre Richard angeschaut haben, der von Regisseur Claude Zidi inszenier wurde („Der lange Blonde mit den roten Haaren“) empfahlen wir, beim Regisseur zu bleiben und diesen mit einem Film zu vergleichen, den Claude Zidi mit seinem Hauptkonkurrenten Louis de Funès gemacht hat – zwei Jahre später – „Brust oder Keule“. Eingangs der Rezension kann man erkennen, dass die Veröffentlichungsreihenfolge nicht der Schreibreihenfolge entspricht, wir kommen darauf  am Ende noch einmal zurück.

Der Restaurantkritiker Charles Duchemin (eine Wortverschränkung in Anspielung auf Dumont und den Guide Michelin) ist unter Frankreichs Küchenchefs ebenso geachtet wie gefürchtet. Mit seinem Leitfaden über die französische Gastronomie sowie der damit verbundenen Vergabe von Sternen kann er Gaststättenbetreibern zu Reichtum und Berühmtheit verhelfen, aber sie auch in den Ruin treiben. Um nicht erkannt zu werden, verwendet er immer wieder neue Verkleidungen.

Duchemins große Aufgabe besteht in der Würdigung der französischen Küche und der Bloßstellung seines Gegners, des IndustrieTycoons Jacques Tricatel. Dieser ist Besitzer einer großen Kette von AutobahnraststättenFastfood-Restaurants und Schnellimbissläden. Dort vertreibt er die synthetisch erzeugten Lebensmittel aus seiner Fabrik. Tricatel ist ein typischer Parvenü: ein Prolet, durch Rücksichtslosigkeit finanziell aufgestiegen, doch ohne anständige Manieren und ständig um gesellschaftliche Anerkennung kämpfend.
ricatel gewinnt immer mehr an Macht und drängt kleine gastronomische Familienbetriebe überall in Frankreich aus dem Geschäft. Duchemin sagt dem Industriellen den Kampf an und zieht zu einer letzten großen geheimen Bewertungsaktion über das Land. Dabei begleitet ihn auch sein Sohn Gérard, der ihn in Kürze beruflich beerben soll. Gérard führt jedoch ein geheimes Doppelleben, denn neben seiner Tätigkeit als Gourmet-Kritiker arbeitet er parallel auch als Clown, seiner wahren Berufung, im eigenen Wanderzirkus, dessen Finanzierung, also Überleben, aber ohne sein erstes Einkommen nicht möglich wäre. Dieser Zirkus begleitet die Duchemins heimlich, um so Gérard seine Auftritte auch während dessen Geschäftsreise zu ermöglichen.

Weiter zur Handlung: Wikipedia.

Anni und Tom über „Brust oder Keuele“

Anni: Man soll es nicht glauben, das ist der dritte Film hintereinander, in dem wir uns nach „Babettes Fest“ und einem anderen Werk mit Louis de Funès, „Scharfe Kurven für Madame“ mit der französischen Gastronomie beschäftigen. Jetzt sind wir eigentlich schon Expert_innen.

Tom: Der Film heißt eigentlich „Flügel oder Schenkel“ – offenbar rekurriert der deutsche Titel auf Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“ (1955) mit der legendären – voilà – Brust-oder-Keule-Szene. Ich reklamiere, etwas mehr Experte zu sein als der Durchschnittsdeutsche. Ich sage nur: Zwei! Zwei Dreisterne-Restaurants gemäß Michelin in dem Bundesland, aus dem ich stamme, und jenes hat nicht einmal ein Drittel der Einwohnerzahl von Berlin. Und hier gibt es bis heute kein einziges Dreisterne-Restaurant.

Anni: Ja, die Berliner Anti-Esskultur und die gute südwestdeutsche Küche. Frankreich färbt eben ab. Warst du auch mal da drin?

Tom: Nicht in den aktuellen, aber in einem, das früher mal drei Sterne hatte. Und über die Implikationen der französischen Küche bei uns zuhause haben wir schon bei der Rezension von „Le grand restaurant“ Andeutungen gemacht, also, wir sind auch nach Frankreich zur Meeresfrüchtebank gefahren, die Hypermarchés haben sowas immer – und ins Elsass zum Essen. Unter Berücksichtigung dieser glücklichen kulinarischen Vergangenheit bin ich mir nicht sicher, ob der Film wirklich eine Abrechnung mit dem „Savoir vivre“ sein soll. Die Franzosen haben sich wirklich sehr gegen das aufkommende Fastfood gewehrt, ebenso wie gegen die Anglizismen.

Anni: Sie haben halt auch mehr zu verteidigen als wir. Essensmäßig und sprachlich. Aber du kannst diesen Rundumschlag, zu dem einige Kritiker den Film machen wollen und ihn damit über die sehr offensichtliche Kritik an der Lebensmittelindustrie hinaus erweitern, an der Schlussszene festmachen. Wie wohl kommt die Uhr, die Duchemin in der Fabrik von Tricatel verloren hat, in die Pastete, die er in der Académie Francaise isst? Da gibt es ja wohl nur eine Möglichkeit. Und dann die Restaurants, in denen er zwischenzeitlich seine Recherchen betreibt, auweia.

Tom: Fest steht, dass die Franzosen älter werden als wir, und das hat auch damit zu tun, dass sie sich besser ernähren. Und zwar, ohne dass sie nur drei Pflanzensorten zu sich nehmen und dann Mangelerscheinungen bekommen, also die neudeutsche Methode der alten deutschen Krankheit, mit Genuss nichts anfangen zu können. Natürlich gibt es bei der französischen Küche auch Übertreibungen und einige Gerichte, die als Leckerbissen gelten und die ich nicht haben muss, und natürlich sind diese Sterne und die Art, wie Top-Restaurants aufgemacht sind und welche Attitüden dort gelebt werden, auch etwas pompös, aber mir ist das immer noch lieber als die hiesige Kulturlosigkeit in Sachen Essen und Trinken. Wozu mittlerweile auch gehört, dass alles deshalb als super apostrophiert wird, weil es möglichst weit weg von hier erstmalig gekocht oder gebraten wurde.

Anni: Ach schade, dass es keinen Verein zur Verteidigung des Pfälzer Saumagens gibt – Gott hab den größten Promotor des Saumagens, der gerade verstorben ist, selig. Aber die Kartoffelgerichte und sowas aus eurer Gegend sind schon cool. Einfach, traditionell, deftig. Und kann man auch weitgehend ohne Tiere machen.

Tom: Ganz ohne. Der Film hat etwas Prophetisches, weil er das Fast-Food-Gewürge seit den 1980ern vorwegnimmt. Die Autobahnrestaurants sind da nur Vorboten gewesen. Und die Herstellung von Scheinfleisch und Scheinfisch ist sowas von längst real. Selbst in Bio-Variante gibt es das ja alles, was dann ja wieder hip sein muss. Da kann man wirklich nur sagen, an unserer Art zu essen kann gut erkennen, was wir von uns selbst halten.

Anni: Aber es gibt ein verdammt gutes Leben zwischen McDonalds und der blasierten Sterne-Gastronomie, und genau da halten sich die meisten auch auf, irgendwo in der Mitte. Und mit feinen Sachen zum Selbermachen. Ich glaube schon, dass „Brust oder Keule“ nicht nur die scheinsozialistische Lebensmittelindustrie, die allen gleichermaßen mieses Fraß auftischen will, im Blick hat, sondern auch das Gegenteil. Ein weiterer Beweis ist die Szene, in der Duchemin den Roten nur genau anguckt und genau sagen kann, wo er herkommt, wie der Hang liegt, wie der Boden beschaffen ist und so weiter. Das ist genauso albern wie die Fischgräten in Tricatels Fabrik, die mit Pampe umhüllt werden. Das ist eben anders als etwa in „Babettes Fest“. In „Brust oder Keule“ wird dir überwiegend eher schlecht von allen möglichen Varianten der Küche.

Tom: Wie auch immer die Satire genau ausgerichtet ist, „Brust oder Keule“ gehört zu den besten Filmen mit Louis de Funès. Er mag etwas ruppig inszeniert sein, Regisseur Claude Zidi ist kein Gourmet des Kinos, kein Meister der gehobenen Visualität, aber die Gags sind gut und man merkt nicht, dass dies der erste Film war, den Louis de Funès nach seinem doppelten Herzinfarkt zwei Jahre zuvor machte. Okay, er hampelt nicht so rum, die etwas ruhigere Gangart kommt dem Film aber auch zugute, weil so die Dialoge und die Mimik mehr im Vordergrund stehen. Auch Coluche mit seiner ganz anderen Art der Komik kann sich dadurch besser entfalten. Und für mich kommt der beste Gag auch nicht aus dem Küchenbereich.

Anni: Jetzt sag nicht, es ist der mit dem Elefanten und dem Rasierschaum. Du solltest  al wieder in den Kinderzirkus gehen.

Tom: Hast du nicht gelacht, als Papa Duchemin unter dem Schaum zum Vorschein kam?

Anni: Doch. Aber ich fand mich in dem Moment auch sehr basic.

Tom: Das ist es aber gerade. Du weißt genau, was kommt, das Ganze ist unglaublich vorhersehbar, aber dass diese Erwartung erfüllt wird und der Blick von de Funès und der seines Sohnes, das ist einfach zu köstlich. Unterschiedliche Formen von Sketchen oder Gags funktionieren eben auf unterschiedliche Weise. Hingegen hat mich die Koffer-Szene irgendwann genervt, weil sie die zu sehr  ausgespielt haben. Irgendwann versteht man nicht mehr, was daran witzig sein soll.

Anni: Nee, ich fand das mit den Zimmerwechseln süß. Lag aber auch daran, dass ich die lispelnde Marguerite mochte. Du nicht?

Tom: Doch. Ich glaube, für sie hätte ich auch dem Zirkus abgeschworen. Da ist übrigens auch noch ein Stück Gesellschaftskritik drin. Eltern schuften und bauen Unternehmen für ihre Kinder auf und die geben sich dann den albernsten Tätigkeiten hin und halten sich für Künstler oder sonstwas, anstatt dieses Erbe wertzuschätzen und weiterzuentwickeln. Typisch verwöhnte Generation.

Anni: Vielleicht wurden die Kinder aber auch nicht in diese Tradition eingebunden, nicht mitgenommen, weil die Eltern keine Zeit für die Kinder haben und zu dominant sind, mit ihren Wünsche nach Traditionspflege und das Materielle alles bestimmt. Ich fand es eher schade, dass Sohn Duchemin nicht seiner Leidenschaft treu blieb, Clown zu sein und dass Marguerite als Köder eingesetzt wurde, um ihn doch an Bord des Sterne-Vergabe-Verlages zu holen. Das ist eben doch systemaffin. Da merkt man auch den Unterschied zwischen den späten 1960ern oder frhen 1970ern und 1976. Was passiert, wenn er merkt, dass ihn das Gourmet-Business doch langweilt? Dann wird auch die Ehe mit Marguerite unglücklich.

Tom: Die Filme von de Funès waren nie wirklich systemkritisch, auch nicht ein paar Jahre zuvor. Du hast aber mitgekriegt, dass Duchemin jun. den Zirkus subventioniert, obwohl der immer voll ist. Offenbar sind die Eintrittspreise sehr sozial. Klar, ist ja auch für Kinder. Aber du kannst eben nicht jedem sein Pläsier subventionieren, weil sonst irgendwann die Wirtschaft zusammenbricht.

Anni: Oder wir machen mehr niedlichen Zirkus und weniger schlechte Lebensmittel und für die guten werden ja mehr Arbeitsplätze gebraucht. Ginge auch. Man muss es nur wollen. Die Sendung „Jeder Schlag ist erlaubt“, die hier eine Rolle spielt, gab es übrigens wirklich damals! In Deutschland kamen solche Format erst mit den Privatsendern auf. Tja, wir sind weder kulinarisch noch unterhaltungstechnisch Avantgarde. Aber Autos können wir, deswegen fährt Duchemin einen Mercedes.

Tom: Die Langversion des /8. Eigentlich kannst du in dem Konstrast zu dem unglaublichen AMC Pacer, den der Sohn chauffiert und der nicht nur so eine mehr als schräge Form, sondern auch irre Sitzmuster hat, auch schon wieder einiges hineininterpretieren. Ich weiß nicht, ob das damals schon abzusehen war, aber wie die Zirkusleidenschaft des Besitzers jenes roten Mobils wurde auch die Firma AMC scho bald darauf abgewickelt, während der Guide Michelin und Mercedes heute noch erfolgreich sind. Ich gebe 7,5/10.

Anni: Ich auch. Wow, schon die zweite Übereinstimmung hintereinander, nach „Blondinen bevorzugt“. Sollten wir jetzt nicht tatsächlich mit de Funès‘ zweitem Restaurantfilm weitermachen, der aber neun Jahre zuvor entstand.

Tom: „Le Grand Restaurant“, auf Deutsch „Scharfe Kurven für Madame.“

Anni: Da war der deutsche Verleih aber wieder kreativ.

75/100

 

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Regie   Claude Zidi

Drehbuch        Claude Zidi

Michel Fabre

Produktion       Christian Fechner

Musik   Vladimir Cosma

Kamera            Claude Renoir

Wladimir Ivanov

Schnitt Monique Isnardon

Robert Isnardon

Besetzung

Louis de Funès: Charles Duchemin

Coluche: Gérard Duchemin

Julien Guiomar: Jacques Tricatel

Claude Gensac: Marguerite #1

Ann Zacharias: Marguerite #2

Daniel Langlet: Lambert

Martin Lamotte: Roland

Philippe Bouvard: er selbst

Jean Martin: Zahnarzt

Marcel Dalio: Schneider

Raymond Bussières: Henri

Georges Chamarat: Le doyen des académiciens

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