„Die Musik stirbt zuletzt“ – Tatort 1063 / Crimetime 27 // #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #Tatort1063 #TatortLuzern #DieMusikstirbtzuletzt

Titelfoto (c) SRF, Daniel Winkler

Bitte mehr vom Jewish Chamber Orchestra Munich

Zahlreiche Gäste aus der Welt der Schönen, Reichen und Berühmten strömen ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Limousinen fahren vor, Abendkleider schimmern im Glanz der Scheinwerfer, Fotoapparate blitzen. Der schwerreiche Unternehmer und Mäzen Walter Loving (Hans Hollmann) veranstaltet ein Benefiz-Konzert mit dem argentinischen „Jewish Chamber Orchestra“ (Orchester Jakobsplatz München). Mit ergreifender klassischer Musik von Komponisten, die während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager umgekommen sind. Damit soll den Opfern des Holocaust gedacht werden. Walter Loving selbst hat damals zahlreichen Juden zur Flucht verholfen und damit ihr Leben gerettet.

Doch ist der Patriarch wirklich der Gutmensch, den alle gerne in ihm sehen? Nicht nur sein „missratener“ Sohn Franky Loving (Andri Schenardi) hat mit seinem Vater noch eine Rechnung offen. Und auch die berühmte jüdische Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder). Sie plant, während des Konzerts ein dunkles Geheimnis der Familie Loving zu lüften. Ein unbekannter Erpresser wiederum will dies verhindern. Dann erfolgt ein Giftanschlag auf den Klarinettisten des Orchesters, Vincent Goldstein (Patrick Elias). Zeit für Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer), auf den Plan zu treten.

„Der 26. Schweizer Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT ist laut Sender einzigartig: Die gesamte Handlung wurde in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. Dies erforderte eine punktgenaue Inszenierung und intensive Proben. Der Tatort DIE MUSIK STIRBT ZULETZT wurde an vier Abenden – ähnlich einer Theateraufführung – durchgespielt, während der Kameramann Filip Zumbrunn den Schauspielerinnen und Schauspielern stetig folgte, ohne je die Aufnahmen zu unterbrechen.  Der Luzerner Beitrag beendet die kurze TATORT-Sommerpause 2018.“

Rezension 

Einzigartig war auch die Quote. Nur 4,79 Millionen Zuschauer sahen die Premiere am 05.08.2018. Ein durchschnittlicher Tatort kommt auf etwa 9 Millionen. Allerdings hat man die Sommerpause auch schon mitten in den Sommerferien beendet und – hohe Zuschauerzahlen sind nicht immer ein Beleg für die Qualität des Films. Wie auch, man weiß ja erst hinterher, ob man ihn gut findet, zumal, wenn die Profis, die Kritiker der Medien, vorab so positiv berichtet haben wie über „Die Musik stirbt zuletzt.“ Ich habe den Film zunächst aufgezeichnet und schon während er lief, erreichten mich böse Nachrichten aus den sozialen Netzwerken. Offenbar war der Tenor am Ende aber doch anders – doch immerhin hat dieses vermutete überwiegende Verreißen dazu geführt, dass ich einen Tag länger als geplant mit dem Anschauen gewartet habe. Weil ich befürchtete, ich muss dagegen anschreiben bzw. mich dagegenstellen. Wie schon häufiger bei den Schweizer Tatorten. Und mir ist es eigentlich schon wieder zu heiß (aktuell 35 Grad) um wieder gegen alles zu sein. Mittlerweile hat aber die Rangliste des Tatort-Fundus wieder die Pforten zu ihrem Datenbestand geöffnet und geradezu überraschend – „Die Musik stirbt zuletzt“ ist in der oberen Hälfte gelandet, mit einem Durchschnitt von gegenwärtig ca. 6,5/10. Es ist schon ein Love-it-or-leave-it-Tatort, es gibt ungewöhnliche viele Nutzer, die mit 10/10 gewertet haben, aber wenn sowas vorkommt, sieht man meist auch eine Gegenbewegung.

Werden denn die 6,5/10 dem Film gerecht?

 Nein. Ich fand ihn sehr spannend und natürlich, das betonen ja fast alle, die sich damit befassen, er ist visuell herausragend. Nach meiner Ansicht nicht komplett ohne Schnitt gefilmt, aber doch sehr kohärent bezüglich der künstlerischen Anmutung. Was ich am meisten bedauert habe: Dass nicht mehr von der Musik der in den KZs getöteten Komponisten zu hören war. Und ich sehe es auch im Gegensatz zu Franky Loving nicht als einen Ausdruck von Katastrophentourismus an, dieser Musik zu lauschen. Werke, die in den Lagern selbst erschaffen wurden, wären anders vielleicht nie entstanden, das ist natürlich ein heikler Gedankengang. Aber der Kultur nachzuspüren, die zerstört wurde, ist enorm wichtig. Für mich nicht ganz neu, zum Beispiel wegen meiner Beschäftigung mit klassischen Filmen und der Filmindustrie, in der jüdische Menschen herausragende Stellungen hatten – und die Deutschland fast alle verloren hat. Die meisten schon durch Emigration vor der Zeit der KZs. Und es gingen ja weitere wichtige Künstler, die für die Nazis nicht arbeiten wollten. Vielleicht gibt es Tonträger mit dieser Musik zu erwerben.

Dass diese Kultur heute mit dem „Jewish Chamber Orchestra Munich“, dem realen Ensemble hinter dem fiktiven argentinischen Orchester, eine neue Ausdrucksform findet und dabei sehr innovative Ansätze pflegt, ist wirklich berührend und die begbaten Musiker_innen aus vielen Nationen, die darin spielen, sind Ausdruck der Form von Pluarlismus, von der wir viel mehr brauchen und nicht weniger.

Doch, es gibt noch etwas, das ich erwähnen muss. Auch das ist nicht neu: Die Schauwerte des Films überlagern das Thema zeitweise. Es ist alles klasse inszeniert und dargestellt und das ist ja auch sehr anstrengend für die Schauspieler, die doch sehr lange Szenen haben, eben ans Theater angelehnt. Einmal, während der kurzen Autofahrt, hatte Stefan Gubser einen Aussetzer, sich aber so schnell korrigiert, dass man weiterlaufen lassen konnte. Dass die Dialoge teilweise etwas improvisiert wirken, könnte aber auch genau damit zu tun haben: Dass sie improvisierte Anteile enthalten, weil der Flow wichtiger war als die sprachliche Präzision. Und dann dachte ich: Vermutlich wird dies der letzte Tatort sein, in dem es um den Holocaust geht und in dem lebende Menschen auf Täter- oder, wie hier, Vermittlerseite gezeigt werden. Hans Hollmann, der Darsteller von Walter Loving, ist tatsächlich 84 Jahre alt gewesen, als der Film gedreht wurde, aber auch das ist natürlich viel zu jung. Ein Mensch, der seit Kriegsbeginn aktiv am Geschehen beteiligt war, müsste ja damals doch um 20 Jahre alt gewesen sein, also heute etwa 100. Die Glaubwürdigkeit wird also zeitlich etwas gestreckt.

Wie war der Narrator? (Ab hier mit Angaben zur Aufllösung)

 Im Gegensatz zu „Im Schmerz geboren“, in dem es auch einen Erzähler gab, ist dieser hier nicht nur gleichzeitig eine Figur, welche die Vierte Wand durchbricht, sondern – auch der Mörder. Zumindest einer von beiden. Letztlich ist der Film eine Mischung aus Aufarbeitungskino und Familiendrama, aber die Verknüpfung klappt recht gut. Man hätte dieses Thema Schuld oder Nichtschuld, überwiegt bei Walter Loving des Gute oder nicht, ganz anders filmen können, einprägsam war es allemal. Schon in „Schmutziger Donnerstag“ hat Dany Levy ein sehr grelles Licht auf die Schweiz und deren kommerzielles Sein geworfen und das setzt sich hier fort: 30 Prozent Provision fürs Leben und Vermögen von NS-Verfolgten retten, wer unter den Todgeweihten hätte dieses Angebot abgelehnt? Aber im Voraus zu zahlen, falls es mit der Lebensrettung nicht klappt. Es ist also keine reine Erfolgsprovision. Wenn man so will, eher Dienstvertrag als Werkvertrag und klar ist das kritisch zu bewerten. Andererseits wären ohne den offenbar schon in sehr jungen Jahren äußerst findigen Loving viele Menschen zu Tode gekommen. Außerdem gibt er am Ende den Widerstand auf und stellt sich, auch wenn er dabei im Rollstuhl sitzt: Stellt sich dem Gedicht, das die Pianisten Miriam Goldstein vorträgt und in dem es um sein Wirken geht. Der Film ist so reichhaltig und hat so viele Implikationen, denen kann ich mit meiner hitzebedingt besonders ungelenken Schreibe gar nicht nachgehen, aber da ist zum Beispiel dieses Orchester, das in einem Paradebeispiel von Basisdemokratie knapp entscheidet, dass das Gedicht vorgetragen werden soll. Da gibt es draußen die Demonstrationen von Pälestinänsern gegen die israelische Politik, die beinahe in Gewalt mündet, während also drinnen die Elite dem Gestern gedenkt und wie es weiterwirkt, stehen draußen wütende  Menschen, die das Heute anprangern und darauf verweisen, wie sich die Rollen von Tätern und Opfern verändert haben. Franky ruft ihnen zu: Geht nach Hause, ihr seid zehn Jahre zu spät dran! Ich weiß nicht genau, ob das auf ein bestimmtes Ereignis anspielt, aber ganz falsch ist es sicher nicht, davon auszugehen, dass damals eine halbwegs realistische Option auf die Zweistaaten-Lösung und damit auch auf Frieden im Nahen Osten verwirkt wurde.

Dadurch, dass ich mich mit der Thematik etwas näher befasse, hat der Film für mich anders angefühlt, als wenn ich ihn vor ein paar Jahren gesehen hätte, unter der Voraussetzung natürlich, es hätte ihn damals schon gegeben. Die Mischung aus Kultur und Geschichte, aus der Tiefe einer üblen Zeit und den heutigen Problemen und dieses flirrende Spiel vieler Darsteller, die vor laufender Kamera perfekt interagieren mussten, ist wirklich besonders. Was ich nebenbei gelernt habe: Die Polizeibeamten in der Schweiz verdienen nicht so schlecht (wie teilweise bei uns), denn jede Eintrittskarte für das Konzert war ja mit einer Spende von 10.000 Franken für die Loving-Foundation verbunden und wenn ich das richtig aufgefasst habe, war sie eben nicht als Miss Undercover, sondern wirklich privat im rosa Abendkleid unterwegs.

Finale

 Vor wenigen Tagen schrieb ich in der Vorschau, den Schweizern, die zumindest tatortseitig besser sind als ihr Ruf in Deutschland, fehlt noch der besondere Film, der sie sozusagen unsterblich oder doch zu wichtigen Akteuren im mittlerweile riesigen Tatort-Panorama werden lässt.

Ich sage jetzt, „Die Musik stirbt zuletzt“ ist dieser Film geworden und ich werde am Ende mit meiner Bewertung wieder einmal weit über dem Fundus-Durchschnitt liegen. Seltsam – schon beim Berliner Team Ritter / Stark kamen die besten Filme, als das Ende näherrückte und, wenn ich mich recht erinnere, schon beschlossen war. So ist es auch dieses Mal. Es wird noch drei weitere Flückiger-Tatorte geben, also bis 2020 ist noch für Nachschub gesorgt. Und die Schweiz wird auch ein neues Team bekommen, es wird also nicht zu einer weiteren Unterbrechung der Mitwirkung kommen. Erstmalig beteiligte sich die Schweiz 1990 an der Reihe, von 2002 bis 2011 dann eine Unterbrechung. Von den älteren Schweizer Tatorten wurde übrigens während der Zeit von 2011 bis heute, in der wir uns mit den Tatorten befassen, kein einziger in Deutschland wiederholt.

9/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Kriminalhauptkommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser

Kriminalhauptkimmissarin Liz Ritschard – Delia Mayer

Walter Loving – Hans Hollmann

Alice Loving-Orelli – Sibylle Canonica

Franky Loving – Andri Schenardi

Jelena Princip – Uygar Tamer

Gidon Winternitz – Gottfried Breitfuß

Miriam Goldstein – Teresa Harder

Vincent Goldstein – Patrick Elias

Silvia Bosshardt – Heidi Maria Glössner

Roger Trütsch – Martin Hug

Sanitäter – Aaron Hitz

Pförtner – Sebastian Krähenbühl

Inspizient – Joey Zimmermann

Sicherheitsbeamter – Oscar Bingisser

Polizist – Hans-Caspar Gattiker

Drehbuch: Dani Levy

Regie: Dani Levy

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