Linke, hört endlich auf, durchgeknallte Regimes super zu finden! #Ortega #Maduro #Ideologiestatthumanismus #Solidarität #Lateinamerika #Nicaragua #Venezuela

Kommentar 52

Ich höre die Signale. Ich höre die Signale aus einigen Ecken meiner Partei: Niemals weichen! Immer Solidarität! Wenn sich eine Regierung das Label links aufklebt, dann hat man solidarisch zu sein mit ihr.

Ganz sicher, meine Edukation über die Geschichte der lateinamerikanischen Linken ist in vollem Gang, ich kann mich nicht als Spezialist auf dem Gebiet bezeichnen. Aber seit ich mich mit der Thematik befassen muss, weil ich ja in einer Partei bin, in welcher einige gewillt sind, das General-Absolutionsticket für alle Regierungen auszustellen, die irgendwie gegen mit den USA nicht klarkommen, bleibt mir das ständige, nervige Hinterfragen nicht erspart.

Das kommt daher, weil mein Ansatz der soziale ist. Ich frage im Grunde nur danach, wie es den Menschen irgendwo auf der Welt geht. Geht es ihnen schlecht, weil wir sie ausbeuten, muss das verurteilt werden. Geht es ihnen schlecht, weil die bösen USA Kriege führen und Regime Changes bewirken, dann darf es uns nicht gleichgültig sein. Russland ist ja sowieso nie mit im Spiel. Aber da stellt sich schon eine interessante Frage: Muss ich jeden Tag die USA verurteilen? Das tun doch so viele ideologiefeste Menschen im linken Spektrum schon. Die hauen alle auf die USA drauf. Das läuft also auch ohne mich. Ich kann mich also anderen zu verurteilenden Tatbeständen zuwenden, die weitaus weniger populär sind.

Und weil ich nicht mainstreamig bin, auch nicht links-mainstreamig, auch nicht Ideologie über Humanismus stelle und vielleicht auch nicht mit Ofper-Whataboutismen operieren will, werde ich es mir mehr herausnehmen, eine Opfergruppe zu benennen, vertreten kann ich sie leider nicht aktiv, die in vielen linken Zirkeln überhaupt nicht vorkommt oder die, wenn man die Nachrichten über sie nicht ignorieren kann, sondern sie kommentieren muss, Fake-Opfer sind, Zombie-Opfer der Mainstream-Medien. Das ist für meine Begriffe eine ziemlich inhumane politische Verfahrensweise, alle Opfer, die nichts ins strikt ideologische Weltbild passen, einfach als erfunden zu bezeichnen. Diese Art von Wahrheitsverkürzung erinnert mich die übelsten Regimes aller Zeiten. Und jene, die solche Inhumanität zeigen, erlauben es sich dann auch noch gerne, das deutsche System als Scheindemokratie zu bezeichnen, in dem sie immerhin jeden Fakt abstreiten dürfen, ohne dafür Ärger zu bekommen (ex Holocaust-Leugnung).

Natürich ist es Mist, wenn Linksregierungen sich mit der Zeit in Unterdrückungsregimes verwandeln, wer gibt sowas schon gerne zu, wenn er in Deutschland endlich nach links gehen will. Und es ist so peinlich, dass Menschen in aller Welt das registrieren und sich denken: Schau an, schau an, der Sozialismus geht entweder wirtschaftlich in die Grütze oder den Weg in die Diktatur. Auch Kuba ist eine Diktatur, nochmal zum Mitschreiben, keine pluarlistische, also echte Demokratie. Es gibt nur eine Partei und alle Kandidaten, wo auch immer sie aufgestellt werden, sind von dieser Partei oder stehen ihr nah. Schon möglich, dass die permanente Revolution wirklich weitergeht, aber sie basiert nicht auf demokratischen Prozessen. Nun ist Kuba jedoch nicht so im Fokus, weil andere sogenannte Linksregierungen weitaus größere Probleme fürs linke Selbstverständnis aufwerfen – sollten.

Aktuell diejenigen in Nicaragua und Venezuela. Mit den venezolanischen Grunddaten habe ich mich vor einiger Zeit etwas mehr befasst, weil ich wissen wollte:  Was ist es, was dieses Land, das unermesslich reich sein müsste, so in den Abgrund zieht? Ist es wirklich nur die Infiltration von außen oder ist das System Maduro entgleist? All mein wirtschaftlicher Sachverstand und jede Rato, alles, was ich an Logik zusammenkratze, sagen mir, es kann nicht ausschließlich die Infiltration von außen sein, die für jene Missstände sorgt. Das ist zu einfach, das berücksichtigt nicht die Unfähigkeit des aktuellen Regimes, aus diesem Reichtum auch nur ein bisschen was zu machen, was der Bevölkerung noch nützt. Vielmehr schafft man sukzessive die Demokratie ab und so war es fast immer, in Lagen wie dieser.

Und nun auch noch Nicaragua. Natürlich ist das wieder ein medialer Angriff, ich habe es gelesen. Ich habe es gelesen von Leuten, von denen ich weiß, wie hassgetrieben sie mediale Gegendarstellung betreiben. Okay. Ich nehme dabei auch viel mit. Ich lerne mich im Dickicht von Propaganda und Gegenpropaganda zurechtzufinden. Aber wenn jemand, der mit Nicaragua eng verbunden ist, im Neuen Deutschland eine veränderte Position kundtut, muss ich dann nicht mal überlegen, ob da was dran sein könnte? Und wenn ich dann in „Labournet“, das nicht in Verdacht steht, von den USA gesposort zu werden, viele weitere Quellen aus Lateinamerika sichten kann, die man alle mit Fug als links bezeichnen darf und die von so viel Enttäuschung und Trauer künden, muss ich dann behaupten, die sind alle vom Klassenfeind gesteuert, nur um mein Narrativ zu retten, obwohl sie vielleicht etwas dichter am Geschehen und an der Wahrheit sind als Ideologen in Deutschland, die, und das ist ja das Üble, das ist die Mist²-Vermutung, eigentlich wissen, dass sie Mist reden, aber uns einfache Parteigenoss_innen trotzdem in Solidaritätsbekundungen zwingen wollen, die eigentlich kein Mensch verantworten kann.

Denn uns soll es um die Bevölkerung gehen und wie es ihr geht. Bei mir ist es auch so, dass ich sage: Wenn eine gemäßigte Regierung ein gutes Modell gefunden hat, das zur nationalen Wirtschaftsaufstellung passt und das Progression erlaubt, dann ist mir das lieber, als wenn Regierungen sich links nennen und rechtsautoritär handeln. Die Unfähigkeit der Regierung Maduro wird in Venezuela möglicherweise dazu führen, dass das Land sich an den US-Dollar binden muss, um die Hyperinflation zu beenden. Herzlichen Glückwunsch! Ja, das ist ein Sieg für die falsche Seite. Aber den hat eine vorgeblich linke Regierung mitverursacht

Anstatt sich auf solche Fails zu stützen und sie weiter promoten zu wollen, sie zu erhalten, dazu hat man – glücklicherweise – ohnehin nicht die Einflussmöglichkeiten, sollte man doch auf alte und neue Hoffnungen schauen. Mexiko! Nicht links genug? Ich finde schon, genug jedenfalls, um den Versuch zu unterstützen und die Solidarität dorhin zu lenken, solange die Regierung es verdient. Brasilien, da wird wieder etwas gehen, ganz sicher. Links ist nicht tot, denn die Menschen in Lateinamerika ein anderes Verhältnis zum Kapitalismus als wir. Ein weitaus weniger von tiefem Glauben geprägtes und mehr pragmatisch-kritisches nämlich, ihren Glauben ziehen sie woanders. Aber wenn sie gegen sogenannte Linksregierungen aufstehen, dann sollten wir davon ausgehen, dass sie nicht alle dafür ein paar Dollar von den USA in die Hand gedrückt bekamen.

Wenn man die Humanität um der Ideologie willen mit Füßen tritt, schafft man damit außerdem einen weiteren Tatbestand, der in Deutschland linke Mehrheiten verhindert. Die meisten Menschen finden dieses Festhalten an Mördern und Unterdrückern zu schräg. Nun, sie fragen nicht genug nach den Mördern in den USA, aber das ist ihre Wahrnehmung. Und da kommen wir wieder zu den Whataboutismen: Nein, wenn Linke glaubwürdig sein wollen, dann dürfen sie natürlich die USA kritisieren. Aber dann müssen sie sich auch wenigstens angemessen distanzieren, wenn ehemals als linke Revolutionäre angetretene Personen sich dem gewalttätigen Machtrausch, der Korruption und dem Nepotismus hingeben. Exzellenz in Administration und sozialer Nachhaltigkeit und damit auch eine progressiv-strategische Politikorientierung war leider selten eine herausragende Eigenschaft lateinamerikanischer Revolutionäre und man muss dem Castro-System auf  Kuba konzedieren, es war noch das beste und schlaueste von ihnen allen bzw. ist es noch, weil die Castros – nun ja, aus der Oberschicht stammen und gut ausgebildet waren bzw. sind. Deswegen kein Angriff darauf, solange die Menschen nicht hungern und es ihnen besser geht als in manch anderer Ecke Lateinamerikas.

Dies alles hat leider eine weitere Implikation, die für mich naheliegt, weil ich von der Innen-Sozialpolitik und damit der Wirtschaftspolitik zur LINKEn gekommen bin. Ich erwarte, also ich wünsche mir nicht, sondern ich bestehe darauf, dass zum Beispiel #Aufstehen sich nicht ständig in die Höhen der Weltpolitik versteigt, die in Wirklichkeit Niederungen sind, sondern hier und im Jetzt und im Rahmen der Möglichkeiten operiert.

Es ist richtig, mit allen wirklichen Linken der Welt solidarisch zu sein – aber nur, solange sie ernsthaft systemverändernd arbeiten. Regierungen hingegen, die dem kapitalistischen Gegner durch ihre Perversion linker Ideale in die Hände spielen, verdienen keine Unterstützung. Ja und nochmals ja! Es wäre schöner, wenn wir nicht immer wieder linkes Scheitern an sich selbst beobachten müssten und es liegt so nah, all dies zu negieren und stattdessen Verschwörungtheorien Raum zu geben. Und natürlich wirkt der Feind. Aber wie man gerade an Kuba sieht: Es ist möglich, sich zu behaupten. Über einen recht langen Zeitraum hinweg.

Besser wäre es, dies geschähe in in einem demokratischen Setting. Das könnten also linke Regierungen in Südamerika hinbekommen, zumal, wenn sie so viel mehr mit Bodenschätzen als Treibstoff für soziale Verbesserungen gesegnet sind als Kuba, wie ebenjene venezolanische Maduro-Administration. Linke, die der Wahrheit nicht ins Auge sehen können und nicht kritikfähig sind und deren ebenso gestrickte Unterstützer in Deutschland geben mir immer ein ganz schlechtes Gefühl, wenn ich an konkrete linke Projekte vor Ort denke, die wir doch irgendwann starten müssen, wenn wir wirklich behaupten wollen, wir seien in Bewegung. Ich denke dann immer: Wenn da irgendwas nicht so läuft – wird es dann zur kritischen Analyse und in der Folge zu kooperativer Vorwärtsbewegung kommen oder ebenfalls mit Schuldzuweisungen an Dritte enden? Die Antwort könnte deprimierend sein, wenn ich mir nicht immer wieder eine Hoffnungstür öffnen würde: Wir müssen es eben mit denen angehen, die es können.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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