Der Maulwurf – Tatort 926 / Crimetime 29 / #Tatort #Erfurt #MDR #Funck #Schaffert #Grewel #Maulwurf

Crimetime 29 - Titelfoto © MDR, Andreas Wünschirs

Ein Zurücksetzen auf Null kann ein Anfang sein

Es gibt einen Verräter (oder eine Verräterin?) bei der Kripo Erfurt. Es gibt drei Jungermittler, wir hätten sie beinahe die Drei von der Tankstelle genannt, wenn sie nicht plötzlich so ernst geworden wären. Sie müssen den Maulwurf ausgraben. Es gibt etwas wie eine Back-to-the-Roots-Bewegung. Und es gibt natürlich unsere -> Rezension.

Handlung 

Dem Gefängnisinsassen Timo Lemke wird erlaubt, an der Beerdigung seines Vaters teilzunehmen. Lemke wurde wegen Totschlags und Menschenhandels zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Obwohl der ehemalige Rotlichtkönig zwar kurz vor der Entlassung steht, nutzt er aber die Chance zur Flucht – und erschießt dabei einen Polizisten.

Während die Erfurter Kommissare Funck, Schaffert und Grewel nach dem Aufenthaltsort Lemkes suchen, wird die Chefin des Trios, Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger, entführt. Zusammen mit Kriminaldirektor Volker Römhild konnte Fritzenberger damals Lemke überführen und verhaften. Will Timo Lemke sich nun deswegen rächen? Ist Römhild jetzt auch in Gefahr?

Eine undurchsichtige Rolle spielt dabei auch der ehemalige Polizeikollege Ingo Konzack. Bevor Funck, Schaffert und Grewel ihn aber darüber befragen können, wird Timo Lemke tot aufgefunden. Wie soll das Trio nun den Aufenthaltsort der Chefin finden? Wie lange wird sie alleine überleben? 

ARD-Trailer

Rezension

„Am wenigsten prägnant aber war das Erfurter Team für uns, wir haben kaum eine Erinnerung an den Tatort, der vor 13 Monaten gelaufen ist, nicht an die Gesichter, nicht an die Handlung. Sicher ist es für Standorte, die zwei- oder dreimal pro Jahr einen Tatort bekommen, einfacher, sich ins Gedächtnis des Publikums zu brennen.“ Den vorstehenden Satz schrieben wir in die Vorschau zum 926. Tatort, aber es liegt nicht daran, dass die Erfurter seltener auftreten als die Kölner, die gefühlt alle zwei Monate einen Fall zu bearbeiten haben.

Es liegt wieder am Konzept, dass das Gefühl der Austauschbarkeit dieses Mal noch stärker geworden ist. Wir haben die gewaltsam verjugendlichte Sprache des ersten Erfurt-Tatortes vor einem Jahr kritisiert, also können wir jetzt nicht das Verschwinden dieses lächerlichen Duktus ebenfalls kritisieren. Oder doch? Was man jetzt gemacht hat, ist wirklich bemerkenswert. Man hat die drei Ermittler erwachsener gemacht, indem man sie entindividualisiert hat. So wirken sie von allen Teams am meisten beamtenhaft, mit ganz kleinen Nuancen: Der groß gewachsene Friedrich Mücke als Kommissar Funck ist die natürliche Führungsperson, Schaffert (Maik Kramme) gehen schon mal die Sicherungen durch, vor allem im Vernehmungsraum, Grewel (Alina Levshin) ist im Denken die Schnellste der drei und lehnt sich am Weitesten aus dem Fenster, wenn es um Kompetenzüberschreitungen geht.

Nachdem man nun also das Erfurter Team sozusagen gestrippt und zurück auf Null gesetzt hat, müssen wir mit diesen wenigen Merkmalen auskommen, auf denen man allerdings eine Weiterentwicklung aufbauen kann. So sehr wir’s gut finden, dass es auch normale Menschen im Polizeidienst gibt, die nicht schwer traumatisiert und / oder mit exorbitanten Macken versehen sind, so riskant finden wir auch die Methode, die drei jetzt so aufzustellen, dass richtiggehend deutlich wird, wie unterlegen sie erfahrenen Verbrechern im Grunde sind. Bei den Vernehmungen tritt das besonders hervor. Andererseits ist das ja gerade realistisch. Wenn man nur Greenhorns ran lässt, gibt es eine gewisse Asymmetrie bei der Ausformung der Persönlichkeit, zwischen Täter und Verfolgern.

Trotzdem, Potenzial ist vorhanden. Keiner der drei ist unsympathisch, das Lastenheft, das die Drehbuchautoren zu beachten haben, kann für die nächsten Fälle schrittweise ergänzt werden. Schauspielerisch ist Luft nach oben, das ist wohl wahr und darin stimmen wir mit vielen Fans der Reihe überein, aber zumindest zwei der drei Ermittler-Darsteller halten wir für geeignet, eine Ära zu begründen. Wir haben neulich den ersten München-Tatort mit den aktuellen Ermittlern gesehen („Animals“), und, mein Gott, wie grün wirkte damals besonders Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr. Der wurde mit der Zeit eine tragende Säule des Tatort-Tempels. Erfurt betreffend, würde es ausreichen, wenn die drei ??? sich in der Mitte des Dickichts aus verschiedenen Teams und Städte einfinden und erst einmal problemlos mitschwimmen. Ein Tukur, ein Król, ein Liefers hatten es leichter, weil sie schon einen großen Ruf hatten, zu den bekanntesten deutschen Schauspielern gehörten, als sie im Tatort eincheckten. Aber es gibt keine  Superstars deutscher Zunge, die schon mit 30 die Massen anziehen können. Dazu ist die deutsche Schauspielerei, wie auch das Schreiben von Drehbüchern und das Führen der Regie, mittlerweile zu akademisch ausgerichtet.

Den drei Erfurtern können zum Beispiel gute Drehbücher helfen, wie die Leipziger beispielsweise sie zu selten hatten. In diesem Fall von Verrat und Fremd-Schuldzuweisung im Polizeibetrieb haben die Kommissare zumindest nicht gestört. Wir haben selten in letzter Zeit einen insgesamt so glatten, konservativen Neu-Tatort gesehen. Wenn die Profilierung vorher in die falsche Richtung lief, kann das ein Weg sein, um die oben angesprochene Justierung vorzunehmen und sich dann langsam in jene Zone vorzutasten, in welcher das Publikum seine Lieblinge benennt. Wir sehen bis zum sicheren Beweis des Gegenteils junge Leute, die sich ihre Sporen verdienen dürfen, dies innerhalb des prominentesten deutschen Krimiformats tun zu dürfen, ist allerdings auch ein Privileg.

Die Frage, wie wir mit dem Team umgehen, hat auch mehr für Spannung bei uns gesorgt als der Fall. Nicht, dass er so schlecht konstruiert wäre. Die Logik stimmt schon weitgehend, eher leidet die Glaubwürdigkeit und vor allem: Es gab einen ähnlichen Fall mit Lena Odenthal, in dem auch noch derselbe Schauspieler (Christian Redl) die gleiche Rolle spielte und damit auch den Schurken. Wenn die Redundanz so deutlich wird, dann muss man sich einige Fragen gefallen lassen. Die Fragen wären an die Sendeanstalt zu richten, die das Drehbuch kaufte. Eine Antwort werden wir aber nicht bekommen, deshalb verbleiben wir im Hier und Jetzt und stellen fest, dass die Besinnung auf die Basics eines Tatorts gar keine schlechte Idee ist.

Der 926. Tatort wirkt fast wie eine Art Betriebsanleitung, die frei ist von irritierenden Novitäten und allzu subjektiven Einsprengseln. Der Verrat, das Weiterermitteln trotz Verbot, der Ausbrecher, der die Cops foppt, das SEK, das sich nicht sofort traut, damit die Ermittler mehr Action bekommen, der Computer, der unautorisiert ausgelesen wird, die Entführung eines Polizisten oder einer Polizistin. Alles Dinge, von denen mindestens eines in jeden Tatort gehört. Aber: Es fehlt die Anreicherung, das Kauzige und dadurch wirkt der Krimi sehr straight.  Keine Bösartigkeiten, bis auf Schafferts Austicken im Vernehmungsraum, keine sozialpolitischen Statements, daher auch kein Zwang, diese in einer politisch korrekten Diktion abzuliefern. Nur das Gefühl, dass die Alten viel zu verbergen haben, was hinter den jungen, faltenlosen Gesichtern der heutigen Ermittlergeneration noch keinen Platz hätte.

Und damit das Gefühl von Sicherheit und Ernsthaftigkeit, das endlich wieder dafür sorgt, dass Tatortkommissare als Polizisten vorstellbar werden. „Der Maulwurf“ ist, jenseits einiger immer wieder vorkommender, unrealistischer Einzelelemente der Handlung ja doch ein ganz unprätentiös und sauber gefilmter Fall. Man geht sozusagen zurück in die Lehre, nachdem klar ist, dass der Meisterfilm nicht vom Himmel fällt.

Fazit (mit Angaben zur Auflösung)

Wir fanden die Idee in Ordnung, erst einmal die Grundlagen beherrschen zu wollen, bevor Extravagantes nach Erfurt versetzt wird, das sich in echten Großstädten sowieso besser macht. Entstünde aus dem Fundament, das man nun offensichtlich in seriöser Weise legen will, erst einmal ein solides Gerüst, wären wir mit von der Partie, wenn es darum ginge, dies zu würdigen.

Allerdings sollte man doch aufpassen, die Plots nicht zu ähnlich denen sind, die erst vor wenigen Jahren über den Bildschirm kamen, oder wenigstens andere Schauspieler verwenden, damit das Abkupfern nicht so frappierend ist. Was uns hingegen nichts ausgemacht hatte und was ohnehin durch das Gefühl, mit dem Römhild ist was nicht in Ordnung, anhand von Vorkenntnissen bestärkt wurde, war die Vorhersehbarkeit des Täters. Denn diese bedeutet nicht, dass es nicht spannend werden kann. Das Wie, nicht das Wer trägt dann die Dramaturgie. Zum Beispiel, wie macht man es glaubhaft, dass ein ranghoher Polizist  wegen wenigen tausend Euro die Karriere aufs Spiel setzt? In dem man dafür sorgt, dass er sich am Neuen Markt verzockt und indem man einen Geldkoffer ins Spiel bringt, von dem bisher niemand etwas wusste. Eine ganz nette Idee, den Täter Römhild zu nennen, denn das liest sich, als stamme er aus einer Kleinstadt gleichen Namens in Süd-Thüringen

6,5/10

Anmerkung 2018

Das plötzliche Aus fürs Team Erfurt kam bereits nach diesem 2. Tatort, der MDR hatte also doch beschlossen, die Aufbauarbeit bei dieser Schiene nicht weiterführen zu wollen. In gewisser Weise kann das Team Weimar (Lessing, Dorn) als Ersatz angesehen werden – allerdings um den Preis, dass diese Tatorte auf der Achse mit den Endpunkten ernsthaft und infantil ganz außen beim kleinen „i“ angesiedelt sind.

© 2019, 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Kommissar Henry Funck Friedrich Mücke
Kommissar Maik Schaffert Benjamin Kramme
Kommissarin Johanna Grewel Alina Levshin
Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger Kirsten Block
Kriminaldirektor Volker Römhild Christian Redl
Ingo Konzack Oliver Stokowski
Nadine Schuricke Franziska Petri
Jochen Berner Ole Puppe
Timo Lemke Werner Daehn
Jetmir Ferhat Kaleli
Regie: Johannes Grieser
Buch: Leo P. Ard und Michael B. Müller
Kamera: Michael Boxrucker
Musik: Robert Schulte Hemming
Schnitt: Philipp Schmitt

 

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