Vom #Aufstehen zum sich drüber #aufregen – die mediale Fieberkurve der #Wagenknecht-#Bewegung

Kommentar 55

#Aufstehen ist mittlerweile zu sich drüber #aufregen geworden, wenn man die atemberaubende Mediendurchdringung der neuen Linksbewegung von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine verfolgt.

Da gibt es von bedingungsloser Pro-Propaganda (ein Unwort) bis zu vehementer Ablehnung wirklich alles, und das auch noch aus allen Richtungen. Aber wieviel mehr als den Durchschnittsjournalisten, der keinen Bezug dazu hat, muss dies einen Linken triggern, der in seinem politischen Umfeld einige bekennende Anhänger_innen der neuen Bewegung vorweisen kann? Ich denke also weiter nach – heute mit den Nachdenkseiten, weil diese #Aufstehen unterstützen und deren Beitrag gleichzeitig viele Links zu Äußerungen von Gegner_innen enthält.

Es wird immer härter, das lässt sich wohl festhalten, wenn man sich diese Medien- und Meinungsschlacht anschaut.

Wie angenehm gegenüber diesen Exzessen ein nachmittägliches Gespräch, das ich mit einer Parteigenossin führen konnte. Es war ein multithematischer und grundsätzlicher Austausch, aber natürlich kam auch die #Aufstehen zur Sprache, alles andere wäre ja im Moment geradezu unnatürlich und peinlich exklusiv. Ich würde die heutige Unterhaltung aber nicht in diesem Zusammenhang erwähnen, wenn wir nicht bei insgesamt mehr als 80prozentiger Übereinstimmung über Positionen und Personen der / in der LINKEn ausgerechnet beim Thema #Aufstehen einen Dissens gehabt hätten.

Ich sah mich diesbezüglich ein wenig im Vorteil, weil ich vor allem den strategischen Planer von #Aufstehen, Oskar Lafontaine, wesentlich länger beobachte als mein Gegenüber das bisher konnte. Ich schätze die Person, mit der ich gesprochen habe, für ihre engagierte und kompetente Art, links bewegt zu sein und vor allem für ihr Sensorium, Menschen betreffend. Deswegen fand ich es aber auch okay, meine Beobachtungen einzubringen, anstatt taktisch daherzureden. Da ja sowieso alle auf die #Aufstehen sehr persönlich reagieren und man kaum eine rein sachliche Position dazu findet, ließ ich natürlich auch einfließen, was mich in diesem Zusammenhang beschäftigt: Dass das Funktionieren eines Modells selbstredend nicht nur von Positionen, sondern auch von Personen abhängt. Zumal, wenn es von wenigen Einzelpersonen initiiert wurde.

Die Diskussion ist nicht zu Ende, vielleicht beginnt sie gerade erst und ich habe vom Nachmittag im Kiez einiges zum  Nachdenken mitnehmen können. Zum Beispiel: Wenn es wirklich keinen Unterschied macht, ob eine Bewegung aus einem großen allgemeinen Bedürfnis entsteht oder ob sie ein in seiner Ausprägung noch nicht erkennbares Angebot profilierter Politiker ist, ob es vielleicht um echte Partizipation oder um eine Art von Arche geht, erbaut von kundigen Schiffszimmerern als Rettungsboot auf der Megaflut eines alles ertränkenden Kapitalismus, um einen letzten Überlebensraum, in dem also die Armen und Beladenen und Veränderungswilligen Platz und eine gute Steuerfrau oder Kapitänin finden, der sie vertrauen können, dann mag es sein, dass #Aufstehen der Erfolg beschieden ist, womit gleichzeitig belegt wäre, dass die Unteren Zehntausend nicht selbst aufstehen und ein Schiff bauen und an Bord gehen können, sondern dass andere Menschen, die über mehr Kapazität verfügen, das für sie tun müssen. So wäre das also im Jahr 2018.

Darüber zu diskutieren ist spannend und wichtig, weil sich an #Aufstehen – an der Art des Zustandekommens, der Präsentation, an den Reaktionen darauf, viel über den Gesamtzustand unserer Politik und unserer Gesellschaft ablesen lässt. Eines hat die Bewegung aber schon erreicht und das sollte auch ihren Gegnern klar sein, weil sie sich daran beteiligen, dass diese zustande kommt – eine sehr hohe Aufmerksamkeit.

Ich habe mich heute Abend dann durch alle im Nachdenkseiten-Beitrag erwähnten Statements gelesen, um ein Bild zu bekommen und bewerte diese Äußerungen eigenständig.

Ralf Stegner, SPD: Si tacuisses, philosophus mansisses, heißt es, wenn ich’s richtig im Gedächtnis habe. Aber das gilt ja für vieles, was Stegner von sich gibt.

Johannes Kahrs, SPD: Wird von den „NDS“ als SPD-Rechter eingestuft. Soso, Wagenknecht kommt in den Medien nicht mehr vor. Die Sommerpause wirkt? Könnte schon sein. Und dass es Verzweifelte in Deutschland gibt, sollte einem Genossen zu denken geben. In einem hat er sozusagen halb recht: Wenn „Aufstehen“ als Bewegung nicht läuft, hat Sahra Wagenknecht in der LINKEn ausgespielt. Dann bleibt ihr aber immer noch, „#Aufstehen“ in eine Partei zu wandeln und ich traue einer solchen Partei zu, dass sie die LINKE erheblich beschädigt, möglicherweise sogar besser abschneidet als diese. Was da läuft, ist eben ein riskantes Spiel für alle Beteiligten und auch für ein linkes Projekt in Deutschland.

Der Tweet von NRW-SPD-Chef Sebastian Hartmann: Wirklich süß. Und postfaktisch. Die SPD gibt es unter dem heutigen Namen erst seit 1890. Und nachdem sie ca. 1973 ihren Höhepunkt überschritten hatte, ging sie immer weiter weg von ihrem Zweck, nämlich eine Arbeiterpartei zu sein und verließ diesen abgründigen Pfad bis heute nicht.

Sind die Grünen wirklich schmallippig oder im Moment davon überzeugt, dass Schweigen Gold ist, weil wenig Aufhebens machen ja anscheinend viel Zuspruch bringt, wie man an neueren Umfragen sieht?Aber es gibt viele Felder, auf denen Grüne und Wagennecht-Lafontaine nicht übereinstimmen, so viel ist sicher.

Der „Posaunen-Beitrag“ der Huffington Post. Ein Gegenmedium wie die NDS hat ja auch eine bisweilen steile Fieberkurve: Wenn die Sprache manipulativ bis hitzig wird, ist an dem, was bewertet wird, oftmals etwas dran. Ich bewerte es nicht so positiv, dass die Grünen mittlerweile mit allen außer der AfD können, also anders als die HuffPost. Aber diese Beliebigkeit ist Kennzeichen ihres Stammklientels, das sich auf der Gewinnerseite der Globalisierung sieht und daran haben sich die heutigen grünen Politiker nun orientiert, das ist wohl noch immer eher ein Kern als „des Glückes Unterpfand“, weitere Verschiebungen nach dieser Sommertour nicht ausgeschlossen. Der Partei eine Servilität gegenüber dem eigenen Publikum zu verdenken, finde ich bemerkenswert: Die Parteien sollen doch für ihre Wähler da sein und das repräsentieren, was jene sich wünschen.

Diesem Ideal kommt in Deutschland nur das Duo FDP und Grüne nah und nicht umsonst gibt es mittlerweile große Ähnlichkeiten zwischen den Anhängern dieser beiden Parteien. Nicht nur Wagenknecht-Anhänger in der LINKEn sind aber der Meinung, dass echte linke Politik sich nicht mit der SPD und den Grünen gemein machen darf – dass zum Widerstand aber eine stärkere linke Vereinigung und keine weitere Spaltung notwendig ist, versteht sich von selbst. Und viele Äußerungen aus der LINKEn wie auch die hier vermutete Abgrenzung Wagenknechts zur linken Landespolitik, die mit der SPD und den Grünen durchgeführt wird, kann man herauslesen aus ihren Statements, wenn sie unterschiedslos kooperationsfeindlich sind. Ich würde es ein wenig trennen: Landespolitik ist anders. Kompromisse sind ein besonders drängendes Muss, weil Landesregierungen viele Rechtsetzungen gar nicht ändern können, die werden auf deutscher oder europäischer, in manchen Bereichen auf noch höherer Ebene vorgenommen. Vielleicht könnte Wagenknecht diesen Unterschied einmal herausstellen, dadurch würden sich auf Landes- und kommunaler Ebene vielleicht nicht ganz so viele Politiker_innen der LINKEn von ihr düpiert und in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt fühlen. Natürlich gibt es auf Länderebene noch nirgends wirklich linke Politik. Wie auch nach so kurzer Zeit (vor allem auf Berlin bezogen), bei den Zuständen, die konservative Vorgängerinnen hinterlassen haben.

DIE LINKE vor dem Parteitag 2018. Da verweisen die NDS auf einen weiteren eigenen Artikel und den finde ich gut. Die dort natürlich auch wieder zu findenden Verweise habe ich jetzt nicht lesen können, aber die Analyse ist wichtig und bietet für nicht mit den Interna und Entwicklungen in der LINKEn vertrauten Personen sicher Neues. Der Text stammt im Wesentlichen von einem Leser der NDS aus dem Gewerkschaftsbereich. Den oben schon bezüglich #Aufstehen erwähnten Filter muss man immer drüberlegen: Die NDS sind klare Wagenknecht-Supporter, bei Texten über die LINKE also Partei.

Hier dann Beobachtungen der NDS während des Parteitags, die ich unkommentiert lasse, weil ich nicht dabei war. Was ich mir per Video angeschaut habe, ist die schlechteste Rede von Gregor Gysi, die ich je gehört habe und eine vergleichsweise konsistente Ansprache von Sahra Wagenknecht, die auch, im Gegensatz zu medialen Darstellungen, nur einmal von Buhrufen unterbrochen wurde – und da ging es um ein Zitat, das sie ablehnend erwähnte. Die Interpretation, ob die Buhrufe dem Zitat galten oder ihr, lasse ich hier offen. Ansonsten wurde diese Rede sehr gut aufgenommen. Eine gewisse Schizophrenie ist den Delegierten, die ansonsten eher unfreundlich mit ihr umgingen, wirklich nicht abzusprechen und leider ist dies ein Spiegel der Unvereinbarkeiten in der Partei.

BILDblog zu BILD / Michael Wolfssohn. Dass jemand bald auf die Idee kommen würde, die #Aufstehen mit der NSDAP in Verbindung zu bringen, war zu erwarten. Weil die NSDAP sich ja selbst als Bewegung bezeichnete, um sich von den „etablierten“ Parteien abzugrenzen. Klar will jede Bewegung eben keine langweilige, hierarchische, im vieljährigen Politibetrieb abgeschliffene Partei sein, sondern etwas Neues sein und Aufbruch. Und wenn #Aufstehen doch Partei wird, weil der Druck auf die LINKE per Bewegung nicht funktioniert, dann ist sie eben keine Bewegung mehr, sondern eine Partei. So einfach ist das im Grunde und auch die NSDAP war natürlich eine Partei. Soll man daraus, dass sie in Wirklichkeit dies war, nun schließen, dass alles, was sich Partei nennt und aus einer Bewegung entstanden ist oder aus zweien, wie die Grünen, auch irgendwie NSDAP-nah ist? Ich muss mich geradezu schämen, dass ich selbst mal in diese Richtung überlegt habe – und doch wieder nicht. Denn meine Überlegung ging letztlich dahin, dass es auf den Begriff „Bewegung“ oder „Partei“ nicht ankommt, sondern darauf, welche Politik vertreten wird. Wenn also eine in Deutschland wählbare politische Kraft in ihrem Namen den Begriff „Bewegung“ verwendet, dann darf sie das, ist aber statusmäßig trotzdem eine Partei.

https://twitter.com/jreichelt/status/1026379058211442689

Den Tweet des Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt habe ich hier verlinkt – damit sich jeder ein Bild über die Dämlichkeit der BILD machen kann. Ich habe jüngst auch gefordert, dass die Linken aufhören sollen, sich mit der Unterstützung der Regimes in Nicaragua und Venezuela ein hohes Maß an Unglaubwürdigkeit ans Bein zu binden und damit Wähle zu verschrecken, deren Ansatz ein humanistischer ist. In der neuen Bewegung kann das Verhältnis zu Lateinamerikas linken und „linken“ Regierungen jedoch nicht thematisiert worden sein, weil die inhaltliche Arbeit erst am 04.09.2018 beginnen soll.

Kritik von links, erst die Junge Welt. Klar kann man über die Art, wie die Bewegung häppchenweise kommt, nachdenken und sie als manipulative Verkaufsstrategie ansehen. Mich erinnert das Vorgehen sehr an gewisse Formen der Lancierung neuer Konsumprodukte. Aber wir sind halt in 2018 und da ist es nichts Absonderliches, dass die Spielräume der neuen Medien genutzt werden, um eine Sache gemäß diesen Möglichkeiten spannend zu machen. Hingegen wird die Rassismusdebatte mit einem doppelten Bewertungsfilter unterlegt: Es wird suggeriert, dass alle, die daran teilnehmen, insbesondere jene, die gegen Rassismus argumentieren, offene Grenzen wollen. Das aber nicht die Mehrheit und auf Seiten der Mehrheit steht Sahra Wagenknecht in diesem Punkt.

KenFM / Susan Bonath. Immer dieser Neid auf die mediale Präsenz von Sahra Wagenknecht. Nach dieser Logik dürfte sie nur KenFM, Sputnik, RT und vielleicht noch den NDS ein Interview gewähren, keinesfalls aber in Talkshows und in Leitmedien Statements abgeben, weil dies ja Systemaffinität belegt. Schon klar. Worin liegt wohl die Popularität von SW begründet? Weil sie sich eben diesen Medien stellt. Inwieweit sie wirklich systemverändernd unterwegs ist, das wird sich zeigen. Ich sehe aber niemanden, auf den das mehr zuträfe – unter allen bekannten Politiker_innen im Land. Also bleibt mir, wenn ich jemanden unterstützen will, der noch einen Hauch von Antikapitalismus in die wirtschaftspolitische Debatte einbringt, nur Sahra Wagenknecht. Wir haben derzeit keine Revolutionäre an Bord und das sagt auch etwas über uns aus. Übrigens hatte ich nicht den Eindruck, dass insbesondere über die Blockupy-Bewegung  extrem negativ berichtet wurde.

Und hier der „Linksgipfel“, das entsprechende FB-Posting, das die NDS erwähnt haben:

https://www.facebook.com/susan.bonath/posts/1830710740331604

Spätestens, seit Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform in der LINKEn weg ist, hat sie Positionen revidiert, daran besteht kein Zweifel. Die einen sagen, sie ist systemaffiner geworden – die anderen, sie hat eine gewisse Reifung erfahren. Ich würde ihre Positionen in zwei, drei Bereichen gerne noch kantiger haben, aber wie würden dann erst die Angriffe auf sie aussehen – und mit wem sollte sie dann eine reale Machtoption aufbauen, wenn das ja jetzt nach ihrer eigenen Ansicht schon mit keiner anderen Partei geht? Zu einem sehr typischen Vorwurf: Natürlich ist es nicht richtig, die Arbeiter_innen jedweder Herkunft gegeneinander aufzuhetzen, aber tun das eher die Open-Border-Politiker_innen oder Sahra Wagenknecht?

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s