Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris (La traversée de Paris, F 1956) 

Filmfest 6

Schwein gehabt!

In unserer letzten Filmfest-Rezension haben wir uns vom französischen Komikerstar Pierre Richard zu seinem Kollegen Louis de Funès bewegt und ihn auf dem „zweiten Karrierehöhpeunkt“ erhlebt, in „Brust oder Keule„. Der zweite Höhepunkt war es deshalb, weil de Funès es nach einer schweren Herzattacke geschafft hatte, noch einmal zurückzukehren und auf eine etwas ruhigere Art weiterhin seine ausgeprägte Persönlichkeit einzusetzen, um uns ein kulinarisch-filmisches Vergnügen zu bereiten. Wir hätten nun zum ersten Höhepunkt seiner Karriere schwenken können, zum „Gendarm von Saint Tropez“ (1964) – aber wir gehen noch weiter zurück. In jene Zeit, als de Funès sich mit Nebenrollen langsam hocharbeitete und dabei mit den Größen der damaligen Zeit zusammen auftrat. In „Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris“ sind es Bourvil – und Jean Gabin. Mit Essen hat auch dieser Film zu tun. Er spielt in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris, als die Haute Cousine nicht tot war, aber die Grundversorgung ebenfalls eine sehr wichige Rolle spielte. Vorsichtig wagte man sich Mitte der 1950er an eine komödiantische Bearbeitung jener Zeit und um die Franzosen mit ihr zu versöhnen, war es keine schlechte Idee, den großen Jean Gabin in den Mittelpunkt zu rücken, der wie kein anderer das französische Kino der direkten Vorkriegszeit ab Mitte der 1930er mit der Nachkriegszeit verband.

Der Film spielt 1942/43 in Paris, das seit Juni 1940 von der Wehrmacht besetzt war. Der arbeitslose Taxifahrer Martin übernimmt gelegentlich Transporte für den Schwarzmarkt. Sein Gehilfe wurde verhaftet, so dass eine zufällige Bekanntschaft, Grandgil, ins Geschäft einsteigt. Der Metzger Jambier übergibt ihnen ein schwarz geschlachtetes Schwein in vier Koffern, die Martin und Grandgil nun nachts durch das besetzte Paris transportieren. Dabei erleben sie einige Überraschungen und überstehen Gefahren, zum Beispiel werden sie von der deutschen Gestapo aufgegriffen. 

Inhaltsangabe: Wikipedia.

Anni und Tom über „
Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris“

2018-08-20 Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris La traversée de Paris F 1956 Louis de Funès
Louis de Funès als Metzger

Anni: Also, gleich vorweg: Für Vegetarier ist der Film eine Zumutung. Bitte nicht reinschauen. Für alle Tierliebhaber, die zwar Tiere essen, aber lieber nicht zuschauen wollen, wie das ist, wenn die Tiere essbar gemacht werden, gilt das auch.

Tom: Nachdem das nun klargestellt ist, muss ich anmerken, dass die Schweinerei irgendwie auch etwas Symbolisches hat. Wegen der Boches, als welche die Deutschen in Frankreich auch heute noch gerne bezeichnet werden. Es stimmt aber so nicht, der Begriff hat etymologisch einen anderen Ursprung. Trotzdem ist das Schwein als Symbol und als solches Schwarzmarktobjekt während der Besatzungszeit nicht zu unterschätzen. Wenn man will, kann man die Schlachtungszene mit der Musik, die das Quieken des armen Schweins übertönen soll, als Metapher auf die Grausamkeit der Zeit sehen, die man à la Francaise durchgestanden hat, nämlich mit viel Improvisation und dem Humor von Louis de Funès.

Anni: Die Deutschen werden aber erstaunlich positiv dargestellt, es gibt ja stellenweise auch etwas wie Kumpanei, also Kollaboration. Doch optisch und in ihrer Art sind zumindest die höher gestellten unter den Militärs eher angenehm. Natürlich kommt mir dabei in den Sinn, dass Regisseur Autant-Lara nicht in der Résistance war oder ihr nahe stand, sondern pazifistisch gesinnt war und im Alter sogar für den FN als Politiker tätig und stark antisemitisch eingestellt. Es gibt da die Geschichte, wie er als Alterspräsident 1989 das Parlaments-Sitzungsjahr eröffnete und dabei eine Rede hielt, die ihn gleich wieder aus der Nationalsversammlung hinausbeförderte. Erinnert dich das an etwas ganz Aktuelles?

Tom: Oh ja. Aber die Franzosen haben es ausgehalten. Bei uns meinen Politiker, sie müssen eigens die Regeln für den Betrieb des Bundestages ändern, damit ein AfD-Politiker nicht die Eröffnungsrede der Sitzungsperiode als Alterspräsident halten kann. Obwohl die vermutlich nicht so extrem ausfallen würde wie die seinerzeitigen Einlassungen von Autant-Lara.

Anni: Am Ende des Films ziehen aber die Amerikaner und die anderen Alliierten in Paris ein, durch das vorher die Wehrmacht marschiert ist, und ist dannn doch ein versöhnlicher und sihcer in diesem Fall notwendiger Abschluss. Trotzdem, die gesamte Ästhetik und Bildsprache des Films empfinde ich als  zwiespältig. Mein Eindruck ist, dass Autant-Lara subtil darstellen wollte, dass die meisten Franzosen keine Widerstandshelden waren, sondern Mitläufer und solche, die sich arrangiert haben. So, wie er selbst vermutlich.

Tom: Dieses Ausgreifen aus der werkimmanenten Interpretation mag ich ja auch, weil ich finde, dass die Person des Filmemachers eine große Rolle spielt, wenn man seine Filme betrachtet, aber ich mag eigentlich den Stil von Autant-Lara. Denk an „Die rote Herberge“, der wirklich eine hervorragende, ziemlich schräge Atmosphäre hat und etwas im Stil einer Moritat inszeniert ist, oder an „Mit den Waffen einer Frau“, in dem Jean Gabin natürlich glänzt wie immer, in dem aber auch Brigitte Bardot eine ihrer besten Rollen spielt – und anhand dieses Films verteht man auch gut, wie derlei ungleiche Verhältnisse zwischen einem älteren Mann und einer hübschen jungen Frau funktionieren. Für mich funktionieren auch die Filme von Autant-Lara, und zwar auf der psychologischen Ebene. Und sie sind vergleichsweise logisch aufgebaut.

Anni: Also mehr nach angelsächsischen Muster, die Handlungslogik betreffend, die wir ja hier manchmal einer etwas engen Betrachtungsweise unterziehen. Aber es stimmt, sowohl die Typen als auch der Verlauf von „Die Nacht von Paris“ sind gut vorstellbar und wirken recht authentisch. Und die eben angesprochene Atmosphäre gibt es auch hier, weil fast immer nachts gefilmt wird und weil diese milde Bedrohung spürbar ist. Es ist ja kein harter Film, sondern das, was man 1956 wohl maximal zeigen konnte, zwölf Jahre nach dem Ende der Besatzung. Das große Verulken wie in „Die große Sause“ (1967)  hatte damals noch nicht eingesetzt, dazu war man zu dicht an den Geschehnissen, die alles andere als witzig waren. Deswegen hab ich während des Films auch nie gelacht, höchstens mal gelächelt. Selbst Louis de Funès hat das nicht ändern können. Der Realismusfaktor war für mich zu  hoch.

2018-08-21 Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris La traversée de Paris F 1956 Jean Gabin Louis de Funès
Louis de Funès und Jean Gabin

Tom: Dafür haben Bourvil und Gabin wirklich tolle Dialoge, die auch aus wirtschaftlicher Sicht sehr stimmig wirken. Was wäre also, wenn man das Schwein auf eigene Rechnung losschlägt, anstatt nur den Boten zu spielen? Wenn schon bei Nacht und ohne Nebel, unter Legalität hindruch schlüpfend, dann richtig. Und am Ende verweigert der Kunde die Abnahme der Koffer, weil eine Militärpatrouille in der Nähe ist. Inzwischen hat das zerlegte Schwein im wörtlichen Sinn einiges an Gesicht verloren. Wir sehen hier auch eine  Hans-im-Glück-Story und natürlich ein Buddy-Film, in dem sich zwei ziemlich interessante Charaktere zu einer Art Gemeinschaft zusammenraufen. Ich glaube, die Franzosen haben diese Art von Film sogar erfunden, nicht die Amerikaner. Das war noch vor dem Zweiten Weltkrieg und innerhalb des Poetischen Realismus, mit Filmen wie „La belle Équipe“ (1936).

Anni: Und ein Jungs-Film. Kaum Frauen in einem französischen Film, was ging schief? Nein, gerade die Franzosen haben ja viele Filme über Männerfreundschaften gemacht, das stimmt, etwa den berühmten „Lohn der Angst“ (1953) und auch viele Krimis und Gangsterfilme. Es gab Zweierfreundschaften und Gruppen, wie bei „La Belle Équipe“ beispielsweise. Bei ernsten Filmen ist das interessant zu sehen, in Komödien bei uns auch, denk die Quasi-Schicksalsgemeinschaft in „Die drei von der Tankstelle“, der schon 1930 herauskam und mit „Ein blonder Traum“ einen direkten Nachfolger hatte. Oder denk an Laurel und Hardy, das erste Komikerduo im Film, das man heute noch kennt – auch wenn die beiden gerade dadurch glänzten, dass sie kontrovers waren. Da steckt schon eine lange Tradition dahinter, die auch literarisch unterlegt ist. Wir wollten ja nicht so ausführlich über den Film schreiben, weil es schon etwas her ist, dass wir ihn angeschaut haben. Ich gebe 6/10. Mir ist das alles hier nicht ganz geheuer, ich habe eben den Verdacht, Autant-Lara verharmlost die Besatzungszeit und gibt seinen Landsleuten dabei eins mit.

Tom: Und die hätten das nicht gemerkt, wenn es seine Absicht gewesen wäre? Der Film war der erste große kommerzielle Erfolg für den Regisseur. Was ich noch kurz erwähnen möchte: Die Ausstattung und die Mode wurde sehr gut den 1940ern nachgebildet, so viel Mühe hat man sich in Filmen dieser Art nicht immer gegeben. Von mir 7,5/10. „Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris“ (alter Verleihtitel „Quer durch Paris“, was dem Originaltitel mehr entspricht) hat eine leicht versöhnliche Tendenz, das stimmt schon, aber ich finde das von heute aus betrachtet wegweisender als die späteren Verschiebungen der Geschehenisse ins Pathetische oder zu Alberne – jedenfalls auf eine Art von Restauration und Legendenbildung.

Anni: Das ist verständlich. Jede kollektive Erzählung hat ihre eigenen Hintergründe. Ich will auch betonen, dass der Film trotz allem sehenswert ist – wegen der Stars. Und wohin gehen wir nun?

Tom: Eigentlich ist es noch etwas früh, kurz nach „Die Spiegelregel“ von Jean Renoir, dem Filmfest-Opener, schon wieder einen Topfilm zu „verschießen“, aber ich würde gerne bei Jean Gabin bleiben und in Paris und auch in der Nacht – und die Rezension zu „Wenn es Nacht wird in Paris“ („Touchez pas au grisby“) bringen. Das ist ein Krimi, der zwei Jahre vor dem Schelmenstück mit dem Schwein entstand. Von Jacques Becker – für mich einer der besten französischen Regisseure der 1950er. Und einer der schönsten Gangsterfilme jener Dekade und natürlich ein Film über eine Männerfreundschaft. Den haben wir aber nicht zusammen angeschaut.

Anni: On reste a soi, les amis, mais oui, et – à bientôt!

68/100

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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