Gendergerechte Sprache für Fortgeschrittene (Civey) / #Genderung

Umfrage & Ergebnis 8

Gendergerechte Schreibweise ist nichts für schwache Nerven. Vor allem nicht, wenn man täglich 3000 bis 5000 Wörter produziert, wie ich das für den Wahlberliner tue. Nun gibt es, wie fast zu allen Themen, die uns bewegen, die passende Civey-Umfrage – dieses Mal nicht mit den sonst üblichen fünf Auswahlmöglichkeiten von sehr zustimmend bis sehr ablehnend, sondern sogar mit acht Varianten.

Kein Wunder, dass bei so vielen im Grunde zulässigen Wahlmöglichkeiten das Wort „korrekt“ auf Sprache kaum noch anzuwenden ist und auch auf diesem Gebiet die Beliebigkeit steigt – und die Kohärenz abnimmt. 

So lauten die Antworten, meine ist in Blau gesetzt:

Binnen-I (z.B. LehrerInnen) 9,8%
Gendersternchen (z.B. Lehrer*innen) 6,1%
Gender-Gap (z.B. Lehrer_innen) 2,1%
Nur männliche Form (z.B. Lehrer) 30,2%
Nur weibliche Form (z.B. Lehrerinnen) 1,0%
Beide Formen (z.B. Lehrerinnen und Lehrer) 45,6%
Eine andere Form 2,5%
Weiß nicht 2,7%

Endlich bin ich mal bei einer ganz kleinen, exklusiven Minderheit. Bei derjenigen, die sich einer inklusiven Schreibweise verschrieben hat. Weil ich den Gender-Unterstrich verwende. Das Wort Gender-Gap ist falsch, denn es bezeichnet den Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen, der von der EU-Kommission als Kampfmittel aufgebaut wurde (in Deutschland nach EU-Lesart 21 Prozent zugunsten der Männer, in Wirklichkeit nur 6 bis 7 Prozent). Es gibt aber bei der Schreibweise kein Loch, in das der / die arme Leser_in hineinfallen könnte, sondern eben den Unterstrich, der durch die Bezeichnung „Gap“ ziemlich diskriminiert wird.

Eine Variante wird übrigens gar nicht genannt: Die neutrale Form, zum Beispiel „Mitarbeitende“ anstatt „Mitarbeiter_innen“ oder „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ oder „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, wobei Letzteres natürlich zu bevorzugen ist, denn in Zeiten, als gute Manieren noch mehr in waren als Gendern, hieß es ja schon „Meine Damen und Herren“.

Ich bin ja vom Sternchen zum Gap gekommen, weil ich in meiner Parteigliederung beboachtet habe, dass besonders die Feministinnen meistens den Gap verwenden und warum nicht ganz brav signalisieren, dass ich das Bedürfnis nach Separierung verstanden habe?

Aber es gibt nach wie vor und besonders, seit ich so viel für den Wahlberliner schreibe, weitreichende Ausnahmen. Faustregel: Je länger ein Beitrag und je mehr aus diesem Grund auf eine flüssig lesbare Sprache angewiesen, weil vielleicht auch inhaltlich etwas komplizierter, desto weniger Genderung. Gewisse Manipulationen sind dabei nicht auszuschließen und gewollt.

So schreibe ich fast immer „Politiker_innen“, aber selten „Wähler_innen“, sondern fast immer „Wähler“. Der Hintergrund: Wer auf Genderung besteht, muss sie sich auch gefallen lassen. Da ich die Politik häufig kritisiere, stelle ich  mit dem Unterstrich klar, dass sie (man bemerke: die Politik, nicht das oder der Politik) heute nicht mehr nur von alten weißen Männern gemacht wird, sondern dass Frauen wie Angela Merkel für sie wesentlich mitverantwortlich sind – und jeder kann nun selbst beurteilen, ob dadurch alles besser geworden ist. Oder zum Beispiel, in meiner Bubble, durch den Zickenkrieg zwischen Katja Kipping und Sahra Wagenknecht, der an Niedertracht mit den besten männlichen Machtkämpfen heutiger Prägung mithalten kann. Dass hingegen bei uns Frauen und Männer (mitzulesen: und alle anderen Gender) das Wahlrecht haben und es auch ausüben, weiß jeder und ich bewerte natürlich nicht diese Tatsache und auch in der Regel nicht das Wahlverhalten der Geschlechter – es sei denn, es gibt signifikante Unterschiede, die Gegenstand eines Artikels sind.

Am liebsten würde ich die aufwendige Variante wählen, die Hauptgeschlechter getrennt zu benennen, doch – sie ist eben zeitraubend, ungelenk, beeinträchtigt die Lesbarkeit der Beiträge und kann bei zu häufiger Verwendung innerhalb eines Beitrags auch als Running Gag aufgefasst werden. Jedoch – 45 Prozent der Befragten optieren so, geben sie zumindest an – vermutlich, weil die meisten von ihnen nicht so viel schreiben wie ich. In seltenen Fällen wende ich diese Variante aber zwecks Betonung ebenfalls an. Eigentlich bin ich gar nicht so sehr Minderheit, weil ich zu den 2 Prozent für den Unterstrich ja noch die 30 Prozent für die klassische Schreibweise hinzurechnen muss und manchmal sogar bei den 45 Prozent einchecke, die es gerne ausführlich haben.

Beim Erstellen fiktionaler Texten verwende ich ausschließlich die klassische Variante an – die übrigens auch feminine Substantive privilegiert – wie wohl die meisten, die solche Texte verfassen. Hier steht für mich die Sprachästhetik im Vordergrund und die leidet heutzutage genug darunter, dass man sich aufgrund der zunehmend eingeschränkten Rezeptionsfähigkeit der Adressaten selbst zensiert und so einfach wie möglich textet, anstatt sich zu erheben über die Niederungen der Alltagssprache und Freude an der Schönheit geschliffener Formulierungen empfindet. Mit wem soll man diese noch teilen?

TH

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