Abendstern – Tatort 68 / Crimetime 36

Titelfoto © WDR

Der liebe Gott sieht vielleicht alles, aber Ahnung hat er auch nicht immer

In einem Wald entdecken Arbeiter die Leiche von Isabel Raisch. Haferkamp verdächtigt zunächst den Ehemann. Erst spät findet er heraus, dass die Tote einen Geliebten hatte, Gerhard Helm.

Die Indizien gegen Helm erhärten sich. Seine Frau versucht ihn zu schützen, belastet ihn aber nur umso mehr. Es stellt sich heraus, dass Helm und Frau Raisch am Tag ihres Todes einen Ausflug machten.

Als der Wagen wegen Benzinmangels stehen blieb, ging Helm zur nächsten Tankstelle. Bei seiner Rückkehr lag Isabel im Sterben.

Rezension 

Selbst für Haferkamp-Verhältnisse ist hier der Humor knochentrocken und er wäre noch besser, wenn nicht so oft „keine Ahnung“ und „Du lieber Gott“ gesagt würde. Obwohl Ersteres gut  zum natürlichen Stand der Ermittlungen und Letzteres gut zu Frau Helm passt. Ich wage aber zu bezweifeln, dass diese nervigen Wiederholungen deshalb aufgesagt wurden. Dass der Film nur 82 Minuten lang ist, kommt ihm sicher zugute, von der Handlung ist er einer der einfachsten Tatorte, die ich bisher gesehen habe – und trotzdem verfährt sich das Drehbuch mächtig. Wenn es nicht diesen unmöglichen Kassettenrecorder gegeben hätte, wäre die Tötungshandlung weit von ihrer Ausermittlung entfernt geblieben und auch die Begegnung am Waldrand mit einem Zufallstäter, der wiederum einen anderen Mann zufällig überfahren hat, ist ziemlich weit hergeholt.

Trotzdem gilt dieser Film unter den ohnehin von den Tatortfans geschätzten Haferkamps als einer der besseren (Rang 7 von 20 in der Haferkamp-internen Bewertung der Tatort-Fundus-Nutzer) und steht damit noch heute ca. auf Rang 120 von über 1000 Tatorten. Ich kann schon nachvollziehen, warum Haferkamps Filme so gemocht werden, aber das ist nach meiner Ansicht zu hoch gegriffen. Die Psychologie der Figuren ist ausgezeichnet, auch nach heutigen Maßstäben. Die religiöse Hinterlegung von Frau Helms Ansichten mag ein wenig verschroben wirken, aber die Eifersucht ist ein zeitloses Motiv.

Leider wird das Drehbuch am Ende dermaßen gequetscht in Unwahrscheinlichkeiten, das würde die Gemeinde einem heutigen Tatort niemals durchgehen lassen und ihn dafür gnadenlos abwerten. Deswegen kann man auch bei einem Krimi aus den 1970ern nicht einfach alles super finden. Ich habe mich gefragt, wann wer den Kassettenrekorder ausgelöst hat und womit, wenn Helm unterwegs war auf seinen Inspektionen. Eine Endlosschleife, die zufällig die richtigen Momente aufzeichnet, wird es damals wohl kaum gegeben haben. Und wie überfährt man einen Mann so, dass seitlich ein Buchstabe an einer witzig aufgepappten Schrift verlorengeht, ein solches Buchstabenrelief habe ich auf einem Firmenwagen noch nie gesehen. Und eben die Tatsache, dass jemand eine Frau im Affekt tötet, weil sie einen Unfall beobachtet hat und darüber nicht schweigen will, während ein erfahrener Autler wie Helm, der ständig auf Inspektionsreisen unterwegs ist, mitten im Wald stehenbleibt, weil ihm das Benzin ausgegangen ist.

Schade, dass Schauspielleistungen, Figurenzeichnung und Plot qualitativ sehr weit auseinanderfallen, denn Haferkamp und Co. sind wirklich ein Genuss. Seine Ausdrucksweise und seine Ansichten sind selbst für die 1970er traditionell, aber das macht ja seinen Reiz aus und 1976 war er auch noch nicht amtsmüde, die Ersetzung der Figur durch das ziemlich genaue charakterliche Gegenteil Horst Schimanski lag noch weit voraus. Die Figuren und Plots der Haferkamp-Tatorte haben wirklich etwas Statuarisches. Wenn man sich andere Tatort-Schienen der Zeit anschaut, wirken nur die Finke-Filme aus Schleswig-Holstein ähnlich stilbildend – und doch nicht ganz. Denn Haferkamp-Tatorte sind in der Regel Whodunits, und das ist nun einmal die häufigste Plotgestaltung innerhalb der Reihe, während die Finke-Krimis häufig Howcatchems darstellen (Variante 1: Wer ist der Täter = Rätselkrimi, Variante 2: Publikum kennt den Täter früh, aber wie wird man ihm habhaft?).

Das Interesse an Normalbürgern und wie sie ihr Leben gestalten und wie daraus ein Verbrechen erwachsen kann, ist in Haferkamps Filmen wirklich famos, auch wenn Frau Helm lediglich versucht, die Lage auszunutzen, in die ihr Mann sich durch seine unbedachte Entsorgung der Ex-Geliebten im Wald gebracht hat. Die Art, wie sie ihn subtil immer tiefer in die Sache hineinzieht, ist wunderbar gemacht und sie scheint eine tolle Beobachtungsgabe zu haben, da Haferkamp schön auf ihre Manipulationen hereinfällt.

Anhand dieser Konstellation wird dann auch über Männer und Frauen im Allgemeinen gesprochen und wie Männer oft nicht ahnen, was Frauen alles mitkriegen. Das war wohl der erstaunte Aufbruch in eine Zeit, in der man sich der Tatsache bewusst wurde, dass Frauen manche Dinge einfach besser auf dem Schirm haben. Aber damals war das Fremdgehen bei Männern wohl auch noch in der Regel ziemlich plump ausgeführt, zumindest in Tatorten, und es war damals erst möglich, sich so frei zu bewegen. Der wirtschaftliche Aufschwung, die Individualmobilität, die Chance, ein Doppelleben zu führen, das alles erforderte eine gewisse ökonomische Bewegungsfreiheit. Ich erinnere mich an einen Finke-Tatort, der auf Sylt spielte, in dem das noch besser und in einer gehoben mittelständischen Umgebung ausgespielt wurde. „Strandgut“ hieß das Werk, ich erinnere mich wieder. Wenn gute Figuren gezeigt werden, können die Handlungen noch so konventionell sein, es ist immer interessant, diese Menschen zu beobachten. Man ist unwillkürlich auf der Schiene unterwegs, das, was man sieht, mit dem eigenen Leben zu vergleichen und wie man sich selbst in entsprechender Situation verhalten hätte. Das bieten Filme, die zu abgefahren sind, nicht und das wird auch der Grund sein, warum sich die Menschen banale Serien und Schmonzetten aller Art so gerne anschauen. Hier wird diese Suche nach der Nähe zum eigenen Erfahrungsbereich spannenderweise mit einem Verbrechen garniert.

Und ich fand den Film spannend, bis zu der ebenso verblüffenden wie lächerlichen Auflösung. Da hätte man noch acht Minuten in feineres Ende investieren und den Film damit auf die üblichen 90 Minuten bringen können. Ein Zufalls-Augenzeuge oder dass der Unglücksfahrer-Schuhhändler ein volles Geständnis abgegeben hätte, das auch seinen Dialog mit Isabel und seine anschließende Tat umfasst, wäre immer noch besser gewesen als diese lapidare Tonaufnahme, die zudem für eine Erpressung herhalten muss.

Fazit

Die 1970er, wie man sie aus Westdeutschland kennt, haben sich hier wieder sehr schön manifestiert, das kinderlose, emotional unerfüllte Ehepaar Helm ist ein Klassiker geworden, ein Ehegefängnis, aus dem man heute eher per Scheidung ausbrechen würde, aber es gibt eben auch noch etwas wie Gewohnheit und Sicherheit und eine lange Geschichte miteinander, aber das Fremdgehen wirkt sehr natürlich – wenn auch nach heutigen Maßstäben nicht unbedingt  zwischen den beiden Personen, die wir  hier sehen. Wir wissen aber, dass Isabel weitere Männerbekanntschaften hatte und der brav Bauamtsinspektor nur einer von vielen war, welche die junge Frau in Erwägung gezogen hat, um sich zu verbessern. Vielleicht ist das im Zeitalter der ökonomischen Unabhängigkeit der Frauen etwas antiquiert und heute spielte die physische Attraktivität eines solchen Mannes auf jeden Fall eine größere Rolle und es gibt auch genug Männer, die wohlhabend, mittleren Alters und noch immer sehr anziehend sind. Die Babyboomer sorgen für einen Überschuss an Möglichkeiten aller Art, die nächste Generation wird diese nicht mehr in dem Maß haben.

Haferkamp und seinem Assistenten Kreuzer und deren offenbar Dienststellenleiter in einem Film zuzuschauen, der den Figuren viel Rau gibt, macht viel Spaß, und natürlich bleibt Haferkamp am Ende über Nacht bei seiner Exfrau. Denn auch wenn er ein traditioneller Typ ist – sie eher nicht – haben die beiden sich offenbar gütlich getrennt und wissen gar nicht so ganz, warum. Sicher nicht, weil Haferkamp mit einer Verdächtigen oder sonst wem fremdgegangen ist. Deswegen wird es trotz der handlungsseitig wenig überzeugenden letzten Minuten von „Abendstern“ eine noch gute Wertung geben:

7/10

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kriminalkommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Scheffner – Bernd Schäfer
Isabel Raisch – Andrea Rau
Frau Helm – Elfriede Irrall
Gerhard Helm – Günter Gräwert
Peter Raisch – Christian Kohlund
Kurmeier – Horst Sachtleben
Henning – Harry Kalenberg
Schindler – Peter Musäus
Tankwart – Wilhelm Zeno Diemer
Frau Pilz – Roswitha Dost
Beamter – Claus Fuchs
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Frau Henning – Helma Seitz
Kurz – Hansjürgen Leuthen
Gastkommissar Veigl – Gustl Bayhammer

Stab
Autor – Herbert Lichtenfeld
Produktionsleitung – Werner Kließ
Produktionsleitung – Richard Deutsch
Kamera – Josef Vilsmeier
Regie – Wolfgang Becker

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