Der Inder – Tatort 952 / Crimetime 35

Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Verschiedene Ansichten, den Zustand der Politik betreffend

Stuttgart 21 ist also nur eine Investorenmaschine – und dann doch ein Bahnhof. Und ein schöner Bahnhof. Obwohl er nur 14 Minuten Zeitvorteil zwischen Frankfurt und München bringt. Politik ist Macht, nicht Geld. Macht aber Geld. Das und Vieles mehr erfahren wir in „Der Inder“, in welchem der Inder nie in Bewegung auftritt. 

Entgegen unserer Vorschau: Doch, das Bauvorhaben wird tatsächlich beim Namen genannt – das hier in Rede stehende „Gleisdreieck“ ist auch nicht eine Bahnanlage mit U-Bahnhof in unserer Nähe in Berlin, sondern ein Teilprojekt, denn an der Oberfläche werden ja Flächen frei, wenn der Bahnhof unter die Erde verlegt wird. Da könnte man also etwas bauen, das architektonisch mindestens so prägnant ist wie die ägyptischen Grabpyramiden und sicher auch genauso viele Touristen anzieht. Zum Trost: Nicht nur Stuttgart ist eine Beton gewordene Bausünde, auch in Berlin gibt es entsetzlich hässliche Dinge zu bestaunen – so schrecklich, dass sie Katastrophentouristen aus aller Welt anziehen, die freundlicherweise behaupten, sie kämen der coolen Partys wegen hierher.

Dieser sehr direkte Bezug auf die Politik im Ländle ist für die Stuttgarter Tatort-Schiene eher ungewöhnlich, zumal wir nach dem Anschauen des Films Klarsicht darauf haben, welcher Ministerpräsident gemeint ist, den sie vor vier Jahren, also 2011, aus dem Amt gejagt haben: Stefan Mappus. Wird allerdings als Typ ganz anders dargestellt. Und wir erfahren, dass die neue Regierung auch nur weitermacht, dass Minister und Vorsitzende von Untersuchungsausschüssen zwar derselben Partei angehören, aber unterschiedliche Interessen haben können. Und überhaupt, was ändert sich schon, wenn das Volk eh Stuttgart 21 haben wollte (was ja stimmt).

Wir müssen uns ein zweites Mal korrigieren, persönliche Einstellungen von Menschen zum Bahnhofsprojekt sind sehr wohl Thema dieses Tatorts, einmal spielen Bootz und Lannert sogar Ballauf und Schenk, indem sie schön in These und Antithese ihre Meinungen zum Ganzen vortragen und sogar einen Bogen zur Bankenrettung schlagen – was wir für schwer vergleichbar halten, aber so sieht es der Bürger. Was sind sieben Milliarden für einen dem heutigen Bahnhofslayout konformen Bahnhof gegen Hundert von Milliarden für Banken, die sich selbst als systemrelevant erklären und die jeder vernünftige Mensch genau wegen dieser anmaßenden Aussage sofort verstaatlichen würde.

Auftrag und Vergabe spielen auch eine Rolle, das Bauliche selbst tritt allerdings in den  Hintergrund. Pflichtgemäß gibt es auch einige Wutbürger zu sehen, die sogar ein etwas älteres Polizeiauto anzünden, aber die haben nicht den Staatssekretär auf dem Gewissen. Das entspricht der Wirklichkeit, nach unserem Wissen wurde noch kein wesentlicher Politiker von den Wutbürgern um die Ecke gebracht.

Handlung, Besetzung, Stab

Ein Staatssekretär des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums wird von einem Profikiller ermordet. Zudem soll ein ehemaliger Ministerpräsident vor einem Untersuchungsausschuss des Landtags aussagen. Dabei geht es um ein Bauvorhaben mit dem Namen „Gleisdreieck“ und eine damit verbundene Landesbürgschaft in zweistelliger Millionenhöhe. Zwei tragende Rollen spielen ein Inder, der in das Projekt investieren will, sowie ein Architekt, den das Projekt aus beruflichen Gründen reizt, der dann aber wegen Betrugsvorwürfen inhaftiert wird. 

Rezension

  • Ein sehr interessantes Thema. Das erste wichtige politische Ereignis, das der damals neu gegründete Wahlberliner kommentiert hat, war der Wechsel von Schwarz-Gelb zu Grün-Rot in Baden-Württemberg. Dieser Wechsel, der auch durch die aufgeheizte Situation um Stuttgart 21 befördert wurde, spielt in „Der Inder“ eine wesentliche Rolle und der Grundtentor ist: Es ändert sich nicht viel, auch wenn es gutwillige Parlamentarier mit Restidealen gibt. Wozu also überhaupt den kantigen MP (was für ein Auftrieb um das Kürzel „MP“ während der Ausschusssitzung, als wenn das im Politikbetrieb nicht eine allgemein gebräuchliche Abkürzung wäre), also wozu den Mappus, der hier Heinerle heißt und viel profilierter wirkt als Mappus, überhaupt abwählen? Eines ist unverkennbar: Nach außen kommt der heutige MP Winfried Kretschmann, dem wir 2011 viel Glück gewünscht haben, eher als Schwabe und Bewahrer rüber denn als Grüner. Ein Realo vom Scheitel bis  zur Sohle, sonst könnte er B-W nicht erfolgreich führen. Die Wirtschaft funktioniert dort immer noch ganz gut und alles, was die Leute in den heißen Tagen des Protestes gestört hat, gibt es auch immer noch. Im Gegenteil, Stuttgart 21 geht jetzt erst voran. Nur, gegen wen sollen sie jetzt protestieren, die Wutbürger, wo die richtige Partei das Sagen hat?
  • Die Ermittler haben uns ausnehmend gut gefallen. Die sachliche, zurückgenommene Art der beiden ist wohltuend, weil der Tatort vollgepackt mit politischem Output ist. Eine weise Entscheidung, sie nicht auch noch mit privaten Verknotungen antreten zu lassen. Bei Lannert kommt hinzu, dass Richy Müller ihm hin und wieder eine sanft-ironische Note mitgibt, die so weise und wissend wirkt, fast philosophisch, ohne dass er viel sagen muss: Besonders auffallend beim Verhör des über seine Verstrickungen gestolperten Architekten Busso von Mayer, dem er offenbar gewisse Sympathien entgegenbringt -> Zigarrensachenhandhabung. Nicht nur der Name des Architekten ist cool und hat vermutlich ein reales Vorbild, er wird auch von Thomas Thieme toll gespielt. Eine gute Nebenfigur, wie sie besonders dann entstehen dürfen, wenn ein Krimi als Howcatchem angelegt ist.
  • Meist ist der Täter dann der Typ mit den vielen Eigenschaften und Facetten, dieses Mal weniger, denn er ist nur ein Auftragsmörder, der ein Auto mit einem „F“ auf der blauen Europaseite des Kennzeichens fährt. Das Kennzeichen an sich ist nicht französisch, die haben dort eine zweistellige Zahl am Ende. Seltsam, dass ein derartiger Fehler in einem Bundesland durchläuft, das an Frankreich grenzt. Die Verbindung mit Tschechien und der jungen Tschechin ist allerdings sinnfrei und soll wohl nur der Internationalisierung dienen, ebenso wie jener belgische Auftragsmörder in einem betagten französischen Auto und der Inder, der mit einem Mitglied der Familie Mittal verwechselt wird – was im Grunde lächerlich wirkt, aber doch wieder nicht, wenn man mitverfolgt, wie Politiker immer wieder auf Finanzgaukler aller Art reinfallen oder die ökonomische Seite von Projekten aller Art komplett falsch einschätzen.
  • Denn Politiker haben von Wirtschaft oft so wenig Ahnung, dass dem nicht einmal ein Stab von kundigen Zuarbeitern abhelfen bzw. Entscheidungen sinnvoll beeinflussen kann. Das kommt auch daher, dass Politiker als beinahe einziger Berufsstand keinen Fachkundenachweis für ihr Ressort brauchen. Da kann der Sozialpädagoge schon mal in die letztlich verzweifelte Lage kommen, ein Milliarden-Bauprojekt steuern zu müssen, was ihm so wesensfremd ist wie dem Baulöwen die Sozialpädagogik und die ihm eigene, soft-wertungsarme Kommunikation. Politiker sind auf den Feldern, auf denen sie eingesetzt werden, häufig Dilettanten, das muss man sich immer vor Augen halten, bevor man sich den Kopf beim Kopfschütteln über politische Entscheidungen verrenkt und sich wundert und wundert, warum Politiker immer wieder den Überblick verlieren. Wir Berliner, wir wissen besonders gut, wie viel Humor man braucht, um diesen täglichen Anschauungsunterricht im Sonderfach „Wie führe ich keine Stadt“ auszuhalten.
  • Außerdem kommen noch die besonderen Sachzwänge der Politik hinzu, die in „Der Inder“ recht gut dargestellt werden und die ebenfalls sachgerechte Entscheidungen für die Bürger torpedieren. Macht ist wichtiger als Geld? Egal, das Ergebnis ist oft gleich: Kuhhändel, Bevorzugungen und Benachteiligungen aus persönlichen Gründen, suboptimale Entscheidungen nicht aufgrund von Bestechung, sondern wegen die Ratio überlagernder Emotionen. Haben wir übrigens alle, diese Art von Emotionen. Sie wirken sich aber nicht so milliardenschwer aus wie bei Politikern, die sich mit Prestigeprojekten wie Stuttgart 21 unsterblich machen wollen. Die Pharaos haben das übrigens geschafft, die fetten Pyramiden, bei deren Bau vermutlich zigtausende von Sklavenarbeitern ihr Leben lassen mussten, sind heute nach ihnen benannt. Aber dann hätte man Stuttgart 21 „Teufel-Oettinger-Mappus“-Großbaustelle oder ähnlich taufen müssen, um solche Nachhaltigkeit zu erzielen.
  • In einer Hinsicht hat sich der Tatort an die Politik angepasst, vermutlich war das sogar Absicht: Die Auflösung der chronologischen Erzählweise mit der klassischen Wiederaufnahme der Anfangszene am Ende wirkt teilweise so fragmentarisch, dass man Mühe hat, dem Geschehen zu folgen. Wenn man einen Film so gestaltet, muss das mindestens inhaltliche Gründe haben, sonst ist es eine eitle Fingerübung. Wir rechnen „Der Inder“ die Gründe jetzt mal zu, weil das Puzzlespiel aus politischen Hintergründen, das sich hier erst langsam fügt – nicht komplett, siehe u. a. ausländische Beteiligte, Absatz oben – in der Wahrnehmung zunächst ein wirres Knäuel ist, etwas Fragmentarisches, das sich der ganzheitlichen Betrachtung auf schnöde Art verschließt. Das entspricht dem Zustand, in dem sich auch die Beteiligten meist befinden, die alle herummanipulieren, von denen jedoch keiner den Masterplan besitzt. Also gibt die Auflösung der Chronologie diesem Gefühl Raum, in Raum und Zeit gefangen zu sein, ohne zu wissen, wo Anfang und Ende sind, und vor allem, wo der Weg zur Lösung zu suchen ist.
  • Dem steht eine geradezu stoische und routinierte Form der Ermittlungsarbeit gegenüber, die im Verein mit der ausschließlichen Dienstlichkeit von Lannert und Bootz etwas Kompaktes und Seriöses hat. Auch die Einbindung der Staatsanwaltschaft ist kollegial und korrekt. Natürlich irren die beiden Cops und irren wir mit ihnen durch die zunächst nicht erkennbare Personen-, Raum- und Zeitstruktur des Krimis, aber wir haben die beiden als Scouts und sie haben uns auf ihrer Seite. Das ist ziemlich geschickt, weil so auch die Tatsache in den Hintergrund tritt, dass der Zuschauer sofort den Täter vor Augen hat, die Kommissare aber trotzdem durch eine Handlung marschieren, die kein echter Thriller ist. Es gibt keine mörderische Spannung, keine Duellsituation – sondern das alles andere dominierende Polit-Rätsel. Nur, hätte man alles schön linear gefilmt, wäre dann das Rätsel nicht so ausgefallen und gelöst worden, dass sich jeder Zuschauer noch mehr denkt, wie blöd muss man als Politiker eigentlich sein? Und würde chronologisch nicht eine Ordnung suggerieren, die nicht mehr der fragmentarischen Art entspricht, wie wir uns heute die Welt zurechtlegen müssen, um uns noch halbwegs klarzufinden oder wenigstens eine Illusion von Klarheit zu haben?
  • Auch Tarantino arbeitet gerne mit solchermaßen aufgelösten Zeitstrukturen – jedoch fehlt tatsächlich einiges zu seinen Filmen, wie in der Gerichtsmedizin am Schluss selbstironisch zugegeben wird, dem bestialisch stinkenden Täterkoffer zum Trotz. Zu wenig Pulp, zu wenig Fiction, zu wenig schräge Action und nur 90 Minuten Spielzeit, womit ein Spielfilmregisseur nur unzufrieden sein kann, wenn er Stoff für mindestens 150 Minuten vor sich hat. Dafür Literaturzitate vom Gerichtsmediziner. Möglich, dass er mal auf einem Kongress war, auf dem ihn der Alleswisser-Kollege Boerne inspiriert hat.

Fazit

Über die Art der Inszenierung kann man bezüglich des Handlungskonzeptes vielleicht streiten, aber die Politikaufarbeitung und die Figuren sind nach unserer Ansicht gut gelungen, visuell haben wir auch nichts auszusetzen – grundsätzlich hochwertig, aber konservativ gefilmt, auch wenn es solche Gags wie die vor Kälte im kalten Außenschwimmbadwasser zitternde Kamera gibt, wenn sie aus der Sicht eines vor Kälte zitternden Schwimmbadbesuchers filmt. Man muss eben immer in Bewegung bleiben, Quatschen im Altherren-Bademodus ruiniert den Kreislauf und die politische Gesinnung.

Unsere Wertung: 8/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner,  Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Mimi Fiedler
Günter Michael – Thomas Balou Martin
Jürgen Dillinger – Robert Schupp
Busso von Mayer – Thomas Thieme
Staatsanwältin Emilia Álvarez – Carolina Vera
Mira – Gabriela Lindlova
Franc Lefevre – Stephane Lalloz
Gerichtsmediziner Daniel Voigt – Jürgen Hartmann
Innenminister – Christian Heller
Prashant der Inder – Prashant Jaiswal
Petra Keller – Katja Bürkle
Rubert Heinerle – Ulrich Gebauer

Regie: Nikolaus Stein von Kamienski
Drehbuch: Nikolaus Stein von Kamienski
Kamera: Stefan Sommer

 

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