Der #Wahlberliner dominiert über den #Geburtsberliner oder: Die meisten von uns sind #Migranten – die große Übersicht in der #Morgenpost

2018-06-24 In eigener SacheEs ist mir seit Längerem ein Quell der Trauer, dass ich nie mal zu einer netten, exklusiven Minderheit gehöre. Das gilt auch grundsätzlich für meine Herkunft. Wenn ich diese schon durch den Titel dieser Webpräsenz thematisiere, werde ich wohl nicht in dieser Stadt geboren sein.

Ebenso wie 53 Prozent aller, die heute hier leben. Allein seit der Wende sind 2,9 Millionen Menschen zugezogen – und 2,7 Millionen wieder weg, darunter Geburtsberliner und Wahlberliner. Wir kamen als Ausländer und Inländer aus dem Ausland, als Inländer und Ausländer aus dem Inland. Ich zähle zu der Gruppe, die z war einen deutschen Pass hatte, als sie nach Berlin kam, aber trotzdem aus dem Ausland zuzog.  Diejenigen, die weggingen, migrierten überwiegend in andere Regionen Deutschlands, vor allem aus jobmäßigen Gründen, wie leicht zu vermuten ist und einen regen Austausch zwischen Berlin und seinem Umland gab es ebenfalls. Der Speckgürtel wird speckiger.

Interessant, wie es bei diesem Thema immer wieder zu persönlichen Betrachtungen kommt, daher hier erst einmal der Link zum Morgenpost-Beitrag mit den für diese Zeitung üblichen, schönen Karten, die man nach verschiedenen Kriterien durchsuchen und kann. Da kann jeder schauen, wo alle herkommen und wie viele davon von dort, wo man selbst geboren wurde.

In meinem Kiez kommen sogar 62,2 Prozent der Bewohner von woanders her und nur 37,8 Prozent in Berlin geboren. Ich hoffe, sie fühlen sich nicht majorisiert oder gentrifiziert. Ich kam ja noch vor der großen  Zuzugswelle, noch vor der Krise 2009 und dem ein bis zwei Jahre später einsetzenden Boom. Damals war noch bisschen Platz für alle und die Mieten okay. Anfangs ärgerte ich mich, dass die meine über dem Mietspiegel lag, mittlerweile bin ich für eine besondere Vertragsgestaltung heilfroh, die Erhöhungen in vergleichsweise engen Grenzen hält, während um mich herum die Preise für Neuvermietungen steil ansteigen. Allein zwischen 2010 und 2016 bei Neuvermietungen in meiner Ecke um 66 Prozent. Ess gibt bekanntlich Gegenden, die zuvor besonders günstig waren und in denen das Hinziehen im selben Zeitraum um fast 100 Prozent teurer wurde.

Es gibt in Mitte, Friedrichshain, Pankow-Prenzlauer Berg Ecken, in denen so gut wie gar kein gebürtiger Berliner mehr wohnt. Und vor allem im dörflich geprägten Osten, Köpenick und so, aber auch in Spandau / Reinickendorf idyllische Plätzchen, da hört man sie noch richtig berlinern, die Menschen. Ich kann das gar nicht, ich geb’s zu. Aber ich hatte das zuvor auch, dass ich des örtlichen Dialekts nicht mächtig war. Dafür verstehe ich, wenn ich in der U-Bahn unterwegs bin, eigentlich gar nichts mehr. Stört’s mich? Manchmal schon, obwohl ich nicht der Typ bin, der gerne anderer Leute Privatgespräche ablauscht, sondern empfinde sie manchmal eher als lästig. Wenn diese Stimmung etwas stärker ausgeprägt ist, bin ich froh, nicht das weltwichtige und oft per Mobiltelefon in hoher Lautstärke ausgehandelte Leben der Anderen erlauschen zu können.

Dass ich jemanden, falls er ihn überhaupt spricht, im regionalen Dialekt meiner Heimatregion reden höre (äh – schnell noch nebenbei: Solidarität statt Heimat!, damit das auch gesagt ist), müsste ein ziemlicher Zufall sein. Aus meiner Stadt kommen derzeit 1965 Einwohner von Berlin (so, nun diese Stadt bitte herausfinden)

Das ist natürlich eine ziemliche Minderheit, aber was nützt es mir in dem Fall? Sie ist nicht organisiert, bildet keine Lobby, die ihre eigenen Rechte geltend macht und mitten im Kosmopolitismus auf ihrer Besonderheit besteht – anders als Zehntausende von Gruppen, die viel mehr Marketing für sich machen.

Viele von uns 1965 verstecken sich sogar hinter einem mehr oder weniger gelungenen Hochdeutsch und sprechen es dann so, dass sie oft für Hessen, Pfälzer oder gar für Schwaben gehalten werden. Schlimm eigentlich. Aber auch wieder nicht so schlimm und zudem verständlich, weil das kleine Bundesland, aus dem ich stamme, unter dem Radar vieler eher in kosmischen Größenordnungen denkender Menschen durchläuft und wenn so ein leicht flacher Südwest-Zungenschlag im Hochdeutsch implementiert ist, dann ist man halt Hesse oder Pfälzer oder sowas. Manche verorten mich sogar als aus dem Norden stammend. Das macht mich dann etwas stolz, da hab ich doch einen hohen sprachlichen Tarnfaktor erreicht. Aber wer ein wirklich gutes Gehör hat, merkt, dass das mit der Waterkant bei mir nicht stimmen kann. Es stimmt auch von der Mentalität nicht unbedingt und ich sehe das nicht als Nachteil an. Wir haben eben alle unsere Stärken und Schwächen und vor allem: Wir sind nicht alle gleich, sondern ganz viele schon in uns selbst und das sollte man uns lassen, selbst wenn wir nicht in einer Lobby organisert sind.

Ich habe selten den Eindruck, dass Orginalberliner eine negative Einstellung gegenüber uns Zugezogenen haben, aber was soll man gegen diesen Anstrom auch machen? Und außerdem wohne ich, man kann es sich denken, nicht am Prenzlberg, wo der Kulturkampf ein wenig einseitig ausgetragen zu werden scheint. Ich mag meinen überwiegend aus Zugezogenen bestehenden Kiez sehr gerne, weil  keine Gruppe und keine Ethnie dort zu deutlich dominiert.

Bei uns fühle ich eine Interkulturalität, die interessant ist, auf die man zugehen kann und nicht eine Invasion aus dem einen oder anderen Land, die zulasten aller anderen wirkt. Es geht denn auch recht entspannt zu, aller Gentrifizierung zum Trotz, die man natürlich gut beobachten kann. Sogar als selbst Zugezogener. Okay, der Netto-Markt wurde durch einen Bioladen ersetzt und Getränke Hoffmann durch eine hippe Getränkebar und sowas alles, aber es gibt kaum billige Kettenläden und auch wenig so richtig Abgehobenes. Das kommt daher, dass die vielen Pädagogen, Soziologen, Psychologen und Ideologen, die hier wohnen, nicht so gut verdienen wie dort, wo ich herkomme (Erstere) oder wie in Charlottenburg (die dritte Gruppe), sondern eher normal. Es blubbert linksgrün-mittelständisch vor sich hin. Und kaum einer berlinert. Naja.

Vor einiger Zeit war ich allerdings mit einer Parteifreundin unterwegs, die konnte mir jede Veränderung der letzten dreißig Jahre anhand jedes einzelnen Ladens in der A.-Straße referieren und ich hatte den Eindruck, wäre ich früher gekommen, hätte ich noch richtig viel Kultiges und Individuelles gesehen. Aber nach meiner Wahrnehmung ist dieser Kiez noch nicht durchkommerzialisiert.

Ehrlich: Es würde meinen Kiez für mich nicht liebenswerter machen, wenn es hier mehr Ureinwohner hätte. Als ich das erste Mal in der Stadt war, fand ich diese Kauzige und Ruppige, das sich damit verbindet, echt lustig und ziemlich skurril, da war es auch noch mehr ausgeprägt. Ja, das ist alles lange her.

Nach elf Jahren in der Stadt bin ich kein Neuling mehr, aber die Außensicht, die ist doch immer noch sehr präsent und lässt mich manches mit Amüsement oder Distanz oder auch mit Ärger betrachten – aber es ist mir nicht gleichgültig, und das mag ich an mir, egal, wo ich herkomme und wie meine Identitäten zusammengesetzt sind. Dass ich nicht eine Insel und mein eigenes Milieu bin, sondern mich mit der Stadt auseinandersetze und mit vielem, was darüber hinausgeht. Denn in Berlin zu leben, das inspiriert  genau dazu und das solle man nutzen.

TH


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